• 27.04.2018
  • PflegenIntensiv
Interprofessionelle Zusammenarbeit

„Anästhesie- und OP-Pflegende sind ein Team”

Leiter der Anästhesiepflege am Universitätsklinikum Aachen. Er absolvierte an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg den Master-Studiengang „Advanced Nursing Practice“.

PflegenIntensiv

Ausgabe 2/2018

Seite 68

Die eine Berufsgruppe erlebt den Patienten meist wach, die andere meist schlafend – wie viel Zusammen- arbeit ist angezeigt für Pflegende aus der Anästhesie und dem OP? Darüber unterhielten wir uns mit dem Leiter der Anästhesiepflege am Universitätsklinikum Aachen, Henning Bolle.

Herr Bolle, wie eigenständig sind die Berufsbilder der Anästhesie- und OP-Pflege?

Selbstverständlich sind es zwei eigenständige und auch fachlich unterschiedliche pflegerische Berufsbilder. Dennoch arbeiten Pflegende in der Anästhesie und im OP gemeinsam in einem interprofessionellen medizinischen Hochrisikobereich. Zur Sicherstellung der Patientensicherheit müssen sie professionell zusammenarbeiten und ein gemeinsames Team bilden. Die Realität sieht jedoch meist anders aus. Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Kollegen beider Disziplinen es verlernt haben, sich gegenseitig wertzuschätzen.

Woran machen Sie das fest?

Sie kommunizieren zu wenig miteinander und respektieren sich nicht ausreichend. Die Gründe dafür sind vielfältig und aus meiner Sicht historisch gewachsen. Häufig haben die Missstände auch etwas mit Hierarchie-Denken zu tun. Dennoch ist festzuhalten, dass große Schnittmengen zwischen beiden Disziplinen bestehen. Insofern sollte eine professionelle Zusammenarbeit selbstverständlich sein.

Wo fängt die Zusammenarbeit zwischen Anästhesie- und OP-Pflegenden an?

Bereits mit den Vorbereitungen zur OP. Wird der beispielsweise in einem Vorbereitungsraum in Narkose gesetzte Patient in den Saal geschoben oder wenn der Patient direkt im OP-Saal die Narkose erhält, muss die OP-Pflegekraft zahlreiche Informationen von uns Anästhesiepflegenden erhalten, damit sie professionell arbeiten kann.

Was sind die typischen Fragen, die zu diesem Zeitpunkt zwischen Anästhesie- und OP-Pflege geklärt werden?

Unerlässlich ist das Team-Time-Out: Ist es der richtige Patient? Liegen alle benötigten Instrumente bereit? Wie ist der Allergiestatus des Patienten? – diese Frage ist besonders wichtig, um zu wissen, ob das Desinfizieren der Hautpartien mit Desinfektionsmittel erfolgen darf. Weitere Fragen, die bedeutsam sind: Wie darf der Patient während der OP gelagert werden? Hat der Patient Implantate, zum Beispiel einen Herzschrittmacher? Die letzte Frage ist sehr wichtig, da das OP-Team ja mit HF-Chirurgie arbeitet. Auch muss die OP-Pflegekraft genau wissen, wo Katheter zur Volumen- und Medikamentengabe implantiert wurden. Denn diese dürfen ja während des Eingriffs nicht abknicken.

Sie plädieren für eine professionelle, einheitliche Fachsprache zwischen Anästhesie- und OP-Pflegenden? Wie kann dies angesichts der unterschiedlichen Ausbildungen und fachlichen Schwerpunkte gewährleistet werden?

Eine einheitliche Fachsprache, die es den Kollegen ermöglicht, auf hohem Niveau zu kommunizieren, muss man voraussetzen. Oft ist aber auch schon viel gewonnen, wenn der eine Mitarbeiter dem anderen zuhört. Auch dies ist eine Frage des gegenseitigen Respekts. Fakt ist: Anästhesie- und OP-Pflegende müssen eng zusammenarbeiten, dies ist für die Patientensicherheit von größter Bedeutung.

Und dies ist in der Realität deutscher OP-Säle nicht gewährleistet?

Nein, ist es nicht – dies berichten zumindest Kollegen aus unterschiedlichen Kliniken. Ein Grund ist sicherlich, dass der Arbeitsdruck so hoch geworden ist – in beiden Bereichen wohlgemerkt –, dass jeder Mitarbeiter auf seine eigenen fachlichen Schwerpunkte fokussiert ist. Wenn man da nicht aufpasst, gerät man schnell in die Situation, dass man um sich herum nicht mehr viel wahrnimmt. Jeder interessiert sich nur noch für seinen Fachbereich. Wir vergessen, dass wir ein Team sind. Dabei ist Aufmerksamkeit im medizinischen Hochrisikobereich das A und O, man kann es nicht oft genug wiederholen.

Wie lässt sich erreichen, dass Anästhesie- und OP-Pflegende wieder enger zusammenrücken?

Ich glaube, dass man die oftmals starren Strukturen aufbrechen muss. Hier kann schon – ich weiß, es klingt banal – Sinn für Humor hilfreich sein. Kürzlich habe ich ein Management-Seminar besucht, in dem es um Führung mit Humor geht. Dies hat mir die Augen geöffnet: Wir brauchen dringend mehr agiles Leadership.

Was bedeutet das?

Seien Sie als Führungskraft Vorbild und schauen Sie genau hin: Wo liegen Potenziale meiner Mitarbeiter? Wie kann ich sie motivieren und fördern? Wie kann ich sie wieder entflammbar machen für den Beruf? Wie kann ich das Team stärken? Wie sorge ich für Weiterentwicklung? Wie fördere ich die interprofessionelle Zusammenarbeit? Um es auf einen Punkt zu bringen – emotionales Commitment, darum muss es gehen. Nebenbei schaffe ich es damit übrigens auch, die Mitarbeiter ans Unternehmen zu binden. Das ist heutzutage ja auch nicht unwichtig (lacht).

Ist den Anästhesie- und OP-Pflegenden die mangelnde interprofessionelle Zusammenarbeit bewusst?

Wenn ich mich mit Kollegen aus anderen Kliniken unterhalte, etwa auf Kongressen, höre ich immer wieder, dass dies nicht der Fall ist. Insofern ist es erforderlich, ihnen das Problem bewusst und transparent zu machen. Wenn man ehrlich ist, befinden sich viele Kollegen in einem Hamsterrad. Sie jammern – weil das einfacher ist, als etwas zu verändern. Sicherlich bestehen viele Schwierigkeiten – doch die können gelöst werden. Der brillante Manfred Hinrich sagte einmal: Ziel erreicht heißt, Teilziel erreicht. So sehe ich es auch. In der heutigen komplexen Zeit gilt es, sich dem großen Ziel mit kleinen Einzelschritten anzu­nähern. Wir dürfen nicht vergessen: Pflege ist ein toller Beruf – und pflegen kann nicht jeder!

Herr Bolle, vielen Dank für das Gespräch.

Mail: stephan.luecke@bibliomed.de

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