Ob in Ausbildung oder Studium – Feedback und Reflexion fördern nicht nur Wissen, sondern auch die Selbstwirksamkeit und Kompetenzen der Lernenden. Doch wie unterscheiden sie sich und wann braucht es was?
Feedback und Reflexion sind mittlerweile in der beruflichen Bildung fest verankert. Mit ihnen sollen Lernende befähigt werden, ihr pflegerisches Handeln weiterzuentwickeln und sich Lernprozesse bewusst zu machen.
Feedback und Reflexion: Was ist der Unterschied?
Feedback beschreibt eine Rückmeldung von Informationen. Es verfolgt das Ziel, neue Erkenntnisse zu gewinnen und eine Verhaltensveränderung anzubahnen. Dabei lassen sich zwei Ebenen unterscheiden: das „Feedbackgeben“ und des „Feedbackerhalten“. Der neuseeländische Pädagoge John Hattie beschreibt, „dass Feedback eine Information ist, die von einer Lehrperson über Aspekte der eigenen Leistung oder das eigene Verstehen gegeben wird“ [1].
Für eine erfolgreiche Rückmeldung sollten unterschiedliche Aspekte berücksichtigt werden. Eine wichtige ist die Motivation. Eine Grundannahme ist: Feedback darf nicht mit Lob verwechselt werden und distanziert sich klar von einer Belohnungsstrategie. Selbst bei einer Vermischung beider Ansätze verliert Feedback immer an Wirkung, da Lob emotional stärker wahrgenommen wird. Es braucht einen intrinsischen Ansatz, der das motivationale Empfinden aufrechterhält und fördert. Eine klare Formulierung der Lernkompetenzen als Zielausrichtung ist hier unerlässlich, ebenso wie die Darstellung des aktuellen Lernstandes und damit auch eine Einschätzung, wo der Lernende sich befindet.
Ohne eine klare Ziel- und Kompetenzperspektive fehlt eine Orientierung im Lernprozess. Eine Rückmeldung ist immer wirksamer, wenn Bezüge zu konkreten Lernkontexten geschaffen werden. Die Feedback gebende Person orientiert sich dabei am tatsächlichen Leistungsstand des Lernenden. Das bedeutet: Lernanfänger benötigen immer eine Aussage über ihr Verständniswissen – im Sinne von „richtig“ oder „falsch“. Die Lernerfahrenen hingegen brauchen zusätzlich Aussagen über ihren allgemeinen Lernprozess, ihre Lernherausforderungen und ihr selbstreguliertes Lernen. Feedback wird als dialogisches Konzept verstanden. Es zeigt nur dann Effekte, wenn Lehrende und Lernende eine Rückkopplung über Lernprozesse geben können.
Es werden drei Ebenen des Feedbacks unterschieden (Textkasten) [2]. Diese drei Ebenen werden immer kompetenzbezogen angewendet. Zu Beginn des beruflichen Lernens erfolgt das Feedback ausschließlich auf der ersten Ebene. Im Laufe der dreijährigen Ausbildung wird es um die weiteren Ebenen ergänzt. Effektive Leitprinzipien für Feedback sind: „Ich rede über das Lernen, nicht über das Lehren“, „Lehrende geben und fordern Rückmeldung“ und „Jeder setzt seine Herausforderungen“.
Reflexion wird demgegenüber eingesetzt, um sich Praxiserfahrungen bewusst zu machen und die damit zusammenhängenden Gedanken und Gefühle nachvollziehen zu können. Daher ist es im ersten Schritt retrospektiv. Im Verlauf des Reflexionsprozesses kann der Blick dann aber auch auf die Zukunft erweitert werden. Dazu können zum Beispiel alternative Handlungsmöglichkeiten für als herausfordernd erlebte Situationen überlegt und erprobt werden.
