Eine aktuelle Studie aus der Schweiz zeigt: Unruhe im OP-Saal, besonders unnötig Türöffnen, bringt nicht nur das Personal aus dem Takt, sondern erhöht auch die Infektionsgefahr.
Jeder weiß, dass in einem Operationssaal während einer schwierigen Operation absolute Ruhe herrschen sollte. Unnötiges Sprechen, lautes Rufen, Hin- und Herlaufen und besonders unnötig Türöffnen gelten als Störeinflüsse, die das Operationsteam aus dem Takt bringen. Vermutet wird, dass derartige Ablenkungen auch die Komplikationsrate erhöhen. Aber obwohl das absolut plausibel klingt, gab es bisher keinen belastbaren wissenschaftlichen Beweis dafür.
Aktuelle Studie schafft Evidenz
In einer prospektiven Studie am Universitätsspital Basel wurde jetzt die Probe aufs Exempel gemacht. Die Autoren untersuchten zwischen 2016 und 2017 herzchirurgische Operationen an erwachsenen Patienten, die in zwei Operationssälen durchgeführt wurden. Die Säle hatten einen Hinterausgang zu einem Rüstraum, in dem Instrumententische vorgedeckt wurden. Da im täglichen Leben meist etwas vergessen wird, wurde aus diesem Raum während der Eingriffe häufig noch Instrumentarium und Zubehör nachgeholt. Nach vorne heraus zum Hauptflur des OP hatte jeder der beiden Säle eine weitere Tür, ein Saal sogar zwei Türen. Um Türöffnen nach hinten und nach vorne heraus objektiv zu zählen, wurden alle Türen mit einem elektronischen Zählgerät ausgestattet.
Die Autoren stellten die Frage, ob die Zahl der Türöffnungen während einer Operation etwas mit der Rate der später auftretenden, postoperativen Wundinfektionen bei den herzchirurgischen Patienten zu tun hat. Dafür erteilten sie den Hygienefachkräften die Aufgabe, zu jedem Patienten 30 Tage nach der OP Kontakt zu halten. Entweder durch persönlichen Besuch, wenn der Patient noch auf Station war, oder durch Telefonanrufe nach der Entlassung. Dabei sollten sie Infektionszeichen an der Wunde entweder selber in Augenschein nehmen oder telefonisch erfragen.
Überraschend viele Türöffnungen während einer OP
In der zweijährigen Studienphase wurden die Türen der beiden Operationssäle während einer laufenden OP 301.594-mal geöffnet. 87.676 dieser Türöffnungen fanden in der Zeit zwischen dem Hautschnitt und dem Nahtverschluss der OP-Wunde statt. Bei den durchgeführten Operationen handelte es sich meist um Bypass-Anlagen an den Herzkranzgefäßen oder um Operationen an den Herzklappen. Von 688 operierten Patienten entwickelten 24 (3,5 %) eine postoperative Wundinfektion. Elfmal handelte es sich um eine oberflächliche Infektion, zwölfmal um eine tiefe Infektion mit Beteiligung des Brustbeinknochens und einmal um eine tiefe Infektion mit Vereiterung des Brustfellraums. Alle Patienten konnten, wie geplant, 30 Tage nachverfolgt werden.
Als überraschendes Ergebnis der Studie zeigte sich zunächst eine unerwartet hohe Rate an Türöffnungen während laufender Operationen: Pro Stunde wurden die Türen im Mittel 32-mal geöffnet. Und, fast wie erwartet, hatten diese Türöffnungen auch einen direkten Zusammenhang mit der späteren Wundinfektionsrate: Pro fünf Türöffnungen während der Operation stieg das Risiko einer postoperativen Infektion um den Faktor 1,47 (p = 0,007). Vor allem die Türöffnungen nach hinten hinaus zum Rüstraum stellten sich als Problem dar. Pro fünf Türöffnungen stieg hier das Infektionsrisiko sogar um den Faktor 2,0 – das heißt, es verdoppelte sich. Die Assoziationen blieben auch erhalten, wenn andere Einflussfaktoren bei den Patienten, die das Infektionsrisiko möglicherweise beeinflussen konnten, herausgerechnet wurden.
Verdoppeltes Infektionsrisiko
Warum war das Risiko besonders hoch, wenn die Türen nach hinten zum Instrumentenlagerraum geöffnet wurden? Darüber können die Autoren nur spekulieren. Dieser Raum hatte den gleichen Luftdruck wie der des Operationssaals und es könnte daher zu einer Verwirbelung von Luftströmen gekommen sein. Dadurch wiederum könnten luftgetragene Erreger in das Operationsgebiet gelangt sein. Aber die Autoren schließen auch nicht aus, dass ein sozialer Faktor eine Rolle spielte. Zwischen den Pflegekräften im Instrumentenlager und dem OP-Team gab es vielleicht eher einen Anlass, Gespräche anzufangen, als bei Außenkontakten zum OP-Flur. Dass das Sprechen während einer Operation aber Infektionen begünstigt, dass weiß man spätestens, seit der Mund-Nasen-Schutz Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt wurde.
Roth J et al. Frequent door openings during cardiac surgery are associated with increased risk for surgical site infection: a prospective observational study. Clin Infect Dis 2019; 69: 290–294