Katharina Steinhauer ist die erste Chief Nursing Information Officer (CNIO) Deutschlands. Die Pflegewissenschaftlerin hat diese Position im vergangenen Jahr an der Universitätsmedizin Frankfurt übernommen. Eine Kernaufgabe: die Digitalisierung pflegeorientiert weiterzuentwickeln. Wir sprachen mit ihr über diese Rolle.
Frau Steinhauer, Sie sind die erste Chief Nursing Information Officer (CNIO) hierzulande. Was genau verbirgt sich dahinter?
Dahinter verbergen sich im Prinzip 25 Jahre Vorarbeit, das bedeutet, man muss die Entstehung dieser Stelle in einem historischen Kontext beziehungsweise strukturell betrachten. Angefangen hat alles bei uns in Frankfurt 2001, als die digitale Behandlungsakte eingeführt wurde unter maßgeblicher Beteiligung von Pflegefachpersonen unter der Leitung von Doris Henneberger. Ein weiterer wichtiger Schritt war das Inkrafttreten des Krankenhauszukunftsgesetzes (KHZG) vor rund fünf Jahren, mit dem die Digitalisierung noch einmal an Fahrt aufgenommen hat. Dann braucht es natürlich jemanden, der Daten fachlich betrachtet, einordnet und schaut, wer im Haus braucht überhaupt welche Informationen und in welcher aufbereiteten Form. Letztlich ist es aber auch immer eine Entscheidung einer Klinik, wie viel Raum dem Thema Digitalisierung gegeben wird. Bei uns hat das sehr gut geklappt und die Pflege war von Beginn an dabei.
Und jetzt ist die Pflege mit dieser neuen Position auch ganz offiziell benannt und hat entsprechende Verantwortlichkeiten?
Ganz genau. Als CNIO trage ich Sorge dafür, dass sich digitale Lösungen an den Bedürfnissen der Pflegefachpersonen orientieren und wirkliche Entlastung im Alltag bringen, Abläufe effizienter werden und die Qualität der Versorgung immer weiter verbessert wird. Damit das alles funktioniert, arbeiten wir interprofessionell zusammen, also Pflege, Medizin, IT und Medizininformatik. Ich bin dabei das Bindeglied zwischen diesen Bereichen.
Ihr Ziel ist es, dass digitale Systeme praxisnah entwickelt werden und den Anforderungen der Pflegefachpersonen entsprechen. Wie binden Sie Ihre Kolleginnen und Kollegen aus der Pflege in den Prozess der Digitalisierung ein?
Wir haben vor zwei Jahren die digitale Pflegeprozessdokumentation an unserer Uniklinik neu eingeführt. Gerade bei solchen Großprojekten ist es entscheidend, eine echte Betriebsbegleitung über mindestens zwei Wochen vor Ort zu machen. Das heißt, sich Zeit zu nehmen, auf Station zu sein, dort die Dokumentation an echten Patienten zu begleiten. Nur so bekommt man mit, was genau im Pflegealltag gebraucht wird und was nicht. Oder wo zum Beispiel der Dokumentationsaufwand noch reduziert werden kann. Oder wo noch Schulungsbedarf im Umgang mit einer Anwendung besteht. Pro Station oder Bereich gibt es zwei Verantwortliche. In sogenannten „Key-User-Runden“ holen wir Feedback ein, sprechen über Neuerungen und Verbesserungsmöglichkeiten. Wichtig ist, dass sich Mitarbeitende mit diesen Themen befassen und mitgestalten möchten. Wir schauen dann, wie die Anforderungen umgesetzt werden können.
Können Sie uns einen Einblick in eines Ihrer aktuellen Projekte geben?
Gerne. Wir haben momentan zwei größere Projekte laufen. Das ist zum einen das Ausrollen von mobilen Geräten, sprich Smartphones und Tablets, auf verschiedenen Stationen. Am Anfang ist da natürlich immer der Glanz des Neuen. Jeder will ein Gerät haben. Deswegen haben wir in einer Pilotphase vorab auch erst einmal geprüft, welche Probleme damit am Ende des Tages wirklich gelöst werden können und welche nicht. Um das herauszufinden, sind wir da und moderieren den Roll-out. Zum anderen beschäftigten wir uns gerade mit einem Trendthema, nämlich der Spracherkennung. Die ergibt mit mobilen Geräten natürlich am meisten Sinn. Allerdings stehen wir vor der Herausforderung, einen Anbieter zu finden, der unsere Anforderungen erfüllen kann.
