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  • 05.04.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Komplementäre Pflege

Aromapflege in den Klinikalltag integrieren

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 12/2018

Seite 39

Der professionelle Einsatz ätherischer Öle in pflegerischen Handlungen führt nachweislich zu positiven Effekten, wie geringeren Schmerzen und mehr Wohlbefinden. Es ist jedoch schwierig und aufwendig, Aromapflege in den klinisch-pflegerischen Alltag systematisch zu integrieren. Die Universitätsmedizin Mannheim nimmt hier eine Vorreiterstellung ein.

Die Aromapflege ist eine abgewandelte Form der Aromatherapie, die sich auf die äußerliche Anwendung sowie auf eine bestimmte maximale Konzentration der eingesetzten ätherischen Öle begrenzt. Sie zählt zu den unkonventionellen, komplementären Pflegemaßnahmen. Ihre Beliebtheit spiegelt den allgemeinen in der Gesellschaft beobachtbaren Trend wider, Natur und Natürlichkeit wieder mehr Raum geben zu wollen (1).

Ziel der Aromapflege ist die „allgemeine Steigerung des Wohlbefindens und der Lebensqualität der Patienten und die daraus resultierenden positiven Eigenschaften, wie die Harmonisierung von Befindlichkeitsstörungen – Schlafstörungen, Ängste, Unruhezustände – mittels genuiner und authentischer, möglichst naturbelassener ätherischer Öle“ (1).

 

Aromatherapie und Aromapflege: Die Begriffe

  • Unter Aromapflege versteht man den „professionellen Einsatz von ätherischen Ölen im pflegerisch- klinischen Bereich, die gezielte Anwendung zu Hause und die Anwendung der Öle für Wellness“ (1). In zahlreichen Pflegeheimen, Hospizen, ambulanten Pflege- diensten und Krankenhäusern wird Aromapflege erfolgreich eingesetzt (2). Sie bereichert nicht nur das Pflegeangebot, sondern dient auch als Aushängeschild für den gesamten Betrieb.
  • Die Aromatherapie existiert bereits seit mehreren hundert Jahren. Trotz ihrer langen Tradition geriet sie im 18. und 19. Jahrhundert in Vergessenheit. Eine Renaissance erlebte sie Anfang des 20. Jahrhunderts. Der französische Chemiker und Parfümeur René-Maurice Gattefossé hatte daran einen maßgeblichen Anteil (1).

Gut mit allgemeinen Pflegemaßnahmen kombinierbar

Aromapflege kann mit tagtäglichen Pflegemaßnahmen wie der Körperpflege gut kombiniert werden. Es kommen dabei ätherische Öle zum Einsatz. Dies sind „hochkonzentrierte Gemische fettliebender (lipophiler), flüchtiger Verbindungen, die von Pflanzen gebildet werden. Ätherische Öle stammen aus einem botanisch definierten pflanzlichen Ausgangsmaterial und werden mittels Wasserdampfdestillation aus Pflanzenteilen (Blüte, Blatt, Zweige, Wurzel) gewonnen. Auch mechanische Verfahren ohne Erhitzung sind möglich, zum Beispiel Pressung bei Zitrusölen“ (3).

Es stehen Dutzende von ätherischen Ölen zur Verfügung. Die Auswahl orientiert sich an der Pflegeplanung, dem Pflegeproblem und der Pflegediagnose – sprich dem, was der Patient braucht bzw. sich wünscht. Ängste können mit der Aromapflege abgebaut werden, auch Unwohlsein und Schmerzen gehen häufig zurück. Aromapflege gibt den betreuenden Pflegenden die Möglichkeit, den Patienten individuell, persönlich und ganzheitlich zu betreuen (1).

Obwohl Aromapflege denkbar einfach umzusetzen ist, ist es schwierig und aufwändig, sie als pflegerisches Konzept systematisch den klinisch-pflegerischen Alltag und besonders in die Abläufe einer Station zu integrieren. In den meisten Einrichtungen erhält das Thema Aromapflege kaum Priorität, weil Zeitdruck und Personalmangel an der Tagesordnung stehen. Zudem gibt es viele „Gegner“ der Aromapflege, was jedoch meistens auf Unwissen zurückzuführen ist. Entgegen der weitläufigen Meinung belegen zahlreiche Studien die positiven Effekte, die sich mit der Aromatherapie und -pflege erreichen lassen (2).

