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  • 05.11.2014
  • Management

Pflegekammern international

„Die Historie der anderen sollte uns Mut machen"

Die emeritierte Professorin Edith Kellnhauser beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit dem Thema Pflegekammer. Im Interview berichtet sie, warum sie sich stets unnachgiebig für die Vision einer pflegerischen Selbstverwaltung eingesetzt hat und inwiefern die historische Entwicklung der britischen und US-amerikanischen Kammern Deutschland als Orientierung dienen könnte.

Frau Professor Kellnhauser, Sie beschäftigen sich schon seit Jahrzehnten mit dem Thema Pflegekammer. Was würden Sie jungen Pflegenden sagen, wenn sich diese fragen, warum sie sich für eine Kammer mit Zwangsmitgliedschaft begeistern sollten?
Zunächst würde ich jungen Pflegenden sagen, dass sie die heutzutage vielfältigen Möglichkeiten zum Erwerb von theoretischen Kenntnissen und praktischen Erfahrungen nutzen und stolz auf ihren Beruf sein sollen. Auf dieser Basis würde ich ihnen sagen, dass sie sich mit Berufskollegen zusammenfinden und für die Selbstverwaltung ihrer Profession einsetzen sollen. Denn es kann doch nicht sein, dass die größte Gruppe im Gesundheitswesen mit Tausenden von pflegenden Fachspezialisten von anderen Berufsvertretern und Politikern bevormundet wird sowie kein gesetzlich gesichertes Mitspracherecht hat bei gesundheits- und berufspolitischen Entscheidungen. Eine gesetzlich gesicherte Selbstverwaltung des Berufsstandes kann nur von einer Pflegekammer durchgeführt werden.


Auf den Punkt gebracht: Was sind die größten Argumente für eine Pflegekammer?
Der Berufsstand Pflege ist vom Gesetzgeber verpflichtet, eine qualitativ hochwertige und sichere pflegerische Behandlung für die Bevölkerung zu erbringen. Das bedeutet, dass alle Berufsangehörigen in ihrer beruflichen Praxis pflegerische Mindeststandards auf evidenzbasierter Grundlage erbringen müssen. Um das garantieren zu können, bedarf es einer der berufseigenen Regulierung. Durch die damit verbundene Registrierung aller Berufsangehörigen kann eine regelmäßige berufliche Fortbildung der Einzelnen erwirkt und damit den Patienten eine adäquate Gesundheitsversorgung zugesichert werden. Für die Pflegenden bedeutet eine regelmäßige fachbezogene Fortbildung die Erhöhung ihrer speziellen Kenntnisse und Fähigkeiten. Damit steigt ihr beruflicher Marktwert. Die Berufsangehörigen verfügen mit einer Pflegekammer zudem über eine starke Standesvertretung. Außerdem haben sie eine berufliche Anlaufstelle und Informationsquelle, wo sie durch facherfahrene Kollegen gehört und beraten werden.

Warum tut sich die pflegerische Selbstverwaltung hierzulande so schwer?
Ich denke, das hängt mit unserer deutschen Berufssozialisierung zusammen. Ich selbst habe während meiner frühen Berufsjahre eine strikt geordnete pflegerische Arbeitsdurchführung als sozusagen kleines gehorsames Mäuschen erlebt. Auf eigene Gedanken oder kritische Fragen reagierten die Vorgesetzten unwirsch – meist habe ich mich gar nicht getraut, sie zu äußern. Man hatte zu arbeiten, denn man war ja viel zu jung zum Denken. Diese Behandlung – um nicht zu sagen Zurücksetzung –, stand einer Entwicklung von persönlichem Selbstvertrauen und beruflichem Selbstständig-werden deutlich im Wege. Die während der vergangenen 20 Jahre führenden Personen in der deutschen Pflege entstammen größtenteils meiner Generation und haben sehr wahrscheinlich eine ähnliche Berufssozialisierung erfahren. Da ist es ein langer Weg von der traditionellen Unterordnung hin zur persönlichen und beruflichen Emanzipation. Ich kann erfreut beobachten, dass sich dieser Zustand bei den jüngeren Generationen in der deutschen Pflege geändert hat. Allerdings zeigt sich bei ihnen ein allgemeines Desinteresse und ein apolitisches Verhalten gegenüber berufsständischen Belangen. Dadurch bleiben notwendige berufliche Veränderungen engagierten Einzelkämpfern überlassen.

Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass Sie sich über Jahrzehnte so intensiv mit dem Thema Pflegekammer befasst haben?
Während meiner pflegerischen Tätigkeit in England und den USA habe ich die Pflegekammer als durchsetzungsfähige und von Gesellschaft wie Politik respektierte pflegerische Standesvertretung erlebt. Für die Berufsangehörigen war die Kammer ein professioneller Zusammenschluss und verlässliche Unterstützung bei beruflichen Vorkommnissen. Die Forderungen, wie etwa die regelmäßige Fortbildung, war selbstverständlich zu erfüllen. Sie sahen diese Pflicht nicht als Last, sondern erkannten die ihnen daraus erwachsenden Vorteile. Als ich 1986 nach Deutschland zurückkehrte, musste ich erkennen, dass es diese Art beruflicher Institution nicht gab. 1990 las ich in „Die Schwester Der Pfleger" einen Artikel zum Thema Pflegekammer von der Kollegin Linberg-Klotz. Ich habe mich daraufhin mit ihr in Verbindung gesetzt, und in Folge auch in dem neu gegründeten Förderverein zur Errichtung einer Pflegekammer in Bayern mitgewirkt. In dieser Zeit hat mir die Osnabrücker Pflegewissemschaftlerin Doris Schiemann empfohlen, zum Thema Pflegekammer zu promovieren. Nach einigem Zögern hat das Stichwort „international" den Ausschlag gegeben. Aus meiner Doktorarbeit ist ein Grundlagenwerk über Pflegekammern mit internationalem Vergleich geworden. Über die Jahre hinweg habe ich in verschiedenen Vereinen und Initiativen an der Vision Pflegekammer mitgewirkt – immer in dem Glauben, manchmal auch im Zweifel, dass wir unser Ziel erreichen. Und nun freue ich mich, dass die erste deutsche Pflegekammer in Rheinland-Pfalz errichtet wird.

Während sich hierzulande die ersten Landespflegekammern in der Gründungsphase befinden, gibt es Pflegekammern in Großbritannien und den USA schon seit rund 100 Jahren. Können wir von deren Erfahrung lernen?
Ich denke, dass wir besonders bei der Erarbeitung grundlegender Dokumente, wie beispielsweise dem Leitbild, der Aufgabenstellung und dem beruflichen Ethikkodex, von den ausländischen Kammern lernen können. Deshalb habe ich diese Schriften übersetzt. Ich bin auch davon überzeugt, dass es trotz den anders gelagerten sozialen und gesundheitspolitischen Gegebenheiten für uns von Vorteil wäre, bei der einen oder anderen ausländischen Kammer zu hospitieren und deren Aufgabendurchführung zu beobachten. Von deren dabei eingesetzten Vorgehensweisen zu lernen hieße für uns wahrscheinlich, bestimmten Irrwegen auszuweichen oder Fehlentscheidungen im Vorfeld zu vermeiden.

Lassen Sie uns zum besseren Verständnis einen Exkurs in die Historie unternehmen: Eine der ältesten Pflegekammern ist die von Großbritannien. Wann wurde sie gegründet?
Die Pflegekammer von Großbritannien wurde 1916 als The College of Nursing gegründet. Ab 1919 führte sie die Registrierung aller ausgebildeten Krankenschwestern durch.

Gab es einen speziellen Anlass für die Gründung?
Der Anlass waren die zahlreichen unausgebildeten, inkompetenten Personen, die sich bei Patienten als Krankenschwestern ausgaben, und gefühllos, nicht selten betrunken, eine denkbar schlechte, ja gefährliche Versorgung erbrachten. Dieser bedrohliche Zustand veranlasste um 1890 eine Gruppe englischer Pflegedirektorinnen unter Führung von Ethel Bedford Fenwick, alle ausgebildeten britischen Krankenschwestern zu vereinen. Dies geschah durch eine Mitgliedschaft in The British Nursing Council, dem britischen Berufsverband. Die weitere Entwicklung zur Errichtung einer britischen Pflegekammer sollte uns in Deutschland Mut machen. Denn zur Errichtung der Pflegekammer dauerte es – trotz fortgesetztem Einsatz engagierter pflegerischer Einzelkämpferinnen – bis zum Jahr 1916.


