• Praxis
Schmerzmanagement in der Praxis

„Schmerztherapie lag mir schon immer am Herzen"

Raimond Ehrentraut wurde 2012 als erste Pflegefachperson in Deutschland mit dem Preis „Pain Nurse des Jahres" ausgezeichnet. Der 52-Jährige ist als Schmerzmanager im St. Joseph-Stift Bremen tätig. Auf Station24 berichtet er exklusiv über seinen abwechslungsreichen Arbeitsalltag und die Kunst, in einem Krankenhaus ein professionelles Schmerzmanagement aufzubauen.

Alles begann mit einer Frage meiner damaligen Stationsleitung Ende 2003. Zu dieser Zeit war ich im St. Joseph-Stift in Bremen, einem katholischen Krankenhaus der Grundversorgung mit 482 Betten, auf der operativen Intensivstation aus familiären Gründen ausschließlich im Nachtdienst tätig. Eines Morgens nahm mich meine damalige pflegerische Leitung, Schwester Barbara, an die Seite und fragte mich, ob ich es mir vorstellen könnte, einen Schmerzdienst aufzubauen. Dafür würde mir eine halbe Stelle zur Verfügung gestellt werden.

Die Anfrage kam unverhofft und überraschend. Zu diesem Zeitpunkt, viele Jahre im Nachtdienst im Funktionsbereich und fachlich in der Routine steckend, hatte ich mich mit beruflichen Veränderungen weder beschäftigt noch eine berufliche Weiterentwicklung angestrebt. Dennoch bestätigte ich Schwester Barbara ohne zu Zögern, dass ich mir es sehr gut vorstellen könnte, diesen speziellen und ungewöhnlichen Auftrag zu erfüllen.

Alles war neu

Schmerztherapie lag mir bei meiner täglichen Pflegearbeit schon immer am Herzen. Insofern musste ich nicht erst davon überzeugt zu werden, wie wichtig eine adäquate, patientenorientierte Schmerztherapie sei und dass es sinnvoll wäre, diese in unserem Haus zu etablieren.

Auslöser der Anfrage waren Überlegungen des Chefarztes der Anästhesie und des neu ins Haus gekommenen Chefarztes der Chirurgie. Beide hatten in ihren vorherigen Häusern bereits Erfahrungen mit Akutschmerzdiensten und teilweise auch mit Schmerzkonzepten gesammelt und wollten diese guten Erfahrungen nun im St. Joseph-Stift umsetzen. Darauf basierend sollte zunächst einmal ein Akutschmerzdienst eingerichtet werden, um insbesondere die Regionalanästhesie voran zu bringen und parallel dazu die allgemeine postoperative Schmerztherapie systematisiert werden.

Von Anfang an sollte die Hauptarbeit und die damit auch die Übernahme der täglichen Schmerzvisiten überwiegend bei der Pflege liegen. Nachdem ich den Zuschlag für diese reizvolle Aufgabe bekommen hatte, begann ich mit dem damaligen „schmerzerfahrenen" leitenden Oberarzt, Dr. Brummerloh, die postoperative Akutschmerztherapie mit all ihren Belangen zu organisieren. Gemeinsam verfassten wir die nötigen Standards und Dokumentationen, testeten Schmerzpumpen und schulten initial die ärztlichen und pflegerischen Mitarbeiter in den operativen Bereichen.

Alles war irgendwie neu und man konnte demzufolge auf keine internen Erfahrungen zurückgreifen. Wir waren quasi medizinische Pioniere im eigenen Haus und, so wurde mir schnell klar, auf das Mitmachen der verschiedenen Fachabteilungen angewiesen. Interdisziplinarität und Interprofessionalität standen also schon ganz früh auf der „To-do- Liste".

Ich gebe zu, dass ich anfangs recht unsicher war, wie und mit welchen Methoden denn die Schmerztherapie auf Vordermann gebracht werden sollte. Die anfängliche Unsicherheit, die primär darauf beruhte, dass mir zunächst die spezielle Ausbildung und auch die Erfahrungen fehlten, verringerte sich erst durch Hospitationen in anderen Kliniken, die über gefestigte Strukturen und etablierte Schmerzdienste verfügten.

