• 29.03.2021
  • Praxis
Bodennahe Pflege

Sich sicher fühlen und zur Ruhe kommen

Die bodennahe Pflege kann bei der Versorgung sturzgefährdeter Patienten hilfreich sein. Das Foto entstand vor der Pandemie im Klinikum St. Marien in Amberg während eines Trainings zu bodennaher Pflege.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 4/2021

Seite 22

Für sturzgefährdete Patienten mit stark ausgeprägtem Bewegungsdrang kann bodennahe Pflege hilfreich sein. Die Autorin hat die verfügbare Literatur zu diesem wenig bekannten Thema ausgewertet und gibt Tipps für die Umsetzung.

Eine allgemeingültige Handlungsempfehlung zur Sturzprophylaxe ist die Förderung der Mobilität und die Vermeidung freiheitsentziehender Maßnahmen (FEM) [1]. Um diesem Anspruch auch bei Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patient) mit hohem Sturzrisiko und gleichzeitig stark ausgeprägtem Bewegungsdrang gerecht zu werden, kann bodennahe Pflege hilfreich sein.

Bislang wenig Beachtung in der Fachwelt

Da bodennahe Pflege in Deutschland kaum systematisch umgesetzt wird, klare Kriterien zur Indikationsstellung fehlen sowie fachlich begründete Erkenntnisse zum Nutzen und zur Wirksamkeit dieser alternativen Pflegemethode weitgehend unbekannt sind, führte die Autorin dieses Fachbeitrags eine umfassende Literaturrecherche durch.

Die Auswertung zeigt, dass bodennahe Pflege bislang wenig Beachtung in der Fachwelt gefunden hat. In allen identifizierten Literaturquellen herrscht aber Einigkeit darüber, dass bodennahe Pflege mit dem Ziel der Vermeidung von FEM, zum Erhalt und zur Förderung der Patientenmobilität sowie zur Vermeidung von Stürzen eingesetzt werden sollte. Die Methode ist besonders für Patienten mit Sturzrisiko und gleichzeitig stark ausgeprägtem Bewegungsdrang geeignet. Agitiertheit und motorische Unruhe, gepaart mit kognitiver Beeinträchtigung, sind laut Literatur weitere Indikationen für die Umsetzung der bodennahen Pflege.

Bodennahe Pflege bedeutet konkret, Patienten auf Matratzen zu positionieren, die direkt auf dem Zimmerboden liegen. Wichtig ist, eine Antirutschfolie unter der Matratze auszulegen, damit sie stabil an ihrem Platz bleibt und somit Unfälle vermieden werden [2].

Es sollten mindestens zwei Matratzen übereinandergelegt werden, um bei dekubitusgefährdeten Patienten den Auflagedruck nicht unnötig zu erhöhen sowie um Rückenschmerzen und Frieren zu vermeiden [3–5].

Um die Matratze herum sollten Gymnastikmatten gelegt werden, um den Bewegungs-radius der Patienten zu vergrößern. Diese Maßnahme erleichtert es zudem den pflegerischen und therapeutischen Mitarbeitenden, Tätigkeiten auf dem Boden knieend auszuführen und Belastungen für den eigenen Körper zu vermeiden [6].

Motorisch unruhige Patienten benötigen einerseits viel Bewegungsfreiraum, andererseits ist es wichtig, ihnen eine Rückzugsmöglichkeit zu bieten. Hierzu kann es hilfreich sein, Schaumstoffquader in verschiedenen Größen und Formen, sogenannte Schaumstoffpacks, an drei Seiten der Matratzen aufzustellen [7]. Die so entstandene äußere Begrenzung des Schlafplatzes ermöglicht es den Betroffenen, dass sie sich anlehnen, sich sicher fühlen und zur Ruhe kommen können.

Damit sich motorisch unruhige Patienten im Rahmen der bodennahen Pflege sicher fühlen und zur Ruhe kommen, ist eine Unterbringung in Einzelzimmern erforderlich. Auf diese Weise wird auch das Verletzungsrisiko aufgrund des Mobiliars eines weiteren Patienten wie Nachtschrank, Tisch, Stuhl und Bett vermieden [7].

Bodennahe Pflege ist ein Teamprojekt

Entscheidend für die erfolgreiche Umsetzung bodennaher Pflege ist die Befürwortung der Leitungsebene – nicht zuletzt, weil die Methode einiges an Material erfordert, für dessen Beschaffung ein Budget bewilligt werden muss. Weil bodennahe Pflege nur in Einzelzimmern umgesetzt werden kann, sollte auch das Belegungsmanagement einer Klinik über die Maßnahme informiert werden.