Sich auf ein Stammsortiment beschränken

Um die Aromapflege in den Pflegealltag zu integrieren, ist es empfehlenswert, die Zahl der anzuwendenden ätherischen Öle auf etwa zehn zu begrenzen. Bei der Auswahl ist einiges zu beachten: zum Beispiel, dass die im Stammsortiment enthaltenen ätherischen Öle höchstens geringe Spuren oder besser keine Mono­terpenketone enthalten. Denn diese können neurotoxisch wirken und Krampfanfälle auslösen. Empfehlenswert ist zudem, ätherische Öle auszuwählen, die zum jeweiligen Fachbereich passen. So finden beispielsweise für eine psychiatrische Einrichtung andere Substanzen Anwendung wie in einem somatischen Akutkrankenhaus.

Auch das Budget hat einen Einfluss darauf, welche Öle zum Einsatz kommen. Einige Hersteller vertreiben ätherische Öle als sogenannte Laborware. Diese großen Gebinde enthalten meist 50 bis 100 ml im Gegensatz zu den Verkaufseinheiten für den Hausgebrauch, die meist 5 bis 10 ml enthalten und im professionellen pflegerischen Setting nicht wirtschaftlich sind.

Für ein somatisches Akutkrankenhaus ist es ratsam, folgende ätherische Öle in das Stammsortiment aufzunehmen: Bergamotte furocumarinarm, Zeder, Eukalyptus radiata, Neroli 10 %, Zitrone, Lavendel fein, Pfefferminze, Rosengeranie.

Sich auf ein Stammsortiment zu beschränken, bringt Vor- und Nachteile mit sich. Nachteilig sind beispielsweise die eingeschränkte Vielfalt, die sich daraus ergibt. Letztlich überwiegen aber die Vorteile: Eine übersichtliche Zahl von ätherischen Ölen bietet der Apotheke Planungssicherheit. Auch die Pflegenden profitieren: Denn wie bei einem Medikament müssen sie sich bei der Anwendung eines ätherischen Öls über dessen Inhaltsstoffe, Indikationen, Kontraindikationen und eventuellen Besonderheiten bei Kindern und schwangeren Frauen sicher sein. Sonst kann es zu unerwünschten Wirkungen kommen. Und einen Überblick behält man leichter bei einer begrenzten Zahl der einzusetzenden Substanzen.

Um auf individuelle Patientensituationen reagieren zu können, sollte dennoch die Möglichkeit bestehen, ätherische Öle und weitere Produkte zur Aromapflege in einer Sonderanforderung patientenbezogen beziehen zu können. Hier sollte auf eine ausführliche Begründung des betreffenden Bereichs und auf eine Freigabe durch den zuständigen Pflegeexperten für Aromapflege Wert gelegt werden. Dieser auf Aromapflege spezialisierte Mitarbeiter prüft die Anforderung auf fachliche Richtigkeit und kann ggf. alternativ Produkte aus dem Stammsortiment vorschlagen. Danach leitet er diese Anforderungen an die Apotheke weiter.

Eine zentrale Herausforderung sind die Lieferfähigkeit und Qualität. Einige ätherische Öle zeigen ein sehr großes Wirkungsspektrum, sind jedoch innerhalb eines Jahres nur sehr kurz und in kleinen Mengen verfügbar. Solche ätherischen Öle sind für den Einsatz im pflegerischen Alltag nicht geeignet. Da in einer Einrichtung ein gleichbleibender Warenstrom benötigt wird, damit die Versorgung der Patienten im Bereich der Aromapflege nicht wegen Lieferengpässen eingeschränkt werden muss, ist es wichtig, sich Informationen über die Lieferfähigkeit derjenigen ätherischen Öle einzuholen, die in das Stammsortiment aufgenommen werden sollen.

Ebenfalls empfehlenswert ist, sich bei mehreren Herstellern über die Produkte zu informieren. Jedoch sollte hier dringend auf eine hausinterne Qualitätskontrolle der Hersteller sowie eine korrekte Verpackung und Etikettierung geachtet werden. Dies ist an der Chargennummer, dem botanischen Namen der Stammpflanze und so weiter abzulesen. Außerdem sollte unbedingt ein Hersteller als Lieferant ausgewählt werden, der kostenfrei und unkompliziert die Analysenzertifikate und Sicherheitsdatenblätter der Produkte zur Verfügung stellt. Sollte ein Hersteller diese Dokumente nicht zur Verfügung stellen, ist dringend davon abzuraten, diese Produkte im pflegerischen Setting zu verwenden.

