• 01.05.2020
  • PflegenIntensiv
Pilotprojekt im Herz- und Diabeteszentrum NRW

Akademiker am Intensivbett

Gemeinsam die Intensivpflegepraxis weiterentwickeln: Ein erfahrener Intensivpflegender und Pflege wissenschaftler leitet auf der chirurgischen Intensivstation des Herz- und Diabeteszentrums NRW eine Bachelorabsolventin an, hier im Rahmen der Versorgung eines Patienten mit ECLS/ECMO.

PflegenIntensiv

Ausgabe 1/2020

Seite 48

Seit einigen Jahren ist es möglich, im Pflegeberuf eine hochschulische Ausbildung zu absolvieren. Es stellt sich jedoch die Frage, wie Pflegende mit akademischer Qualifikation in hoch spezialisierten Bereichen wie Intensivstationen eingesetzt werden können. Das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen erprobt den Einsatz der akademisierten Pflegenden im Rahmen eines Pilotprojekts.

Die veränderten Versorgungsbedarfe in der Gesundheitsversorgung erfordern eine Neuverteilung pflegerischer Aufgaben. Eine Chance zur Sicherung umfangreicher Einsatzfelder bietet die akademische Pflegeausbildung [1]. Der Wissenschaftsrat fordert eine akademische Qualifizierung von zehn bis 20 Prozent pro Ausbildungslehrgang [2]. Die Zahl akademisch ausgebildeter Pflegender an deutschen Universitätskliniken liegt aktuell mit einem Mittelwert von 1,7 Prozent jedoch deutlich unter dieser Forderung [3]. Eine Verbleibstudie aus dem Jahr 2018 zeigte, dass Pflegende mit einem grundständig akademischen Abschluss hierzulande vor allem in der praktischen Pflege arbeiten. Etwas mehr als 30 Prozent sind in mehr als einem Bereich beschäftigt [4]. Untersuchungen zeigen, dass hochschulisch ausgebildete Pflegende maßgeblich zu einer besseren Versorgungsqualität beitragen können, zeigen Untersuchungen [5].

Wenige Bachelorabsolventen sind bislang auf Intensivstationen tätig

Für die Intensivpflege liegen bisher nur wenige Konzepte zur Integration akademisch ausgebildeter Pflegender vor. In der Schweiz existiert ein Modell, wonach unterschiedlich qualifizierte Pflegende auf einer Intensivstation arbeiten. Dementsprechend differenzieren sich dadurch die Aufgaben für alle Mitarbeitenden [6].

Im Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen (HDZ NRW) in Bad Oeynhausen wird der Einsatz der Bachelorabsolventinnen und -absolventen seit Dezember 2018 in dem Projekt „Akademisch ausgebildete Pflegende auf der Intensivstation“ erprobt.

Der Einsatz erfolgt auf einer Intensivstation der Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirurgie. Hier erfolgen alle herzchirurgischen Therapieverfahren einschließlich minimalinvasiver Eingriffe, Herz- und Lungentransplantationen sowie der Einsatz künstlicher Herzunterstützungssysteme. Die Abteilung gehört zu den insgesamt sechs Intensivstationen des HDZ NRW und verfügt über 23 Betten. Praxisanleitende innerhalb der Intensivstation übernehmen die praktische Einarbeitung und Begleitung. Zusätzlich ist ein Pflegender mit einem Bachelorabschluss in Pflegewissenschaft auf der chirurgischen Intensivstation eingesetzt. Dieser steht allen Pflegenden im Rahmen der Fort- und Weiterbildung zur Verfügung. Dazu zählt beispielsweise die Unterstützung bei der Planung und Durchführung von wissenschaftlichen Praxisprojekten sowie die Organisation und Umsetzung der praktischen Einarbeitung.

Das Einarbeitungskonzept der chirurgischen Intensivstationen sieht drei Phasen vor. Insgesamt werden Pflegende innerhalb von zwei Jahren für drei Monate im Rahmen einer 1:1-Begleitung auf die Praxis vorbereitet. In den einzelnen Phasen erfolgt die theoretische und praktische Vermittlung verschiedener Themen.

Phase 1 beinhaltet acht Wochen Einarbeitung in Vollzeit – mit dem Ziel, Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten) nach einem Thorax- und kardiovaskularchirurgischen Eingriff postoperativ zu betreuen. In den weiterführenden Phasen werden die Pflegenden Schritt für Schritt auf die Versorgung hochkomplex erkrankter Personen vorbereitet.

Pflegefachpersonen, die im Rahmen des Konzepts eingestellt werden und sich noch im Studium befinden, erhalten die Möglichkeit einer angepassten Einarbeitung. Diese Anpassung sieht eine Einarbeitung mit einem reduzierten Stellenanteil vor. Dies gilt für Pflegende, die bereits über ein Examen verfügen, jedoch bis zur Beendigung des Studiums noch für ein bis zwei Semester die Hochschule besuchen.

Pflegende, die sich noch im Studium befinden, haben über die Begleitung in der Praxis hinaus die Möglichkeit, eine Unterstützung durch eine Pflegewissenschaftlerin der Stabsstelle Pflegeentwicklung zu erhalten. Dazu gehört z. B. die Beratung und Begleitung bei der Abschlussarbeit oder die wissenschaftliche Begleitung von pflegerischen Praxisprojekten. Des Weiteren befindet sich eine medizinische Bibliothek vor Ort. Hier kann benötigte Fachliteratur bereitgestellt oder kostenlos bestellt werden. Zusätzlich wird eine Unterstützung bei der Literaturrecherche angeboten.