Die Anwendung der bodennahen Pflege stellt für viele Kliniken ein Novum dar. Bei der Konzepterstellung sollte daher auch die Abteilung für Krankenhaushygiene einbezogen werden. So können auftretende Fragen bezüglich der Zimmerreinigung und spezieller Anforderungen an die verwendeten Materialien aus hygienischer Sicht im Vorfeld geklärt werden.

In der Literatur sind keine hygienischen Aspekte zu finden, die gegen die Umsetzung der bodennahen Pflege sprechen. Ein vermehrtes Auftreten von iatrogenen Infektionen ist bei bodennaher Pflege nicht nachzuweisen [8].

Die Entscheidung für bodennahe Pflege sollte sowohl von den beteiligten Berufsgruppen als auch vom Patienten selbst und seinen Angehörigen befürwortet und mitgetragen werden [9]. Dies setzt eine fundierte Argumenta-tion auf allen hierarchischen Ebenen voraus. Fehlt die Akzeptanz im Team für diese unkonventionelle Pflegemethode, wird eine konsequente Umsetzung nicht gelingen können. Der Literatur zufolge obliegt die Entscheidung zur Umsetzung bodennaher Pflege meist den Pflegenden [3, 7]. Eine Anordnung durch einen Arzt ist prinzipiell nicht erforderlich [7]. Dies wird auch durch eine Entscheidung des Oberlandesgerichts (OLG) Köln aus dem Jahr 2014 bestätigt. Die bodennahe Pflege wurde im Vergleich mit FEM als „milderes Mittel“ gewertet. FEM widersprechen der Menschenwürde und den Freiheitsrechten einer Person und stehen im Gegensatz zu den Empfehlungen des Expertenstandards „Sturzprophylaxe in der Pflege“ [1]. Da Pflegende als Expertinnen und Experten für Sturzprophylaxe gelten, sollte die Entscheidung für die Umsetzung bodennaher Pflege unter pflegerischer Führung erfolgen [10] – optimalerweise unter Beteiligung des multiprofessionellen Teams. Dies gilt insbesondere für die Verlaufsevaluation, damit die jeweilige Patientensituation umfassend beachtet werden kann. Nur so ist die Anpassung der Maßnahme an den aktuellen Zustand des Betroffenen sichergestellt [11].

Vorteile überwiegen

Bodennahe Pflege ist bislang kaum erforscht, sodass die Evidenz gering ist. Festzustellen ist dennoch, dass der Nutzen der bodennahen Pflege in den verfügbaren deutschsprachigen Veröffentlichungen positiv bewertet wird.

So stellen Autorinnen und Autoren nachweislich einen Zugewinn an Bewegungskompetenz und kognitiver Leistungsfähigkeit für bodennah gepflegte Patienten fest [12]. Ebenso sind für die Betroffenen insgesamt weniger Psychopharmaka nötig [9]. Auch die Zahl von Sturzereignissen scheint tendenziell geringer zu sein, wobei hierzu weitere Forschung notwendig ist [12].

Das größte Hemmnis für die Umsetzung bodennaher Pflege stellt die Rückenbelastung dar, die mit dem Arbeiten am Boden verbunden ist. Mit konsequenten Schulungen der Mitarbeitenden in Bewegungskonzepten wie Kinästhetik kann dieses Risiko jedoch minimiert werden [12].

[1] Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege. Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege. 1. Aktualisierung. Osnabrück; 2013

[2] Schmidt R. Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen. In: Pflege in der Rehabilitation. 1. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer; 2012

[3] Suter-Riederer S, Valär C, Imhof L. Körperwahrnehmung vermittelt Wirklichkeit und steigert die Lebensqualität. Lebensqualität 2009; 3 (2): 31–38

[4] Hirsch M. Bodennah pflegen. Die Schwester | Der Pfleger 2016; 55 (1): 50–51

[5] Kuster C. Bodenpflege bei verwirrten Patienten. Die Schwester | Der Pfleger 2004; 43 (4)

[6] Hirsch M. Umgebung anpassen – Bodennahe Pflege im Klinikum Amberg. Lebensqualität 2014; 8 (1): 24–25

[7] Klein F. Pflege mit Etagenwechsel – Bodenpflege als Mittel der Sturzprohylaxe. Heilberufe 2014: 66 (4): 42–44

[8] Kuster C. Bodenpflege und Hygiene. Krankenhaushygiene und Infektionsverhütung 2003; 25 (Sonderausgabe): 52–55

[9] Bredthauer D. Können Fixierungen bei dementen Altenheimbewohnerinnen vermieden werden? Betreuungsmanagement 2006; 2 (4): 185–191

[10] Gaßner M, Strömer JM. Krankenhausbetten: Stürzen, Fallen und kein Ende – Bodennahe Lagerung als einfacher Ausweg? Medizinrecht 2015; 33 (4): 252–257

