• 25.01.2022
  • Bildung
Potenzial eines Lerntagebuchs

Erlebtes in Worte fassen

Die Ausbildungskoordination des Klinikums Darmstadt setzt auf ein Lerntagebuch, um die Handlungskompetenz der Auszubildenden zu fördern.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 2/2022

Seite 70

Die Ausbildungskoordination des Klinikums Darmstadt sieht das Führen eines Lerntagebuchs als eine geeignete Maßnahme an, um die Handlungskompetenz der Auszubildenden zu fördern. Mit dem Start der generalistischen Ausbildung beschlossen die Verantwortlichen daher, das Tool systematisch einzuführen. Eine Evaluation bestätigte den Nutzen. Ein Erfahrungsbericht.

Das Pflegeberufegesetz fokussiert stark auf die Kompetenzorientierung [1]. Der Lernort Praxis spielt somit eine wesentliche Rolle zur Entwicklung beruflicher Identität und Handlungskompetenz [2]. Reflexives Lernen in Form von Nachdenken über den eigenen Lernstand und Lernprozess sowie die Auseinandersetzung mit ethischen Fragestellungen tragen zur Entwicklung von Handlungskompetenz bei [2].

Beim reflexiven Lernen geht es um die Erfassung von Anforderungen des Berufsfelds sowie den Abgleich mit den eigenen kognitiven, emotionalen und sozialen Kompetenzen [3]. Dabei vollzieht sich der Reflexionsprozess in drei Schritten: erstens durch das Dokumentieren und Beschreiben von Beobachtungen und Erfahrungen und zweitens die Bewusstmachung durch Analysieren und Beschreiben. Lernende können dadurch neue Erkenntnisse mit dem Vorhandenen verbinden und weitere Einsichten und Erkenntnisse generieren. Der dritte Schritt besteht im Vergleichen, Bewerten und Einordnen des Gelernten [3].

Reflexives Lernen fördern

Lerntagebücher sind ein geeignetes Tool, um reflexives Lernen zu fördern. Sie können helfen, träges Wissen zu vermeiden und Handlungskompetenzen zu entwickeln [3]. Voraussetzung ist, dass Lernende begleitet werden und regelmäßig Feedback erhalten.

Lerntagebücher werden sowohl in der hochschulischen und beruflichen Pflegeausbildung sowie im Fort- und Weiterbildungsbereich zur Reflexion des eigenen Lernstandes und Lernprozesses angewendet. Das Führen eines Lerntagebuchs stellt eine Form des selbstgesteuerten Lernens dar [4]. Von Bedeutung ist, dass das Lerntagebuch über eine längere Zeit regelmäßig geführt wird. Empfohlen sind dazu 60 bis 90 Minuten wöchentlich [4].

Mit dem Führen eines Lerntagebuchs werden folgende didaktischen Ziele verfolgt [4]:

  • Lernen zu lernen. Dabei geht es einerseits um die Verarbeitung und den Erwerb neuer Inhalte und anderseits um die Verknüpfung und deren Einordnung.
  • Lernen zu schreiben. Dabei geht es um die Strukturierung und Ausformulierung der Gedanken sowie die Verbesserung der schriftlichen Ausdrucksfähigkeit.
  • Verantwortung und Motivation. Beim Lerntagebuch selektieren die Lernenden – und sie entscheiden, was sie reflektieren. Es ist davon auszugehen, dass so das Lernen mit einer höheren Motivation einhergeht.

Lerntagebuch systematisch eingeführt

Die Ausbildungskoordination des Klinikums Darmstadt sieht das Führen eines Lerntagebuchs als eine geeignete Maßnahme an, um die Handlungskompetenz der Auszubildenden zu fördern. Mit dem Start der generalistischen Ausbildung beschlossen die Verantwortlichen daher die systematische Einführung dieses Tools.

Hierzu wurde im ersten Schritt ein Musterlerntagebuch entwickelt. Der Aufbau des Tagebuchs sieht folgendermaßen aus: Am Anfang des Lerntagebuchs können die Auszubildenden Informationen zu den jeweiligen Einsätzen entnehmen (Orientierungseinsatz, Einsatz im ersten und zweiten Ausbildungsdrittel, pädiatrischer und psychiatrischer Einsatz sowie Vertiefungseinsatz). Die Informationen umfassen die erforderlichen Stunden des jeweiligen Praxiseinsatzes, die Kompetenzen gemäß Praxiscurriculum sowie die zu bearbeitenden Praxisaufgaben.