Wie hat sich die britische Kammer über die Jahrzehnte entwickelt?
Während ihrer langen Geschichte haben besonders die Bezeichnungen einige Male gewechselt. Als ich beispielsweise 1958 nach entsprechender Ausbildung am West Middlesex Hospital in London und Ablegung meines Staatsexamens bei der Kammer in das Register der staatlich geprüften Krankenschwestern aufgenommen wurde, nannte sie sich General Nursing Council for England and Wales. Heute heißt sie The Nursing and Midwifery Council.

Welche Aufgaben übernimmt die britische Kammer?
Die britische und amerikanischen Pflegekammern sehen als ihre primäre Aufgabe an, das Wohl und die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten. Der Erfüllung dieser Aufgabe dienen alle Aktivitäten der Kammer. Ich will mal verkürzt und ohne Gewähr für Vollständigkeit deren selbstgestellten Aufgaben umreißen: Abhaltung von beruflichen Examina, Verleihung der Berufserlaubnis, Führung eines Registers aller Berufsangehörigen, Einforderung regelmäßiger Fortbildung, Erstellung von Bildungs- und Praxisstandards, Akkreditierung von Ausbildungsprogrammen, Erarbeitung eines beruflichen Verhaltenskodex, Unterstützung der Berufsangehörigen, Durchführung von Disziplinarverfahren, Reaktion auf Auswirkungen der Globalisierung, wirtschaftlicher Einsatz von Finanzen, Kommunikation mit der Bevölkerung, beruflichen und akademischen Institutionen sowie politisch Verantwortlichen. Nachdem auch deutsche Kammern sich ähnliche Aufgaben stellen, werden sie auch derartige Aufgaben übernehmen.

Reden wir über die US-amerikanische Kammer. Wie hat sich diese entwickelt und inwiefern können wir von ihr lernen?
In den USA wurden die ersten Pflegekammern 1903 in den Bundesstaaten North Carolina und New York gegründet. In den darauffolgenden Jahrzehnten wurden in allen 50 Bundesstaaten Kammern, sogenannte State Boards of Nursing, errichtet. Erst 1978, also zirka 70 Jahre nach den Erstgründungen von Pflegekammern, wurde ein Dachverband für alle Kammern, The National Council of State Boards of Nursing, mit Sitz in Chicago etabliert. Nachdem in Deutschland bereits jetzt vereinzelt Stimmen laut werden nach einer Bundespflegekammer, sollte uns diese lange Zeitspanne bis zur Gründung einer US-Dachorganisation für alle Kammern zu denken geben.

Inwiefern?
Man muss erst gehen lernen, um laufen zu können. Wir sollten erst einmal Landespflegekammern errichten, die sich durch ihre Aufgabenerfüllung über Jahre beweisen müssen. Erst danach kann eine Bundespflegekammer ins Auge gefasst werden. Was das Lernen von amerikanischen Pflegekammern betrifft, möchte ich zwei Beispiele anführen. Erstens: In die USA emigrieren jährlich tausende Krankenschwestern und Krankenpfleger aus aller Herren Länder mit unterschiedlichen Sprachen und Berufsausbildungen. Die Pflegekammern in den einzelnen Bundesstaaten fordern von allen das Ablegen des amerikanischen pflegerischen Staatsexamens in englischer Sprache. Diese Maßnahme stellt sicher, dass alle in den Vereinigten Staaten praktizierenden Pflegenden die einheitlich festgelegten Mindestanforderungen für eine sichere Pflege erfüllen, und die Kammer dadurch, gepaart mit anderen Regelungen, den Schutz von Patienten gewährleisten kann. Zweitens: Geschrieben von berufseigenen Fachpersonen geht aus der Präambel des berufsethischen Kodex der amerikanischen Pflegekammern deren Einwirkung auf den Berufsstand hervor. Zum einen sind die selbstgestellten hohen Berufsanforderungen an die Berufsangehörigen ersichtlich. Zum anderen ist eine hohe Eigenwertschätzung als Berufsgruppe und verbunden damit ein stark verinnerlichtes berufliches Selbstbewusstsein erkennbar. Aus meiner Erfahrung heraus verstehen es sowohl die Kammern als auch die einzelnen Pflegenden meisterhaft, den Wert des Pflegeberufes der Öffentlichkeit zu vermitteln.

Frau Professor Kellnhauser, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.

 

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