• 27.05.2026
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Erfolgsfaktoren betrieblicher Integration

Gemeinsam wachsen

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 4/2026

Seite 62

Hunderttausende internationale Pflegefachpersonen tragen bereits heute zur Sicherung der pflegerischen Versorgung in Deutschland bei. Doch der Erfolg internationaler Rekrutierung entscheidet sich vor allem dort, wo Pflege tatsächlich geleistet wird. Ein Blick auf drei Best Practices, die zeigen, wie nachhaltige Integration gelingen kann.

Integration ist kein eindimensionaler Vorgang, der mit dem Arbeitsvertrag beginnt und mit der Anerkennung der Berufsqualifikation endet. Vielmehr handelt es sich um einen komplexen, mehrdimensionalen Prozess, der berufliche, sprachliche, soziale, kulturelle und psychosoziale Aspekte miteinander verknüpft. Erfolgreiche Integration verlangt daher sowohl Offenheit seitens der aufnehmenden Teams als auch eine systematische, verlässliche und empathische Begleitung der internationalen Pflegefachpersonen. Einrichtungen, die Integration als strategische Aufgabe begreifen, profitieren langfristig nicht nur in Form sta­bilerer Teams, sondern auch durch eine hö­here Versorgungsqualität, eine verbesserte Organisationskultur und eine gestärkte Resilienz.

Integration beginnt mit dem Preboarding

Ein Blick in die drei untersuchten Praxis­beispiele – das Klinikum Frankfurt (Oder), das Agaplesion Klinikum Hagen und die Seniorenresidenz St. Peter in Trier der creatio GmbH – zeigt, dass die Ausgangsbedingungen sehr unterschiedlich sein können. Dennoch lassen sich übergreifende Muster erkennen. Alle drei Organisationen haben in den vergangenen Jahren ein professionelles Integrationsmanagement aufgebaut, das weit über reine Personalgewinnung hinausgeht.

Ein zentrales Element besteht darin, Integration institutionell zu verankern und klare Verantwortlichkeiten zu definieren. Das Kli­nikum Frankfurt (Oder) etwa sieht die Integration internationaler Pflegefachpersonen ausdrücklich als „Chefsache“ und hat hierfür ein eigenes Team geschaffen, das eng mit der Pflegedirektion zusammenarbeitet. Auch am Agaplesion Klinikum Hagen übernimmt eine eigens eingerichtete Stabsstelle, die von einem erfahrenen Pflegepädagogen geführt wird, die Verantwortung für den gesamten Prozess – von der Anwerbung bis zur Anerkennung (Textkasten). Bei der creatio GmbH wiederum wird das Integrationsmanagement zentral auf Trägerebene koordiniert, sodass die Einrichtungen im Alltag stark entlastet werden.

Eine besondere Bedeutung kommt dem Preboarding zu. Denn Integration beginnt nicht erst mit dem ersten Arbeitstag in Deutschland. Zwischen Jobzusage und Einreise vergehen oft viele Monate, die ohne aktive Einbindung zu Verunsicherung oder sogar zu Abbrüchen führen können. Wenn Einrich­tungen jedoch frühzeitig Kontakt halten, regelmäßig Informationsgespräche führen, Ein­blicke in Teams ermöglichen und Erwartungen klären, entsteht ein Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit, noch bevor die Fachkräfte den Fuß ins Land setzen. In Frankfurt (Oder) gehören regelmäßige Videokonferenzen mit der Pflegedirektion, dem Integrationsmanagement und zukünftigen Kolleg:innen zum Standard. Internationale Mitarbeitende berichten dort, dass sie sich nicht als Fremde, sondern vom ersten Tag an als Teil eines Teams erleben.

Worauf es nach der Ankunft ankommt

Doch das vielleicht entscheidendste Element zeigt sich nach der Ankunft: Onboarding ist weit mehr als die Übergabe eines Dienstplans. In allen drei Praxiseinrichtungen werden internationale Pflegefachpersonen persönlich ab­geholt, bei Behördengängen begleitet und in angemieteten Wohnungen oder Wohngemeinschaften untergebracht, um soziale Isolation zu verhindern. Gleichzeitig erhalten sie Zeit, um anzukommen, sich zu orientieren und die neue Lebensrealität zu verarbeiten. Dieser sensible Übergang zwischen alter und neuer Umgebung ist für viele ein emotionaler Kraftakt, der ohne Unterstützung zur Belastungsprobe werden kann.

