Auf einer Intensivstation werden viele Kanülen, Sonden, Katheter und Wundverbände mit Pflaster fixiert. Nach dem Entfernen des medizinischen Klebstoffes entstehen häufig Hautanomalien. Die richtige Auswahl des Fixierklebers, eine gute Hautvorbereitung und das fachgerechte Entfernen beugen Komplikationen vor.
Das Auftreten von Hautrötungen oder anderen Zeichen von Hautanomalien mindestens 30 Minuten nach Entfernen des medizinischen Klebstoffes wird in internationalen Fachkreisen „Medical adhesive- related skin injury“, kurz MARSI, genannt. Hierzulande setzt sich der Begriff „Durch medizinische Klebstoffe bedingte Hautverletzungen“ durch. Das Phänomen beschreibt Hautdefekte wie Risse, Bläschen und Erosionen. Meist sind die Hautveränderungen begrenzt auf die vorherige Klebefläche der Fixierung.
Prävalenz. Die Prävalenz von MARSI liegt international zwischen 3–22 %. In einer Untersuchung von Hähnel, Blume, Peytavi und Kottner aus dem Jahr 2017 lag die Prävalenz in deutschen Krankenhäusern bei rund 6,7 %. Die tatsächliche Zahl liegt wahrscheinlich um einiges höher, da das Problem in vielen Kliniken nicht erfasst wird. Dabei handelt es sich bei MARSI um ein relevantes Pflegeproblem, das einer größeren Aufmerksamkeit bedarf.
Pathophysiologie. Die äußerste Schicht der Haut ist die Epidermis. Sie schützt den Körper vor äußeren Einflüssen wie dem Eindringen von pathogenen Keimen. Die Epidermis besteht aus mehreren Schichten abgestorbener und verhornter Zellen. Diese Zellen werden in der Basalschicht gebildet und wandern an die Hautoberfläche. Dort sind sie durch eine Lipidschicht miteinander verbunden.
Ist die Anhaftung der Epidermis am Kleber stärker als die Haftung an die Dermis, werden einzelne Schichten der Epidermis oder die komplette Epidermis von der Dermis abgetrennt.
Kommt es durch den Kleber eines Fixierpflasters zur Schädigung der Epidermis, so wird die Funktion der Haut als äußere Schutzhülle zerstört. Dies kann dazu führen, dass pathogene Keime eindringen. Die oberflächliche Hautläsion ist für den Patienten schmerzhaft, führt zu einer Austrocknung und die Wundheilung wird verzögert.
MARSI stellen insbesondere für Neugeborene, Kinder und ältere Menschen eine Gefahr dar. Bei Neugeborenen ist die Haut zunächst sehr dünn und dadurch sehr vulnerabel. Sie ist wenig widerstands- fähig gegenüber mechanischen Einflüssen. Besonders in der Neonatologie kommen Hautschäden durch Fixierpflaster häufig vor.
Im Alter verändert sich die Haut. Sie wird insgesamt dünner, verliert an Elastizität und auch die Verbindungen der einzelnen Hautschichten lockern sich. Durch die reduzierte Schweiß- und Talgproduktion wird sie trockener und dadurch vulnerabler. Die Einnahme von Medikamenten wie Cortison schädigt die Haut. Die Haut des älteren Menschen wird schlechter mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt.
Ebenso können Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus, die periphere arterielle Verschlusskrankheit oder Störungen des venösen Rückflusses zu einer schlechten Versorgung der Haut führen.
Welche Formen von MARSI gibt es?
Mechanische Hautirritation. Die ständige Zugwirkung des Fixierpflasters irritiert die Haut. Sie rötet sich und es können sich kleinere Blasen bilden. Eine sehr hohe Zugwirkung führt häufig zu einer Scherverletzung der Epidermis.
Kontaktdermatitis. Bei einer Kontaktdermatitis ist die Haut gerötet, teils bilden sich Pusteln. Die Symptome sind auf den Bereich der Klebefläche des Fixierpflasters begrenzt. Hierbei handelt es sich um eine zellimmunologische Reaktion auf eine Klebstoffkomponente oder auf Inhaltsstoffe des Fixiermaterials.
Mazeration der Haut. Die betroffenen Hautareale sind feucht. Das Gewebe ist meistens weiß und aufgeweicht. Feuchtigkeit verursacht diese Hautschädigung. Der angestaute Wasserdampf kann entweder nicht nach außen diffundieren oder der Verbandstoff kann das Exsudat nicht ausreichend aufnehmen.
