Einarbeitung Auf einer Intensivstation zu arbeiten, geht mit einer hohen Verantwortung einher und setzt dementsprechend eine sorgfältige Einarbeitung voraus. Am Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen werden neue Mitarbeiter der Intensivstationen zwei Jahre lang eng begleitet. Grundlage der Einarbeitung bildet ein umfassendes Gesamtkonzept.
Auf den Intensivstationen der Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirurgie am Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen (HDZ NRW) in Bad Oeynhausen finden jährlich viele Pflegende einen zuverlässigen Arbeitgeber.
Die strukturierte Einarbeitung und enge Begleitung der neuen Kollegen ist den Verantwortlichen des 1980 gegründeten Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum, das 500 Betten für die Behandlung von Patienten mit Herz-, Kreislauf- und Diabeteserkrankungen vorhält, sehr wichtig. Deshalb wurde ein umfassendes Gesamtkonzept entwickelt, das die Entwicklung neuer Mitarbeiter hin zu professionell agierenden Pflegenden unterstützt. Dazu gehört neben einer strukturierten Einarbeitung über zwei Jahre auch ein umfassendes Fort- und Weiterbildungsprogramm.
Einarbeitung besteht aus drei Phasen
Die zweijährige Einarbeitung neuer Pflegender auf den Intensivstationen des HDZ NRW besteht aus drei Phasen, die sich jeweils in zwölf sach- und fachbezogene Module, sogenannte Kompetenzbereiche, unterteilen.
Die Einarbeitungsphasen werden flexibel gehandhabt, denn nicht immer stehen für die geplanten Lehrinhalte entsprechende Patienten zur Verfügung. Es können initial auch komplexere Tätigkeiten aus weiterführenden Phasen, abhängig vom Wissensstand der Mitarbeiter vermittelt werden. In der strukturierten Übersicht wird daher zu jedem Modul notwendiges Vorwissen aus vorhergehenden Einarbeitungsphasen angeboten. Damit ist gewährleistet, dass alle Informationen in allen Phasen berücksichtigt werden können. Ebenfalls besteht die Möglichkeit, auch Pflegende mit Berufserfahrung entsprechend ihrer Kenntnisse sinnvoll zu begleiten.
Phase 1: Die erste Phase der Einarbeitung besteht aus insgesamt acht Wochen Begleitung. Neue Mitarbeiter beginnen zunächst mit einer theoretischen Block-woche. Zu den Inhalten gehören beispielsweise Brandschutz, Reanimation, Datenschutz und Hygieneschulungen. In den darauffolgenden vier Tagen werden weitere Schulungen anhand eines vorab erstellten Lehrplans angeboten. Dazu gehören etwa Grundlagen der Beatmung und medizintechnische Geräteeinweisungen.
Pflegende, die bereits über Berufserfahrung verfügen, haben die Möglichkeit, früher in die Praxis auf der Intensivstation einzusteigen. Eine punktuelle Teilnahme, bei jeweils für sie neue und unbekannte Themen im theoretischen Unterricht, ist dabei jederzeit möglich.
Während der gesamten Einarbeitung werden Grundlagen zum Aktivitas®-Pflegekonzept vermittelt. Pflegende haben hier die Möglichkeit, darüber hinaus einen Schnupperkurs oder gleich den vollständigen Grundkurs zu besuchen. Dazu steht abteilungsübergreifend eine freigestellte Aktivitas®- Grundkurstrainerin zur Verfügung.
Ziel der Phase 1 besteht darin, neue Mitarbeiter auf der Intensivstation an die pflegerische Praxis heranzuführen. Neben der räumlichen und organisatorischen Orientierung ist es wichtig, sich als pflegerischer Mitarbeiter organisieren zu können. Je nach Lerntyp eines neuen Mitarbeiters werden entsprechend angepasste Vorgehensweisen verwendet. Viele Abläufe sind für Berufsanfänger neu und müssen schrittweise erlernt werden. Dazu ist es erforderlich, entsprechend der Einarbeitungsphase passende Patienten zur Versorgung auszuwählen. Grundsätzlich hat die Einarbeitung neuer Mitarbeiter bei der Zuteilung der Patienten Vorrang. Inhalte der Einarbeitung in der Phase 1 sind:
- Bedienungsgrundlagen und Geräteeinweisung,
- Hygienemaßnahmen im postoperativem Verlauf,
- komplexe Handlungsabläufe in der Pflege von Intensivpatienten,
- Vorbereitung des Bettplatzes zur postoperativen Patientenaufnahme,
- postoperative Aufnahme nach herzchirurgischem Eingriff,
- Verhalten in Notfällen,
- Anamnese und Vorinformationen aus dem OP,
- Hämodynamik/Herz-Kreislauf-Situation,
- Atmung und Beatmung,
- Wunden und Punktionsstellen,
- neurologische Situation/Wachheitszustand,
- Einfuhr und Ausfuhr,
- Maßnahmen der Grund- und Behandlungspflege,
- Beweglichkeit und Mobilisation,
- psychsoziale Aspekte in der postoperativen Phase.