Diese Erfahrungen gaben nicht nur Sicherheit und Grundlage dafür, wie man selbst vorgehen könnte, sondern vermittelten überaus wertvolle Impulse, von denen wir noch heute profitieren. Ohne Schwester Sybille Zwackas und Dr. Meißners vom QUIPS-Projekt zur Qualitätssicherung der postoperativen Schmerztherapie, das an der Uniklinik Jena entwickelt wurde, würden wir mit unseren gut gemeinten Optimierungsversuchen der postoperativen Schmerztherapie immer wieder „im Nebel stehen". Die Erkenntnisse, die wir unmittelbar über das Instrument einer kontinuierlichen Patientenbefragung erhalten, helfen sehr gut dabei, patienten- und praxisnahe medikamentöse und nichtmedikamentöse Vorgehensweisen zu finden, zu bewerten und bei Bedarf wieder neu anzupassen.

Ohne den „Hospitations-Input" der herausragend gut organisierten und fachlich top aufgestellten Akutschmerzabteilung der Uniklinik Münster hätten mir wesentliche Erkenntnisse im Umgang mit der Regionalanästhesie und den Akutschmerzvisiten gefehlt. Namentlich ist hier insbesondere Ruth Boche zu nennen, eine pflegerische Schmerzspezialistin der ersten Stunde und damit auch eine erfahrene „Lehrerin".
Es fiel mir schon früh auf, dass es weder eine einheitliche Weiterbildung, noch eine einheitliche Berufsbezeichnung für Schmerzspezialisten aus der Pflege gab – ein Manko, der meinen damaligen leitenden Oberarzt dazu veranlasste, mich „Pain Nurserich" zu nennen, da ich ja nun mal männlichen Geschlechts sei.

Um fachlich voranzukommen, entschied ich mich für die Weiterbildung zur „Pain Nurse (cekib)", die ich im Jahr 2005 per Fernlehrgang mit abschließenden Präsenztagen absolvierte. 2011 absolvierte ich das darauf aufbauende Curriculum „Pain Nurse plus". Bei diesen Weiterbildungen wurde fundiertes Basiswissen vermittelt, leider aber wenig Rüstzeug für den Alltag in der Klinik, also Methoden und Vorgehensweisen zum Schmerzmanagement.

Hier halfen mir sehr die Hospitationen, aber auch der Erfahrungsaustausch mit anderen Kollegen und Kolleginnen bei diversen Fortbildungen, Kongressen und Treffen. Soviel zur Vorgeschichte, aber gerade die Anfänge der Schmerztherapie hatten nicht unerheblichen Einfluss auf die weitere Entwicklung und den derzeitigen Stand der Dinge.

Schmerzmanagement ist stetig gewachsen

Im Laufe der Jahre ist das Schmerzmanagement stetig gewachsen und so ist aus der halben Stelle „Pain Nurserich" mittlerweile ein pflegerisch-ärztliches Team entstanden, das sich als Motor der Schmerztherapie versteht, der alle Bereiche in der Klinik mit Fachwissen und besonderen Methoden der Schmerztherapie, z.B. der Regionalanästhesie, versorgt und die Mitarbeiter vor Ort unterstützt.

Zwei Pain Nurses, ein Schmerztherapeut und ein Schmerzmanager sind Bestandteil des Kernteams, das innerhalb der Anästhesie verortet ist. Die Position des Schmerzmanagers, die ich offiziell seit dem Frühjahr 2013 – inoffiziell seit 2004 – bekleide, beinhaltet neben dem Schmerzmanagement zu einem Teil die Tätigkeit im Akutschmerzdienst.

In den vergangenen Jahren ist es aber auch gelungen, nach und nach mit der Hilfe von sogenannten Schmerzbeauftragten (Mentoren) eine Art „Betriebsphilosophie gegen den Schmerz" zu entwickeln, denn allein einen gut funktionierenden Akutschmerzdienst (ASD) zu betreiben, ist definitiv nicht ausreichend. Man erreicht maximal sechs bis zehn Prozent der zumeist operierten Patienten mit einem ASD, aber auch die Mehrheit der Patienten will gut schmerztherapiert sein.

