• 15.05.2017
  • Praxis
Leiten einer Intensivstation

Zwischen Führen und Ertragen

Ein schwieriger Spagat Leitungen von Intensivstationen befinden sich in einer Sandwichposition zwischen den Erwartungen der Mitarbeiter und den Vorgaben des Arbeitgebers

PflegenIntensiv

Ausgabe 2/2017

Seite 46

Leiten einer Intensivstation Führungskräfte in der Intensivpflege sind fachlich wie menschlich gefordert. Sie benötigen umfassende betriebs- wirtschaftliche Kenntnisse, um die Erwartungen der Geschäftsführung zu erfüllen. Doch auch das Team benötigt einen kompetenten Ansprechpartner, der eine Kultur des vertrauensvollen Umgangs gewährleistet.

Der Bedarf intensivmedizinischer Behandlung in deutschen Krankenhäusern ist in den vergangenen Jahren zunehmend gewachsen. Steigende Fallzahlen intensivmedizinischer Versorgung und die Zunahme komplexer Therapien sind ein deutlicher Beleg dafür. Parallel zum steigenden Behandlungsbedarf in der Intensivmedizin hat sich in diesem Zeitraum ein Fachkräftemangel in der Pflege entwickelt, deren Folgen auch auf Intensivstationen spürbar sind. Aufgrund des Personalmangels werden Mitarbeiter anderer Berufsgruppen wie Medizinische Fachangestellte und Rettungsassistenten auf Intensivstationen eingesetzt. Diese Mitarbeiter übernehmen Aufgaben, die früher Pflegenden vorbehalten waren.

 

 

Führungsaufgaben nehmen zu

Vor diesem Hintergrund sind die Führungsaufgaben im klinischen Alltag sehr viel umfangreicher und komplexer geworden.

Arbeitgeber und Vorgesetzte stellen heute hohe Erwartungen an die Leitungskräfte einer Intensivstation oder eines Funktionsbereichs. Betriebswirtschaftliche Vorgaben sollen eingehalten, Führung und Verantwortung übernommen sowie Veränderungsprozesse und festgelegte Ziele umgesetzt werden.

Gleichzeitig sollen Leitungen von Intensivstationen eine Vorbildfunktion für das Team übernehmen, indem sie wertschätzend kommunizieren, ihre Mitarbeiter motivieren sowie gleichzeitig Entscheidungskraft und Durchsetzungsvermögen unter Beweis stellen.

Seit einigen Jahren sind auf Intensivstationen erhebliche strukturelle Veränderungsprozesse im Sinne von Zentrenbildung, Vergrößerung der Kapazitäten und einem immer schnelleren „Durchlauf“ schwerstkranker Patienten zu beobachten. Leistungserbringung unter größtmöglicher Qualität sowie adäquatem Einsatz personeller und sachlicher Ressourcen rücken neben der Gestaltung effizienter Arbeitsabläufe in den Vordergrund. All das muss von Stationsleitungen „gemanagt“ werden.

Für viele Stationsleitungen ist die Übernahme von Führungsverantwortung ein wichtiger Schritt in ihrer beruflichen Entwicklung, der zu Beginn mit positiven Erwartungen verbunden ist. Die Belastungen und Verluste, die mit der Übernahme der neuen Rolle einhergehen, werden zumeist erst in der praktischen Arbeit erlebt. Das kann zu Unsicherheit, Stress und zum Gedanken führen, ob die Entscheidung überhaupt die richtige war.

Besonders problematisch wird die Beförderung zum „Stationsleiter“ und Chef eines Teams dann erlebt, wenn man zuvor Mitglied des Teams war. Der Rollenwechsel stellt für viele frisch gebackene Führungskräfte eine besondere Herausforderung dar. Rollenkonflikte sind vorprogrammiert, wenn die neue Leitung gleichzeitig als „normales“ Teammitglied integriert sein möchte und trotzdem die neuen Aufgaben kompetent mit entsprechender Autorität erledigen will. Wer möchte nicht weiterhin im Team akzeptiert und sich als dazugehörig empfinden – trotz neuer Rolle?

Ein schwieriger Spagat

Aber auch die Geschäftsführung hat Erwartungen in Form von konsequenter Einhaltung des vorhandenen Budgets – insbesondere in Bezug auf den Personaleinsatz. Die Leitungen sollen mit dem – teilweise nicht mehr verfügbaren – Pflegepersonal dafür Sorge tragen, dass die Versorgungsqualität gewährleistet ist und kein Patient zu Schaden kommt. Sie sind für eine im rechtlichen Rahmen bleibende Dienstplangestaltung verantwortlich und müssen gleichzeitig die Wünsche und Forderungen von Mitarbeitern berücksichtigen und beides in Einklang bringen.

Neben den eigenen Mitarbeitern treten auch die Patienten auf der Intensivstation und deren Angehörige sowie die Ärzte mit ihren Erwartungen an die Stationsleitungen heran. Bei sich anbahnenden und bestehenden Konflikten werden sie als „Vermittler“ angefragt und sollen sich möglichst „neutral“ verhalten und möglichst allen Beteiligten gerecht werden.

Zudem befinden sie sich häufig in einer „Sandwichposition“ zwischen den Erwartungen von Mitarbeitern einerseits und Zielen des Arbeitgebers andererseits – ein auf den ersten Blick kaum zu schaffender Spagat. Dabei ist die Person der Stationsleitung ein wesentlicher Erfolgsfaktor für das Klima einer Intensivstation. Mit ihrer Erscheinung prägt sie die Atmosphäre und Kultur einer Station und trägt entscheidend dazu bei, ob Mitarbeiter sich wohlfühlen und der Station treu bleiben.

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