Aller Anfang ist schwer. Dieses Sprichwort bewahrheitet sich besonders in der Anästhesie. Schon kleine Fehler können über Leben und Tod entscheiden – eine kontinuierlich hohe Leistung der Mitarbeiter ist essentiell. Die Anleitung neuer Kollegen muss daher hochprofessionell erfolgen.
Anästhesiologische Abteilungen gehören zu den sogenannten High-Reliability-Organisationen, kurz HRO. Die komplexen Anforderungen stellen die Beschäftigten vor noch größere Aufgaben, als dies Klinikmitarbeitern ohnehin schon abverlangt wird (Jordan 2008).
Der Grund: In HRO können schon kleinste Fehler zu großen, nicht absehbaren Ereignissen führen – vergleichbar mit fehlerhaften Geschehnissen in einem Atomkraftwerk oder einem atomaren Flugzeugträger (Jordan 2008). Eine gleichbleibend hohe Leistung der Mitarbeiter ist daher essentiell, denn sie entscheidet über Leben und Tod. Mitarbeiter in Funktionsbereichen sind somit einem kontinuierlich hohen Stressniveau ausgesetzt; sie erbringen in jeder Sekunde fachliche Höchstleistungen. Hinzu kommt, dass in den HRO auch die Rotation der Mitarbeiter eine große Rolle spielt, was neue Mitarbeiter und Praxisanleiter vor noch größere Herausforderungen stellt.
Jede Klinik geht eigenen Weg
Noch vor einigen Jahren war es undenkbar, direkt nach dem Pflegeexamen in einem Funktionsbereich wie der Anästhesie zu arbeiten. Erst einmal auf der Normalpflegestation den Berufsalltag kennenlernen, Abläufe koordinieren und die eigene Selbstorganisation schärfen – so lautete das Motto. Das sogenannte vierte Ausbildungsjahr begann.
Heute sieht die Realität anders aus: Demografischer Wandel, Kostendruck, Multimorbidität und Personalmix zwingen dazu, Berufsanfänger auch für Funktionsbereiche schnell „fit“ zu machen. Dies ist auch möglich – es kommt nur auf die richtige Einarbeitung an.
Neue Kollegen in der Anästhesie benötigen aufgrund der Vielfalt des Fachbereichs eine empathische, strukturierte und kontinuierliche Begleitung. Dies stellt Praxisanleiter vor besondere Anforderungen. Zudem ist eine individuelle Herangehensweise unabdingbar.
Dies ergibt sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass neue pflegerische Mitarbeiter, die ihre Tätigkeit in der Anästhesie beginnen, über unterschiedliche Qualifikationen und Ausbildungen verfügen – angefangen beim klassischen Gesundheits- und Krankenpfleger über Anästhesietechnische Assistenten (ATA) und Pflegende mit Fachweiterbildung bis hin zu Pflegenden mit Studium.
Welche gesetzlichen Anforderungen werden an Praxisanleiter gestellt? Die Verantwortung über die praktische Ausbildung obliegt dem Bildungsträger. Dies legen die Gesetze der Gesundheits- und Kranken- sowie der Altenpflege eindeutig fest. So regelt die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Berufe der Krankenpflege, dass Auszubildende nur in Einsatzgebieten mit einer ausreichenden Anzahl von Anleitern eingesetzt werden dürfen (Quernheim/Keller 2013).
Das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz regelt ebenfalls, dass nur dreijährig ausgebildete Pflegende befähigt sind, Schüler in der praktischen Ausbildung anzuleiten. Weitere Angaben – zum Beispiel hinsichtlich einer bestimmten Zahl von Praxisanleitern – fehlen leider.
Wenn dies selbst in der grundständigen Ausbildung nicht definiert ist, ist es für die Anästhesie, den OP und die Intensivstation umso schwieriger, ein angemessenes Verhältnis von Praxisanleitern zu Schülern und neuen Mitarbeitern festzulegen (Quernheim/Keller 2013). Das Positionspapier der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft fordert, dass der Soll-Umfang der praktischen Anleitungstätigkeit mindestens zehn Prozent betragen soll (Quernheim/Keller 2013). Der Entwurf einer neuen generalistischen Pflegeaus- bildung sieht vor, dass Auszubildende künftig ein Anrecht auf Praxisanleitung haben.