Was meinen Sie damit?
Ich versuche, das mal zu erklären: Eine Lösung, die Sprache zu Fließtext liefert, ist etwa für unsere Pflegedokumentation im Krankenhaus nicht wirklich passend. Wir nutzen bei uns LEP, eine standardisierte Fachsprache, mit der Pflegemaßnahmen digital dokumentiert werden. Wir brauchen also nicht Sprache zu bloßem Fließtext, sondern Sprache zu konkreter Maßnahme, zu konkreter Pflegehandlung.
Das klingt alles sehr komplex. Da kommt Ihnen sicher Ihre Erfahrung in der Pflege zugute?
Das ist definitiv so. Ich bin schon relativ lange in der Pflege unterwegs. Als ich noch in der Schule war, habe ich bereits als Pflegehelferin im Pflegeheim gearbeitet. Ich glaube, dort entstand auch meine Motivation, dass ich helfen möchte, die Versorgung vor Ort zu verbessern. Denn es gibt so viele gute Pflegepersonen – ob Fachkraft oder Helfer –, die richtig tolle Arbeit leisten, die aber häufig an den Rahmenbedingungen scheitern. Und dann ist da natürlich auch noch der Anspruch an die Qualität meiner eigenen Arbeit. Während meines Pflegestudiums bin ich in die Klinik gewechselt und habe mein Examen in Gesundheits- und Krankenpflege absolviert. An der Uniklinik in Frankfurt habe ich vor etwas mehr als sechs Jahren dann im Qualitätsmanagement angefangen und bin aktuell als benannte CNIO sozusagen die Vertretung der Anwenderinnen und Anwender in der Digitalstrategie. Hierfür ist meine Arbeit an unserem University Center for Digital Healthcare enorm hilfreich, denn dort befasse ich mich mit Prozessen und den unterschiedlichsten Schnittstellen, gestalte die Digitalisierung aktiv mit und beschäftige mich viel mit ihrer Akzeptanz und ihrem Nutzen.
Sie haben eben den Nutzen der Digitalisierung angesprochen. Was sind für Sie die drei größten?
Ein großer Vorteil, sofern die Digitalisierung gut gemacht, praxisorientiert und vor Ort integriert ist, ist die Automatisierung von Routineaufgaben oder patientenfernen Tätigkeiten, die immer wieder bei Pflegefachpersonen landen, aber eigentlich woanders hingehören. Ein zweiter Nutzen ist für mich die bedarfsgerechte Bereitstellung von Informationen. Denn nicht alles wird im Krankenhausinformationssystem (KIS) abgebildet. Dadurch müssen Pflegefachpersonen oft so viel im Kopf haben. Da kann man mit gezielt aufbereitetem pflegefachlichen Wissen etwa bei der Entscheidungsfindung unterstützen. Als drittes gehört für mich noch dazu, dass man die Patientenversorgung in einem Gesamtkontext betrachten kann. Das ist wichtig, weil Pflege häufig nicht in einer einzelnen Institution stattfindet, sondern in der Regel in unterschiedlichen Settings, also im Krankenhaus, in der Pflegeeinrichtung oder zu Hause. Wenn wir hier die richtigen Informationen an die richtigen Stellen bringen, können wir die Versorgungsqualität noch einmal steigern. Digitalisierung kann so auch das Implementieren neuer Rollen in der Pflege, wie etwa Advanced Practice Nurses, unterstützen.
Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Erfahrungsaustausch mit CNIO anderer Länder? Hierzulande sind Sie ja noch allein.
Es ist richtig, dass es CNIO in den USA, Skandinavien oder auch in den Niederlanden, Frankreich und der Schweiz schon länger gibt. Sie haben sich dort, ähnlich wie hier, aus dem Bedarf der fachlichen Begleitung von Digitalisierungsprojekten heraus entwickelt. Hier in Deutschland bin ich zwar die erste offiziell benannte CNIO, aber in einzelnen Häusern gibt es durchaus ähnliche Rollen, die zum Beispiel von Pflegefachpersonen aus dem Qualitätsmanagement ausgefüllt werden und mit denen ich im Austausch bin, der so wesentlich ist, um die Anforderungen aus der Pflege zu diskutieren. Leider gibt es bislang nur wenige Kanäle, die die Pflege repräsentieren. Umso mehr hoffe ich, dass noch viele andere auf unseren Zug aufspringen, um die Digitalisierung pflege-orientiert zu gestalten und die Versorgung zu optimieren.