• 01.01.2004
  • Forschung
Eine bundesweite Studie an 47 Kliniken

Wie viele Patienten stürzen in deutschen Kliniken?

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 1/2004

Stürze gehören im Krankenhaus zu den häufigsten unerwünschten Zwischenfällen. Kommt es dabei zu einer Fraktur, sind die Folgen für die betroffenen Patienten oft vorgezeichnet: verlängerte Klinikaufenthalte, aufwändige Rehabilitationsmaßnahmen oder frühzeitige Übertritte in ein Pflegeheim. Wie häufig es zu Stürzen kommt, wurde hierzulande bislang noch nicht systematisch erfasst. Eine Studie des Instituts für Medizin-/Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft an der Charité liefert nun Daten zu Sturzhäufigkeit, Verletzungsfolgen und Präventionsmaßnahmen in deutschen Kliniken.

Sturzhäufigkeit noch weitgehend unbekannt
Stürze während des Klinikaufenthaltes und damit zusammenhängende Folgen stellen für Patienten zusätzliche Belastungen dar, mitunter bedeuten sie auch einen verlängerten Krankenhausaufenthalt aufgrund einer erlittenen Fraktur. Ein Sturz kann, auch ohne körperliche Folgen, zu einer vermehrten Angst vor weiteren Stürzen führen oder die Lebensqualität generell beeinträchtigen. Halfon et al. (1) fassen in einer Übersicht zu internationalen Studien zusammen, dass zwei bis 15 Prozent der Patienten während ihres Klinikaufenthaltes zumindest einen Sturz erleiden.Zurzeit ist wenig darüber bekannt, wie viele Patienten in deutschen Kliniken stürzen und welche Folgen dies hat. Zudem ist unbekannt, was die Kliniken derzeit unternehmen, um Stürze in ihrer Einrichtung zu verhindern. Empfohlen wird im internationalen Kontext, Stürze zu protokollieren, um besondere Gefahrenquellen zu erkennen und beseitigen zu können, die Erfassung des individuellen Sturzrisikos und die Ergreifung verschiedener Maßnahmen, die sich sowohl auf institutionelle Risiken wie beispielsweise das Fehlen von Handläufen oder glatte Fußböden und auf individuelle Risikofaktoren wie Gangstörungen oder Dranginkontinenz beziehen (2).

Ziel der Studie: Erfassung von Stürzen und ihren Folgen
Ziel dieser Studie war die Erfassung der Patienten, die während ihres Klinikaufenthaltes gestürzt sind. Darüber hinaus sollten die Sturzfolgen dargestellt werden. Eine weitere Fragestellung bezog sich darauf, inwieweit die Sturzhäufigkeit in einzelnen Fachbereichen variiert. Zusätzlich sollte aufgezeigt werden, ob sich die gestürzten Patienten in Bezug auf Alter, Geschlecht und sturzrelevante Beeinträchtigungen (Mobilität, Inkontinenz, Schwindel, Sehprobleme, Verwirrtheit und Desorientiertheit) unterscheiden. Ferner war von Interesse, inwieweit die Kliniken Sturzprotokolle, Sturzrisikoskalen und Sturzpräventionsstandards einsetzen.

Methode und Stichprobe
Der Bereich Pflegewissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin führt seit dem Jahre 2001 einmal jährlich eine Untersuchung zu den Themen Dekubitus, Sturz und Pflegeabhängigkeit in Einrichtungen des Gesundheitswesens durch. Dieser Artikel bezieht sich auf Sturzereignisse aus der Erhebung von April 2003. Es handelt sich um eine Querschnittstudie, das heißt, dass alle Informationen über die Patienten zum gleichen Zeitpunkt gesammelt wurden. Die Daten wurden in den teilnehmenden Einrichtungen von geschulten Pflegekräften erhoben, nachdem die Patienten über die Untersuchung informiert worden waren. Voraussetzung war die Zustimmung der Patienten. Personenbezogene Merkmale wie Alter, Geschlecht und Pflegeabhängigkeit ermöglichen die Beschreibung der Stichprobe, darüber hinaus wurde erfasst, in welchen Fachbereichen die Patienten behandelt wurden. Bezüglich des Sturzes wurde erfragt, ob der Patient in der letzten Zeit gestürzt sei, welche Folgen dies hatte und wo dieser Sturz stattgefunden habe. Auch wurde erhoben, ob bereits mehrfach Stürze stattgefunden hatten und welche sturzrelevanten Beeinträchtigungen die Patienten aufwiesen. Hierbei stützten sich die Pflegekräfte auf Auskünfte der Patienten oder deren Angehörigen und auf die Pflegedokumentation. Darüber hinaus wurde pro Einrichtung erfragt, ob ein Sturzprotokoll, eine Sturzrisikoskala oder ein Sturzpräventionsstandard benutzt wird.
An der Untersuchung nahmen insgesamt 9.503 Klinikpatienten aus 47 Kliniken aus dem gesamten Bundesgebiet teil. Das Durchschnittsalter aller Patienten betrug 63,9 Jahre, das der Frauen 65,5 und das der Männer 62 Jahre. Die meisten Patienten wurden auf Inneren Stationen behandelt (36,6 %). An zweiter Stelle standen die Bereiche Chirurgie und Orthopädie (30,8 %) und an dritter Stelle kamen die urologischen und gynäkologischen Stationen (10,4 %).

