• Pflegeimpuls
Infektionsprävention

Hygiene: Risiken erkennen, Sicherheit erhöhen

Konsequente Hygiene ist zentral für die Patientensicherheit. Warum Händehygiene oft scheitert, wo Risiken lauern und welche Maßnahmen Pflegende wirklich entlasten.

Mit einem kleinen Satz springt Elena Dorn vor ihre Kolleginnen und Kollegen, reißt ihren Arztkittel auf, lässt darunter blicken. Erntet Erstaunen und Entsetzen – alles nur gespielt natürlich. Ein paar Clips später klärt sie auch den Zuschauer auf, was sie da entblößt hat: einen angehefteten Zettel mit der Aufschrift: "Die 5 Indikationen der Händedesinfektion".

Dorn ist Oberärztin im Institut für Hygiene und Umweltmedizin (IHU) beim kommunalen Berliner Klinikkonzern Vivantes. Mit humorigen Videos und Posts will sie auf dem Instagramkanal viva_hygiene "Hygiene nahbar machen", wie sie sagt, und über Hygienemaßnahmen aufklären. Die fünf Indikationen – oder Momente – der Händedesinfektion, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert wurden, gehören definitiv dazu. Jede vergessene Händedesinfektion sei ein Risiko, sagt Dorn.

Händehygiene: Das rät die WHO

Hände müssen regelmäßig desinfiziert werden. Doch wie und wann? Am leichtesten lassen sich die einzelnen Punkte anhand dieser entscheidenden Patientensituationen merken – so rät es das Konzept der WHO:

  • vor Patientenkontakt
  • vor einer aseptischen Tätigkeit
  • nach Kontakt mit potenziell infektiösem Material
  • nach Patientenkontakt
  • nach Kontakt mit der unmittelbaren Patientenumgebung

Trotz Regeln: Händehygiene ungenügend

Auch die KRINKO, die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim Robert Koch-Institut (RKI), empfiehlt die regelmäßige Desinfektion der Hände, formuliert ihre Vorgaben für die Versorgungspraxis aber noch umfassender: Das Gremium stützt sich auf das Infektions­schutz­gesetz (IfSG, genauer: den § 23 Abs. 1) und leitet daraus Verhaltensmaßnahmen für Ärzteschaft sowie Pflegepersonal ab (siehe Kasten "Basishygiene").

Von den Regeln dürfte jede Pflegekraft schon einmal gehört haben, zählt Infektionsprävention doch zu den examensrelevanten Bestandteilen der Pflegeausbildung. Doch sie konsequent anzuwenden bleibt anspruchsvoll, wie Beobachtungsdaten des Nationalen Referenzzentrums für Surveillance von nosokomialen Infektionen zeigen: 2024 lag etwa die Händehygiene-Compliance in Funktionsbereichen deutscher Krankenhäuser unter Pflegenden bei 73 Prozent, insgesamt sogar nur bei 70 Prozent.

Woran das liegt? Da sind vor allem der Zeitdruck, häufige Unterbrechungen der Arbeit und natürlich das hohe Arbeitspensum, das sich auf wenige Pflegekräfte verteilt. "Der Personalmangel ist tatsächlich ein Problem – auch mit Blick auf die Hygiene", sagt Elena Dorn im Podcast Tatort Pflege

Die Keime lauern auf Smartphones

Da wird in der Hektik schnell mal eine Kladde aufs Patientenbett gelegt, wird vor Schichtbeginn vergessen, das Freundschaftsbändchen abzulegen oder das private Handy auf Station genutzt – ohne vorherige Desinfektion. Hygieneforscher aus Leipzig hatten 2022 in einer Studie herausgefunden, dass 293 von 295 zufällig ausgewählten Smartphones von Stationsärztinnen, -ärzten und Pflegekräften bakteriell kontaminiert sind. Knapp 40 Prozent der auf den Bildschirmen nachgewiesenen Erreger waren laut Analyse klinisch relevant; es fanden sich etwa Staphylococcus aureus, Enterokokken, Enterobakterien und andere gramnegative Keime. Selbst multiresistente Keime konnten – wenn auch nur mit einem Anteil von zwei Prozent – ausgemacht werden.

Risiko nosokomiale Infektionen

Für den Schutz der Patientinnen und Patienten ist das hochrelevant: Nosokomiale Infektionen – also Infektionen, die Menschen im Krankenhaus erwerben – gehören zu den häufigsten unerwünschten Ereignissen im Gesundheitssystem. In Deutschland erkranken jährlich schätzungsweise 400.000 bis 600.000 Menschen daran, mehrere Tausend sterben. Ein erheblicher Teil dieser Infektionen gilt durch konsequente Hygienemaßnahmen als vermeidbar.