Tagesablauf und Organisation des Schmerzdienstes

Der Schmerzdienst, den wir seit geraumer Zeit nicht mehr Akutschmerzdienst nennen, weil wir zunehmend auch Patienten mit chronischen und tumorbedingten Schmerzen versorgen, ist im Aufwachraum angesiedelt. Dies ist ein guter Ort, gerade bezogen auf die perioperativen Abläufe und die Vernetzung mit der Anästhesieabteilung. Organisatorisch betrachtet ist der Schmerzdienst ein Teilbereich der Anästhesie.

Bei freier „Arztkapazität" wird die Pain Nurse von einem Anästhesisten unterstützt. Dies ist aber in den seltensten Fällen kalkulierbar. Die ärztlichen Einsatzzeiten in der Praxis schwanken und hängen von der Verrichtung anderer Tätigkeiten ab, die mit abgedeckt werden müssen. Der eingeteilte Anästhesist ist parallel für die sogenannte Mittagsablösung der Kollegen im OP zuständig, ebenso für die Entlassung ambulanter Patienten in der Tagesklinik und obendrein Unterstützer/in bei der Prämedikation. Diese Umstände begünstigen, dass die Schmerzvisite gewissermaßen eine Domäne der Pflege ist.

Ein ärztliches Backup ist aber unabhängig von der Personalsituation immer gewährleistet. Das Zusammenspiel zwischen Arzt und Pflege klappt zumeist sehr gut, auch wenn sich immer wieder neue Konstellationen gibt oder unvorhergesehene Dinge eintreten. Die ärztliche Leitung des Schmerzteams obliegt seit vielen Jahren unserem erfahrenen Anästhesisten und Schmerztherapeuten OA Dr. Leitner, der fachlich und menschlich in herausragender Art und Weise die Geschicke der Schmerztherapie maßgeblich prägt. Gemeinsam mit ihm verstehen wir uns als ein Team. Ein Team das sowohl mit der Anästhesie, als auch mit allen anderen Bereichen im Hause gut und harmonisch vernetzt ist.

Ein typischer Tagesablauf im Schmerzdienst beginnt um 8 Uhr mit der Entgegennahme des Bereitschaftsdienstes Anästhesie, der Aktualisierung der Schmerzpatientenliste am PC und dem Richten von Schmerzpumpen für die OPs. Parallel dazu erfolgt die Unterstützung im Aufwachraum und die Versorgung der Patienten.

Um 8.45 bis 12.30 Uhr erfolgt die Schmerzvisite, die in der Regel zwölf bis 20 Patienten umfasst. Danach werden abgebaute Schmerzpumpen gesäubert, die Material- und Apothekenbestellung durchgeführt und gegebenenfalls AWR-Mitarbeiter zur Mittagspause abgelöst.

Nach der eigenen Mittagspause erfolgt von 13.30 bis 15 Uhr die Assistenz bei der Anlage von prä- und postoperativen Schmerzkathetern. Danach ist der zweite Durchgang der Schmerzvisite angesetzt und von 16.15 bis 16.30 Uhr erfolgt die Übergabe an den ärztlichen Bereitschaftsdienst (Anästhesie).

Die Tätigkeit als Pain Nurse in unserem Schmerzdienst ist gekennzeichnet von einem hohen Maß an Flexibilität. Aufgrund der zunehmenden Arbeitsverdichtung sind wir z.B. im Kreißsaal für die Assistenz bei der Anlage von lumbalen Periduralkathetern mit zuständig.

Wir versorgen gemeinsam mit den Kollegen und Kolleginnen der Anästhesie Patienten im Aufwachraum, wenn unsere Hilfe benötigt wird. Das ist völlig selbstverständlich und geht Hand in Hand.

Die Schmerzvisite

Als schmerztherapeutisch tätige Pflegekraft trägt man ein hohes Maß an Verantwortung. Man trifft, nach Rücksprache mit dem verantwortlichen Arzt, relativ selbstständig Entscheidungen am Patienten und berät wiederum die Stationsärzte und Pflegekräfte vor Ort.

