Personalknappheit, schlechte Organisation und Defizite in der Unternehmenskultur belasten Pflegeteams in den Operationssälen deutscher Kliniken – das sind die Ergebnisse des neuen OP-Barometers 2017. Ein weiteres Ergebnis, das aufhorchen lässt: Mehr als jeder dritte Befragte erlebt Mobbing oder Ansätze davon in seinem Arbeitsbereich.
Das OP-Barometer befragt im Rhythmus von zwei Jahren Mitarbeiter aus der Operations- und Anästhesiepflege zu ihrer Arbeitssituation. Am OP-Barometer 2017 nahmen 1 956 Pflegende teil – etwa 17 Prozent mehr als bei der letzten Erhebung. Damit ist das OP-Barometer die größte Befragung der OP-Funktionspflege im deutschsprachigen Raum. In der Untersuchungsreihe wiederholen sich zahlreiche Fragen, um langfristige Entwicklungen im OP-Bereich ableiten zu können. Es werden aber auch immer wieder neue Fragen gestellt; in diesem Jahr beispielsweise zu Themen wie Schulung für neue Geräte, der Fluktuation neuer Pflegepersonen oder der Konfrontation mit dem Thema Mobbing.
Die Ergebnisse des OP-Barometers 2017 wurden von den Medien interessiert aufgenommen. Damit konnte ein wichtiges Ziel der Studienreihe erreicht werden, nämlich die sehr bedeutende Arbeit der Funktionspflege in den OP-Bereichen mit seinen aktuellen Problemstellungen und Facetten in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen.
Die Ergebnisse des OP-Barometers 2017 sind im Folgenden in Auszügen dargestellt. Der Fragebogen war unterteilt in die drei Bereiche „Fragen zum Arbeitsplatz“, „Fragen zur Organisation“ und „Fragen zum Patienten“. Jeweils eine Frage wurde zur Berufsentscheidung und zur Verbesserung der Arbeitsplatz-Attraktivität gestellt. Zur Beantwortung der Fragen wurde eine Skala von 1 (sehr) bis 7 (überhaupt nicht) zur Verfügung gestellt. Dabei wurden die Angaben der Skalierung 1 bis 3 zur Aussage „eher ja“, 4 zur Aussage „neutral“ und 5 bis 7 zur Aussage „eher nein“ zusammengefasst.
Personalmangel ist Kernproblem
Wie bereits in den vorherigen OP-Barometern fallen bei den Fragen zum Arbeitsplatz die niedrigen Werte bei der Anerkennung durch die Krankenhausleitungen („eher ja“ 29,3 %) und bei der Bewertung der Unternehmenskultur („eher ja“ 41,3 %) auf. Positiv wird die Frage nach der Schulung in der Handhabung neuer Geräte gesehen („eher ja“ 62,2 %).
Die Zufriedenheit mit dem aktuellen Arbeitsplatz zeigt einen deutlich negativen Trend und wird nur von 60,6 Prozent mit „eher ja“ bewertet – im OP-Barometer 2011 waren es immerhin noch 71,4 Prozent.
Die Frage „Wir haben ausreichend Pflegepersonal, um die Arbeit zu bewältigen“ wurde nur von 28,4 Prozent mit „eher ja“ (OP-Barometer 2015: 30,6 %) beantwortet und stellt aktuell sicherlich eine Kernproblematik in den OP-Bereichen dar. Anzumerken ist in diesem Zusammenhang, dass wohl nicht in allen Fällen tatsächlich zu wenig Personal vorgehalten wird, sondern dass das vorhandene Personal durch bestehende Organisationsdefizite – zum Beispiel viele Wartezeiten, unstrukturierte Abläufe – in seiner Einsatzmöglichkeit beeinträchtigt wird.
Neu und aufgrund aktueller Berichte aus diversen OP-Bereichen in den Fragenkatalog aufgenommen wurde das Thema Mobbing. Angst und eine herabwürdigende Kommunikation sind bekanntermaßen nicht nur ein Hauptmotivationskiller, sondern führen zu Personalausfall oder Kündigungen. Die Frage „Mobbing oder Ansätze davon gibt es auch in meinem OP-Bereich?“ beantworteten nur 46,9 Prozent mit „eher nein“. Dies ist ein Ergebnis, das einen deutlichen Handlungsbedarf hervorruft und unbedingt ernst genommen werden sollte.
Hoher Krankenstand, hohe Fluktuation
Wie auch in den letzten OP-Barometern fallen in diesem Fragenkomplex vor allem folgende Missstände auf: ein schlechter Organisationsgrad (Organisationsgrad ist gut „eher ja“ 47,4 %), unnötige Wartezeiten („eher ja“ 57,8 %) und unzuverlässige OP-Pläne (zuverlässige OP-Pläne „eher ja“ 33,7 %).
