Warum die Impfung für Personen mit chronischen Erkrankungen so wichtig ist
Nur ein Bruchteil der chronisch kranken Menschen in Deutschland ist gegen Grippe geimpft – dabei kann eine Influenza-Infektion schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall begünstigen (1). Pflegefachpersonen können durch ihren engen Patientenkontakt viel bewirken.
Eine Influenza-Infektion kann Entzündungs- und Gerinnungsprozesse in Gang setzen, die mit einem höheren Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall einhergehen – bei einer bereits bestehenden koronaren Herzkrankheit kann sie auch akute Ereignisse begünstigen (1). Diesen Zusammenhang greift ein aktuelles Konsensuspapier der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie auf: Die Autorinnen und Autoren schlagen vor, Impfungen – darunter die Grippeimpfung – künftig als eigenständige Säule der Herz-Kreislauf-Prävention zu betrachten, neben Blutdrucksenkern, Lipidtherapie und Diabetesmedikamenten (1).
Die Relevanz der Impfung für vulnerable Patienten hatte bereits Jahre zuvor eine Metaanalyse nahegelegt: Bei Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko war die Impfung mit einem niedrigeren Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse assoziiert – am deutlichsten nach einem akuten Herzereignis (z. B. Herzinfarkt) (2).
STIKO-Empfehlung & Nutzen für chronisch Kranke
Die STIKO empfiehlt die Grippeimpfung ab einem Alter von sechs Monaten allen Menschen mit einer chronischen Grunderkrankung – beispielsweise Herz-Kreislauf-, Atemwegs-, Leber- und Nierenerkrankungen, Stoffwechsel- und neurologische Erkrankungen sowie Personen mit angeborener oder erworbener Immundefizienz (3). Im Pflegealltag zählen dazu vor allem Patientinnen und Patienten mit Diabetes, Multipler Sklerose oder unter immunsuppressiver Therapie, etwa bei onkologischen oder rheumatischen Erkrankungen. Wie groß der Nutzen der Impfung gerade für sie sein kann, zeigt das Beispiel Diabetes: Geimpfte mit Diabetes hatten in einer großen dänischen Kohortenstudie ein etwa 17 % geringeres Gesamt- und 16 % geringeres kardiovaskuläres Sterberisiko als Ungeimpfte (4).
Präventionspotenzial, das ungenutzt bleibt
75 % Durchimpfungsrate in den Risikogruppen – das ist das gemeinsame Ziel von WHO und EU (5). Davon sind wir weit entfernt: Nur etwa 28 % der chronisch Kranken in Deutschland sind gegen Grippe geimpft. Bei jüngeren Betroffenen ist die Quote noch geringer und fällt auf gerade einmal 6 % bei den 18- bis 29-Jährigen und 8 % bei den 30- bis 39-Jährigen (6).
Wo die Pflege ins Spiel kommt
Pflegefachpersonen haben im Versorgungsalltag den engsten und kontinuierlichsten Kontakt zu chronisch kranken Menschen und sind damit eine glaubwürdige, niedrigschwellige Schnittstelle, um Impflücken zu schließen – z. B. indem sie die Grippeimpfung im Patientengespräch gezielt ansprechen, Vorbehalte aufgreifen und zum ärztlichen Aufklärungsgespräch ermutigen.
Hilfreich ist dabei das Wissen um häufige Bedenken, z. B. der Irrglaube, man könne sich durch eine Impfung mit Influenza infizieren: Die in Deutschland für Erwachsene zugelassenen Grippeimpfstoffe sind ausnahmslos Totimpfstoffe und enthalten keine vermehrungsfähigen Erreger (7).
Der eigene Impfschutz kann ebenfalls einen Unterschied machen: Als enge Kontaktpersonen können geimpfte Pflegende dazu beitragen, die Viruszirkulation im Umfeld vulnerabler Patientinnen und Patienten zu verringern (3).
Pflegende können chronisch kranke Patientinnen und Patienten gezielt auf die Grippeimpfung ansprechen, Vorbehalte aufgreifen, zum ärztlichen Aufklärungsgespräch ermutigen und sich selbst impfen lassen.
Literatur:
(1) Heidecker et al., Eur Heart J 2025;46:3518–3531.
(2) Udell et al., JAMA 2013;310:1711–1720.
(3) STIKO, Epid Bull 2026;4:1–79.
(4) Modin et al., Diabetes Care 2020;43:2226–2233.
(5) RKI, Gesundheitsberichterstattung des Bundes, gbe.rki.de.
(6) RKI, VacMap-Dashboard, rki.de.
(7) BIÖG, infektionsschutz.de.
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DE-INF-2026-00054