Während der Schmerzvisite werden medizinische Aspekte wie etwa die Schmerzstärke, etwaige Nebenwirkungen, die neurologischen Auswirkungen der Regionalanästhesie und Vitalparameter (Sauerstoffsättigung, Puls und RR) erfasst. Ebenso gehören das Beurteilen von Kathetereinstichstellen, der Wechsel von Verbänden und technische Aspekte dazu, wie das Wechseln von Reservoirs und das Überprüfen der Schmerzpumpe.

Wir beenden das Schmerztherapieverfahren wenn es an der Zeit ist, und sorgen dafür, dass die Analgesie – medikamentös und nicht-medikamentös – adäquat weiter geführt wird.

Zuwendung ist wesentlicher Bestandteil

Ein ganz wesentlicher Teil der Schmerzvisite besteht aber auch aus Zuwendung und Gesprächen. Das ist heutzutage fast schon ein Luxus, den sich Pain Nurses hin und wieder erlauben, denn Schmerz ist ein multidimensionales Geschehen und von daher sollte man die seelische und soziale Situation des Patienten wenn irgend möglich mit einbeziehen. Pain Nurses sind „Kümmerer", jedenfalls verstehen wir uns als solche. Wir kümmern uns neben der reinen Schmerzdiensttätigkeit durchaus auch um andere Belange, wenn diese „mit erledigt" werden können, z.B. Hilfestellung bei der Mobilisation, das Hinstellen oder Abräumen von Essentabletts oder Bettlaken geradeziehen. Ebenso unterstützen wir bei physiotherapeutischen Maßnahmen wie dem Anleiten bestimmter Atemtechniken.

Zwischen den Patientenbesuchen tauschen wir uns im Sinne einer patientenorientierten interdisziplinären und interprofessionellen Zusammenarbeit mit den am Versorgungs- und Behandlungsprozess beteiligten Mitarbeitern aus.

Beim Wechsel eines invasiven Schmerztherapieverfahrens, z. B. einer thorakalen Periduralanästhesie auf eine konventionelle Analgesie, sprechen wir Empfehlungen zur medikamentösen und nicht-medikamentösen Weiterbehandlung aus. Grundlage hierfür sind die allgemeinen und hausinternen Leitlinien zur Schmerztherapie.

Obendrein ist man auch Ansprechpartner für Patienten, die nicht auf unserer Liste stehen. Wir beraten, schulen, informieren, helfen und vermitteln wo wir können und dürfen. Und dürfen, dürfen wir als Fachexperten mittlerweile in der ganzen Klinik.

Waren wir in unseren Anfängen noch sehr stark auf die operativen Fächer fokussiert, so konnten wir uns in den letzten Jahren zunehmend mit den konservativen Bereichen vernetzen und eine gemeinsame, vertrauliche Basis entwickeln.

Seit etwa einem halben Jahr visitieren wir Pain Nurses zweimal die Woche unsere konservativen Stationen in der Geriatrie und Inneren Medizin, um bei der Therapie von „schwierigen Fällen" behilflich zu sein. Davon profitieren nicht nur die schmerzbelasteten Patienten, sondern auch Pflegende und insbesondere die jüngeren Stationsärzte, die durch Beratung an Erfahrung und Sicherheit gewinnen.

Dass qualifizierte Pflege durchaus Ärzte beraten kann, ist nicht unbedingt selbstverständlich, aber ein guter und richtiger Weg im Sinne einer ergebnisorientierten und wertschätzenden Zusammenarbeit. Hier trifft die Schmervisite quasi auf das Schmerzmanagement und zwar auf eines, das sich an den Bedürfnissen der Patienten und Mitarbeiter gleichermaßen orientiert.

