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  • 27.09.2017
  • Praxis

Langzeiterkrankungen

Risiko Pflegeberuf

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 10/2017

Seite 14

Pflegende sind mit Berufsrisiken und schlechten Arbeitsbedingungen konfrontiert – ein idealer Nährboden für berufsbedingte Krankheiten. Damit Mitarbeiter lange gesund bleiben, ist der Arbeitgeber gefragt. Aber auch jeder Einzelne kann viel für seine Gesundheit tun.

Luise Maier* ist 45 Jahre alt, als sie ihren ersten   Bandscheibenvorfall erleidet. An diese Zeit erinnert sich die Krankenschwester aus der Radiologie noch sehr gut: „Ich hatte schon lange Probleme mit dem Rücken. Diese wurden aber immer schlimmer. Irgendwann habe ich den Arzt aufgesucht, weil ich mich gar nicht mehr richtig bewegen konnte.“ Während Maier zunächst noch glaubt, sie falle nur für ein paar Tage aus, steht kurze Zeit später fest: Sie muss an der Wirbelsäule operiert werden. Ob sie wieder zurück in ihren Beruf kann, ist für viele Wochen erst einmal fraglich.

Der Fall von Luise Maier steht beispielhaft dafür, warum Pflegekräfte langfristig, also länger als sechs Wochen, in ihrem Beruf ausfallen: Laut dem BKK-Gesundheitsreport 2016 (1) fehlen Pflegekräfte am häufigsten wegen Muskel- und Skeletterkrankungen, psychischen Erkrankungen sowie Atemwegserkrankungen. Vor allem Altenpflegende sind überdurchschnittlich oft krank. Auf sie fallen 24,1 AU-Tage pro Beschäftigten (AU = Arbeitsunfähigkeit), der Bundesdurchschnitt liegt bei 16,1 AU-Tagen. Und auch Mitarbeiter aus der Gesundheits- und Krankenpflege liegen mit 19,3 AU-Tagen noch klar darüber (2).

Auch was die Länge der einzelnen Ausfälle angeht, sind Mitarbeiter in Pflegeberufen Spitzenreiter. Sie fallen pro Krankheitsfall deutlich länger aus und sind häufiger von Langzeiterkrankungen betroffen als alle anderen Beschäftigten (2). In bayerischen Pflegeheimen waren im Jahr 2014 Pflegende um fünf Tage länger krank, wenn es sich um eine psychische Erkrankung handelte. Bei den Muskel- und Skeletterkrankungen waren es fast sechs Tage mehr als beim Rest der Versicherten (3).

Diese Diagnosen und damit verbundene lange Fehlzeiten sind kein Zufall, erklärt Professor Frank Weidner vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung (DIP): „Das Krankheitsspektrum der in der Pflege Beschäftigten ist ein besonderer Ausdruck der vielfältigen Belastungen im Beruf. Diese tragen auch dazu bei, dass beruflich Pflegende mitunter doppelt so viele krankheitsbedingte Ausfallzeiten haben als der Durchschnitt der sozialversichert Beschäftigten in Deutschland.“

Zu den typischen Arbeitsbelastungen von Pflegenden gehören unter anderem das schwere Heben und Tragen, langes Stehen und Gehen sowie der Schichtdienst. Aber auch Zeitdruck, die geforderte hohe Konzentration und Verantwortung sowie psychisch belastende Situationen können sich auf die Gesundheit auswirken (3).

TIPP

Auf den Seiten der Berufsgenossenschaft für Wohlfahrtspflege (BGW) gibt es viele Tipps für ein sicheres und gesundes Arbeiten im Pflegeberuf. Darunter Themen wie Stressvermeidung, rücken- schonendes Arbeiten, Haut- und Infektionsschutz oder Beratung bei psychischen Belastungen. www.bgw-online.de