Das Ziel von Reflexion ist, aus Erfahrungen zu lernen, um zukünftige Lernprozesse beispielsweise effektiver zu gestalten. Dafür ist es allerdings wichtig, das eigene Handeln kritisch zu beleuchten. Im Mittelpunkt steht, ähnlich wie beim Feedback, die Selbstwirksamkeit zu stärken, individuelle Kompetenzen weiterzuentwickeln und den eigenverantwortlichen Lernprozess zu fördern. Dazu können unterschiedliche Perspektiven eingenommen werden: die eigene Perspektive, die des zu pflegenden Menschen oder der Angehörigen, aber auch die der Kolleginnen und Kollegen. Diese Mehrperspektivität erleichtert es, Reflexionen mit unterschiedlichen Sichtweisen anzubahnen. In der Regel erfolgt die Reflexion kriteriengeleitet im Dialog. Sie ist aber auch in schriftlicher Form, in szenischen Rollensequenzen, Bildmetaphern oder anhand von Symbolen möglich.
Drei Ebenen des Feedbacks
- Erste Ebene – Feedback zur Aufgabe. Hier geht es ausschließlich um das leistungsbezogene Ergebnis im Sinne von „richtig“ oder „falsch“. Dabei stehen zum Beispiel Ergebnisse von Lernzielkontrollen in der Theorie oder Lernaufgaben in der Praxis im Mittelpunkt.
- Zweite Ebene – Feedback zum Prozess. Hier geht es weniger um das Ergebnis, sondern vielmehr um den Prozess, der zur Zielerreichung der Aufgabe geführt hat. Im Mittelpunkt stehen Lernorganisation, -struktur und -vorgehen bei der Aufgabenbewältigung. Das kann in der Theorie zum Beispiel der Prozess eines Referates oder in der Praxis eine Aufgabe zum Pflegeprozess sein.
- Dritte Ebene – Feedback zu Aufgabe und Prozess. Lehrende verbinden hier die Rückmeldung zum Ergebnis (Aufgabe) und zum Prozess. Das soll Lernende befähigen, ihren Kompetenzgewinn zwischen Prozess und Ergebnis zukünftig selbst zu erkennen. Dazu braucht es eine Verbindung von theoretischen und praktischen Lernanlässen. Beispiel: Planung einer Pflegehandlung in der Theorie, die bei einer Lernbegleitung in der Praxis umgesetzt wird. Lehrende geben hier eine Rückmeldung zu Zeitmanagement, methodischem Vorgehen und Anwendung von Wissensbezügen.
Das Ziel: Stärken stärken
In beruflichen Lernkontexten braucht es sowohl reflexive Anteile als auch Feedback. Beim Feedback steht der dialogische Anteil im Mittelpunkt. Das umfasst eine Rückmeldung zu Lernergebnissen, orientiert am Lernstand des Lernenden. Bei der Reflexion steht der komplexe Lernprozess im Mittelpunkt, weniger die aktuell erbrachte Leistung. Lernstärken und -schwächen werden beleuchtet, zum Beispiel der Lerntransfer vom theoretisch angebahnten Wissen hin zum praktisch angewendeten Kompetenzgewinn. Dabei geht es vor allem darum, Stärken zu stärken, und weniger darum, die defizitäre Lupe anzusetzen. Nur so erreichen Lernbegleitende auch eine Stärkung des Selbstwertes der Lernenden.
Voraussetzungen für wirkungsvolles Feedback und Reflexion sind immer eine entsprechende Offenheit, Mut und ein wertschätzender Umgang. Es bedarf einer komplexen Haltungsveränderung bei den Lehrenden und Lernenden. Die Lehrpersonen verlassen ihre aktive Rolle als Fachexperte und werden mehr zum Lernbegleitenden. Die Lernenden nehmen eine aktive, verantwortliche Rolle für ihren Lernprozess ein. Sie bahnen ihren Lernzuwachs selbst an und benennen ihre eigenen Unterstützungsbedarfe.
