• 25.07.2019
  • Praxis
Qualitätssiegel "Lebensort Vielfalt"

Miteinander in bunt

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 8/2019

Seite 13

Um sexuelle Orientierung oder Identität machen sich viele Pflegeeinrichtungen in Deutschland keine Gedanken, dabei ist das Thema auch im Alter wichtig. Deswegen geht das Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg in Berlin einen anderen Weg – und wurde dafür als erstes Pflegeheim mit dem Qualitätssiegel „Lebensort Vielfalt“ ausgezeichnet.

Wer sich dem Immanuel Seniorenzentrum in Berlin-Schöneberg nähert, sieht zuerst die Regenbogen. In jeder der sechs Etagen kleben sie an den Eckfenstern, von Weitem zu erkennen, große bunte Tupfer in der sonst eher grauen Schöneberger Hauptstraße. Sie wirken wie eine Einladung, und das sollen sie auch. Sie sagen: Hier kann man sein, wer man ist. Und: Das soll ruhig jeder wissen.

Siegel für Vielfalt und Diskriminierungsfreiheit

Der Regenbogen ist das Symbol der LSBTI*- Community, seit Jahrzehnten gilt er lesbischen, schwulen, bisexuellen, transidenten, intergeschlechtlichen Menschen als Erkennungszeichen. Früher nutzten ihn vor allem Bars und Kneipen, um sich als sicheren Hafen für Homosexuelle erkennbar zu machen, heute prangt er sogar an Supermärkten. Er ist ein Symbol für Vielfalt und Diskriminierungsfreiheit. Insofern bräuchte das Berliner Pflegeheim den Regenbogen nicht. Denn dort trägt man so ein Siegel ganz offiziell.

Das Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg wurde im vergangenen November als erste Pflegeeinrichtung in Deutschland mit dem Qualitätssiegel „Lebensort Vielfalt“ ausgezeichnet. Die Schwulenberatung in Berlin hat es entwickelt, verliehen wird es vom Bundesfamilienministerium: für Einrichtungen, „die sich nachweislich bemühen, die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ihrer Bewohner*innen als wesentlichen Aspekt ihrer Persönlichkeit zu berücksichtigen“.

Leicht zu bekommen ist es nicht. Nach dem Haus in Schöneberg hat es mit dem Wohn- und Begegnungszentrum Zehnthof in Dortmund erst eine weitere Einrichtung in Deutschland geschafft – ein Pflegeheim in Berlin-Tiergarten ist laut Schwulenberatung gerade „auf einem guten Weg“. Es gibt einen Katalog mit 120 Kriterien, von denen mindestens 80 Prozent für das Siegel erfüllt sein müssen, darunter 38 Grundvoraussetzungen: Das Thema Vielfalt muss zum Leitbild der Einrichtung gehören, die Hausordnung einen diskriminierungsfreien Umgang gewährleisten, die Mitarbeiter*innen entsprechende Fortbildungen gemacht haben. Auch eine gendersensible Sprache gehört dazu sowie geschlechtsneutrale Toiletten und Fachpersonal für die Versorgung von Menschen mit HIV.

Das Siegel ist etwas Besonderes, man ist stolz darauf im Haus, allen voran Ralf Schäfer, der die Einrichtung leitet. Man solle sich davon aber nichts Falsches versprechen, sagt der examinierte Krankenpfleger. „Das ist eine ganz normale Einrichtung.“

Mit dem Satz will Schäfer vor allem eine gewisse Erwartungshaltung seitens einiger Medien bremsen. „Ein Journalist fragte mal gleich am Anfang, ob hier Stripper und Callboys ein- und ausgingen“, sagt er. Es sei schade, dass immer gleich sexualisiert werde, sobald es um LSBTI* gehe. Als ob es da nur dieses eine Thema gebe. „Natürlich haben bei uns alle das Recht, ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen, gegebenenfalls mit professioneller Hilfe“, sagt er. „Aber davon profitieren ja auch unsere heterosexuellen Bewohnerinnen und Bewohner.“ Und die seien es auch gewesen, die zuerst diese Wünsche geäußert hätten.

„Ausgrenzung, Diffamierung und Gewalt haben hier keinen Raum“

Trotzdem sieht es im Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg doch anders aus als in den meisten anderen Pflegeeinrichtungen. Auf den sonst üblichen Mann-Frau-Piktogrammen für Aufzüge oder Toiletten ist hier auch eine dritte Person mit Sternchen abgebildet. Die Bibliothek führt dank der Unterstützung einer Berliner Szene-Buchhandlung mittlerweile viele queere Bücher und Filme. Überall liegen Stadtmagazine für LSBTI* aus, dazu Flyer der Schwulenberatung und der Lesben-initiative „RuT (Rad und Tat)“. Beide schicken bei Bedarf ihre Besuchsdienste ins Haus. Im Sommer gibt es einen Rikscha-Fahrdienst zum „Christopher Street Day“ oder zum lesbisch-schwulen Stadtfest. Der traditionelle Berliner Regenbogenkiez rund um den Nollendorfplatz liegt nur ein paar Häuserblocks weiter nördlich.