Re-Zertifizierung der Schmerztherapie bewältigt

Heutzutage wird auch in der Pflege vieles, wie man sagt, „gemanagt" – basierend auf den Grundsätzen der Ganzheitlichkeit, immer das Ziel verfolgend, ergebnisorientierte Strukturen und fundierte Prozesse zu schaffen, deren Evidenz wissenschaftlich belegt ist. Auf diesem Prinzip sind letztlich alle vorhandenen und in Planung befindlichen Expertenstandards in der Pflege aufgebaut. Denn was nützen die besten Werkzeuge, wie beispielsweise Medikamente oder Therapieverfahren, all die hohen medizinischen Künste, wenn diese im klinischen Alltag nicht umgesetzt werden können. Planen, umsetzen und überprüfen – gemäß des Mottos „Plan – Do – Check – Act" – sind dabei notwendige Schritte, die Qualität schaffen und absichern.

Schmerzarbeit ist vielschichtig, genauso wie der Schmerz selbst. Schmerz ist allgegenwärtig, nicht nur bei Operationen und bestimmten Erkrankungen, sondern auch bei Mitarbeitern, im übertragenen Sinne. Es war und ist für mich eine Herausforderung den Expertenstandard Schmerz, adaptiert an unserer Verhältnisse und Möglichkeiten, umzusetzen.

Ein Problem dabei ist die „Polypragmasie" der Arbeit. Immer weniger Menschen haben immer mehr Arbeit zu schaffen. Ein Fakt, der insbesondere der Pflege sehr zusetzt. Denn die Zahnräder, die ineinander greifen sollen, werden immer öfter zu Hamsterrädern, in denen wir uns ungewollt wiederfinden.

Ohne Kommunikation mit allen beteiligten Mitarbeitern, bei den wichtigen Themen „am Ball bleiben" und ohne Diplomatie kommt man demzufolge nicht voran. Das durften wir insbesondere in den letzten Wochen und Tagen hautnah erfahren, denn es galt, die Re-Zertifizierung der Schmerztherapie (Certkom/painCert) zu bewältigen – eine aufwändige Zertifizierung, der wir uns im Sinne einer freiwilligen Selbstkontrolle erstmalig Ende 2012 unterzogen haben. Wir haben es auch dieses Mal geschafft, alle gemeinsam. Zum zweiten Mal wurde uns attestiert, dass wir über ein funktionierendes Gesamtkonzept der Schmerztherapie mit einem hohen Durchdringungsgrad verfügen. Schmerztherapie wird gelebt!

Dieser Erfolg steht am Ende von zehn Jahren Entwicklungsarbeit, mit Höhen und Tiefen. Das Schmerzmanagement wurde grundsätzlich nie von der pflegerischen und ärztlichen Leitung in Frage gestellt, gleichwohl aber die benötigten zeitlichen Ressourcen bzw. die erforderlichen Rahmenbedingungen. Voran gekommen sind wir dennoch, dank unserer Beharrlichkeit, Überzeugungskraft und Kompromissfähigkeit. Neben der stetigen Überprüfung und Anpassung von Standards, Leitlinien, Dokumenten und Arbeitsabläufen, spielt insbesondere das Thema innerbetriebliche Fortbildung eine entscheidende Rolle.

Wir haben Symposien und Ganztagsveranstaltungen durchgeführt und sind dann mehr und mehr dazu übergegangen, kürzere Schulungen, z.B. in Teamsitzungen oder nach einer Übergabe (Station) anzubieten. Hierbei wurden und werden im Grunde alle Facetten der Schmerztherapie vermittelt, von den Grundlagen (Physiologie, Medikamente, Schmerzerfassung) über spezielle Verfahren (Schmerzkatheter) bis hin zu ethischen und rechtlichen Thematiken.

Die erste „Impfung" erhält jeder neue Mitarbeiter bereits bei der allgemeinen Veranstaltung zur Einführung im Hause. Dort stellen Dr. Leitner und ich gemeinsam das St. Joseph-Stift Schmerzkonzept und unseren Leitspruch „Schmerz ist ein Notfall!" vor.