Ähnlich wie bei der Feedbackkultur soll sich die Reflexionsfähigkeit der Lernenden während der Ausbildung steigern. Dies macht auch Sinn, da die Auszubildenden Einsätze in verschiedenen Pflegesettings mit unterschiedlichsten Anforderungen und Menschen absolvieren. Bedingt durch den Personalmangel fehlt ihnen allerdings nicht selten ein Experte, der ihre Fragen beantwortet und mit ihnen über herausfordernde Situationen und Erlebnisse spricht. Dies verdeutlicht, speziell für die Praxis, wie notwendig regelmäßige Reflexionen im Rahmen der personalen Kompetenzentwicklung sind. Denn wir wissen: Aus Erlebnissen werden über Reflexionen zunächst Erfahrungen und daraus dann Erkenntnisse [3]. Sowohl in der Ausbildung wie auch in Pflegestudiengängen sind Reflexionen daher unerlässlich [4].
Entscheidend ist, dass Auszubildende und Studierende von Beginn an, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis, Reflexionen erleben und verschiedene Methoden dazu kennenlernen. In allen Theorie- und Praxiscurricula sind vom ersten Ausbildungsdrittel an Reflexionseinheiten/-stunden zu hinterlegen.
Empfehlenswert ist auch, dass Praxisanleitende und Pädagogen gemeinsame Fortbildungen zum Thema Reflexionen gestalten. Hier können Experten verschiedene Methoden vorstellen, zu denen sich die Teilnehmenden austauschen können. Hierdurch kann deutlich werden, dass sich bestimmte Modelle eher für die Praxis eignen (wie Reflexion nach Richter), andere sich eher für die Theorie (szenische Reflexion nach Oelke, Scheller, Ruwe [5]) und wieder andere für beide Lernorte (wie Reflexionszyklus nach Korthagen). Welche Methode dann eingesetzt wird, liegt natürlich im pädagogischen Ermessen der Person, die die Reflexion begleitet.
Es kann aber durchaus sinnvoll sein, dass allen klar ist, zu welchem Zeitpunkt die Auszubildenden eine bestimmte Reflexionsmethode kennenlernen. Lernende können etwa in der Theorie eine bestimmte Methode erstmals ausprobieren, und im folgenden Praxiseinsatz kann diese Methode erneut durchgeführt werden. Im Sinne des nachhaltigen Lernens und der Forderung, zunehmend eigenständig zu reflektieren, ist dies zu empfehlen.
Das Weiterlernen fördern
Insgesamt sind Kontinuität und Methodenvielfalt für eine gelingende Reflexion bedeutend. Jede durchgeführte Reflexion gibt Impulse zum Weiterlernen und fördert den Austausch von Erlebnissen und Handlungsmöglichkeiten. Die pflegerischen Interventionen werden dabei idealerweise unter Berücksichtigung der Perspektive aller Beteiligten betrachtet [6].
[1] Hattie J. Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. Schneider Verlag; 2017
[2] Fengler J. Feedback geben. Beltz; 2017
[3] MSGIV. Ministerium für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg. Praxisanleitung konkret. Reflektieren in der Pflegepraxis; 2020. Im Internet: msgiv.brandenburg.de/sixcms/media.php/9/Flyer-praxisanleitung- konkret_reflektieren2020.pdf; Zugriff: 06.12.2024
[4] Schmal J. Nachdenken, Überdenken, Neudenken – Reflexionsfähigkeit in Pflegeausbildung und -studium fördern. Pflegezeitschrift 2018; 1/2
[5] Oelke U, Scheller I, Ruwe G. Tabuthemen als Gegenstand szenischen Lernens in der Pflege: Theorie und Praxis eines neuen pflegedidaktischen Ansatzes. Hogrefe; 2000
[6] Oetting-Roß C. Reflexion fördert das Lernen. Forum Ausbildung 2009: 30 ff.