Aber abgesehen von Büchern, Filmen, Flyern und Fahrdiensten geht es Ralf Schäfer vor allem um etwas weniger Greifbares. „Ausgrenzung, Diffamierung und Gewalt haben hier keinen Raum“, sagt er. „Wer hier wohnt, soll sich willkommen und verstanden fühlen – wenn wir nicht auf die besonderen Bedürfnisse von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transpersonen und intersexuellen Menschen eingehen, schließen wir sie automatisch aus. Niemand soll hier das Gefühl haben, etwas verschweigen zu müssen.“

Laut Schätzungen sind etwa 1,8 Millionen LSBTI* in Deutschland über 60 Jahre – aber 94 Prozent der stationären Einrichtung sind in ihren Angeboten nicht auf diese Gruppe eingestellt. Nur drei Prozent haben entsprechende Qualitätsstandards für sich definiert. Bedeutet: Auch wer sich jahrzehntelang ein offenes und freies Leben in den gewachsenen Strukturen der Community eingerichtet hat, könnte im Alter an einem Ort landen, an dem man sich wieder isoliert fühlt.

Das soll in Schöneberg weder Bewohner*innen noch Mitarbeiter*innen passieren. „Auch unser Personal soll sich auf absolute Diskriminierungsfreiheit verlassen können“, sagt Schäfer, der selbst schwul ist und daraus in seinen knapp 17 Jahren im Unternehmen nie einen Hehl machen wollte.

Bei einer früheren Mitarbeiterin, die sich mitten im Transitionsprozess befand – also in der Angleichung vom zugeordneten zum tatsächlichen, identifizierten Geschlecht – ging es zum Beispiel darum, ihr wenigstens auf der Arbeit die Steine aus dem Weg zu räumen, die sonst allgegenwärtig sind. Dass sie im Dienstplan selbstverständlich als Frau geführt wurde, während sie dafür in ihren offiziellen Dokumenten noch kämpfen musste. Dass sie die Damenumkleide benutzen durfte. „Wir haben das mit allen Mitarbeiterinnen abgesprochen und dann ging das“, sagt Schäfer. Überhaupt helfe es immer am besten, einfach miteinander zu sprechen.

Seit Siegelvergabe viele Anfragen aus der Community

Das geht im Immanuel Seniorenzentrum wahrscheinlich auch deswegen besser als anderswo, weil es keine Massenabfertigung gibt. Die drei Etagen für die Vollzeitpflege bieten insgesamt 62 Plätze, etwa 20 pro Stockwerk – „grenzwertig familiär“ nennt Schäfer das. Man kennt sich und soll sich kennenlernen. In den lichtdurchfluteten Essbereichen, in den Gemeinschaftsräumen, beim Liederabend mit Klavier oder beim nachmittäglichen Dartspielen. Und wer seine Ruhe haben will, soll auch die bekommen. Auf der Dachterrasse gönnen sich einige Bewohner*innen gern noch einen Drink, bevor sie ins Bett gehen.

Man hat von dort schönen Blick auf das berühmte Gasometer, zudem kann man den Schöneberger Baptisten ins gegenüberliegende Gemeindehaus schauen. Sie haben das Seniorenzentrum vor 70 Jahren gegründet und betreiben die Einrichtung als Gesellschafterin der Immanuel Albertinen Diakonie noch immer. „Die Gemeinde hat uns bei den Bemühungen um das Siegel sehr unterstützt“, sagt Schäfer, der selbst nicht der Freikirche angehört. „Für seinen Glauben soll man hier genauso wenig diskriminiert werden wie für Sexualität, Identität oder Herkunft.“

Die Mitarbeiterschaft setzt sich aus acht verschiedenen Nationalitäten zusammen, polnisch etwa, türkisch oder kubanisch, Menschen aus afrikanischen Ländern. Ein paar Mitarbeiterinnen tragen Kopftuch. Das Miteinander klappt, laut Schäfer, gut. „Wir machen einmal im Jahr einen Wintermarkt, die muslimischen Mitarbeiterinnen bringen dann 40 bis 50 Kuchen mit und machen ein Buffet. Alle lieben das, ob man hier wohnt oder zu Besuch ist.“

Zurzeit leben zwei offen lesbische Frauen im Haus, zwei schwule Männer sind vor einiger Zeit verstorben. „Vielleicht haben wir mehr“ sagt Schäfer, „wir fragen ja niemanden danach – es dürften in Zukunft einige dazu kommen.“ Die Warteliste sei lang, seit der Vergabe des Siegels habe es viele Anfragen aus der Community gegeben.

„Ich fühle mich hier ganz gut aufgehoben“, sagt etwa die 92-jährige Eva Bornemann, die im Haus jeder kennt, allein schon wegen ihres geliebten lila Käppis und weil sie immer für einen Spaß zu haben ist. Sie hatte mit ihrer Partnerin in der nah gelegenen Kurfürstenstraße gewohnt, bis ihre Helga vor zweieinhalb Jahren gestorben ist. „Am Anfang hat mich vor allem interessiert, dass ich hier in der Nähe meiner alten Nachbarschaft bin“, sagt sie. „Es wurde und wird kein Aufhebens darum gemacht, dass ich lesbisch bin – man geht hier einfach freundlich miteinander um. Ich glaube, das ist das ganze Geheimnis.“ Wer sich nicht offenbaren wolle, müsse das auch nicht; bei allen anderen werde es einfach akzeptiert. „Ich laufe hier ja nicht mit einem Ich-bin-lesbisch-Plakat rum“, sagt sie. „Aber ich könnte, wenn ich wollte, und das ist ein ganz gutes Gefühl.“

Ralf Schäfer lächelt, wenn er Eva Bornemann reden hört. „Doch, ich kann mir gut vorstellen, hier selbst einmal einzuziehen“, sagt er.

„Ich denke, das ist ein gutes Zeichen.“

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