Spitze liegt bei den „Endvierzigern“

Doch allein an den schlechten Arbeitsbedingungen liegt es nicht, dass immer mehr Pflegekräfte krank werden. Auch der demografische Wandel ist Teil des Problems. Damit werden nicht nur die Patienten älter und multimorbider, sondern auch die, die sie versorgen: Zwischen 2001 und 2009 stieg der Anteil der über 50-jährigen Pflegekräfte von zirka 16 Prozent im Jahr 2001 auf über 25 Prozent im Jahr 2009 an (4). Die AOK-Bayern hat errechnet, dass mehr als ein Drittel der Mitarbeiter in bayerischen Pflegeheimen älter als 50 Jahre alt ist (3). Diesen Trend zur alternden Pflege kann Frank Weidner bestätigen. Der Pflegewissenschaftler hat für die Pilotstudie „Reha-Biograf“ (5) langzeiterkrankte Pflegefachpersonen befragt. Auch hier waren die Betroffenen im Durchschnitt 46 Jahre alt und zirka 16 Jahre berufstätig. Allerdings gab es auch 32-Jährige oder solche, die nur zweieinhalb Jahre im Betrieb waren. „Daran sieht man, dass es durchaus schon jüngere Beschäftigte treffen kann“, sagt Professor Weidner. Die Spitze liege aber bei den „Endvierzigern“.

Problematisch ist dabei nicht das Alter an sich, sondern die steigenden Ausfalltage, die damit einhergehen. Pflegende in höherem Alter sind zwar seltener, aber dafür schwerer krank und sie fallen länger aus (3). Auch Luise Maier fiel nach dem ersten Bandscheibenvorfall mit anschließender Rehabilitation mehrere Wochen aus, konnte aber danach wieder in den Beruf zurückkehren – bis ihr zehn Jahre später ein weiteres Mal die Bandscheibe zu schaffen machte. Die Folge waren erneut mehrere Wochen Reha- und Kuraufenthalte, eine längere Wiedereingliederungsphase und der Wechsel in Teilzeit. „Natürlich hatte ich oft Rückenschmerzen, trotzdem habe ich weitergearbeitet“, sagt Maier.

Professor Weidner kennt Aussagen wie diese. Das von Maier beschriebene aufopfernde Verhalten von Pflegenden wurde auch von den Teilnehmern seiner Studie genannt. „Unter beruflich Pflegenden ist eine Grundhaltung zur Selbstlosigkeit verbreitet. Sie ertragen oft geduldig zugleich körperlich und seelisch belastende Arbeitsbedingungen und lehnen sich gegen unerträgliche Umstände nicht auf“, beschreibt Weidner das Verhalten. Der Effekt verstärke sich noch dadurch, dass viele Pflegende bereit seien, trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen, weil sie das Team „nicht im Stich“ lassen möchten. „Dann geht der Krug halt so lange zum Brunnen, bis er bricht“, beschreibt der Pflegewissenschaftler die Dynamik.

Auf Unterstützung durch den Arbeitgeber sowie ein umfassendes betriebliches Gesundheitsmanagement kann derweil nicht jeder hoffen. Beides ist laut Weidner stark ausbaufähig. Das bestätigen auch Zahlen des BKK Gesundheitsatlas 2017 (2). Demzufolge bietet nur die Hälfte der Arbeitgeber aus dem Bereich Heim und Gesundheitswesen Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung an. Diese sind bis dato eine freiwillige Leistung des Arbeitgebers. Wenn es solche Angebote gibt, werden diese aber auch von zwei Drittel der Arbeitnehmer angenommen. Besonders in der Altenpflege ist die Bereitschaft groß, etwas für die eigene Gesundheit zu tun. Hier nehmen fast 80 Prozent der Mitarbeiter an Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung teil, wenn es ein Angebot gibt (2).