Um Aromapflege fachgerecht anwenden zu können, sind zusätzlich zu den ätherischen Ölen fette Öle – auch Basisöle genannt – erforderlich, da diese bei Mischungen für Einreibungen die Basis bilden. Auch hier ist es ratsam, maximal drei dieser Basisöle in das Stammsortiment aufzunehmen. In den meisten Fällen reicht jedoch eines aus, zum Beispiel Mandel- oder Olivenöl. In einem Stammsortiment sollten zudem noch Raumsprays, die eine schnelle Raumbeduftung ermöglichen, und gebrauchsfertige Einreibemischungen enthalten sein. Letztere sind für die Anwendung im klinischen Alltag unerlässlich. Denn nur durch diese kann eine schnelle Anwendung der Aromapflege erfolgen. Zudem sind gebrauchsfertige Ölmischungen nach rechtlichem Aspekt sicherer, da die Hersteller ein nach den „GMP-Kosmetik“ hergestelltes Produkt zur Verfügung stellen. Diesem liegen meist dermatologische Untersuchungen und Gefährdungsanalysen zugrunde, um die Sicherheit zu gewährleisten.

 

Aromapflege: Die Umsetzung an der Universitätsmedizin Mannheim

Die Aromapflege wird seit rund zehn Jahren auf den Stationen der Universitätsmedizin Mannheim (UMM) umgesetzt. Im Klinikalltag sieht die Durchführung der Aromapflege wie folgt aus:

  • Die für die Aromapflege benötigten Produkte können mittels Materialnummer über die Krankenhausapotheke bzw. das Wirtschaftslager bezogen werden. Die Lieferzeit beträgt meist 24 Stunden.
  • Die Wahl des ätherischen Öls richtet sich nach der Pflegediagnose. Hierbei findet die Systematik der NANDA-I (North American Nursing Diagnosis Association International) Anwendung.
  • Die Pflegeperson stellt die Pflegediagnose nach den Kriterien der NANDA-I. Die UMM verfügt über ein Handbuch der ätherischen Öle, in dem die jeweiligen indizierenden Pflegediagnosen festgelegt sind.
  • Die Pflegefachperson plant die Maßnahme nach Aromapflege-Standard und führt sie eigenverantwortlich durch.
  • Die praktische Durchführung erfolgt mittels Raumbeduftung, Wickel und Auflagen sowie Waschungen. Bei der Raumbeduftung wird das Patientenzimmer mittels Gerät für maximal dreimal zwei Stunden pro Tag beduftet. Eine weitere Möglichkeit ist die punktuelle Raumbeduftung mit Raumsprays, was zum Beispiel der Geruchsneutralisierung dient. Bei den Wickel und Auflagen werden ätherische Öle mit einem Basisöl gemischt und auf eine Kompresse gegeben. Diese wird dem Patienten je nach Anwendungsgebiet auf eine Körperregion gelegt, zum Beispiel auf den Brustkorb oder Bauch. Zur Waschung werden ätherische Öle mit einem duftneutralem Badeöl gemischt, um die ätherischen Öle im Wasser emulgieren zu können.

Interventionen in einem Standard festlegen

Ein weiterer wichtiger Schritt in der praktischen Umsetzung der Aromapflege ist die Einführung einer klaren Verfahrensanweisung in Form eines Pflegestandards oder eines SOP (Standard Operating Procedure). Damit sind die praktischen Interventionen der Aromapflege schriftlich hinterlegt und können vor der Durchführung von den Mitarbeitern nachgelesen werden. Dies gibt den Mitarbeitern Sicherheit. Vorteilhaft ist zudem das einheitliche Vorgehen aller Mitarbeiter.

Ein Standard zur Aromapflege sollte grundlegende Standardkriterien enthalten, die den richtigen Umgang und die richtige Anwendung definieren:

  • Durchführung der Aromapflege nach aktuellem Wissensstand
  • Sicherstellung von Material
  • Koordinierung der interprofessionellen Zusammenarbeit
  • Indikationsabhängige Auswahl der Aromapflegeprodukte nach pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen
  • Nebenwirkungen und Kontraindikationen kennen und erkennen, bei Bedarf Maßnahmen einleiten und interprofessionell kommunizieren
  • Allergietestung
  • Dokumentation
  • Lagerung und Haltbarkeit der einzelnen Produkte.

In einem Standard zur Aromapflege sollten zudem praktische Anleitungen definiert sein, die sich an pflegerischen Problemen und Zielen orientieren. Hierzu zählen:

  • Geruchsbeseitigung
  • Schlafförderung und Beruhigung
  • Sterbebegleitung und Palliative Care
  • Begleitung bei Delir und Demenz
  • Schmerzreduktion
  • Schaffung eines angenehmen Umfelds für Patienten, Angehörige und Mitarbeiter
  • Atemstimulation
  • Übelkeit und Erbrechen.