„Mein Alltag als Integrationskoordinator“

Robin Keller ist Pflegepädagoge und leitet die Integrationskoordination am Agaplesion Klinikum Hagen. Sein Team organisiert und begleitet den gesamten Prozess der internationalen Personalakquise. Ein Erfahrungsbericht von Robin Keller ist in Die Schwester | Der Pfleger 5/2025 erschienen.

Ergänzend dazu zeigt sich die fachliche Einarbeitung als eigener komplexer Prozess. Die Kenntnisprüfung, die sprachliche Weiterentwicklung und das Erlernen neuer Dokumentations- und Pflegeverfahren finden parallel zum Arbeitsalltag statt. Einrichtungen wie das Agaplesion Klinikum Hagen, das über eigene Praxisanleiter:innen und Pflegepädagog:innen verfügt, integrieren gezielte Prüfungsvorbereitungen, Skills-Lab-Trainings und kontinuierliches Feedback in ihren Alltag. Dies ermöglicht es internationalen Pflegefachpersonen, ihre Kompetenzen sichtbar einzubringen, selbstbewusst aufzutreten und fachlich schnell Anschluss zu finden.

Die soziale Integration wiederum erweist sich als ein unterschätzter, aber zentraler Baustein. Viele internationale Pflegefachpersonen sind zum Zeitpunkt ihrer Einreise noch jung, oftmals ohne familiäre Unterstützung im Land und mit einem Alltag konfrontiert, der durch Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede geprägt ist. Einrichtungen, die aktiv Begegnungsräume schaffen – etwa in Form von Sprachcafés, gemeinsamen Feiern, Patenschaften oder Freizeitangeboten –, fördern langfristige Bindungen und ein Klima des Vertrauens. Besonders die creatio GmbH geht hier weit über das Erwartbare hinaus, indem sie internationale Fachkräfte nicht nur begleitet, sondern ihre Lebenswelten bewusst kennenlernt und ihnen stabilisierende soziale Netzwerke eröffnet.

Download der Studie

Dieser Artikel basiert auf einer wissenschaftlich fundierten Recherche von Dr. rer. medic. Bouchra Achoumrar und Dr. phil. Lisa Peppler im Auftrag von Match Pflege. Der ausführliche Ergebnisbericht steht zum kostenlosen Download bereit.

Bürokratische Prozesse unterstützen

Eine der größten Herausforderungen bleibt jedoch die Bürokratie. Alle drei Unternehmen berichten von komplizierten Anerkennungsverfahren, unklaren Zuständigkeiten, langen Wartezeiten und Visumsregelungen, die der Realität oft nicht gerecht werden. Trotz poli­tischer Reformen sind Anerkennungsverfahren in der Praxis häufig träger als notwendig und setzen internationale Pflegefachpersonen unnötigen Belastungen aus. Ohne professionelle Unterstützung sind viele dieser Wege kaum zu bewältigen. Einrichtungen, die diesen Prozess aktiv moderieren, bewahren ihre Mitarbeitenden vor Überforderung – und stärken ihre eigene Planungssicherheit.

Am Ende zeigt der Vergleich der drei Organisationen, dass erfolgreiche Integration vor allem dort gelingt, wo sie strategisch gedacht, fachlich begleitet und menschlich gestaltet wird. Sie braucht klare Strukturen und kompetente Ansprechpartner:innen, aber auch Empathie, Geduld und die Bereitschaft, kulturelle Vielfalt als Ressource anzuerkennen. Die untersuchten Einrichtungen zeigen eindrücklich, dass nachhaltige Integration möglich ist, wenn Haltung, Strategie und Praxis ineinandergreifen. Der Gewinn ist vielfältig: zufriedene und motivierte internationale Pflegefachpersonen, stabilere Teams, gesteigerte Versorgungs­qualität – und nicht zuletzt ein Beitrag zur langfristigen Sicherung des Gesundheits­wesens in Deutschland.

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