Phase 1 dauert insgesamt acht Wochen. Innerhalb dieser Zeit sollen die neuen Mitarbeiter befähigt werden, postoperative Patienten nach thorax- und kardiovaskularchirurgischen Eingriffen selbstständig im Team zu betreuen. Durch die im Rahmen der Einarbeitung vorgesehene Beschäftigung mit Hilfsmittel ist es für die Pflegenden möglich, sich parallel zur Praxis auch mit der Theorie zu beschäftigen. Der gesamte Prozess wird in einem strukturierten Einarbeitungskatalog dokumentiert. Darüber ist ebenso sichergestellt, dass keine relevanten Themen in Vergessenheit geraten.
Nach vier Wochen Einarbeitung erfolgt ein erstes Zwischengespräch. Entsprechende Leitfragen gewähren ein einheitliches Vorgehen in allen geführten Gesprächen. Dazu stehen Besprechungsräume zur Verfügung. Zwischen dem Mentor und neuem Mitarbeiter finden ebenfalls individuell festgelegte Reflexionsgespräche statt. Zusätzlich erfolgt zur Halbzeit der Einarbeitung ein Wechsel des Mentors. Die Einarbeitungsphase 1 endet mit einem Abschlussgespräch nach insgesamt acht Wochen.
In den darauffolgenden vier bis sechs Monaten betreut der neue Mitarbeiter die Patientengruppen, auf die er intensiv eingearbeitet wurde. Für spezifische Fragen stehen jederzeit die langjährigen Pflegeexperten in der Praxis zur Verfügung. Durch ein breit aufgestelltes und wenn möglich auf die Lernfortschritte des neuen Mitarbeiters abgestimmtes Fort- und Weiterbildungsprogramm wird der weitere Lernprozess flankierend unterstützt.
Phase 2: Nachdem erste Erfahrungen in der Praxis gesammelt werden konnten, schließt sich nach einem halben Jahr die Phase zwei der Einarbeitung an. Diese besteht aus insgesamt fünf Tagen. Zu Beginn erfolgt ein Theorietag. Hier werden spezifische theoretische Inhalte der pflegerischen Praxis vertieft und erweitert. Das Ziel besteht darin, dass Pflegende befähigt werden, Patienten mit erweitertem pflegerischem Aufwand zu betreuen.
Inhalte der Einarbeitung in der Phase 2 sind:
- Aufnahme eines Patienten aus einer anderen Klinik,
- Transport eines Intensivpatienten,
- Grundlagen der Blutgasanalyse (BGA),
- pflegerische Assistenz bei der Intubation,
- Bedeutung der Diurese, Grundlagen der Niereninsuffizienz,
- Infusionslösungen und wichtige Medikamente,
- Grundlagen zur prä- und postoperativen pflegerischen Versorgung von Patienten mit HTX,
- Herzrhythmusstörungen und Herzschrittmachertherapie,
- Swan-Ganz-Katheter und kreislaufwirksame Substanzen,
- Mobilisation von Intensivpatienten,
- Kardioversion und Defibrillation.
Für den Theorietag sind sowohl der Mentor als auch der neue Mitarbeiter aus der pflegerischen Praxis freigestellt. Entsprechende Seminarräume gewährleisten eine ruhige und produktive Arbeitsatmosphäre. Die theoretische Vermittlung erfolgt über breit aufgestellte Kanäle. Demonstrationsmaterialien, Skripte, Videos, aber auch Kurzvorträge lockern den Tag auf.
Die Inhalte eines Theorietages in der Phase 2 sind abteilungsübergreifend festgelegt. Spezifische Fragen der Pflegenden werden darüber hinaus mit aufgenommen und ebenfalls bearbeitet. Somit ist eine gewisse Flexibilität gewährleistet.
Durch ein einleitendes Vorgespräch erfährt der Mentor, auf welchem Wissensstand der neue Mitarbeiter aktuell steht. Anschließend wird, je nach Lerntyp angepasst vorgegangen. So können zum Beispiel die Grundlagen der Beatmung im Schulungsraum theoretisch besprochen werden. Anschließend erfolgt dann eine Demonstration am Beatmungsgerät. Möglich ist natürlich auch eine Kombination aus beiden Vorgehensweisen. Dabei wird die Theorie zur Beatmung direkt am Bettplatz vermittelt.
Phase 3: Die dritte Phase der Einarbeitung bildet den Abschluss des Einarbeitungsprozesses. Sie ist zweigeteilt und besteht aus jeweils fünf Tagen. Beide Blöcke beinhalten einen Theorietag. Dazwischen liegen ein bis zwei Monate, um ausreichend Raum für die praktische Umsetzung des Gelernten zu geben.