[11] Huhn S. Mehr Freiheit zulassen. Die Schwester | Der Pfleger 2018; 57 (4): 15–19

[12] Imhof L, Suter-Riederer S, Kesselring J. Effects of Mobility-Enhancing Nursing Intervention in Patients with MS and Stroke: Randomised Controlled Trial. International Scholarly Research Notices 2015; Article ID: 785497, 1–6

 

"Die Idee hat sich durchgesetzt"

Bodennahe Pflege ist am Klinikum St. Marien Amberg seit Jahren etabliert – aktuell sind zwei selbst entwickelte Bodenbetten im Einsatz. Wir sprachen mit der Initiatorin, Krankenschwester und Kinaesthetics-Trainerin Margarete Hirsch, über ihre Erfahrungen.

Frau Hirsch, wie kamen Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen dazu, bodennahe Pflege umzusetzen?

Wir suchten nach neuen Wegen, um sturzgefährdeten und motorisch unruhigen Patienten Sicherheit zu bieten. Auslöser war die sich damals in der Fachwelt durchsetzende Erkenntnis, dass freiheitsentziehende Maßnahmen wann immer möglich vermieden werden sollten. Anfangs boten wir besonders sturzgefährdeten Personen eine bloße Matratze auf dem Boden an. Schnell zeigten sich positive Effekte, doch es war uns klar, dass diese Vorgehensweise keine Dauerlösung darstellen konnte. So entwickelten wir in Zusammenarbeit mit einem örtlichen Polsterfachbetrieb ein Bodenbett.

Wie sind Sie vorgegangen?

Zunächst entschieden wir uns für eine Komfortliegefläche von 1,20 Metern in der Breite. Als Farbe für das Bett wählten wir gelb, um ein harmonisches Gesamtbild zu schaffen. Zu den Konstruktionsdetails ist hervorzuheben, dass sich unter der Matratze eine gepolsterte Schaumstoffauflage mit Überstand befindet, damit die Pflegenden ihre Knie beim bodennahen Arbeiten abstützen können. Rund um die Matratze wurde ein Schaumstoffteil als Umrandung angebracht. Die Höhe dieser Umrandung erlaubt ein Abstellen von persönlichen Gegenständen. Die Teile des Bodenbetts sind einzeln desinfizierbar, leicht zu transportieren sowie per Reißverschluss und Klettbändern miteinander zu verbinden. Aufgrund der guten Erfahrungen haben wir vor einiger Zeit ein zweites Bodenbett erworben. Die Idee hat sich durchgesetzt und die Akzeptanz der Pflegenden ist groß. Unerlässlich war hierfür die Unterstützung unserer Pflegedirektorin Kerstin Wittmann. Durch ständigen Austausch und enge Zusammenarbeit ist es gelungen, die Pflege zum Wohl der Patienten und Mitarbeitenden weiterzuentwickeln.

Bei welchen Patienten kommt das Bodenbett zum Einsatz?

Unserer Erfahrung nach ist bodennahe Pflege besonders für motorisch unruhige Patienten geeignet, die entweder in hohem Maß sturzgefährdet sind beziehungsweise bereits mehrmals gestürzt sind. Diesen Menschen kann ein Bodenbett Sicherheit bieten.

Was bedeutet das Bodenbett für die praktische Arbeit der Pflegenden?

Die pflegerische Versorgung ändert sich grundlegend, denn das Personal muss bereit sein, zum Boden zu kommen. Sinn und Zweck des Bodenbetts ist, ungestört zu ruhen, zu schlafen und sich zu entspannen. Die Körperpflege, Nahrungsaufnahme und Ausscheidungen finden aber nicht auf dem Boden statt – hierzu werden die Patienten in den Rollstuhl oder Stuhl positioniert.

Wie vermitteln Sie die hierfür nötigen Kompetenzen?

In regelmäßigen Kinaesthetics-Schulungen trainieren wir, wie Patienten mittels gezielter Bewegungsförderung problemlos vom Boden in den Stuhl und wieder zurück kommen. Das Personal entscheidet im Team, wann und warum es gemacht werden sollte.

Haben Sie eine Vorstellung, wie verbreitet bodennahe Pflege in deutschen Kliniken ist?

Es handelt sich trotz einiger Publikationen noch immer um eine eher unbekannte Maßnahme. Dennoch sind mir einige Kliniken bekannt, die ebenfalls Bodenbetten einsetzen. Viele melden übrigens zurück – und ich kann dies nur bestätigen –, wie wichtig es ist, beim Einsatz eines Bodenbetts die Angehörigen einzubeziehen. Denn es ist ja nicht alltäglich, ein Bett auf dem Boden vorzufinden – schon gar nicht in einem Klinikum.

Interview: Stephan Lücke

Autor

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