Pflegewissenschaftliche Erkenntnisse in die Patientenversorgung transferieren

Der Arbeitskreis „Evidence-based Nursing“ (AK EBN) wurde im Rahmen des Konzepts zur Einbindung akademischer Pflegefachpersonen im HDZ NRW eingeführt. Ziel des Arbeitskreises ist es, pflegewissenschaftliche Erkenntnisse in die Patientenversorgung zu transferieren. Dadurch soll eine Verbesserung der Pflegequalität erreicht werden. Die Zusammenfassung der Rechercheergebnisse dient schließlich der Unterstützung des Wissenstransfers in der Pflege.

Die Teilnehmenden des AK EBN treffen sich einmal im Quartal für einen ganzen Arbeitstag und bearbeiten Fragestellungen aus der Pflegepraxis mithilfe der EBN-Methode nach Behrens und Langer (Abb. 1) [7]. Mit Auftragsklärung ist die Priorisierung und Entscheidung für ein Thema gemeint. Dies erfolgt in gemeinsamer Abstimmung mit der Pflegedirektion. Danach wird eine wissenschaftliche Fragestellung formuliert. Hierzu erfolgt eine Recherche in ausgewiesenen Datenbanken. Die identifizierte Literatur wird gesichtet und bewertet. Anschließend erfolgt, soweit möglich, eine Implementierung der Ergebnisse in die Praxis. Durch die Evaluation wird eine Aussage über den Nutzen bzw. die Wirkung in der Praxis getroffen.

Aktuell beschäftigen sich die Teilnehmenden mit der Fragestellung, welche nichtpharmakologischen Maßnahmen zur Delirprophylaxe wirksam sind und welchen Einfluss diese auf die Delirrate von Patienten im Krankenhaus haben.

Hierzu wurde zunächst eine wissenschaftliche Recherche in verschiedenen Datenbanken durchgeführt. Die identifizierten Artikel wurden auf ihre Themenrelevanz und methodische Qualität geprüft. Die Diskussion der Studien sowie eine Analyse zur Umsetzbarkeit im HDZ NRW hat im Anschluss daran stattgefunden.

Insgesamt konnte anhand der Studienlage herausgefunden werden, dass multikomponente Maßnahmenbündel zur Senkung der Delirrate von Patienten im Krankenhaus hilfreich sind. Der AK EBN hat darauf aufbauend eine Empfehlung zur Umsetzung nichtpharmakologischer Maßnahmen entwickelt.

Hohe Motivation und Zufriedenheit

Die bisherigen Erfahrungen zum Projekt „Akademisch ausgebildete Pflegende auf der Intensivstation“ sind sehr positiv. In ersten Rückmeldungen der Teilnehmenden im Konzept wurde eine hohe Motivation und Zufriedenheit geäußert.

In den Feedbackgesprächen meldeten die Teilnehmenden außerdem zurück, dass die Einarbeitung in der Praxis und die Teilnahme am AK EBN eine gute Vernetzung bieten. Die hochschulisch erworbenen Kompetenzen im Bereich der Literaturrecherche und -auswertung werden gefördert und eingesetzt.

Im nächsten Schritt folgt nun der Praxistransfer durch die akademisierten Pflegefachpersonen. Zukünftig werden weitere wissenschaftliche Fragestellungen durch die Pflegenden im AK EBN bearbeitet und im HDZ NRW umgesetzt. Ebenso sollen weitere Rollenprofile identifiziert und eingeführt werden.

[1] Lange H et al. Bachelorabsolventen Pflege 2016: Eine qualitative Studie. Teilstudie 2. Pädagogik der Gesundheitsberufe 2016; (2): 146–151

[2] Wissenschaftsrat. Empfehlungen zu hochschulischen Qualifikationen für das Gesundheitswesen. Berlin: Selbstverlag. www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2411–12.pdf, Abruf: 01.04.2019

[3] Tannen A, Feuchtinger J, Strohbücker B, Kocks A. Survey zur Einbindung von Pflegefachpersonen mit Hochschulabschlüssen an deutschen Universitätskliniken – Stand 2015. Z. Evid. Fortbild. Qual. Gesundh. wesen (ZEFQ) 2015; 120: 39–46

[4] Baumann AL, Kugler C. Berufsperspektiven von Absolventinnen und Absolventen grundständig qualifizierender Pflegestudiengänge − Ergebnisse einer bundesweiten Verbleibstudie. Pflege 2018; 32 (1): 7–16

[5] Aiken LH et al. Nurse staffing and education and hospital mortality in nine European countries: a retrospective observational study. Lancet 2014; 383 (9931): 1824–1830

[6] Fröhlich MR, Massarotto P, Brenner-Lüdemann G, Staudacher. Skill-Grade-Mix ist ein Kulturwandel. Intensiv 2016; 25 (6): 308–313

[7] Behrens J, Langer G. Evidence-based Nursing and Caring: Methoden und Ethik der Pflegepraxis und Versorgungsforschung. 4. Auflage. Bern: Hogrefe Verlag 2016

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