• 28.07.2022
  • Praxis
Projekt KLIK green

Wie Krankenhäuser grüner werden

Das Projekt KLIK green hat gezeigt: Schon kleine Maßnahmen können viel bewirken.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 8/2022

Seite 24

Klimaschutz gewinnt immer mehr an Bedeutung – auch im Krankenhaus. Das Projekt KLIK green hat gezeigt: Bereits mit kleinen Mitteln lassen sich Effekte erzielen. Doch um die Klimaschutzziele zu erreichen, sind mehr finanzielle Mittel nötig.

KLIK green (Krankenhaus trifft Klimaschutz) – ein Gemeinschaftsprojekt des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW) und des Universitätsklinikums Jena (UKJ) – lief von Mai 2019 bis Ende April dieses Jahres. Das Ziel war die Vermeidung von 100.000 Tonnen CO2-Äquivalenten, 250 teilnehmende Krankenhäuser und Rehakliniken waren eingeplant.

Das hat funktioniert: Mindestens 200.000 Tonnen klimaschädlicher Treibhausgase wurden in 1.600 Projekten eingespart. Das entspricht 40.000 Hin- und Rückflügen auf die Malediven. Und die Auswertung zeigte: Kleinvieh macht auch Mist. Denn auch mit geringen Mitteln konnten die Treibhausgase reduziert werden, fast 30 Prozent der Maßnahmen fallen in die Kategorie „nichtinvestiv“, 40 Prozent erfolgten mit geringen In- vestitionen. Dennoch: Die meisten Einsparungen kosten Geld. Bezogen auf die Reduzierung von Treibhausgasemissionen erzielte der investive Klimaschutz den höchsten Anteil mit mehr als 60 Prozent, der vor allem durch Energiesparmaßnahmen umgesetzt wurde.

Die Klimaschutzmaßnahmen, die im KLIK-green-Projekt initiiert wurden, lassen sich in drei Kategorien einordnen:

  • Nichtinvestiv. Nistkästen für Vögel, Bienen- wiesen, Stadtradeln oder Mehrweg in der Kantine. Ein Beispiel aus dem Klinikalltag ist das Recycling von OP-Klammernahtgeräten. Dabei wurden Endocutter und Circular Stapler hygienisch aufbereitet, gesondert gesammelt und dem Wertstoffkreislauf zugeführt. Die Geräte bestehen zur Hälfte aus Metall und zu rund 30 Prozent aus Kunststoff. Bisher wurden diese vollständig thermisch verwertet, können dank einer Umschlüsselung der Abfallart aber dem Recycling zugeführt werden. Das Asklepios Klinikum Hamburg konnte Stand Oktober 2021 356 Kilogramm Material und 1.744 Kilogramm CO2-Emissionen sparen.
  • Geringinvestiv. Fensterfolierung, Flottenumrüstung auf E-Autos, Tausch von Bestandsleuchten gegen LED, Biolebensmittel oder der Einbau von Präsenzmeldern in Bereichen, die nicht immer genutzt werden (Lager, Spülräume, Umkleiden, Toiletten). Vor allem nachts wird dadurch unnötiger Stromverbrauch vermieden.
  • Investiv. Recycling von Narkosegasen, verschiedene Dämmmaßnahmen (Fenster, Dachsanierung) oder Umstellung von Lüftungsanlagen.

Beispiel klimafreundliche Narkosen

Ein weiteres Beispiel für konkreten Klimaschutz im Krankenhaus ist der Umgang mit Narkosegas. Bundesweit werden jährlich sieben Millionen Vollnarkosen mit Narkosegas durchgeführt. Auf dem deutschen Markt stehen vor allem Isoflurane, Sevoflurane und Desflurane zur Verfügung. Sie haben einen ähnlichen Effekt wie Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), die seit dem Jahr 2000 nicht mehr genutzt werden. Die Narkosegase zerstören teilweise die Ozonschicht, wirken als Treibhausgase und verursachen bis zu 35 Prozent der Emissionen einer Klinik. Zum Vergleich: Die klimaschädlichen Emissionen einer siebenstündigen OP mit Desfluran entsprechen etwa einer Autofahrt von fast 8.000 Kilometern. Das Gas verweilt bis zu 14 Jahre in der Atmosphäre und ist 2.540-mal stärker als CO2 selbst. Eine Lösung sind die Narkosegasfilter, wodurch die Freisetzung der Narkosegase in die Umwelt verhindert wird und die gefilterten Narkosegase recycelt und wiederverwendbar gemacht werden. Einige Einrichtungen nutzen diese Technologie bereits.

