• 25.10.2018
  • PflegenIntensiv
Kommunikation im Operationssaal

Aggressive Konflikte seltener als vermutet

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2018

Seite 68

Kommunikation im Operationssaal Laute Geräusche und unnötige Gespräche während einer Operation korrelieren mit dem Auftreten postoperativer Wundinfektionen. Leitlinien zur OP-Hygiene betonen deshalb immer wieder, dass bei Operationen möglichst wenig und nur aus sachlichem Grund gesprochen werden soll. Die Häufigkeit von Gesprächen und deren Auswirkungen wurden in einer aktuellen US-amerikanischen Studie untersucht.

Die Beobachtungsstudie (1) fand in drei städtischen Lehrkrankenhäusern der medizinischen Fakultät der Emory-Universität in Atlanta/USA statt. Sie wurde von einer Mitarbeiterin der psychologischen Abteilung der Emory-Universität geleitet.

Eingeschlossen wurden 200 chirurgische Eingriffe, davon 68 Prozent offene chirurgische Operationen und 32 Prozent laparoskopische Eingriffe. Ein Psychologe hielt sich während der Operation zusammen mit dem OP-Team und den Anästhesisten im OP-Saal auf und notierte alle Kommunikationen zwischen den Teammitgliedern.

Folgende Variablen wurden dabei notiert:

  • Chirurgische Abteilung (z. B. Allgemeinchirurgie, Gynäkologie, Neurochirurgie)
  • Zusammensetzung des Teams mit Alter und Geschlecht der Teammitglieder
  • Akademischer Status des leitenden Chirurgen
  • Dauer der Operation
  • Charakter der Gesprächsinteraktion: kooperatives Gespräch, neutrales Gespräch, Konfliktgespräch oder aggressive Wutäußerung.

Zu den kooperativen Gesprächen wurden neben konstruktiven Äußerungen im direkten, sachlichen Zusammenhang mit dem OP-Verlauf auch nebensächliche, aber freundliche Äußerungen wie Plaudereien, Komplimente oder Äußerungen zur allgemeinen Erheiterung gerechnet. Zu den Konfliktgesprächen zählten unhöfliche kommandoartige Anweisungen, aber auch Anschreien oder einseitiges Witzemachen auf Kosten eines anwesenden Dritten. Nicht akzeptable Wutäußerungen rechneten auch dazu, wurden aber gesondert aufgeführt und analysiert.

Hierarchiegefälle ist entscheidend

Die Studienmitarbeiter konnten im Verlauf von drei Jahren 200 Operationen begleiten. Die dabei beobachteten Teammitglieder waren Chirurgen, Anästhesisten, OP-Pflegende, Anästhesiepflegende und medizintechnisches Personal beiderlei Geschlechts. Zwischen den Teammitgliedern fanden 6 348 Kommunikationen statt.

Die kürzeste OP-Dauer war 7,4 Minuten mit nur zwei Gesprächen, die längste 280 Minuten mit 163 Gesprächen. Das Alter des leitenden Chirurgen lag zwischen 32 und 80 Jahren, mit einem Mittelwert von 49 Jahren. 77 Prozent der leitenden Chirurgen waren männlich, von diesen hatten 81 Prozent eine Dozentur oder Professur an der medizinischen Fakultät der Emory-Universität. Insgesamt lag der Anteil der Männer in den OP-Teams aber nur bei 38,1 Prozent. Wenn die Operation von einem leitenden Chirurgen mit Dozentur oder Professur geleitet wurde, fanden in 61 Prozent der Eingriffe Gespräche statt, die einen Lerninhalt für nachgeordnete Mitarbeiter hatten. Hatte der leitende Chirurg dagegen keinen Lehrauftrag an der Universität, lag diese Rate nur bei 53,1 Prozent und war damit 38 Prozent geringer.

Von Bedeutung für konfliktträchtige Gespräche war der hierarchische Abstand zwischen dem leitenden Chirurgen und den übrigen bei der OP anwesenden Personen. Konfliktgespräche – zum Beispiel Widerspruch, Äußern einer anderen Meinung zum operativen Vorgehen, kurze kommandoartige Anweisung, die einen Einwand außer Kraft setzt – fanden signifikant häufiger statt, wenn der Adressat der Äußerung zwei oder drei Hierarchiestufen unter dem leitenden Chirurgen stand. Bei drei Hierarchiestufen Abstand betrug die Häufigkeit von Konfliktgesprächen 13 Prozent, während sie bei nur einer Stufe Abstand – etwa zwischen Chefarzt und Oberarzt – nur 3,8 Prozent betrug.

In der Mehrzahl der Fälle waren die leitenden Chirurgen auch diejenigen, die eine Gesprächsinteraktion starteten, während umgekehrt Assistenzärzte sie mit 31 Prozent am häufigsten entgegennahmen. Anweisungen gingen in der Reihenfolge der Häufigkeit an den Springer (26,3 %), die instrumentierende Pflegekraft (18,9 %) und an den Anästhesisten (10,9 %). Insgesamt waren Konfliktgespräche selten, sie machten nur 175 von 6 348 Kommunikationsereignissen (2,8 %) aus. Die meisten Gespräche hatten einen kooperativen Charakter (59 %) oder waren neutral (38,2 %). Wurden als Bezugsgröße nicht die Gespräche, sondern die Operationen (n=200) gewählt, waren allerdings Konfliktäußerungen mit 69 Episoden (34,5 % der Operationen) relativ häufig.