Ergebnisse
3,1 Prozent aller Patienten stürzten im Krankenhaus mindestens einmal
Von 8.558 Patienten lagen Angaben zu Stürzen vor. 270 Patienten stürzten mindestens einmal während ihres Klinikaufenthaltes, dies sind 3,1 Prozent der Gesamtzahl. Fast die Hälfte der gestürzten Patienten trug keine körperlichen Konsequenzen davon und 32,7 Prozent minimale Verletzungen wie kleinere Hämatome oder Schürfwunden. Mit mittelschweren Verletzungen waren größere Wunden oder Prellungen gemeint, dieder pflegerischen oder medizinischen Versorgung bedürfen. Dies war in 6,2 Prozent der Stürze der Fall. Schwere Sturzfolgen, also sämtliche Frakturen, Kopfverletzungen sowie Gelenk- und Bänderverletzungen ereigneten sich zu 11,5 Prozent. Insgesamt ereigneten sich zwölf Oberschenkelhals-, vier Arm- und sieben andere Frakturen, was einer Frakturrate von 8,6 Prozent entspricht. Fasst man die mittelschweren und schweren Sturzverletzungen zusammen, ergeben sich daraus 17,7 Prozent behandlungsbedürftige Verletzungen.

Am häufigsten stürzten geriatrische Patienten
Zwei Drittel (68,4 %) erlitten während ihres Klinikaufenthaltes erstmalig einen Sturz, während bei einem Drittel (31,6 %) bereits mehrere Stürze bekannt waren. Es zeigt sich, dass mit 9,4 Prozent am häufigsten geriatrische Patienten während ihres Klinikaufenthaltes stürzten und mit 0,9 Prozent am seltensten Patienten der urologischen und gynäkologischen Stationen. Allerdings erlitten auf der Geriatrie nur 7,4 Prozent der Gestürzten eine behandlungsbedürftige Verletzung, auf der Inneren knapp zwölf Prozent, auf der Chirurgie jedoch 39 Prozent. Auch auf den Intensivstationen und der Psychiatrie kam es bei über 30 Prozent zu behandlungsbedürftigen Sturzfolgen. Weiterhin zeigte sich, dass die in der Klinik Gestürzten älter und pflegeabhängiger waren als diejenigen ohne Sturzereignisse. Die Pflegeabhängigkeit wurde mit der Pflegeabhängigkeitsskala (3) gemessen, die eine Spannweite von 15 bis 75 möglichen Punkten aufweist. Der höchste Wert (75 Punkte) bedeutet absolute Pflegeunabhängigkeit, der niedrigste Wert (15 Punkte) die höchste Pflegeabhängigkeit.

Gestürzte Patienten wiesen typische sturzrelevante Beeinträchtigungen auf
Der Anteil der Männer unterschied sich in beiden Gruppen nicht gravierend, jedoch gab es erhebliche Unterschiede bei den sturzrelevanten Beeinträchtigungen. Die in der Klinik Gestürzten waren zu über zwei Drittel (69,6 %) in ihrer Mobilität eingeschränkt, die nicht gestürzten nur zu einem guten Drittel (39,5 %). Die gestürzten Patienten wiesen häufiger eine allgemeine Schwäche, Schwindel und Sehprobleme auf als die nicht gestürzten. Sie waren dreimal so häufig verwirrt und viermal so häufig desorientiert. Außerdem zeigte sich häufiger eine Stuhl- und Urininkontinenz.