Für die Praxisanleitung in der Anästhesiepflege gibt es bislang also nur vage Empfehlungen. Normative Verbindlichkeiten, die auf einer gesetzlichen Grundlage basieren, fehlen bislang (Quernheim/Keller 2013). Dies führt dazu, dass jede Klinik ihren eigenen Weg geht und es keine einheitlichen Standards gibt, die eingehalten werden müssen und auf die Anfänger in der Anästhesie ein Anrecht haben. Unklar ist zudem, welche inhalt- lichen Anforderungen an die Praxisanleitung in der Anästhesiepflege gestellt werden müssen.
Vielfältige Aufgaben
Wenn Pflegende anderer Fachbereiche an die Anästhesie denken, haben viele die Vorstellung, dass nur von Montag bis Freitag gearbeitet wird sowie dass die Kollegen am Wochenende und an Feiertagen stets frei haben. Doch der Schein trügt. Es müssen Regel- und Bereitschaftsdienste geleistet werden; Anästhesiepflegende stehen von der einen auf die andere Sekunde vor schwierigen Aufgaben. Folgende inhaltliche Aspekte sollten bei der Praxisanleitung in der Anästhesiepflege vermittelt werden:
- Verhalten im Hochrisikobereich,
- Arbeiten im interdisziplinären Team,
- Arbeiten in Extremsituationen,
- Patientensicherheit und kommunikatives Verhalten.
Gerade in speziellen Arbeitsbereichen wie der Anästhesie ist der Praxisanleiter gefordert, die Sinne zu schärfen, um den Anzuleitenden genau dort abzuholen, wo er noch „laufen lernen“ muss. Daraus ergeben sich für den Praxisanleiter vielfältige Aufgaben, die zu der Entwicklung einer professionellen Haltung führen sollen:
- Er gestaltet eine professionelle Beziehung zum Lernenden und integriert diesen in das Team.
- Er begleitet und berät den neuen Kollegen während des gesamten Lernprozesses.
- Er vermittelt konkrete, fachgebietsbezogene, pflegepraktische Fähigkeiten – sogenannte Nursing Practical Skills.
- Er unterstützt den Lernenden in seiner kommunikativen Kompetenz.
- Er kontrolliert und evaluiert Lernziele (Dummert 2012).
Praxisanleiter als Leader
Sprechen wir von Leadership, denken wir häufig lediglich an Management und Personalführung. Und doch hat auch Praxisanleitung viel mit Leadership zu tun. Praxisanleiter fungieren wie Manager – sie begleiten, führen, schulen und evaluieren. Ähnlich wie ein Geschäftsführer einer großen Firma. Im Fokus des Geschehens steht immer der Praxisanleiter mit seinen Kompetenzen (Dummert 2012).
Vorbilder sind für die Praxis essentiell. Dieses sollten sich Praxisanleiter immer wieder klar machen. Was jedoch auch wichtig ist: Sicher ist Fachlichkeit ein wichtiger Schlüssel, wenn es darum geht, Berufsanfänger für die Praxis „fit“ zu machen. Doch jede berufliche Qualifikation bedarf einer zugewandten, individuellen Anleitung. Pflegende dürfen nicht vergessen, dass sie sich mit Herz und Verstand tagtäglich der beruflichen Praxis stellen. Sie vermitteln Visionen und sollten gute Vorbilder sein. Sie schaffen Vertrauen als Fundament des Lernens, sie wertschätzen jeden, motivieren und ermutigen. Somit erweitern sie täglich das pädagogische Geschick des Praxisanleiters (Dummert 2012).
Dummert, A. (2012): Begleiter mit Führungskompetenz. Padua 7 (3): 116–121
Jordan, S.; Brauner, E. (2008): Rotation in der Anästhesiepflege – Eine Analyse der Wirkung auf Wissens – und Lernprozesse. Pflege 21: 114–124
Quernheim, G. (2014): Vergütung für Praxisanleiter. Padua 9 (2), 98–102
Queroheim, H.; Keller, Chr. (2013): Zur Situation der praktischen Pflegeausbildung – Teil 1. Padua 8 (5): 291–295