Geschlechtermix mindert Konflikte

Die Forscher beobachteten, dass kooperative Gespräche um zwölf Prozent zunahmen, wenn der Chef ein Mann und die weiteren Mitarbeiter im OP überwiegend Frauen waren. Waren dagegen überwiegend Männer im OP-Saal zugegen, kam es zwischen dem männlichen Chef und den Team-Mitgliedern häufiger zu Konfliktäußerungen. Der umgekehrte Effekt war ebenfalls zu beobachten: War die leitende Chirurgin eine Frau, die überwiegend von Männern umgeben war, nahm der Anteil der kooperativen Gespräche um etwa fünf Prozent zu. Die Vergleichsgruppe bildeten dabei Operationen, bei denen die leitende Chirurgin eine Frau und die weiteren Mitarbeiter ebenfalls überwiegend Frauen waren. Auch die OP-Dauer spielte eine Rolle: Pro zehnminütiger OP-Dauer nahm die Rate der kooperativen Gespräche im Vergleich zu Konfliktgesprächen um 4,9 Prozent ab (p=0,013).

Waren ausschließlich Frauen bei einer OP anwesend, so lag die Rate kooperativer Gespräche bei 66 Prozent. Dagegen lag sie nur bei 38 Prozent, wenn ausschließlich Männer an einer OP mitwirkten.

Die Autoren der Studie resümieren, dass Konfliktgespräche bei 200 beobachteten Operationen mit 2,8 Prozent aller erfassten Gespräche insgesamt selten waren. Sie kamen deutlich seltener vor, wenn der leitende Chirurg beziehungsweise die Chirurgin von Mitarbeitern des jeweils anderen Geschlechts umgeben war. Ein ausgewogener Geschlechtermix verminderte somit das Konfliktpotenzial oder zumindest entsprechende Äußerungen. Mit zunehmender OP-Dauer nahmen konfliktträchtige Gespräche zu. Dramatische Wutäußerungen, die potenziell zu einer Patientengefährdung führten, wurden in den drei Studienjahren aber nur dreimal beobachtet. Ihre Häufigkeit lag somit, bezogen auf alle erfassten Gespräche, bei unter 1 Promille.

Unnötige Gespräche vermeiden

Konfliktäußerungen und besonders Wutanfälle im OP finden stets ein großes Echo in den Medien. Besonders gerne wurde bereits in früheren Zeiten über lautstarke Ausbrüche des bekannten Berliner Chirurgen Sauerbruch berichtet, bei denen dieser vor Wut auch gelegentlich auf den Thorax des auf dem OP-Tisch liegenden Patienten geschlagen haben soll. In neuerer Zeit wurde beispielsweise in der „Washington Post“ im Jahr 2011 von einem leitenden Chirurgen berichtet, der wegen eines falschen Instrumentes, welches ihm übergeben wurde, mit diesem auf die Hand der Instrumentierschwester schlug. Diese brach sich dabei den Finger. Der Chirurg wurde suspendiert und musste sich einem Training zur Aggressionskontrolle unterziehen (2).

Die vorliegende Arbeit hatte zum Ziel, anhand von realen Beobachtungen zu einer realistischen Einschätzung der Häufigkeit von Gesprächen und besonders Konfliktgesprächen im OP zu kommen. Das beruhigende Ergebnis war, dass konfliktträchtige Äußerungen nur 2,8 Prozent aller Gesprächsinteraktionen im OP-Verlauf ausmachten. Nur in drei Fällen, also weniger als ein Prozent aller Gespräche, kam es zu nicht akzeptablen Wutanfällen. Die Mehrzahl aller Gespräche, gewissermaßen 59 Prozent, hatte einen kooperativen Charakter.

Trotzdem muss kritisch angemerkt werden, dass ein Großteil der Gespräche offenbar nicht rein sachlich und für den OP-Verlauf unbedingt notwendig war. Häufig wurde sogenanntes „Chit chat“ registriert, was man mit „Geplänkel“ oder weniger wohlwollend mit „Gequatsche“ übersetzen könnte. Es ist aus anderen Untersuchungen bekannt, dass unnötige Gespräche und überhaupt eine unnötige akustische Belastung in einem OP mit einer erhöhten Infektionsrate korrelieren (3). Die Ursache dürfte darin liegen, dass die Konzentration des operierenden Chirurgen gestört wird (4). Die Studie ist daher sehr wichtig und kann insgesamt den Impuls geben, sich bei OP-Gesprächen ganz bewusst auf das sachlich Notwendige zu konzentrieren. Der Austausch von Komplimenten oder privaten Mitteilungen kann dagegen zwischen den Operationen im Aufenthaltsraum erfolgen.

Die Rolle einer ausgewogenen Geschlechterverteilung in einem OP-Saal wurde in der Studie erstmals herausgearbeitet. Die Autoren fanden heraus, dass sich Konflikte in überwiegend männlich oder überwiegend weiblich besetzten Teams häufiger manifestieren als bei gemischten Teams. Ob diese Beobachtung allerdings zu Konsequenzen in der Praxis führen kann, ist fraglich. Im Tagesbetrieb wird man die OP-Teams aufgrund der fachlichen Qualifikationen und Erfahrungen der verfügbaren Mitarbeiter so zusammensetzen müssen, dass der jeweilige Eingriff für den Patienten mit der höchsten Qualität und Sicherheit durchgeführt werden kann. Eine Auswahl nach Geschlechtspräferenz dürfte dabei kaum praktisch realisierbar sein.

(1) Jones LK et al. Ethological observations of social behavior in the operating room. PNAS 2018;115:7575–7580.

(2) Boodmann SG. Anger management courses are a new tool for dealing with out-of-control doctors. Washington Post, 4. März 2013 (online)

(3) Kurrmann A et al. Effect of noise in the operating theatre on surgical site infection. Br J Surg 2011;98:1021–1025.

(4) Keller S et al. Noise in the operating room distracts members of the surgical team. World J Surg 2018; 5. Juli. doi: 10.1007/s0026

8–018–4730–7. (Epub ahead of print)