Follikulitis. Die Follikulitis ist eine entzündliche Reaktion im Bereich der Haarfollikel. Diese kann durch ständigen mechanischen Reiz der sich im Klebeareal befindlichen Haare entstehen.
Richtigen Fixierkleber verwenden
Vorbeugen ist besser als Heilen – dieser Grundsatz gilt auch bei MARSI. Standen früher lediglich Fixierpflaster und Verbandstoffe mit einem Zinkoxid-Kautschuk-Kleber zur Verfügung, so gibt es heute eine Vielzahl von verschiedenen Klebern auf dem Markt.
Polyacrylat-Kleber. Viele Verbandstoffe enthalten Polyacrylat-Kleber. Dieser zeichnet sich durch eine gute Klebekraft aus. Bei einer normalen Haut kann Polyacrylat-Kleber bedenkenlos verwendet werden.
Silikonkleber. Silikonkleber lassen sich schonend entfernen und bieten eine sichere Fixierung. Sie lassen sich zudem ohne Verlust der Klebkraft repositionieren. Verbandstoffe mit Silikonkleber bieten einen hohen Tragekomfort für den Patienten. Die Atmungsaktivität dieses Klebstoffes schützt zudem vor Mazeration. Der Nachteil von Silikonklebern ist, dass sie schlecht auf feuchter Haut halten.
Zinkoxid-Kautschuk-Kleber. Zinkoxid-Kautschuk-Kleber zeichnen sich durch ihre guten Klebeeigenschaften aus. Auch auf feuchter Haut halten sie gut. Viele Patientinnen und Patienten reagieren jedoch allergisch auf den Klebstoff. Die starke Klebekraft begünstigt Hautschäden.
Hautareal auf Fixierpflaster vorbereiten
Durch die Wahl des richtigen Klebers lassen sich schon viele Schäden vermeiden. Zusätzlich sollte die Haut der Patientin bzw. des Patienten entsprechend vorbereitet sein.
Kürzen der Haare. Haare sollten mit einem Clipper gekürzt werden. Aufgrund des hohen Verletzungsrisikos und der Irritation der Haut sollte auf Rasieren verzichtet werden.
Reinigung der Haut. Die Haut ist von Verschmutzung und an der Haut haftenden Partikeln zu reinigen. Die Klebekraft wird durch das Entfetten der Haut erhöht. Meistens ist dies mittels eines alkoholischen Hautdesinfektionsmittels möglich. Wundbenzin sollte aufgrund der starken Hautreizung nicht verwendet werden.
Verwendung von Fixierbinden. Bei instabiler Haut, z. B. Cortisonhaut, sollte nach Möglichkeit gänzlich auf das Fixieren mittels Kleber verzichtet werden. Wundauflagen lassen sich anwickeln, Sonden über eine chirurgische Naht fixieren.
Auftragen von Hautschutzfilmen. Ein Hautschutzfilm schützt die Haut vor unerwünschten Wirkungen der Klebstoffe. Bei der Entfernung dient der Klebefilm als „Opferschicht“, d. h., diese wird zunächst abgezogen und die Haut bleibt unbeschädigt.
Verwendung von Wundauflagen mit ausreichender Exsudataufnahme. Um eine Mazeration zu vermeiden, sollte die Wundauflage an die Exsudation der Wunde angepasst werden. Superabsorber können große Mengen an Exsudat aufnehmen.
Richtiges Entfernen des Fixierpflasters. Das richtige Entfernen des Fixierpflasters hilft, Schäden an der Haut zu vermeiden. Dabei soll die Fixierung flach und in Haarwuchsrichtung bei gleichzeitiger Straffung der Haut in die Gegenrichtung erfolgen. Bei hartnäckigen Pflastern stehen Pflasterlöser zur Verfügung. Entstandene Verletzungen der Haut sind nach den üblichen Kriterien der Wundbehandlung steril abzudecken.
Erklärung zu möglichen Interessenkonflikten: Der Autor erklärt, im Jahr 2019 wissenschaftliche Vorträge für die Unternehmen 3M Deutschland und Convatec gehalten und in den Advisory Boards der Unternehmen 3M Deutschland und Mölnlycke mitgewirkt zu haben.
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[7] Essity: Hautschädigungen durch Fixierpflaster verursachen hohe Folgekosten (Selbstverlag) 2019