• 01.08.2002
  • Praxis
Wohnküchen-Konzept der Alloheim Senioren-Residenz Mainpark fördert das Wohlbefinden von Bewohnern mit demenziellen Erkrankungen

Ein Stück Zuhause

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 8/2002

Wenn man als Besucher die "Wohnkücheö der Alloheim Senioren-Residenz Mainpark betritt, fühlt man sich sofort um Jahrzehnte zurückversetzt. Antike Möbel im Chippendale-Stil, Kronleuchter, handgestickte Bilder an den Wänden und ein liebevoll zusammengestelltes Sammelsurium aus Spitzendeckchen, alten Uhren und ausgestellten Porzellantassen geben dem Raum - halb Küche, halb Wohnzimmer - den heimeligen Charme früherer Tage. Jetzt zur Mittagszeit sitzen vier Bewohnerinnen zusammen mit der betreuenden Krankenschwester am festlich gedeckten Tisch, während eine Bewohnerin im Lehnsessel verweilt und ihr Essen vom Zivildienstleistenden gereicht bekommt. Es läuft leise Hintergrundmusik und durch den Raum flattert ein aufgeweckter Kanarienvogel. Heute gibt es den Nachtisch ausnahmsweise schon vor der Vorspeise - selbstgemachten Obstsalat, der zuvor gemeinsam zubereitet wurde. In der Wohnküche werden solche "Extrawünscheö der Bewohner gerne erfüllt - denn den Beteiligten des Projektes geht es vor allem um eins: das bestmögliche Wohlbefinden der demenziell erkrankten Bewohner.Verbesserung der Lebensqualität als Projektziel
Im Dezember 2001 startete das Projekt "Wohnkücheö in der Alloheim Senioren-Residenz Main-park in Frankfurt - eines von 30 unterschiedlichen Projekten, das im Rahmen eines Soforthilfeprogramms der Stadt Frankfurt gefördert wird und das Ziel verfolgt, die psychosoziale Betreuung für Menschen mit gerontopsychiatrischen Erkrankungen zu verbessern. Das Wohnküchenprojekt orientiert sich an Vorläuferprojekten, die bereits in den Niederlanden sowie in Hamburg mit Erfolg durchgeführt wurden. Mit "Wohnkücheö ist dabei ein familienähnlicher Wohnbereich gemeint, in der eine kleine Gruppe von demenziell erkrankten Menschen unter Berücksichtigung ihrer besonderen Bedürfnisse betreut wird.

Vor dem eigentlichen Start der Wohnküche in der Seniorenresidenz in Frankfurt gab es reichlich Vorarbeit zu leisten: Ein Konzept musste erstellt, Zielvorstellungen definiert und Bewohner ausgewählt werden, die sich für eine Aufnahme in das Projekt eignen. Als übergeordnetes Projektziel galt, die Lebensqualität der demenziell erkrankten Bewohner zu verbessern. Dabei wurde davon ausgegangen, dass Lebensqualität sich dadurch auszeichnet, dass
- der Mensch sich in seiner Persönlichkeit angenommen fühlt,
- Bedürfnisse äußern kann und eine Befriedigung dieser Bedürfnisse erfährt,
- Zuneigung in der Gemeinschaft erlebt und
- sich in seiner Umgebung wohlfühlen kann.
Zu diesen Zielen wurden von der Projektgruppe unter Be-rücksichtigung der Leitsätze der "Biografisch definierten Individualitätö und "Milieuorientierungö entsprechende Maßnahmen erarbeitet und dann der Stadt Frankfurt und der Fachhochschule für Pflege und Gesundheit als "Wohnküchen-Konzept zur Betreuung demenziell erkrankter Bewohner/innenö präsentiert.

Die Auswahl der sechs Bewohner, die an dem Projekt teilnehmen, gestaltete sich als nicht einfach. Vorrangig war die Überlegung, sich auf die Gruppenbetreuung demenziell erkrankterBewohner mit auffallender Symptomatik zu konzentrieren. "Motorische Unruhe, aggressiv wirkendes Verhalten, häufiges Rufen oder auch starke Rückzugstendenzen sind fast immer stressbedingte Verhaltensweisen. Für uns Signale, dass die Bewohner/innen sich nicht wohlfühlen und die Betreuung nicht immer angemessen istö, erläutert Heike Wagner, Diplom-Pflegewirtin und Projektleiterin. "Darüber hinaus kommt es zu einem Verlust an Alltagskompetenz; die Folge ist nicht selten eine Ausgrenzung und Diskriminierung seitens der Mitbewohner/innen.ö Diese Situation belastet auch das Pflege- und Betreuungspersonal, da in den gegebenen Strukturen eine adäquate Reaktion nicht immer möglich ist.
Mit dem Wohnküchen-Projekt wurde diese für beide Seiten häufig als belastend erlebte Situation entschärft: Die demenziell erkrankten Bewohner werden tagsüber in der "Wohn-kücheö individuell betreut, und die Mitbewohner sowie Mitarbeiter erfahren eine - zumindest zeitlich begrenzte - Entlastung.

