• Management
Krankenhäuser als attraktive Arbeitgeber

„Die Mitarbeiter müssen sich wohlfühlen"

Wer in seine Mitarbeiter investiert, wird erfolgreicher sein als andere Unternehmen. Dazu gehört es, die unterschiedlichen Generationen im Blick zu haben und die Beschäftigten als interne Kunden zu betrachten, meint Professorin Anja Lüthy. Eine Haltung, die sich auch für Kliniken rechnet.

 

Frau Professorin Lüthy, es gibt Kliniken, die setzen Kopfgeld aus, um neues Personal zu gewinnen. Eine erfolgreiche Strategie?

Nein, sicher nicht. Wenn ein Unternehmen kein attraktiver Arbeitgeber ist, kann es damit vielleicht Mitarbeiter kurzfristig anwerben. Es muss aber befürchten, dass die Neuen auch schnell wieder kündigen. Gerade junge Mitarbeiter der Generation Y sind sehr wechselbereit, was Arbeitgeber angeht.

 

Welche Möglichkeiten haben Unternehmen, um ein attraktiver Arbeitgeber zu werden?

Bei BWL-Absolventen sind BMW und Audi sehr begehrte Arbeitgeber, weil sie auf eine starke Mitarbeiterbindung setzen. „Caring Companies" heißen solche Firmen, bei denen Mitarbeiter nicht über das Gehalt, sondern über individuelle Betreuung kontinuierlich an das Unternehmen gebunden werden: Hilfe bei der Wohnungsbeschaffung, das Besorgen eines Kindergartenplatzes, das Buchen einer Ferienreise, die Gestaltung der Freizeit. All das organisieren Caring Companies für ihre Mitarbeiter und deren Familien. Kommt dann ein Headhunter mit einem neuen Arbeitsplatzangebot, ruft die ganze Familie: „Papa, das geht doch nicht, überlege dir doch, was deine jetzige Firma schon alles für uns getan hat!" Solche Unternehmen wollen eine „Feel Good Company" sein, in der sich alle so wohlfühlen, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, zu einem anderen Arbeitgeber zu wechseln. 

 

Welche Rolle spielt das Teamklima? Rechnen sich gemeinsame Aktivitäten oder Kurzurlaube, wie es einige Unternehmen schon anbieten?

Ein gutes Teamklima am Arbeitsplatz ist auf jeden Fall der jungen Generation Y sehr wichtig. Ergebnisse von Befragungen aus dem Jahr 2013 belegen, dass das Teamklima bei Medizinstudenten, Assistenz- und Oberärzten mit 95, 89 und 78 Prozent auf dem ersten Platz rangiert, wenn es darum geht, welcher Faktor den eigenen Arbeitsplatz attraktiv macht. Bei Pflegenden ist das sicherlich ähnlich. Wenn Arbeitgeber möchten, dass sich das Team gut versteht, sind gemeinsame Aktivitäten sinnvolle Maßnahmen. Wenn allerdings die Stimmung im Team schlecht ist, bringt ein gemeinsamer Ausflug nicht viel, weil niemand mitkommt. Bevor ein Team ein Wochenende Skifahren plant, sollte zumindest in der Abteilung eine gute Führungs- und Unternehmenskultur aufgebaut worden sein. 

 

Was gehört zu einer guten Unternehmenskultur?

Zunächst hat die strukturelle Organisation einen positiven Einfluss auf die Unternehmenskultur: flache Hierarchien und die grundsätzliche Möglichkeit für alle Mitarbeiter, die eigene Arbeitszeit so flexibel wie möglich zu gestalten. Auch Top-Job-Sharing zählt dazu: Eine 35-jährige Frau mit Familie sollte sich problemlos mit einer Kollegin eine Führungsposition teilen können – beide arbeiten dann 20 bis 30 Stunden wöchentlich. Außerdem spielen Serviceleistungen für Mitarbeiter eine große Rolle, wie beispielsweise die Angebote Betriebskindergarten, Babysitter-Service, Ferienfahrten für Kinder, die Möglichkeit, Essen aus der Kantine mit nach Hause zu nehmen, oder Sport- und Fitnessmöglichkeiten am Arbeitsplatz. 

 

Wie kann eine totale Flexibilisierung der Arbeitszeiten im Krankenhaus aussehen?

Es gibt Krankenhäuser, die haben 600 Mitarbeiter und 550 unterschiedliche Arbeitszeitmodelle. Totale Arbeitszeitflexibilisierung trägt ganz wesentlich zur Mitarbeiterzufriedenheit bei. 89 Prozent der Jungen wollen schon heute flexible Arbeitszeiten und lieber 35 als 45 Stunden in der Woche arbeiten. Männern und Frauen der Generation X geht es darum, mit Mitte 30 den Job mit der Familie ausgewogen zu kombinieren. Die Generation Y möchte mit Anfang Mitte 20 mehr Freizeit für ihre Hobbys. Hier sollten Arbeitgeber flexibel auf die individuellen Wünsche eingehen, sonst finden sie bald keine Mitarbeiter mehr. 

 

Ein Trend ist auch in Richtung Gesundheitsförderung zu beobachten, zum Beispiel der Besuch des Fitnessstudios während der Arbeitszeit. Ein Trend, der lohnt?