Wiederum nicht überraschend scheint der Anstieg des gefühlt hohen Krankenstands mit „eher ja“ 64,8 Prozent (OP-Barometer 2015 „eher ja“ 61,7 %). Dieser dürfte das Resultat aus schlechter Organisation, personeller Unterbesetzung und den steigenden Anforderungen sein und führt inzwischen nicht selten dazu, dass Operationen aufgrund von Pflegemangel abgesetzt werden müssen.
Neu wurde in diesem Jahr untersucht, inwieweit es den OP-Bereichen gelingt, neues Pflegepersonal auch zu halten. Auf die Frage „Wir haben eine hohe Fluktuation bei neuen Kolleg/innen“ antwortete fast die Hälfte (46,1 %) mit „eher ja“. Es scheint somit inzwischen nach der Gewinnung von neuem OP-Personal ein weiteres Problem zu sein, diese auch nachhaltig an das Unternehmen beziehungsweise den OP-Bereich zu binden. Ein wesentlicher negativer Nebeneffekt ist dabei sicherlich der hohe, aber dann nicht zielführende Aufwand der Einarbeitung. Besonders betroffen sind davon anscheinend große OP-Bereiche mit mehr als zwölf OP-Sälen.
Im Fokus: Patientensicherheit
Die größte Öffentlichkeitswirkung erzielen sicherlich die Fragen zum Patienten. Wenig Personal und hohe Krankheitsquoten gepaart mit steigenden Leistungsanforderungen führen nach wie vor zwangsläufig auch zu einer höheren Gefährdung der Patienten. So geben über 47,2 Prozent der Befragten an, dass die Patientengefährdung in den letzten zwei Jahren zugenommen hat. Auch sehen nur 60,1 Prozent (fast analog zum OP-Barometer 2015) eine strenge Einhaltung der Hygienerichtlinien – hier müssten eigentlich 100 Prozent stehen! Interessant scheint es auch, dass nur 61,7 Prozent der Befragten aus fachlicher Sicht ihren OP-Bereich empfehlen, aus organisatorischer Sicht sind es nur etwa die Hälfte (50,8 %).
Neu in das OP-Barometer aufgenommen wurde die aktuell vieldiskutierte Frage nach der Patientensicherheit. 76,4 Prozent der Befragten beantworteten die Frage, ob die Patientensicherheit in ihrem OP ein wichtiges Thema sei, mit „eher ja“, wobei natürlich auch hier eine Zustimmung von 100 Prozent wünschenswert und erforderlich wäre. Interessant ist die Bewertungsdifferenz zwischen den OTA („eher ja“ 82,3 %) und der Anästhesiepflege („eher ja“ 73,2 %), was sich wahrscheinlich aus einer stärkeren Patientennähe dieser Berufsgruppe erklären lässt.
Große Unterschiede in OP-Bereichen
Die wichtigste Schlussfolgerung aus den Ergebnissen zum OP-Barometer lässt sich eigentlich aus der Fragestellung ziehen, ob es den Krankenhäusern zukünftig gelingen wird, Pflegepersonal in ausreichender Quantität und Qualität zu gewinnen und zu halten. Die Antwort ist aktuell eher ernüchternd. Auf die Frage „Wenn ich heute entscheiden könnte, würde ich den Beruf wieder auswählen“ antworten aktuell nur 41,4 Prozent (2015 waren 43,2 %) mit „ja, im gleichen Krankenhaus“, 18,5 Prozent mit „ja, in einem anderen Krankenhaus“ und 36,8 Prozent mit „nein“.
Attraktiver wäre der Beruf für die Befragten bei 92,8 Prozent mit einem höheren Gehalt, 77,6 Prozent wünschen sich eine höhere Anerkennung, und 53,9 Prozent geben eine bessere OP-Organisation als attraktivitätssteigernd an. 39,9 Prozent der Befragten wünschen sich bessere Aufstiegschancen, wobei dies am meisten die OTA betrifft.
Fasst man die Einschätzungen zusammen, kann resümiert werden, dass die zufriedensten Mitarbeiter in den OP-Bereichen aus der Berufsgruppe der OTA stammen. Auch weisen Befragte, die erst kurz (weniger als sechs Jahre) in den OP-Bereichen arbeiten, die positivsten Zufriedenheitswerte auf sowie diejenigen, die in zentralen OP-Bereichen zwischen vier und acht OP-Sälen ihren Berufsalltag verbringen.
