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  • 27.09.2017
  • Praxis

Erfahrungsbericht

"Immer an der untersten Grenze"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 10/2017

Seite 22

Kommt es nach einer Langzeiterkrankung zur Frühberentung, leben die Betroffenen oft an der Armutsgrenze. Eine Altenpflegerin berichtet.

Alles begann mit dem Ende einer Beziehung. Nachdem mein Freund und ich uns nach zwei aufreibenden Jahren getrennt hatten, entschloss ich mich, eine Therapie zu machen. Anfang 40 war ich damals. Mein Ziel: Ich wollte lernen, beziehungsfähiger zu werden und alte Muster, die in meinen Beziehungen immer wieder auftraten, durchbrechen. Aber die Therapie tat mir spürbar nicht gut, sie hat mich – im Nachhinein betrachtet – sogar krank gemacht. Ich ging mit Beziehungsproblemen hinein und kam mit Angst und Panikstörungen heraus. Schon während dieser Zeit war ich manchmal krankgeschrieben, habe aber weiter voll gearbeitet.

Ich bin examinierte Altenpflegerin und habe zwölf Jahr in diesem Beruf gearbeitet. Die Ausbildung habe ich erst mit Anfang 30 begonnen – vorher war ich in ganz unterschiedlichen Bereichen tätig: als Gartenpflegerin, als Fabrikarbeiterin, als Montiererin und mehrere Jahre, nach einem Kurs beim Deutschen Rote Kreuz, als Pflegehelferin. Dann wurde meine Oma pflegebedürftig und ich habe sie ein halbes Jahr lang gepflegt. Das hat mir sehr gut gefallen und brachte mich auf die Idee, eine Ausbildung als Altenpflegerin zu beginnen.

Die Arbeit mit den alten Menschen hat mir immer viel Freude gemacht. Als dann aber durch die Therapie Ängste und Panikattacken auftraten, wurde es zunehmend schwierig, voll zu arbeiten. Während eines Kuraufenthalts rieten mir die Ärzte: „Arbeiten Sie doch in Teilzeit, dann geht es Ihnen besser.“ Also reduzierte ich auf 50 Prozent, ich wollte schließlich nicht gegen ärztlichen Rat handeln. Aber es wurde nicht besser, und mit 43 Jahren wurde ich dann – zunächst befristet – „wegen Psyche“ berentet. Glücklich war ich darüber nicht.

Da ich bald den Wunsch verspürte, wieder zu arbeiten, habe ich Kontakt zum Rentenversicherungsträger aufgenommen, um eine Umschulung zu beantragen. Die Ärzte hatten mir von einer erneuten Beschäftigung in der Pflege abgeraten. Sie meinten: „Die Altenpflege ist nichts für Sie.“ Auch meine Familie und meine Bekannten wollten mir den Beruf ausreden. Man werde nur krank davon, sagten sie, der Rücken gehe kaputt und man werde darüber hinaus schlecht bezahlt. Also begann ich mit Mitte 40 noch mal eine kaufmännische Umschulung. Als ich mich dann nach der Ausbildung bewarb, bekam ich keine Stelle. Ich hatte keine Berufserfahrung und von daher schlechte Karten. Danach war ich erst einmal arbeitslos. Auch die Ängste und Panikattacken begleiteten mich weiter und schließlich wurde ich – mit 48 Jahren – voll berentet.

Seitdem bekomme ich Rente wegen voller Erwerbsminderung. Das sind 534 Euro pro Monat für mein bisheriges Berufsleben, und ich darf 450 Euro hinzuverdienen. Insgesamt komme ich damit auf 984 Euro pro Monat. Wenn ich Miete, Telefon, die monatliche Buskarte und alle weiteren festen Kosten abziehe, bleiben mir noch 300 Euro zum Leben. Das reicht gerade zum Essen und Trinken. Ich kaufe nur das, was wirklich nötig ist. Manchmal gehe ich zur Frankfurter Tafel, die Lebensmittel an Bedürftige verteilt. Manchmal sammle ich auch Flaschen, um über die Runden zu kommen und das Katzenfutter bezahlen zu können. Ich bin nicht verheiratet, habe keine Kinder und lebe allein.

Nebenbei habe ich einen Minijob in der Altenpflege – dafür arbeite ich drei Tage im Monat à acht Stunden bei einer Leiharbeitsfirma und bin in unterschiedlichen Frankfurter Pflegeeinrichtungen eingesetzt. Der Job macht mir Spaß und ist gut bezahlt – ich verdiene pro Stunde knapp 19 Euro. Letztes Jahr habe ich mehr verdient als die offiziell erlaubten 520 Euro. Da wurde mir ein Teil der Rente abgezogen. Ich bin also auf Dauer festgenagelt auf 1000 Euro netto. Aber ich habe auch noch Ansprüche ans Leben – es tut weh, mir nie etwas leisten zu können, immer an der untersten Grenze zu leben.

Ich könnte mir vorstellen, 20 bis 28 Stunden pro Woche zu arbeiten. Aber ich mache mir Sorgen, wie sich das auf meine Gesundheit auswirkt. Im Moment geht es mir gesundheitlich gut. Ich nehme zwar weiter Medikamente, aber seit längerer Zeit sind die Ängste und Panikattacken verschwunden. Was ist, wenn sich das wieder ändert? Zudem sind die Auflagen der Rentenversicherung ziemlich streng. Ich habe schon überlegt, ob ich einfach mehr arbeite und auf die Rente verzichte. Aber ich habe Angst, dass es mir dann wieder schlechter geht. Alles steht und fällt mit der Gesundheit.

Die Verfasserin möchte anonym bleiben. Die Redaktion leitet Zuschriften gerne weiter: pflegeredaktion@bibliomed.de

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