Sich früh am Morgen einen Überblick über die Situation machen und anschließend für Mitarbeiter mit Rat und Tat zur Seite stehen – mit dem Projekt „Morgendliche Pflegevisite“ hat Robert Blase, Leiter der chirurgisch-anästhesiologischen Intensivstation des Universitätsklinikums Frankfurt am Main, einen guten Riecher bewiesen. Wir sprachen mit ihm über die Hintergründe.
Herr Blase, seit vier Jahren führen Sie auf Ihrer Intensivstation eine morgendliche Pflegevisite durch. Wie ist es dazu gekommen?
Die Entstehung der morgendlichen Pflegevisite war eher aus der Not heraus geboren worden. Wir hatten 2012 einige Neueinstellungen von unerfahrenen und frisch examinierten Pflegenden, zugleich wechselte der leitende Oberarzt. Dies hatte zahlreiche Veränderungen und Neuregelungen von Arbeitsabläufen zur Folge. Um einen optimalen Kenntnisstand aller Mitarbeiter zu gewährleisten, führte ich eine morgendliche Pflegevisite ein. Ein wichtiges Ziel war dabei, die neuen Kollegen zu motivieren. Denn ein Berufsanfänger benötigt Unterstützung und Begleitung, um in einem komplexen Arbeitsfeld wie der Intensivpflege gut zurechtzukommen.
Wie kann man sich die Visiten vorstellen?
Die Pflegevisite beginnt um 5 Uhr, also noch im Nachtdienst. Zunächst bespreche ich mich mit der Schichtleitung des Nachtdienstes bezüglich Besonderheiten und Auffälligkeiten ab. Dies dient der Gesamtorientierung. Dann mache ich eine stichpunktartige Kurvenvisite, schaue mir die MRE- Bögen an und lese mir die Pflegeberichte bezüglich des nächtlichen Schlafverhaltens durch.
Die Visite beschränkt sich demnach auf Besprechungen mit Kollegen und der Begutachtung der Dokumentation?
Nein, ich schaue mir bettseitig alle neu aufgenommenen und auch kritischen Patienten an. Dann bespreche ich die Aufnahmeindikationen und spezifischen Probleme mit den betreuenden Pflegepersonen. Hierbei erfolgt dann schon eine Beratung und Hilfestellung meinerseits, falls dies erforderlich ist.
Wird dies von den Mitarbeitern gerne in Anspruch genommen?
Ja, wobei ich mich bei den Visiten auf die neuen und unerfahrenen Mitarbeiter konzentriere. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es für diese Kollegen sehr hilfreich ist, die pflegerischen Probleme gemeinsam zu erfassen, Phänomene zu beleuchten und gemeinsam Strategien zu entwickeln. Ich mache dabei Vorschläge, stehe den Pflegenden also beratend zur Seite. Die Festlegung von Zielen und Vorgehensweisen erfolgt immer im gegenseitigen Konsens.
Warum beginnt die Visite, wenn die Pflegenden des Frühdiensts noch nicht auf der Station sind?
Das hat zum einen organisatorische Gründe. Im Anschluss an die Pflegevisite, die in der Regel um halb sieben abgeschlossen ist, begleite ich die chirurgischen und anästhesiologischen Visiten – das würde ich sonst zeitlich gar nicht schaffen. Zudem ermöglicht der frühe Beginn der Visite, mir schnell ein Bild der Lage zu verschaffen: veränderungswürdige Verfahren und Ungereimtheiten in der Dokumentation können so früh erkannt und beseitigt werden. Zudem werden pflegerische Tagesziele früh definiert, sodass der Frühdienst diese wesentlich besser in seinen Tagesablauf einbauen kann. Auch reduzieren sich Schnittstellenprobleme, da ich bereits morgens entsprechend agieren kann. Alles in allem kann ich also sagen, dass sich das 2012 eingeführte Projekt bewährt hat.
Folgen die anderen Intensivstationen des Universitätsklinikums Frankfurt am Main Ihrem Vorbild?
Es dauert bekanntlich eine gewisse Zeit, um Strukturen zu verändern. Die anderen Intensivstationen führen derzeit noch keine morgendlichen Pflegevisiten durch, haben dies aber teilweise in der Planung.