Was das RKI als Verhaltensmaßnahmen für die Basishygiene empfiehlt

Das RKI bezeichnet die Umsetzung der Basishygiene in Kliniken als Grundpfeiler zur Prävention nosokomialer Infektionen. Darauf kommt es besonders an:

  • konsequente Händehygiene
  • Husten- und Niesetikette (in die Armbeuge niesen)
  • im Kontakt mit Patientinnen und Patienten keinen Arm- oder Händeschmuck tragen, auf künstliche Fingernägel verzichten
  • sachgerechter Einsatz persönlicher Schutzausrüstung
  • sichere Abläufe bei Kontakt mit potenziell infektiösem Material
  • patientennahe Flächen und häufig berührte Gegenstände im Blick behalten
  • situationsgerechte Reinigung, Desinfektion und Aufbereitung von Materialien

Erregerschleuder Einmalhandschuhe

Nicht nur private Geräte, auch vermeintliche Schutzmittel können im Pflegealltag zum Hygienerisiko werden. Hartnäckig hält sich etwa die Annahme, das Tragen von Einmalhandschuhen böte automatisch Sicherheit – auch für Patientinnen und Patienten. Doch das ist ein Trugschluss.

Hygieneexperte Ojan Assadian, Leiter des Zentrums für Infektionsmedizin (ZIM) am Universitätsklinikum Wiener Neustadt/Hochegg, warnt vor allem vor Keimverschleppung: "Problematisch wird es, wenn die Handschuhe ohne indikationsgerechten Wechsel über mehrere Tätigkeiten hinweg getragen werden", so der Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie und frühere Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Dann also, wenn die Handschuhe – zwar bewusst und korrekt – angezogen werden, um eine Patientin, einen Patienten in einer Risikosituation zu versorgen, später damit aber über Station gelaufen wird, Türklinken angefasst werden, sogar die nächste Patientin oder der nächste Patient damit berührt wird.

"Handschuhe vermitteln oft ein Gefühl von Sicherheit", so Assadian. "Hygienische Sicherheit entsteht aber nicht durch Latex oder Nitril, sondern durch konsequente Händehygiene." Darauf weist auch das RKI immer wieder hin. Erst 2024 stellte das Institut noch einmal klar, dass medizinische Einmalhandschuhe die Desinfektion der Hände nicht ersetzen.

Außerdem, ergänzt Assadian, könne es beim nicht-fachgerechten Ausziehen der Handschuhe leicht zur Rekontamination kommen: "Es besteht das Risiko, Mikroorganismen von der Handschuhoberfläche auf Hände, Handgelenk oder Kleidung zu übertragen." Hier könnten jedoch Übung und Schulungen helfen.

Wie lässt sich Hygiene sichern oder verbessern?

Schulungen seien ohnehin ein probates Instrument, um unter Pflegekräften das Bewusstsein für Hygiene zu schärfen, so Elena Dorn. Sicher könne man auch mit organisatorischen Mitteln versuchen, dem Personalmangel etwas entgegenzusetzen und Hygienerisiken zu senken, etwa indem Kliniken im Bedarfsfall Reinigungspersonal von Büroräumen abziehen und in patientennahen Bereichen einsetzen, wie sie im Podcast anregt.

Doch um Hygiene gezielt zu verbessern, bieten sich vor allem Kurse an – und Aufklärung. Gern mit kreativen Mitteln: Ein Team des Vivantes-IHU hat beispielsweise in einem Experiment einen Ring und eine Uhr in ein Nährmedium gelegt, um später anhand von Fotos zu demonstrieren, wie viele Erreger an körpernahem Schmuck wachsen können. Das Düsseldorfer Uniklinikum hat 2024 im Rahmen eines Hygienetags einen "Room of Errors" nach Art eines spielerischen Escape-Rooms eingerichtet: In einem speziellen Patientensetting waren verschiedene typische Hygienefehler versteckt; Mitarbeitende hatten 40 Minuten Zeit, sie zu finden. Und weil auch die Düsseldorfer vom Infektionsrisiko durch nachlässigen Umgang mit medizinischen Handschuhen wissen, veranstalteten sie ein Handschuhtraining mit UV-Licht. Ergebnis: "Viele Mitarbeiter waren erstaunt, wie schnell eine unbeabsichtigte Kontamination entstehen kann und wie wichtig eine anschließende Händedesinfektion ist", so das Klinikum.

Hygienewissen auffrischen: Informationen, Material und Schulungen

Wichtiges Bindeglied: Hygienebeauftragte

Noch wirksamer ist es aus Elena Dorns Sicht, in Pflegeteams Hygienebeauftragte zu benennen, die als Bindeglied zwischen Team und Hygienefachpersonal fungieren. Entscheidend ist allerdings, dass sie dafür auch Zeit bekommen. Die KRINKO verlangt inzwischen, den Umfang der Freistellung von Pflegenden für diese Aufgabe schriftlich festzuhalten. Erst dann könnten die Beauftragten umfassend wirken: Hygienepläne erklären, Fragen beantworten, auf Nachlässigkeiten hinweisen, Standards im Pflegealltag präsent halten.

Und vielleicht kommt der eine oder andere auch auf die Idee, mit Kittel und Schild um den Hals über die Station zu ziehen und das Kollegium zu erschrecken. Die fünf Indikationen der Händedesinfektionen jedenfalls stehen hier – grafisch aufbereitet – zum Download bereit.

 

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