Seit 27 Jahren gibt es den Beruf der Operationstechnischen Assistenten, kurz OTA. Doch staatlich anerkannt ist er immer noch nicht. Nun regt sich Widerstand. Über die Hintergründe sprachen wir mit Benny Neukamm vom Deutschen Berufsverband Operationstechnischer Assistenten (DBOTA).
Herr Neukamm, Mitte Juni hat der DBOTA eine Protestaktion vor dem Bundesgesundheitsministerium organisiert. Wogegen haben Sie demonstriert?
Die Demo war der Auftakt mehrerer Veranstaltungen in den kommenden zwei Jahren. Wir wollen nun endlich nach 27 Jahren die staatliche Anerkennung, eine bundeseinheitliche Ausbildung und eine gesicherte Finanzierung der Ausbildung erreichen. Die Aktion vor dem Bundesgesundheitsministerium sollte auch dazu dienen, die Öffentlichkeit über diese Missstände, die OTA und Anästhesietechnische Assistenten (ATA) betreffen, zu informieren. Dazu hatten wir Handzettel verteilt, die die Überschrift „Es geht um Ihre Gesundheit“ trugen. Er ist auf unserer Website www.dbota.de downloadbar. Insgesamt waren 150 Teilnehmer anwesend. Das ist für die erste Aktion schon einmal ganz zufriedenstellend.
Welche Veranstaltungen sind für die nächste Zeit geplant?
Am 20. November, einen Tag vor dem Tag der OTA, findet eine bundesweite Protestaktion statt. Hauptstandort wird wieder Berlin sein
Zwischenfrage: Was ist der „Tag der OTA“?
Am 21. November 1990 startete der bundesweit erste Ausbildungsgang zum OTA in Mülheim an der Ruhr. Wir haben diesen Tag im Jahr 2014 als „Tag der OTA“ ausgerufen.
Wie wird die Protestaktion inhaltlich aussehen?
Konkret steht noch nichts fest, es wird auf jeden Fall wieder eine Demonstration in Berlin vor dem Bundesgesundheitsministerium stattfinden. Der DBOTA wird sich in den kommenden Wochen mit den Vorständen des Deutschen OTA-Schulträgerverbandes und des ATA-Schulträgerverbandes zusammensetzen, um eine erneute Petition für die Anerkennung der Berufsgruppe der OTA und ATA auszuarbeiten. Im Rahmen der Kundgebung in Berlin wird wahrscheinlich ein Exemplar der Petition an den amtierenden Gesundheitsminister übergeben.
Warum gibt es nach 27 Jahren immer noch keine staatliche Anerkennung von OTA?
Ich denke, es hängt letztendlich mit der Finanzierung zusammen. Im Moment muss jedes Krankenhaus die Ausbildung selbst finanzieren. Betreibt man eine OTA-Schule, kommen selbst bei einer kleinen Schule etwa 450 000 Euro zusammen. Bei größeren Schulen das Doppelte oder Dreifache. Gehen wir von 117 existierenden OTA-Schulen in Deutschland aus, kommt ein Betrag von über 52 Millionen Euro zusammen – geht man davon aus, dass alle Schulen klein sind. OTA-Schulen in Deutschland umfassen in der Regel 20 bis 120 Auszubildende. Unserer Berechnung liegt eine Schule mit 40 Auszubildenden zugrunde.
Glauben Sie, mit Ihren Aktionen und der Petition nun endlich einen Schritt vorwärts zu kommen?
Bundesgesundheitsminister Gröhe versprach uns im letzten Schreiben, dass wir auf jeden Fall in der kommenden Legislaturperiode die staatliche Anerkennung erhalten. Ehrlicherweise muss ich aber auch sagen, dass ich diese Worte seit 2002 mit Beginn meiner Ausbildung höre. Bisher gab es keine berufsständische Vertretung im Anerkennungsprocedere, ich bin aber guter Dinge, dass wir gemeinsam mit den Schulträgerverbänden nun mehr Druck ausüben können. Und so langsam werden die OTA auch wach, denn die Weiterbildungsmöglichkeiten sind doch noch sehr eingeschränkt.
Seit Jahren werden Sie also immer nur vertröstet. Wie nehmen Sie die gegenwärtige Stimmung unter Ihren OTA-Berufskollegen wahr?
Die rege Teilnahme an der Demo sprach für sich, es herrscht Aufbruchstimmung. Auch an den Tagen nach der Aktion ist der Server unserer Homepage durch einen sehr hohen Besucheransturm zusammengebrochen. Klar gibt es auch Skeptiker und Pessimisten unter den Kollegen. Hier müssen wir als Berufsverband noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Dazu ist auch zu sagen, dass Demos keine Streiks sind. Die Teilnehmenden müssen also einen Urlaubstag opfern, um teilzunehmen.
Wie viele Mitglieder hat Ihr Verband?
Derzeit haben wir leider nur 91 Mitglieder. Es ist nicht einfacher als in der Pflege, die Leute zu motivieren, für ihre Rechte zu kämpfen.
Welche Folgen hat die fehlende staatliche Anerkennung?
In letzter Zeit müssen immer mehr Schulen schließen, weil sie die Kosten nicht mehr schultern konnten. Die Folge ist, dass nicht genügend Nachwuchs für den OP ausgebildet wird. Das ist eine absurde Situation: Die Charité beklagte sich jüngst in der Öffentlichkeit, dass sie einen neuen OP-Trakt gebaut haben, diesen aber nicht auf volle Kapazität betreiben können, da es an OP-Fachpersonal fehlt. Das ist auch in anderen Kliniken Realität. Gerade in Süddeutschland ist aktuell ein Personalmangel in der Anästhesiepflege zu verzeichnen.
Wie wirkt sich die fehlende staatliche Anerkennung auf die Entlohnung aus?
Die Vergütung von OTA wurde teilweise durch den neuen TVöD angeglichen. Das ist ein Fortschritt, doch OTA, die nicht im Öffentlichen Dienst arbeiten, sind immer noch benachteiligt und werden wie billige Hilfskräfte bezahlt. Gerade in kirchlichen und privaten Häusern unterstehen die OTA der Willkür der Arbeitgeber – getreu dem Motto: Einen Beruf, den es offiziell nicht gibt, muss ich auch nicht wie eine Fachkraft bezahlen.
Sind OTA gegenüber Fachpflegepersonen mit OP-Weiterbildung benachteiligt?
In der Stellenbesetzung nicht unbedingt. Denn OTA stellen in manchen Kliniken die größere Berufsgruppe dar. Ich dividiere das allerdings nicht so gern auseinander, denn letztendlich sind OTA und OP-Pflegende ein Team. OTA und Pflegende gegeneinander auszuspielen, führt nicht weiter. Dafür ist die Situation auch zu ernst: Aktuell rücken immer mehr unzureichend qualifizierte Berufsgruppen in den OP und sollen Aufgaben der OP-Pflegenden und OTA übernehmen. Jüngst hörte ich aus einer Klinik, dass Studenten aufgrund des Personalmangels als OP-Pflegende eingestellt werden sollen. Wenn sich hier nichts tut, wird die Qualität der Pflege im OP massiv leiden. Der Leidtragende ist der Patient. Alle schreien nach Patientensicherheit – dies erreicht man aber nur durch gut ausgebildete qualifizierte Mitarbeiter. Insofern lohnt es sich, zu kämpfen. Wir OTA sind entschlossen, dies zu tun.
Herr Neukamm, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.