Das Ziel der Phase 3 besteht darin, Pflegende für die Versorgung von hochkomplex erkrankten Patienten vorzubereiten. In der Theorie werden zunächst Themen aus der Phase 2 wiederholt. Häufig entstehen durch die in der Praxis gewonnenen Erfahrungen Nachfragen der neuen Mitarbeiter. Diese werden nach einem einleitenden Vorgespräch aufgegriffen und vertieft.
Ein umfassender Fragenkatalog stellt eine einheitliche Lernzielkontrolle der bereits bekannten Themen sicher. Dabei geht es vor allem darum, Wissensdefizite der Pflegenden zu erkennen und aufzugreifen. Hier soll keine Prüfungsatmosphäre entstehen.
Die komplexen Inhalte machen eine Verteilung der Themen auf zwei Theorietage erforderlich. Zum Abschluss erfolgt auch hier ein entsprechendes Reflexionsgespräch zwischen Mentor und dem neuen Mitarbeiter. Theoretische Themen der Phase 3 sind:
- Wiederholung und Vertiefung der theoretischen Inhalte der Phase 2,
- Pflege bei Patienten mit Leberunterstützungstherapie,
- Pflege von Patienten mit komplexer maschineller Beatmung und NO-Beatmung,
- Pflege von Patienten mit ECMO/IABP/Impella-System,
- Pflege von Patienten mit VAD-Systemen,
- Pflege von Patienten mit offenem Thorax,
- besondere hygienische Anforderungen,
- Pflege von Patienten mit Plasmapherese,
- Betreuung von Angehörigen hochkomplex erkrankter Patienten,
- Patiententransport in eine weiterführende Klinik,
- enterale und parenterale Ernährung von Intensivpatienten,
- Grundlagen zu intravenösen Anästetika/Muskelrelaxanzien.
Konzept greift auch nach Elternzeit
Aus verschiedenen Gründen kann es zu einer längeren Pause im Berufsleben kommen. Dazu zählt vor allem die Elternzeit. „Pflege ist wie Fahrradfahren – das verlernt man nicht“, heißt es so oft. In gewisser Hinsicht mag das auch zutreffen. Dennoch erfolgen in hochkomplexen Arbeitsfeldern wie der Intensivpflege kontinuierlich Neuerungen.
Aus diesem Grund erhalten alle Pflegenden, die ihre Tätigkeit nach einer Pause im HDZ NRW wiederaufnehmen, eine individuell angepasste Einarbeitung. Eine auf die Bedürfnisse abgestimmter Einarbeitungskatalog in Form einer Checkliste gibt hier einen Überblick. Ähnlich wie bei den Phasen 2 und 3 wird dann an einem einführenden Theorietag auf die vorab gemeinsam festgelegten Schwerpunkte Bezug genommen. Für die anschließende praktische Begleitung sind zunächst vier Tage vorgesehen. Grundlegend für die Dauer sind die Ergebnisse der jeweiligen Reflexionsgespräche zwischen Mentor und wieder einsteigenden Pflegenden.
Einarbeitungskatalog wird digitalisiert
Das Aneignen der neuen Kenntnisse wird unterstützt durch eine Online-Lernplattform. Abteilungsinterne Skripte und weiterführende Literatur, die nahezu alle praktischen und theoretischen Bereiche der täglichen Arbeit am Intensivpatienten abbilden, sind dort zu finden.
In der Praxis unterstützt der sogenannte „Helpi“ die Pflegenden. Dieses Nachschlagewerk im Kitteltaschenformat enthält unter anderem Checklisten und zusammenfassende Hinweise zu Medikamenten und spezifischen pflegerischen Belangen. Darüber hinaus findet die Methode der „One-Minute-Wonder“ Anwendung. Poster im DIN-A4-Format werden dafür an Orten, an denen Wartezeiten entstehen, ausgehängt. Pflegende können dann, zum Beispiel während des Wartens auf das Ergebnis der Blutgasanalyse, Informationen zu verschiedenen praxisrelevanten Themen nachlesen.
Derzeit erfolgt eine Digitalisierung des Einarbeitungskataloges. Dadurch ist es zukünftig für neue Mitarbeiter möglich, sich jederzeit einen Überblick über die Einarbeitung zu verschaffen. Zusätzlich fällt für die Mentoren und Praxisanleiter weniger Zeit für das Pflegen des Kataloges an. Dadurch wird wertvoller Raum für Reflexionsgespräche und weitere Vertiefungen zu spezifischen Fragen geschaffen.
Durch das Altern der Bevölkerung mit gleichzeitiger Zunahme an Erkrankungen verändern sich die Herausforderungen in der Intensivpflege. Das Einarbeitungskonzept ist entsprechend in Abständen von ein bis zwei Jahren auf dem Prüfstand. Regelmäßige abteilungsinterne- und übergreifende Mentorentreffen stellen sicher, dass Neuerungen mit in den Katalog aufgenommen werden.