Insgesamt 16 der 47 Kliniken verwendeten in ihrer Einrichtung ein Sturzereignisprotokoll, dies sind 34 Prozent der untersuchten Einrichtungen. In drei Einrichtungen wurde eine Sturzrisikoskala verwendet, wobei ausschließlich die Hendrich-Sturzrisikoskala (4) angegeben wurde. Zwei Einrichtungen verwendeten einen ausgewiesenen Sturzpräventionsstandard.

Fazit
Insgesamt 3,1 Prozent der untersuchten Patienten stürzten während ihres Klinikaufenthaltes, von diesen verletzten sich fast 18 Prozent so schwer, dass sie länger andauernde Gesundheitsbeeinträchtigungen wie Frakturen oder schmerzhafte Prellungen in Kauf nehmen mussten. Die Unterschiede bezüglich Alter, Pflegeabhängigkeit und den sturzrelevanten Beeinträchtigungen zwischen gestürzten und nicht gestürzten Patienten verwundern nicht, bestätigen sie doch Ergebnisse aus anderen Studien (5; 6). Dennoch ist zu berücksichtigen, dass alle Daten zur gleichen Zeit erhoben wurden und so nicht eindeutig auf ein Ursache-Wirkungsprinzip geschlossen werden kann. So kann nicht ermittelt werden, ob beispielsweise eine eingeschränkte Mobilität bereits vor dem Sturz vorlag oder erst eine Folge des Sturzes war. Interessant sind die Unterschiede zwischen den Fachbereichen. Es überrascht nicht, dass die meisten Patienten auf geriatrischen und inneren Stationen stürzten. Bemerkenswert ist jedoch, dass die Rate der schweren und mittelschweren Verletzungen in diesem Bereich mit 17,7 Prozent unter dem Durchschnitt liegt. Auf den chirurgischen Stationen, wo weniger Patienten stürzten, liegt die Rate der behandlungsbedürftigen Verletzungen jedoch bei fast 40 Prozent. Gerade schwere Sturzfolgen führen jedoch zu verlängerten Klinikaufenthalten und zu Regressforderungen der Betroffenen.

Insgesamt zwölf der 8 558 Patienten erlitten während ihres Klinikaufenthaltes eine Oberschenkelhalsfraktur, dies sind 0,14 Prozent der untersuchten Patienten. Dies scheint zunächst ein verschwindender Prozentsatz zu sein. Im Jahre 2001 wurden in deutschen Krankenhäusern insgesamt 16 584 000 Patienten behandelt (7). 0,14 Prozent dieser Anzahl sind 23.217 Patienten. Bei einer vorsichtigen Interpretation dieser Hochrechnung ließe sich schlussfolgern, dass pro Jahr über 20.000 Patienten während ihres Klinikaufenthaltes eine sturzbedingte Oberschenkelhalsfraktur erleiden.

Literatur:
(1) Halfon P, Eggli Y, Van Melle G, Vagnair A: Risk of falls for hospitalized patients: A predictive model based on routinely available data, Journal of Clinical Epidemiology (2001), 54: 1258-1266
(2) Morse JM: Preventing patient falls. SAGE Publications, Thousand Oaks 1997
(3 Lohrmann C, Dijkstra A, Dassen T: Care dependency: testing the German Version of the care dependency scale in nursing homes and on geriatric wards. Scandinavian Journal of Caring Sciences (2003), 17: 51-56
(4) Hendrich A, Nyhuis A, Kippenbrock T, Soja ME: Hospital falls: Development of a Predictive Model for Clinical Practice. Applied Nursing Research (1995), 8 (3): 129-139
(5) Evans D, Hodgkinson B, Lambert L, Wood J, Kowanko I: Falls in Acute Hospitals. Joanna Briggs Institute for Evidence based Nursing and Midwifery, National Library of Australia 1998
(6) Schwendimann R: Häufigkeit und Umstände von Sturzereignissen im Akutspital: Eine Pilotstudie. Pflege (1998), 11: 335-341
(7) Statistisches Bundesamt Deutschland. Gesundheitswesen: Krankenhäuser. www.destatis.de/basis/d/gesu/gesutab12. htm in der Version vom 12.3.2003







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