Das Krankenhaus Salem in Heidelberg beispielsweise hat in allen sieben OPs die Filter etabliert. Seitdem finden „klimafreundliche Narkosen“ statt, berichtet Dr. Stephanie Snyder-Ramos, Fachärztin für Anästhesie am Krankenhaus Salem, bei der KLIK-green- Abschlussveranstaltung. Dadurch werden pro Jahr 300 Tonnen CO2-Äquivalente verhindert.

Das Thema Narkosegase haben sich auch die Niels-Stensen-Kliniken auf die Agenda geschrieben und soll in allen neun Einrichtungen mit insgesamt 104 Narkosegeräten umgesetzt werden. Die Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin des Universitätsklinikums Essen testet in einer Pilotphase im OP-Bereich der Gynäkologie ein sogenanntes Scavenger-System zum Recycling von Narkosegasen. Das in der Narkoseabsaugung zwischengeschaltete System adsorbiert die Narkosegase Isofluran, Sevofluran und Desfluran. Die so zurückgehaltenen Narkosegase können durch den Hersteller aufbereitet und nach Marktzulassung wiederverwendet werden. Die Menge an Narkosegasen, die dann noch in die Atmosphäre gelangt, kann dadurch auf ein Minimum reduziert werden.

Auch das Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) recycelt im Rahmen eines Pilotprojekts Narkosegase. Nach Angaben des Klinikums ist der technische Aufwand dafür gering. „Die Wirkung auf unser Klima hat dabei jedoch bisher kaum jemand im Fokus gehabt. Am UKD wollen wir ausprobieren, wie gut das Narkosegas aufgefangen und wiederverwertet werden kann. Wenn diesem Beispiel später andere folgen, können wir selbst aus dem OP heraus einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten“, so Professor Peter Kienbaum, stellvertretender Direktor der Klinik für Anästhesiologie.

Klimaschutz und Gesundheit gehören zusammen

Julia Epp, Vorstandsvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), erhofft sich von dem KLIK-green-Projekt einen „bundesweiten Strahleffekt“. Klimaschutz bzw. Klimamanager in Kliniken sollten keine einzelne Maßnahme, sondern eine Selbstverständlichkeit sein. „Denn wenn etwas zusammengehört, dann ist es Klimaschutz und Gesundheit“, so Epp.

Auch über den Projektzeitraum hinaus bleiben die Verbundpartner des KLIK-green-Projekts Ansprechpartner für die Klimamanager. Ab September bieten der BUND und die KGNW eine Veranstaltungsreihe für bisherige und künftige Klimamanagerinnen und -manager an. Die Teilnahme wird kostenpflichtig sein, da die Förderung durch das Bundesumweltministerium endete. Weitere Informationen zur Veranstaltungsreihe gibt es in Kürze auf der Website www.klik-krankenhaus.de.

"Es braucht berufsgruppenübergreifende Klimateams"

Projektleiterin und Pflegefachfrau Annegret Dickhoff über die Ergebnisse des Projekts KLIK green und Möglichkeiten für Pflegende, zu mehr Klimaschutz beizutragen.

Frau Dickhoff, was ist für Sie die zentrale Erkenntnis aus dem Projekt?