Biografiearbeit und Schutz vor Reizüberflutung
Ein wichtiges Kriterium für das Wohnküchen-Konzept war die Erkenntnis, dass es Menschen mit Demenz kaum möglich ist, sich an ihre Umgebung anzupassen. Der übliche Alltag in einem Pflegeheim stellt für sie häufig eine Überforderung dar, sie können ihn weder verstehen, noch einordnen oder verarbeiten. Dies bedeutete wiederum für das Projekt, ein Milieu zu gestalten, das einerseits Sicherheit vermittelt und andererseits die Möglichkeit bietet, die vorhandenen Fähigkeiten der Bewohner/innen zu erhalten und zu fördern. Als theoretische Grundlage für das Konzept diente dabei der "Personenzentrierte Ansatzö von Tom Kitwood und die "Psychobiografische Pflegeö nach Erwin Böhm.

Im November 2001 wurde die Wohnküche dann unter milieutheoretischen Gesichtspunkten eingerichtet. Mit der Wohn-küche sollte ein zentraler Raum geschaffen werden, der an die Biografie der dort zu betreuenden Bewohner anknüpft, Schutz vor Reizüberflutung bietet und Geborgenheit vermittelt.
Um dem früheren Wohngefühl der Bewohner möglichst nahe zu kommen, wurden bei Haushaltsauflösungen antike Möbel erstanden, auf Trödelmärkten gestöbert und Angehörige mobilisiert, die Wohnküche mit Bildern und anderen persönlichen Gegenständen der Bewohner zu "bereichernö.

Gleichzeitig liefen weitere wichtige Schritte für die Umsetzung an:
- Auswahl und Schulung der an dem Projekt beteiligten Mitarbeiter,
- Einführung des Minimental Status Tests (MMST) zur Einschätzung der kognitiven Fähigkeiten,
- Einführung eines neuen Biografiebogens für die teilnehmenden Bewohnerinnen und
- Ergänzung der Dokumentation um "Tagebücherö, die anfangs sowohl für die einzelnen Bewohner/innen als auch für die Gesamtgruppe zur Reflektion der Gruppenbeziehungen geführt wurden.
Weiterhin folgten Schulungen zu den Grundlagen der Validation und Basalen Stimulation.

"Jetzt bin ich wieder zu Hauseö
Wer bei demenziell erkrankten Menschen vor allem an in sich gekehrte, kontaktmeidende und motorisch unruhige Personen denkt, wird bei Besuch der Wohnküche schnell eines Besseren belehrt: Hier sieht man Bewohner, die aktiv Kontakt zu ihren Betreuern und Mitbewohnern suchen, ruhig und zufrieden am Tisch sitzen und den Eindruck vermitteln, sich wirklich wohl zu fühlen. Das wird bereits bei der gemeinsamen Mahlzeit offensichtlich. Vor der Mahlzeit reichen sich alle am Tisch sitzenden die Hände und wünschen sich einen guten Appetit. Zwischen Suppe und Auflauf wird darüber debattiert, ob der Heinz - der Sohn einer Bewohnerin - jetzt 1925 oder 1931 geboren wurde und spätestensbei der Hauptspeise festgestellt, dass der Hunger nach Nachspeise und Vorspeise nun doch nicht mehr der größte ist. Beim abschließenden Kaffee nach der Mahlzeit geht man dann schnell zum gemütlichen Teil über: Jetzt wird gemeinsam ein Lied aus Kindertagen gesungen, und eine Bewohnerin rezitiert aus Schillers "Glockeö.

"Gegenseitige Wertschätzung und die gemeinsame Bewältigung des Alltags stehen im Vordergrund unserer Arbeitö, erklärt Heike Wagner. "Rituale und das gemeinsame Singen sind dabei ebenso wichtig wie ein individuelles Angebot. Als wir mit dem Projekt starteten, hat eine der Bewohnerinnen kaum gesprochen, das Äußern von Bedürfnissen fiel allen schwer oder wurde nicht in adäquater Form gezeigt. Heute äußern unsere Bewohner häufig ihre Bedürfnisse von sich aus. Sie zeigen weniger Sekundärsymptome und vermitteln uns, dass sie sich hier geborgen fühlenö, fasst die Projektleiterin Heike Wagner die Erfolge des Projektes zusammen. "Es kam schon vor, dass morgens eine Bewohnerin mit den Worten _Jetzt bin ich wieder zu Hause´ die Wohnküche betrat. Den engagierten Mitarbeitern zeigt dies, dass sie auf dem richtigen Weg sind, die Lebensqualität für diese Bewohnerinnen, soweit es die Rahmenbedingungen des Projektes zulassen, ein Stück weit zu verbessern.ö