Arbeitergeber sind gefragt

Um die Gesundheit der Mitarbeiter zu erhalten, ist laut der Berufsgenossenschaft für Gesundheit und Wohlfahrtspflege (BGW) ein langfristiges und nachhaltiges betriebliches Gesundheitsmanagement notwendig. Dieses besteht aus der freiwilligen betrieblichen Gesundheitsförderung, dem gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitsschutz und dem betrieblichen Eingliederungsmanagement. Fällt ein Mitarbeiter für mehr als sechs Wochen im Betrieb aus, ist der Arbeitgeber gesetzlich dazu verpflichtet, dieses betriebliche Eingliederungsmanagement anzubieten. Im Sozialgesetzbuch IX in Paragraf 84 ist das wie folgt geregelt: „Sind Beschäftigte innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig, klärt der Arbeitgeber (…) mit Zustimmung und Beteiligung der betroffenen Person die Möglichkeiten, wie die Arbeitsunfähigkeit möglichst überwunden werden und mit welchen Leistungen oder Hilfen erneuter Arbeitsunfähigkeit vorgebeugt und der Arbeitsplatz erhalten werden kann“ (6). Wie das betriebliche Eingliederungsmanagement im Detail aussehen soll, bleibt allerdings dem Arbeitgeber überlassen.

Die Krankenkassen appellieren an die Unternehmen, sämtliche Präventionsmaßnahmen auszuschöpfen, damit Mitarbeiter lange gesund bleiben (1). Ein Beispiel für ein umfassendes Gesundheitsmanagement ist das Klinikum Rechts der Isar in München. Dort werden zahlreiche präventive Maßnahmen angeboten, die dabei helfen sollen, Langzeitausfälle zu verhindern. Dazu zählen neben Angeboten zur Rückenschule und Kinästhetik auch Führungskräftetrainings, Coachings, Kommunikationsseminare oder auch Seminare zur Psychohygiene durch die Klinikseelsorge. „Wichtig ist der fortlaufende Austausch mit den Mitarbeitern, welche Maßnahmen noch gewünscht sind und welche tatsächlich genutzt werden“, erklärt Pflegedirektor Robert Jeske. Der Nutzen für den Einzelnen sei zwar oft groß. Viele Mitarbeiter könnten aber über die bisherigen Angebote noch nicht erreicht werden. Deshalb setzt das Klinikum auf ein strukturiertes Wiedereingliederungsmanagement. Dieses muss laut Jeske vor allem transparent sein und den Mitarbeitern Sicherheit geben. „Das Unternehmen kann so seinen Mitarbeitenden die Haltung der Vorgesetzten deutlich machen: Wir sind in schwierigen Lebensphasen da und haben einen Plan“, erklärt der Pflegedirektor.

Doch nicht überall sind präventive Maßnahmen und eine offene Gesprächskultur gang und gäbe. So sagten fast alle Befragten der Studie „Reha-Biograf“ (5), dass sie von ihren Arbeitgebern und Einrichtungen nicht genügend unterstützt wurden und zu wenig Angebote bekommen hätten. „Und wir wissen aus der Literatur, dass nur sehr wenige Krankenhäuser über ein betriebliches Gesundheitsmanagement verfügen, das frühzeitig und präventiv alle Mitarbeiter in besonders belasteten Bereichen informiert und begleitet“, erklärt Frank Weidner.

„Prävention ist sicherlich ein vielversprechender Weg, damit Pflegende langfristig gesund bleiben“, sagt der Pflegewissenschaftler. Aber um wirklich etwas zu verändern, müssten alle Beteiligten zusammen handeln. „Und letztlich muss auch in der Pflege selbst ein Umdenken stattfinden, das schon in der Ausbildung angelegt sein muss.“ Weidner spricht hier die Selbstsorge von Pflegenden an: Diese kümmerten sich zwar aufopferungsvoll um andere, vernachlässigten dabei aber ihre eigenen Bedürfnisse.

Jeder kann aktiv werden

Im Fall von Luise Maier gab es noch keine präventiven Gesundheitsangebote, die ihre zwei Langzeitausfälle hätten verhindern können. Bei der Wiedereingliederung in den Beruf half ihr aber der Arbeitgeber, und sie konnte nach mehreren Kuraufenthalten wieder anfangen zu arbeiten. Auch im Klinikum Rechts der Isar ist dies der Regelfall. Laut Pflegedirektor Jeske gelingt eine Wiedereingliederung in den Pflegeberuf fast in allen Fällen. Als maßgebend hierfür sieht Jeske die hohe Motivation der erkrankten Mitarbeiter und der Berufsgruppen, die an der beruflichen Eingliederung beteiligt sind. „Was zählt, ist immer der Wille“, so der Pflegedirektor.

