• 15.05.2017
  • Praxis
Prävention von Beatmungspneumonien

Was leistet ein Probiotikum?

Klinikum Kassel Intensivpflege

PflegenIntensiv

Ausgabe 2/2017

Seite 48

Probiotika werden in der Intensivmedizin gehäuft eingesetzt, um postoperativen Infektionen vorzubeugen und die Darmflora zu stabilisieren. Kann ein Probiotikum auch das Risiko einer Beatmungspneumonie reduzieren? Eine aktuelle Studie ging dieser Frage nach.

Beatmungspneumonien sind nach wie vor eine der häufigsten Infektionen auf Intensivstationen. Vor allem bei einer Beatmungsdauer von über einer Woche steigt das Risiko einer Pneumonie signifikant an. Als häufigste Ursache wird eine Erreger-Aszension aus dem kolonisierten Magen angesehen. Durch Mikroaspirationen entlang der Cuff-Manschette kommt es zur Kolonisierung der Trachea und nachfolgend zur manifesten Tracheitis und Pneumonie.

Methodik der Studie: Als neuer Präventionsansatz wurde nun in einer randomisierten klinischen Studie geprüft, ob die prophylaktische Gabe eines Probiotikums die Inzidenz von Pneumonien unter Beatmung reduzieren kann (Zeng J et al. Effect of probiotics on the incidence of ventilator-associated pneumonia in critically ill patients. Intensive Care Med 2016; 42: 1018–1028). Neben diesem klinischen Endpunkt wurde geprüft, ob die in der Überzahl applizierten „gutartigen“ Bakterien eine Magenbesiedlung durch potenziell pathogene Erreger verhindern können.

Die Studie erfolgte als offene, prospektive, randomisierte, multizentrische Studie auf elf Intensivstationen in neun chinesischen Krankenhäusern. Der Studienzeitraum erstreckte sich von Mai 2010 bis April 2015. Eingeschlossen wurden Patienten zwischen 18 und 80 Jahren, bei denen mit einer Beatmungsdauer von mindestens 48 Stunden gerechnet wurde. Ausschlusskriterien waren schwere Organdysfunktionen mit einem Acute Physiology and Chronic Health Evaluation (APACHE)-Score ≥von 25 und mehr, eine vorangegangene Beatmung von mehr als 72 Stunden Dauer, Schwangerschaft oder Laktation sowie immunkompromittierende Grundkrankheiten, wie AIDS und maligne Tumore.

Verwendet wurde ein Probiotikum (Präparat Medilac S®), das pro Kapsel 4,5 x 109 koloniebildende Einheiten (KBE) von Bacillus subtilis und 0,5 x 109 KBE von Enterococcus faecalis enthielt. Die Dosierung betrug dreimal eine Kapsel pro Tag oral. Für die Applikation wurden die Kapseln geöffnet und der Inhalt in 60 bis 80 Milliliter sterilem Wasser aufgelöst. Die Lösung wurde alle acht Stunden als Bolus in die Magensonde appliziert.

Bei allen Patienten erfolgten Standardhygienemaßnahmen zur Prävention von Beatmungspneumonien. Diese beinhalteten, wenn möglich, eine halbaufrechte Lagerung, subglottische Sekretabsaugung, kontinuierliche Cuffdruckkontrolle, frühestmög- liche enterale Ernährung und frühestmögliche Prüfung der Entwöhnfähigkeit von der Beatmung. Innerhalb von 24 Stunden nach Beginn der Beatmung erfolgte eine Eins-zu-eins-Randomisierung. Patienten der Probiotikagruppe erhielten zusätzlich zu den oben genannten Maßnahmen dreimal eine Kapsel Medilac S®, die Kontrollpatienten keine zusätzliche Therapie. Die maximale Therapie- und Evaluationsdauer betrug 14 Tage. Sofern die Patienten diese Beatmungsdauer erreichten, wurde die Probiotikatherapie zu diesem Zeitpunkt beendet und der Endpunkt Beatmungspneumonie bewertet.

Primärer Endpunkt der Studie war das Auftreten von Beatmungspneumonien, die wie folgt definiert wurden: neue oder progrediente pulmonale Infiltrate auf dem Röntgenbild des Thorax, die mindestens 48 Stunden persistierten, Temperatur ≥höher als 38° C oder niedriger als ≤35,5° C, Leukozytose, Linksverschiebung, purulentes Trachealsekret und Ausschluss anderer pulmonaler Erkrankungen.

Bei allen Patienten mit klinischem Verdacht auf Beatmungspneumonie wurden semiquantitative Kulturen des Trachealsekrets durchgeführt. Bei mäßigem und starkem Erregerwachstum wurde die Pneumonie als mikrobiologisch bestätigt definiert. Sekundäre Endpunkte waren die Zahl der Beatmungstage, die Tage auf der Intensivstation, die Anzahl von Tagen unter Antibiotika mit der Indikation Beatmungspneumonie, sowie die Neuakquisition von potenziell pathogenen Erregern im Magensaft.

Ergebnisse: Nach Prüfung der Ein- und Ausschlusskriterien konnten 235 Patienten wurden in die Studie aufgenommen. Das mittlere Alter (Probiotikum- versus Kontrollgruppe) Mittel 50,2 versus 54,6 Jahre (p=0,527), der mittlere APACHE-Score lag bei 14,7 versus 16,6 Punkten (p=0,223). Es handelte sich sowohl um internistische als auch um chirurgische Patienten ohne signifikante Verteilungsunterschiede zwischen den Gruppen. Hauptindikation für Intubation und Beatmung waren respiratorische Erkrankungen (26,2% versus 33,3%), gefolgt von neurologischen Erkrankungen oder Traumafolgen (Unterschiede nicht signifikant). Fast alle Patienten erhielten eine Stressulcusprophylaxe mit Protonenpumpenhemmern (97,5% versus 99,1%, p=0,62).

Schlussfolgerung: Die präventive Probiotika-Applikation wurde ohne Nebenwirkungen vertragen und war mit einer signifikanten Reduktion der Rate mikrobiologisch bestätigter Beatmungspneumonien assoziiert.

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