Im Laufe der Zeit war es mit Unterstützung der Klinikleitung möglich, für die Schmerztherapie eminent wichtige Strukturen aufzubauen:

  • Einen Arbeitskreis Schmerz mit pflegerischen und ärztlichen Schmerzbeauftragten (Multiplikatoren) aus allen Bereichen der Klinik, mit Psychologinnen, Hebammen, diagnostischem Personal und dem Pastor unter der Leitung von Dr. Leitner und mir. Hier werden viermal im Jahr Probleme erörtert und Verbesserungen erarbeitet. Die pflegerischen Schmerzbeauftragten wurden von mir selbst im Rahmen eines umfassenden internen Schmerzcurriculums ausgebildet.
  • Qualitätssicherung mit Befragungen: Von Anfang an war uns klar, dass die Veränderungen, wie z.B. neue Methoden, andere Medikamente, veränderte Arbeitsabläufe überprüft gehören. Wir haben von Zeit zu Zeit sowohl Mitarbeiter- als auch Patientenbefragungen durchgeführt, damit Klarheiten gewonnen und darauf basierend auch Veränderungen initiiert. Ein Beispiel: Bei der QUIPS-Befragung kam heraus, dass Patienten im Vergleich mit anderen Kliniken sehr häufig über Übelkeit und Erbrechen klagen. Daraufhin haben wir in unserem perioperativen Verordnungsbogen zur Schmerztherapie einen Abschnitt zur Therapie von Übelkeit eingebaut. Pflegefachkräfte können seitdem schnell und ohne dem Arzt „nachzurennen", selbständig die Therapie von Übelkeit durchführen.
  • Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Verfügbarkeit des betriebseigenen Wissens. Wir haben nach und nach ein praxisnahes Infotainment-System aufgebaut, um Mitarbeitern vor Ort den Zugang zu erleichtern. Das reicht vom kleinen, einlaminierten Kitteltaschenkompendium bis hin zum schmerztherapeutischen Leitfaden. Nur wenige Dokumente liegen ausgedruckt vor, das Gros befindet sich leicht erreichbar im Intranet und ist in der Regel leicht zu lesen, da alles auf das Wesentliche an Informationen reduziert. Hilfreich für die Mitarbeiter sind auch die Wandklapptafeln auf den Stationen, in denen beispielsweise Behandlungsschemata, Algorithmen und Pumpenbeschreibungen hinterlegt sind.
  • Zur Einführung einer besonderen Systematik zur Schmerzerfassung bei dementiell Erkrankten und/oder Desorientierten wurde und werden Schritt für Schritt die BESD (Beurteilung von Schmerzen bei Demenz) und die sogenannte STI (Serial Try Intervention) eingeführt, um dieser Klientel im klinischen Alltag besser gerecht zu werden und um Schmerz von Demenzsymptomen besser abgrenzen zu können.

Aussichten und Planungen

Nach der Zertifizierung ist vor der Zertifizierung – das ist zwar ein abgedroschener Spruch, der aber durchaus seine Gültigkeit hat. Das gut ausgefallene Re-Zertifizierungsergebnis muss analysiert und aufgearbeitet werden. Die eine oder andere Schwachstelle ist vorhanden, z.B. was die Schmerzausbildung junger Assistenzärzte in der Klinik anbelangt.

Weitere Vorhaben:

  • In der Neugeborenenabteilung soll ein Assessment zur Schmerzerfassung und Dokumentation eingeführt werden, nebst angepassten Arbeitsabläufen
  • Die in Ansätzen vorhandene Aromatherapie soll ausgeweitet werden
  • Mitarbeit am neuen Palliativkonzept
  • Entwicklung und Umsetzung einer Schmerzbefragung für die konservativen Stationen
  • Entwicklung eines perioperativen Anti-Schmerz-Begleitkonzepts für Erwachsene

Eigene Entwicklung

Wenn mir jemand vor zehn Jahren erzählt hätte, was bis dato alles tatsächlich passiert ist, wie ich arbeite und was ich tue, dann hätte ich denjenigen für verrückt erklärt. Ich kann schon behaupten, dass Schmerztherapie mein Leben, und damit meine ich nicht nur mein berufliches, verändert und positiv beeinflusst hat.

„Der Blick über den Tellerrand" fasst vieles von dem, was ich erfahren habe, treffend zusammen. Wenn man als Pain Nurse und Schmerzmanager aufbricht, die Krankenhauswelt zu verbessern, stellt man sehr schnell fest, dass immer wieder gilt, Grenzen und Vorbehalte, inklusive der eigenen, zu überwinden, Mitarbeiter aus den verschiedensten Fachgebieten und aller Professionen für das Thema Schmerztherapie zu gewinnen und für die Zusammenarbeit zu motivieren. Dieser Prozess hört im Grunde nie auf.