Es sollten zudem die einzelnen Maßnahmen der Aromapflege einzeln betrachtet und das Vorgehen definiert werden. Hierzu zählen: Einreibung, Waschung mit ätherischen Ölen, Raumbeduftung inklusive Aufbereitung der in der Einrichtung eingeführten Geräte, Wickel und Auflagen, Hand- und Fußmassage.

Sorgfältige Aus-, Fort- und Weiterbildung ist ein Muss

Wichtig für eine erfolgreiche Integration der Aromapflege in den Pflegealltag ist die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Mitarbeiter. Es gibt drei Stufen für die Ausbildung in der Aromapflege:

Grundkurs (Stufe 1): Die Aromapflegegrundausbildung enthält zwölf Unterrichtseinheiten und wird entweder als Tagesfortbildung oder im Rahmen eines modularen Kurses angeboten. Inhalte sind hier unter anderem: Definition der Aromapflege, Erläuterung des Stammsortiments der aätherischen Öle, einrichtungsinterne Standards der Aromapflege, Anwendung, Indikationen und Kontraindikationen, Nebenwirkungen, Herstellungsverfahren der Produkte, Besonderheiten bei Kindern und schwangeren Frauen, Hygiene (z.B. Aufbereitung der Geräte zur Raumbeduftung).

Aufbaukurs (Stufe 2): Aufbaukurse zur Aromapflege bestehen ebenfalls aus zwölf Unterrichtseinheiten. Inhalte sind unter anderem: Erläuterung spezieller ätherischer Öle, Botanik und Pflanzenfamilien, Qualitätskriterien, aromatologisch-biochemisches Grundwissen, Wirkmechanismen und Funktionen ätherischer Öle, fette Pflanzenöle und Hydrolate (Pflanzenwässer), Indikation ätherischer Öle bei speziellen pflegerischen Problemen wie Delir, Demenz und Depression, Bestellwesen für Artikel der Aromapflege in der Einrichtung.

Weiterbildung (Stufe 3): Die Weiterbildung stellt die Ausbildung zum Pflegeexperten bzw. Aromaexperten dar. Sie wird meist in einer externen Akademie durchgeführt. Für ein Krankenhaus mit Maßstäben der UMM sind ein bis zwei Pflegefachpersonen, die diese Weiterbildung absolviert haben, strukturell ausreichend. Die Weiterbildung verläuft berufsbegleitend über zwei bis drei Jahre und endet mit einer ärztlich geprüften Facharbeit sowie einer schriftlichen und mündlichen Prüfung. Sie umfasst in der Regel 330 Unterrichtseinheiten.

Mitarbeiter, die den Aufbaukurs absolviert haben, verfügen über ein umfassendes Grundwissen in der Aromapflege. Sie sind damit in der Lage, Aromapflege am Patienten sicher umsetzen und sie kennen Indikationen, Kontraindikationen und Nebenwirkungen. Mitarbeiter dürfen nach Absolvierung der Ausbildungsstufe 2 alle ätherischen Öle des Stammsortiments der Einrichtung anwenden sowie Sonderanforderungen weiterer ätherischer Öle in die Wege leiten. Sie stellen in ihrem Bereich einen Ansprechpartner für die Aromapflege dar und wissen, wie ätherische Öle in der Einrichtung korrekt bezogen werden können.

Ziel sollte sein, dass auf jede Pflegeperson einer Station einen Basiskurs in Aromapflege und zusätzlich eine Pflegeperson einen Aufbaukurs absolviert hat. Darüber hinaus ist es hilfreich, für jede Station einen Aromapflegebeauftragten zu benennen.

Durch eine strukturierte und interprofessionelle Etablierung und Integration der Aromapflege ist es möglich, mit der Aromapflege sowohl für Patienten als auch Mitarbeiter Positives zu bewirken. Besonders hervorzuheben ist die strukturierte Einführung eines Stammsortiments, das Einrichten einer multiprofessionellen Arbeitsgruppe, das Ausarbeiten eines Pflegestandards sowie die Sach- und Fachkompetenz der Mitarbeiter im Rahmen eines integrierten Fort- und Weiterbildungsprogramms.

(1) Steflitsch; Wolz; Buchbauer (2013): Aromatherapie in Wissenschaft und Praxis. Wiggensbach: Stadelmann

(2) Wabner; Beier (2012): Aromatherapie. Grundlagen, Wirkprinzipien, Praxis. München: Elsevier

(3) Forum Essenzia e.V. (2017): Leitfaden Aromatherapie, Aromapflege, Aromakultur. Wiggensbach: Forum Essenzia

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