Im Anschluss folgt der Wochenüberblick. In diesem Kapitel liegt der Fokus auf der Reflexion der ausgeführten und neu erlernten Tätigkeiten. Leitfragen ermöglichen, den Lernfortschritt festzuhalten. Zudem können Ideen und Vorhaben, offene Fragen und nächste Ziele geplant und formuliert werden.

Im nächsten Abschnitt liegt der Fokus auf der Reflexion besonderer Erlebnisse. Dazu zählen belastende Situationen – z. B. schwere Erkrankungen, Leid von Angehörigen oder Patienten, Notfallsituation, Erfahrungen mit dem Tod – wie auch Situationen, die mit positiven Gefühlen erlebt wurden.

Im Abschnitt „Selbstreflexion des Einsatzes“ geht es u. a. um die Reflexion der Zusammenarbeit und Mitarbeit im Stationsteam sowie um Kommunikation und Beziehungsgestaltung mit den zu pflegenden Menschen.

Am Ende des Tagebuchs schätzen die Auszubildenden ihren fachlichen, kommunikativen, sozialen sowie persönlichen Lernzuwachs ein.

Mehrheitlich positives Feedback der Auszubildenden

Die Praxisanleitenden und Auszubildenden reflektieren gemeinsam das Führen der Lerntagebücher. Bei Bedarf unterstützen die Praxisanleitenden, z. B. bei Bewältigungsstrategien, Lösungswegen und Lernzielen.

In einer ersten Evaluation hoben zwei Drittel der Auszubildenden die Möglichkeit des Lerntagebuchs hervor, Erlebtes in Worte zu fassen und sich dadurch besonders positiver Erlebnisse bewusst zu werden. Die Hälfte der Auszubildenden bewertete das Führen eines Lerntagebuchs als eine Möglichkeit, ihre Lernfortschritte einzuschätzen, Inhalte zu vertiefen und zu verinnerlichen sowie Lösungsmöglichkeiten zu erkennen. Ein Großteil der Befragten bewertete es zudem als hilfreich, die Erlebnisse mit den Praxisanleitenden zu reflektieren.

Ein Viertel der Auszubildenden gab an, dass der Umfang des Lerntagebuchs zu groß sei und dass ihnen daher die Motivation zur regelmäßigen Reflexion und Aufarbeitung fehle. Im Durchschnitt brachten die Auszubildenden zur Führung des Lerntagebuchs wöchentlich 30 Minuten auf.

Das Team der Ausbildungskoordination hat aufgrund der Rückmeldung der Auszubildenden und der Erfahrung der begleitenden Praxisanleitenden entschieden, das Lerntagebuch mit einem etwas reduzierten Umfang weiter einzusetzen. Aus Sicht des Ausbildungsteams ist das Lerntagebuch ein geeignetes Instrument, um selbstgesteuertes Lernen zu trainieren und um Handlungskompetenz mittels reflexiven Lernens zu erwerben. Auszubildende werden in die Lage versetzt, ihre erworbenen Reflexionsfähigkeiten auch auf andere (Lern-)Bereiche anzuwenden. Zudem ermöglicht das Führen eines Lerntagebuchs, das schriftliche Ausdrucksvermögen zu trainieren.

Die Evaluation machte deutlich, dass das Führen eines Lerntagebuchs von den Praxisanleitenden eng begleitet werden sollte. Insbesondere Lernende ohne Erfahrung im Führen eines Lerntagebuchs benötigen mehr Anleitung und Reflexionsanstöße [5]. Das Besprechen der Themen aus dem Lerntagebuch wird daher auch künftig einen festen Platz in der Praxisanleitung einnehmen. Wichtig ist, dass die Inhalte vertraulich behandelt werden [5].

 

[1] Bundesinstitut für Berufsbildung. Rahmenpläne der Fachkommission nach § 53 PflBG, Rahmenlehrpläne für den theoretischen und praktischen Unterricht, Rahmenausbildungspläne für die praktische Ausbildung; 2020

[2] Jürgensen A, Dauer B. Handreichung für die Pflegeausbildung am Lernort Praxis. Berufsinstitut für Berufsbildung; 2021

[3] Gläser-Zikuda M. Lehramtsstudierende reflektieren und evaluieren ihr Unterrichtshandeln – zum Potenzial des Tagebuch-Ansatzes. Gruppendynamik 2007: 43–57

[4] Rambow R, Nückles M. Der Einsatz des Lerntagebuchs in der Hochschullehre. Das Hochschulwesen 2002: 113–120

[5] Apel H. Onlinejournal – Lernreflexionen Online. Medienpädagogik 2003; 7: 1–11

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