Laut der Berufsgenossenschaft für Wohlfahrtspflege (BGW) können Pflegende durch ein gesundheitsbewusstes Verhalten im Privatleben auch selbst viel für ihre Gesundheit tun. Hier kann der Arbeitgeber nichts vorschreiben, sondern nur im betrieblichen Kontext einwirken, zum Beispiel, indem er entsprechende Maßnahmen zur Gesundheitsförderung anbietet. Darüber hinaus müssen sich Pflegende den berufsspezifischen Risiken bewusst sein, um sich zu schützen. Nur derjenige, der die Gefährdungen kennt, kann auch entsprechende Maßnahmen dagegen ergreifen. Dabei sind sowohl Arbeit-geber als auch Arbeitnehmer gefragt. Die BGW bietet hierfür unter anderem Weiterbildungen und Beratungen zu aktuellen Problemen und zu allen relevanten Arbeitsschutzthemen an. Dazu zählen zum Beispiel eine Rücken- oder Hautsprechstunde, in denen Betroffene mit akuten Beschwerden beraten und Lösungswege gefunden werden.

Die Zahlen zeigen, dass sich noch einiges ändern muss, um Pflegekräfte langfristig – gesund – in ihrem Beruf zu halten. Zu den berufsbedingten Risiken wie der Infektionsgefahr kommen Arbeitsbelastungen, die Folge des Personalmangels sind. Der demografische Wandel trägt dazu bei, dass Patienten und Mitarbeiter immer älter werden (7). Das bringt Multimorbidität auf der einen, und zunehmende Belastungen auf der anderen Seite mit sich. Durch ein gesundheitsbewusstes Verhalten können Pflegende zu ihrer eigenen Gesundheit aktiv beitragen. Gleichzeitig muss der Arbeitgeber aber Rahmenbedingungen schaffen, die es möglich machen, dass Pflegende gesund bleiben und Erkrankte frühzeitig unterstützt werden.

Dass es sich lohnen kann, in den Mitarbeiter zu investieren, zeigt das Beispiel von Luise Maier. Nach beiden Bandscheibenvorfällen konnte sie wieder in ihren Beruf zurückkehren. Die Kuraufenthalte und das gute Verhältnis zu ihrem Arbeitgeber, sagt sie, haben ihr dabei geholfen. Den Pflegeberuf würde die Krankenschwester trotz aller Schwachstellen immer wieder ergreifen.

 

(1) BKK-Gesundheitsreport 2016. www.bkk-dachverband.de/fileadmin/publikationen/gesundheitsreport_2016/BKK_Gesundheitsreport_ 2016.pdf

(2) BKK-Gesundheitsatlas 2017. www.bkk-dachverband.de/fileadmin/publikationen/gesundheitsatlas/2017/BKK_Gesundheitsatlas_ 2017.pdf

(3) Report Pflege 2014. Betriebliche Gesundheitsförderung. Regionalbericht AOK Bayern

(4) Simon, Michael: Deutscher Pflegerat. Beschäftigte und Beschäftigungsstrukturen in Pflegeberufen. Januar 2012. www.hs-han nover.de/fileadmin/media/doc/pp/Simon__2012__Studie_zur_Beschaef tigung_in_Pflegeberufen.pdf

(5) Reha-Biograf. Langzeiterkrankte Pflegefachpersonen in der beruflichen Rehabilitation – Ursachen, Wege und Erklärungen. 2016. kidoks.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/docId/764

(6) Sozialgesetzbuch neuntes Buch. www.sozialgesetzbuch-sgb.de/sgbix/84.html

(7) BGW. Älter werden im Pflegeberuf. Stand 10/2014. S. 10. www.bgw-online.de/SharedDocs/Downloads/DE/Medientypen/BGW%20Broschueren/BGW04–09–012_Aelter-werden-im-Pflegebe ruf_Download.pdf?__blob=publicationFile

* Name von der Redaktion geändert

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