Es gibt mehrere. Eine Erkenntnis ist, dass jede Gesundheitseinrichtung einen deutlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann. Schon kleine Maßnahmen können erheblich dazu beitragen, um Energie einzusparen. Die Umstellung auf eine sparsame Beleuchtung durch den Einbau von LED-Leuchten kann beispielsweise sehr effektiv sein. Ein wichtiges Thema ist zertifizierter Ökostrom – gerade größere Häuser waren hier sehr aktiv bei der Umsetzung. Insgesamt hat KLIK green gezeigt, dass Klimaschutz hierarchieübergreifend realisiert werden muss. Besonders erfolgreich sind die Kliniken, die ein berufsgruppenübergreifendes Klimateam bilden. Ehrenamtlich ist die Aufgabe nicht zu realisieren. Manche Kliniken schreiben daher jetzt Stellen für Klimaschutzmanager aus. Sie nutzen dabei Fördermittel der Nationalen Klimaschutzinitiative.

Wo sehen Sie für Pflegende Möglichkeiten, zu mehr Klimaschutz beizutragen?

Auf die Ausstattung eines Gebäudes haben Pflegende natürlich in der Regel keinen Einfluss. Aber sie können häufig mitentscheiden, welche Produkte gekauft werden. Da geht es beispielsweise um Flachwäsche, Dienstkleidung sowie Einweg- oder Mehrwegprodukte. Bei der Beschaffung entscheidet sich bereits, wie klimafreundlich die Produkte sind. Zudem ist das eigene Verhalten entscheidend. Das geöffnete Fenster und die gleichzeitig aufgedrehte Heizung ist natürlich der Klassiker. Dieses Verhalten lässt sich leicht ändern. Und wenn das Licht auf Fluren brennt, obwohl die Sonne strahlt, hilft es, die Information weiterzugeben. Hier ist vielleicht nur der tageslichtabhängige Sensor bei der Beleuchtung ausgefallen. Die Mitarbeitenden der Technik können nicht jeden Raum täglich nach Defekten absuchen. Aber ein für alle Beschäftigte zugängliches Meldesystem kann von der IT-Abteilung im Intranet installiert werden. Das reduziert einen unnötigen Verbrauch im Gebäude. Darüber hinaus gibt es viele andere Ansätze für Pflegende. Wie sieht es mit der Speisenversorgung aus? Wenn auf dem Tablett oder bei der Essenausgabe Abfälle anfallen, ist die Rücksprache mit der Küche über die Art und Menge der Bestellung sinnvoll. Gleiches gilt für die Einführung von Mehrweggeschirr und die Vermeidung von Einwegplastik beim Essen. Gespräche mit den anderen Berufsgruppen wie der Ärzteschaft, den Reinigungskräften oder dem Hausservice wirken oft sehr positiv. Welche Ideen gibt es noch? Können die PCs im Ärztezimmer nach Feierabend ausgeschaltet werden? Kann die Reinigungskraft nachhaltige Mittel und weniger Plastiktüten verwenden? Kann Abfall vermieden oder getrennt werden? Bei KLIK green waren das alles wichtige Fragen. Auf unserer Website www.klik-krankenhaus.de gibt es schöne Lösungen.

KLIK green bezog sich auf Kliniken. Doch wie sieht es mit Klimaschutz in Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten aus?

Viele Ergebnisse lassen sich auf stationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen übertragen. Fragen zur Mobilität, zur Abfallvermeidung, zum Ressourcenschutz oder zur Essensversorgung können hier genauso betrachtet werden wie in Kliniken. Ein Beispiel: Wie können die Beschäftigten nachhaltig zum Arbeitsplatz kommen? Hier gibt es viele Möglichkeiten wie Jobticket, Mobilitätsangebote mit Leasing oder Miete von Fahrrädern – auch ohne Elektrovarianten – oder Carsharing. Wie können wir Ressourcen einsparen? Können Medikamente so gelagert und verabreicht werden, dass möglichst geringe Mengen weggeworfen werden? Wie können wir Medizinprodukte nach dem Medizinprodukterecht kostengünstig prüfen lassen, anstatt sie nach zwei Jahren wegzuwerfen? Wie kann der Speiseplan umgestaltet werden, dass pro Mahlzeit die Fleischmenge reduziert wird, dafür aber mehr regionale und Bioprodukte gekauft werden? Beispiele dazu gibt es auch zahlreich.

Interview: Stephan Lücke

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