Auch Doris Wagner, die betreuende Krankenschwester, ist von dem Erfolg des Wohnküchen-Konzepts überzeugt. Da sie nur mit einer halben Stelle im Projekt und mit der anderen halben Stelle im "normalenö Wohnbereich arbeitet, bekommt sie das unterschiedliche Verhalten der Bewohnerinnen in den beiden Betreuungskonzepten hautnah zu spüren. "Es sind zwei komplett verschiedene Menschen, die ich dort erlebeö, berichtet die engagierte Krankenschwester. "Das teilweise zwanghafte, unruhige Verhalten, das die Bewohnerinnen im Wohnbereich zeigen, kommtin der Wohnküche so gut wie gar nicht zum Vorschein. Hier werden sie nicht gelebt, hier leben sie selbst.ö

Dementia Care Mapping als Grundlage für die Projektauswertung
Dass das Wohlbefinden der Bewohnerinnen im Projekt mehr als zufriedenstellend ist, wird auch von externer Seite bestätigt. Das Wohnküchenprojekt der Alloheim AG ist eines der drei Projekte in Frankfurt, das durch die Fachhochschule für Pflege und Gesundheit unter der Leitung von Prof. Dr. Eva Ulmer und Diplom-Pflegewirtin Claudia Spahn extern evaluiert wird.
Zur Evaluation der Arbeit setzt das Team auf das von dem Engländer Tom Kitwood und der Bradford Dementia Group entwickelte DCM-Verfahren (Dementia Care Mapping). Das DCM ist ein objektives Beobachtungsverfahren, das speziell für Menschen mit Demenz entwickelt wurde. Mittels dieses Instruments wird versucht, das "relative Wohlbefindenö der Bewohner zu erfassen. Der aktuelle Pflegeprozess wird beleuchtet und ein Verbesserungsprozess in Gang gesetzt.

Seit Beginn der Umsetzungsphase des Projektes im Dezember 2001 wurde das DCM nun dreimal durchgeführt. Frau Claudia Spahn (FH Frankfurt), selbst ausgebildete "Mapperinö übernahm diese Tätigkeit. Sie war an jeweils zwei Tagen in die Wohnküche und beobachtete über sechs Stunden hinweg das Geschehen. "Bisher liegen uns nur die ersten beiden Mappings als Vergleich vor. Diese zeigen einerseits eine insgesamt deutliche Verbesserung des "Wohlbefindensö der Bewohnerinnen, andererseits machen sie uns aber auch deutlich, an welchen Punkten wir weiterarbeiten müssen, um den Verbesserungsprozess zu stabilisieren und fortzusetzen,ö berichtet die Projektleiterin Heike Wagner, die das Dementia Care Mapping für ein geeignetes Evaluationsinstrument hält und in diesem Zusammenhang auch die gute und konstruktive Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern der Fachhochschule Frankfurt erwähnt.

Ausweitung des Wohnküchen-Konzepts wird angestrebt
Während es in der Anfangszeit vorrangiges Ziel war, Bezüge herzustellen und Vertrautes zu schaffen, stehen heute die Gemeinschaft und Nähe unter den Bewohnerinnen und Mitarbeitern im Vordergrund. Die Wohnküche hat einen familienähnlichen Charakter angenommen.

Offiziell läuft das Wohnküchen-Projekt zum August 2002 aus, womit auch die Finanzierung nicht mehr sichergestellt ist. "Wir hoffen sehr, dass das Projekt im Sinne unserer Bewohnerinnen weiter gefördert wirdö, so Projektleiterin Heike Wagner. "Die Stadt Frankfurt hat mit ihrem Soforthilfeprogramm ein Zeichen gesetzt; in 30 Altenpflegeheimen konnten die unterschiedlichsten Projekte initiiert werden und so ist ein Pool von Erfahrungen entstanden, der weiter genutzt werden sollte.ö

Ein großes internes Ziel ist der Umzug der sechs Bewohnerinnen in den Wohnküchen-Bereich. Im Moment kommen sie nur wochentags in die Wohnküche und werden nachmittags in ihren Wohnbereich zurückbegleitet. Eine Situation, die für alle Beteiligten unglücklich ist. Die Bewohnerinnen zeigen im normalen Wohnbereich deutlich mehr Sekundärsymptome (motorische Unruhe, Aggressionen usw.) als in der Wohnküche selbst und versuchen hin und wieder auch, den Abschied hinauszuzögern.
Den betreuenden Pflegepersonen fällt es ebenso schwer, ihre Bewohnerinnen in den Wohnbereich zu übergeben - wissen Sie doch, dass die Wohnküche zu einem Stück Zuhause für sie geworden ist.

"Hauptsache, Sie haben etwas Freude bei uns gehabtö, lauten die Abschiedsworte einer Bewohnerin - höflich, aber auch mit einer gewissen Erleichterung. So verabschiedet man Gäste (und freut sich, dass man wieder unter sich ist) - ein deutliches Zeichen dafür, dass die Bewohnerinnen sich inihrer "Wohnkücheö ganz wie zu Hause fühlen.

Ansprechpartnerin für das Wohnküchen-Projekt:
Heike Wagner, Diplom-Pflegewirtin
E-Mail:
heike.wagner.mail(at)web.de





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