Die deutlich schlechtesten Zufriedenheitswerte erreicht generell die Berufsgruppe der OP-Pflege. Auch weisen Befragte, die in großen zentralen OP-Bereichen (mehr als neun OP-Säle) arbeiten, schlechte Zufriedenheitswerte auf. Der gleiche Negativ-Trend gilt auch für Mitarbeiter, die zwischen zehn und 15 Jahren in ihrem OP-Bereich aktiv sind. Aus Sicht des Autors ist dies allerdings eine besonders wichtige Gruppe der OP- und Anästhesiepflege, da diese zum einen über eine fundierte Praxiserfahrung verfügen, zum anderen aber dem OP-Bereich – voraussichtlich – noch länger zur Verfügung stehen.
Krankenhäuser, die mit mehr als 30 Fragenbögen am OP-Barometer teilnehmen, erhalten grundsätzlich eine interne Auswertung mit einem Benchmark. Die in diesem Jahr ausgewerteten Benchmark-Daten zeigen: Es gibt sehr große Unterschiede in den einzelnen OP-Bereichen im Hinblick auf die Bewertung der Situation. Gerade bei Fragen zum Arbeitsplatz oder auch zum Patienten gibt es OP-Bereiche, die sehr gut abschneiden, andere hingegen haben fatale Werte.
Aus diesem Umstand kann geschlossen werden, dass es nicht die Arbeitssituation im OP-Bereich per se ist, die kritisch gesehen werden muss, sondern dass es Krankenhäuser gibt, die in Bezug auf Organisation, Kultur oder Mitarbeiterbindung ihre Hausaufgaben gemacht haben oder sich zumindest in nachhaltigen Verbesserungsprozessen befinden. Die Führungsebenen anderer Krankenhäuser hingegen haben wohl diese Thematik nicht auf ihrer Agenda und werden zukünftig mit der Leistungsfähigkeit ihrer OP-Bereiche deutliche Probleme bekommen. Für potentielle Mitarbeiter oder Patienten kann es deshalb nur heißen: „Augen auf bei der Auswahl eines Krankenhauses“.
OP-Barometer 2017 – die Stichprobe
43,6 Prozent der Befragten kamen aus der Berufsgruppe der OP-Pflege, 40,2 Prozent aus der Anästhesiepflege und 15,1 Prozent waren Operationstechnische Assistent/innen (OTA). Die Resonanz aus öffentlichen Krankenhäusern war mit 82,7 Prozent überragend, wobei zirka 25 Prozent der deutschen Universitätskliniken am OP-Barometer 2017 teilgenommen haben. Auffällig sind die hohen Beteiligungsquoten von OP-Bereichen mit mehr als neun OP-Sälen mit 55,7 Prozent und der hohe Anteil von Pflegekräften, die entweder kürzer als sechs Jahre (38,2 %) oder bereits länger als 15 Jahre (30,0 %) in diesem Beruf arbeiten.
Obwohl die Befragung mitarbeiterbezogen anonym durchgeführt wird, kann sie als repräsentativ und aussagekräftig bezeichnet werden. Diesen Schluss lassen die Referenzwerte zu Fragen, die bereits in den vorherigen OP-Barometern gestellt wurden und in weiten Teilen mit den Werten von 2015 übereinstimmen, zu. Auch zeigt der interne Abgleich der teilnehmenden Krankenhäuser eine durchaus repräsentative Teilmenge des Gesamtmarktes an Krankenhäusern in der Bundesrepublik Deutschland.
Insgesamt wurden 1956 Fragebögen ausgefüllt (1932 bewertet).
davon OP-Pflege 826 43,6 %
Anästhesie-Pflege 761 40,2 %
OTA 286 15,1 %
Sonstige 21 1,1 %
davon öffentlich 1619 84,2 %
freigemeinnützig 282 14,7 %
privat 22 1,1 %
davon mit Fachweiterbildung 924 50,7 %
ohne Fachweiterbildung 810 44,4 %
in Fachweiterbildung 91 4,9 %
davon 0–5 Jahre dabei 701 38,2 %
6–10 Jahre dabei 397 21,6 %
11–15 Jahre dabei 187 10,2 %
mehr als 15 Jahre dabei 552 30,0 %
davon 1–3 OP-Säle 147 8,0 %
4–8 OP-Säle 671 36,3 %
9–12 OP-Säle 529 28,6 %
mehr als 12 OP-Säle 501 27,1 %
TIPP
Die ausführlichen Ergebnisse des OP-Barometers 2017 können in Kürze unter „www.frankfurt-university.de/zgwr“ in der Rubrik „Projekte“ abgerufen oder direkt vom Projektleiter busse.thomas@fb4.fra-uas.de erfragt werden.