Vorgesetzte sind dafür verantwortlich, dass Mitarbeiter in der Lage sind, ihre Leistungen zu erbringen. Für die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter ist es sinnvoll, diese als interne Kunden zu sehen, sie sogar zu „bedienen", in dem der Vorgesetzte fragt: „Was kann ich für Sie tun, welche Bedingungen am Arbeitsplatz kann ich schaffen, damit Sie leistungsbereit und zufrieden sind?" Dabei kommt es nicht auf generelle Maßnahmen an, denn die Jungen „ticken" sehr individuell. Für den einen Mitarbeiter ist es die Kinderbetreuung in den Schulferien, die ihn motiviert, den anderen motivieren Sportangebote. Dabei kommt es auf die Haltung und das Verständnis der Vorgesetzten an. Arbeitgeber müssen grundsätzlich bereit sein, den Mitarbeitern Arbeitsplatzbedingungen zu ermöglichen, die ihnen wichtig sind. Und was sich der Einzelne wünscht, müssen Vorgesetzte konkret über Gespräche in Erfahrung bringen. Gerade die Generation Y ist so individualisiert, dass deren Bedürfnisse höchst unterschiedlich sind. Insofern kann der Besuch des Fitnessstudios während der Arbeitszeit den einen motivieren, den nächsten Mitarbeiter aber gar nicht.

 

Sie sagten es bereits: „Die Jungen ticken anders." Was bedeutet das aus Führungssicht?

Mitarbeiter aus der Generation Y hatten im Gegensatz zu ihren älteren Kollegen keine autoritären Eltern – die Beziehung zu ihnen lief auf Augenhöhe. Nun fordert die Generation Y von ihren Vorgesetzten das ein, was auch die Älteren schon immer wollten: Wertschätzung und einen respektvollen Umgang auf Augenhöhe miteinander. Wenn ein Vorgesetzter der Babyboomer-Generation einem 25-Jährigen heute vorschlägt, dass das Mitarbeitergespräch um 18 Uhr stattfindet, wird der Junge sicherlich antworten: „Dieser Termin passt mir leider gar nicht, zumal er auch nicht in meiner Arbeitszeit liegt." Die dann eigentlich fällige Frage des Vorgesetzten „Wann passt es Ihnen denn?", ist heute bei Vorgesetzten der Babyboomer noch eher verpönt. 

 

Was gilt es bei der Einarbeitung zu berücksichtigen?

Die Qualität der Einarbeitung neuer Mitarbeiter an ihrem Arbeitsplatz ist ganz entscheidend. Von Anfang an ist den Jungen das wöchentliche Feedback sehr wichtig. Das Einarbeiten ist ziemlich zeitintensiv geworden. Mittlerweile übernehmen in manchen Kliniken sogar zwei Paten die Funktion als Ansprechpartner. Die Generation Y fühlt sich nämlich unwohl, wenn sie nicht genügend beachtet wird und kein kontinuierliches Feedback bekommt. Auch Wochenpläne, ähnlich wie Stundenpläne, bekannt aus Schule und Studium, helfen den Jungen, sich von Anfang an am Arbeitsplatz wohlzufühlen. Sie wissen dann sofort, wann Visiten stattfinden, wann Übergabe und wann die Teambesprechung ist.

Das klingt insgesamt nach einer herausfordernden Aufgabe für Führungskräfte.

Ja, Führung ist anstrengend und zeitaufwendig geworden. Gerade junge Mitarbeiter möchten viel persönlichen Kontakt zu ihren Vorgesetzten haben. Hier hilft „Management-by-walking-around", ein regelmäßiges Aufsuchen der Mitarbeiter an ihrem Arbeitsplatz ebenso wie regelmäßige strukturierte Feedbackgespräche und Fortbildungsangebote. Gleichzeitig sollten alle Führungskräfte Vertrauen und Ausgeglichenheit vorleben sowie die Werte und Missionen des Unternehmens vermitteln. Gute Führung ist eine Haltungssache. Dazu gehört, Mitarbeiter wie interne Kunden zu behandeln. Mitarbeiterorientierte Führung rechnet sich übrigens auch aus betriebswirtschaftlicher Perspektive …

 

Was ist der Gewinn?

Die Mitarbeiter, die eine hohe Bindung an das Unternehmen haben und dabei gute Arbeit leisten, sind sehr viel wert. Deshalb sollten Unternehmen nicht kurzfristig Kopfgeld und Headhunter bezahlen, um Personal zu finden. Stattdessen sollten sie ein attraktiver Arbeitgeber werden und in den Aufbau einer Führungs- und Unternehmenskultur investieren. Auch wenn man dafür mindestens zwei Jahre einplanen muss. Empirische Untersuchungen belegen, dass diejenigen Unternehmen, deren Mitarbeiter hoch zufrieden sind, nachweislich höhere Gewinne erzielen, als die, in denen die Mitarbeiter unzufrieden mit ihren Vorgesetzten und ihren Arbeitsplatzbedingungen sind.

 

Welche Kliniken in Deutschland würden Sie als attraktive Arbeitgeber bezeichnen?

Vorreiter ist zum Beispiel das Katharinen-Hospital in Unna, das zum Katholischen Hospitalverbund Hellweg gehört. Seit 2008 nimmt das Katharinen-Hospital Unna am Great Place to Work-Wettbewerb teil, wenn es darum geht, Deutschlands bester Arbeitgeber im Gesundheitswesen zu werden. Seit acht Jahren setzt der Hospitalverbund vorrangig auf eine gute Unternehmenskultur. Eine Strategie, die sich auch in der Bilanz widerspiegelt: Im letzten Jahr erreichte der Klinikverbund sein bestes Ergebnis überhaupt. Ich glaube, dass der Hospitalverbund Hellweg aufgrund seiner Attraktivität als Arbeitgeber in der Region um Dortmund keine Angst davor haben muss, bald keine Mitarbeiter mehr zu finden. Auch dann nicht, wenn in neun Jahren sechs Millionen Menschen auf dem deutschen Arbeitsmarkt fehlen werden.

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