Das hausinterne Netzwerk wächst, gleichzeitig aber auch das externe Netzwerk. Über Fortbildungen und Kongresse lernt man Gleichgesinnte kennen, vertieft nicht nur sein eigenes Wissen, sondern auch die Kontakte und nimmt obendrein Impulse für die eigene Arbeit mit nach Hause. Mit den Jahren habe ich als Dozent, ob in der Krankenpflegeschule oder bei kleinen und großen Veranstaltungen rund um den Schmerz, eine Menge an Erfahrungen sammeln dürfen, die mich auch selbst immer ein kleines Stück voran gebracht haben.

Gesundheits- und berufspolitische politische Gedanken

In den letzten Jahren haben sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Krankenhäuser, bedingt durch ein völlig unausgegorenes, schieflastiges DRG-System und politische Daumenschrauben, immer weiter zugespitzt. Schmerztherapie ist ein essentielles Qualitätsmerkmal im Gesundheitssystem, welches leider zusehends den ungefilterten Regeln der freien Marktwirtschaft folgt. Und weil das so ist, hat dies in einer Vielzahl von Kliniken, entgegen dem Abwärtstrend, teilweise zu einer Verbesserung der Schmerztherapie geführt. Krankenhäuser stehen im Wettbewerb, positionieren sich, suchen nach Alleinstellungsmerkmalen und wollen Qualität zeigen. In dieses Anforderungsprofil passt Schmerztherapie recht gut rein.

Aber auch diese der Schmerztherapie in die Karten spielende Entwicklung kann auf Dauer nicht funktionieren, wenn es nicht bald zu einer Umkehr im gesamten System kommt. Die mühsam erarbeiteten Fortschritte, Leitlinien und Standards werden zur Makulatur, wenn die Pflege aufgrund der massiven Personaleinsparungen nicht einmal annähernd in der Lage ist, diese auch in die Praxis umzusetzen. Insofern reiht sich dann das Schmerzmanagement nahtlos in die Reihe der allgemeinen Pflegeprozesse ein, die schon deutlich eher ins Stocken geraten sind. Die medizinische Versorgung der Bevölkerung ist eine soziale Aufgabe und von hoher Bedeutung für den Erhalt einer Gesellschaft, von Werten wie Ethik, Moral und Verantwortung ganz zu schweigen.

Bei aller Widersprüchlichkeit und durchaus berechtigten Zukunftssorgen, sehe ich persönlich gerade in dem Feld Schmerztherapie eine große Chance für engagierte Pflegefachkräfte, gerade jetzt nicht stillzustehen und abzuwarten, sondern auch die Chancen zu nutzen, die sich auftun. Neben den bereits existierenden Weiterbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es mittelfristig zu einer gesetzlichen Weiterbildung zum pflegerischen Schmerztherapeuten kommen wird.

Vor etwa anderthalb Jahren hat, gefördert vom Schmerzmittelhersteller Mundipharma, ein Selbstfindung- und Organisationsprozess der schmerztherapeutisch tätigen Pflegekräfte und medizinischer Assistenzberufe begonnen. Nach diversen Treffen zum Teil langjährig engagierter Schmerzspezialisten aus allen Regionen Deutschlands ist es Ende letzten Jahres auf dem Schmerzkongress in Hamburg zur Gründung der Fachgruppe „Pflegeexperte Schmerz" unter dem Dach des DBfK gekommen. Das ist ein wahrer Meilenstein, der nach Jahren des Nebeneinanders verschiedener Fort- und Weiterbildungsrichtungen nunmehr die Chance bietet, zu einer einheitlichen Linie zu finden, Gemeinsamkeiten zu fördern und insgesamt besser in der Fachwelt und in der Bevölkerung wahrgenommen zu werden. Dabei habe ich mitgewirkt und möchte dieses auch weiterhin tun. Man darf gespannt sein, wohin und wie weit uns diese Entwicklung bringen wird.
 

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