• Praxis
Pro & Contra

Demenz: Sind Lügen erlaubt?

Menschen mit Demenz erleben die Realität häufig anders als ihr Umfeld. Was tun, wenn eine Demenzerkrankte unbedingt zu ihrem Ehemann möchte, der aber schon seit zehn Jahren verstorben ist? Oder eine alte Frau imaginäre Einbrecher in ihrem Zimmer sieht? Ist „therapeutisches Lügen“ in diesen Situationen erlaubt?

 

„Ziel ist es, massive Furcht und Unruhe zu beheben“
Dr. phil. Sven Lind, Dipl.-Psychologie, Gerontologische Beratung, Haan

 


Demenzkranke vom Alzheimer-Typ im mittelschweren Stadium sind aufgrund des hirnorganischen Abbauprozesses unter anderem mit folgenden geistigen Fehl- und Minderleistungen behaftet:
Verlust der höheren Denkleistungen wie Nachdenken, Planen und Beurteilen,
Verlust der Fähigkeit zur Unterscheidung von inneren Impulsen wie Erinnerungen und Tagträumen von der realen Umwelt,
Verlust der Fähigkeit zur Selbstberuhigung (Gefahr von Panikzuständen).
Die reale Umwelt ist Demenzkranken aufgrund dieser Einbußen höchst fremd geworden. Dies wird als zeitliche und örtliche Desorientierung klassifiziert.

An einem Beispiel wird diese Symptomatik veranschaulicht: Eine Demenzkranke erinnert sich ihrer früheren Tätigkeit des Hühnerfütterns und macht sich nun im Heim auf die Suche nach den Hühnern, die es zu füttern gilt. Eine Pflegende bemerkt dieses Verhalten, tritt an die Betroffene heran und teilt ihr mit, dass sie bereits die Hühner gefüttert habe. Diese Erklärung wird im Zustand einer leichten Unruhe in der Regel akzeptiert. Wenn die Demenzkranke hingegen bereits schon länger auf der Suche ist, dann ist sie zu aufgeregt. Bloße Worte nützen hier nicht mehr. Jetzt muss eine intensive und mehrere Sinne einbindende Ablenkung wie eine Scheintätigkeit angewendet werden, zum Beispiel Abtrocknen eines Tellers in der Küche.

In beiden Fällen gilt es, den belastenden Impuls „Verpflichtung zum Hühnerfüttern“ durch neue Reize – hier die Aussage beziehungsweise das Abtrocknen - zu verdrängen und damit zu löschen. Dieses Ablenkungsverhalten geschieht in der Regel spontan und intuitiv, da es sich hierbei um angeborenes Verhalten (Empathie) handelt. Vertreter der „personenzentrierten“ Ansätze (u. a. das Konzept von Tom Kitwood) verunglimpfen dieses Ablenken jedoch als „Lügen und Betrügen“. Zu dieser Position kann nur angeführt werden, dass es im mittelschweren Stadium bis auf wenige Ausnahmen kein „Lügen und Betrügen“ mehr gibt, weil durch den Abbauprozess diese geistige Unterscheidung nicht mehr geleistet werden kann. Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien wie oben angeführt sind somit die Mittel der Wahl, um die massiven Zustände von Furcht und Unruhe dieser Personengruppe bei den Realitätsverlusten effektiv und effizient beheben zu können.

Wenn nun Vertreter des Kitwood-Ansatzes des Weiteren fordern, Stress und Belastung bei den Demenzkranken ohne Bedenken zuzulassen, um dadurch das „Lügen“ vermeiden zu können, dann entlarvt sich dieses Konzept als eine ideologische Verzerrung voller Unmenschlichkeit. Wer einem extrem hilflosen Menschen in einer überfordernden Belastungssituation bewusst und damit vorsätzlich eine Hilfe wie eine beruhigende Ablenkung verweigert, der macht sich letztlich sogar strafbar (Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung). Es gilt nun darauf hinzuwirken, dass Demenzkranke von diesem Denken und Handeln verschont werden.

Literatur: Sven Lind: Fortbildungsprogramm Demenzpflege. Verlag Hans Huber, Bern 2011

 

 

"Lügen hat keinen therapeutischen Nutzen“
Christine Riesner, MScN, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE)

 


Die Frage: „Ist Lügen erlaubt?“ ist ethisch-moralischer Natur, aus dieser Perspektive heraus ist Lügen negativ belegt. Lügen bedeutet, den anderen vorsätzlich zu täuschen und ihn von Informationen fernzuhalten, von denen wir wissen, dass er sie im Grunde erhalten sollte. Die Person, die ich anlüge, manipuliere ich gleichzeitig. Lügen wirkt sich negativ auf die Vertrauensbeziehung zum Belogenen aus. Je vertrauensvoller und wertschätzender ich mir eine Beziehung wünsche, desto verletzender und zerstörerischer wirkt die Lüge. Natürlich lügen Menschen dennoch: um besser zu erscheinen, um Konflikten aus dem Weg zu gehen, um den anderen nicht zu verletzen. Erlaubt ist Lügen im sozialen Kontext dennoch nicht.

Doch kommen wir nun zur Demenz und der Frage, ob Lügen hier erlaubt sind oder ob sie gar therapeutischen Wert haben. Menschen mit Demenz leiden unter eingeschränkten Gedächtnisleistungen, sie vermögen nicht mehr ausreichend zu abstrahieren, sie erleiden Einbußen in ihrer verbalen Ausdrucksmöglichkeit und verlieren daher die Kontrolle über ihr Leben.

Durch die Demenz und die Unkontrollierbarkeit des eigenen Lebens ist der betroffene Mensch schicksalhaft abhängig von der aufrichtigen Unterstützung anderer Menschen, von deren Wohlwollen und von dem sozialen Anspruch, ihn nicht allein zu lassen. Wir treffen also in der Person des dementen Menschen auf jemanden mit eingeschränkter Orientierung und fragiler sozialer Sicherheit. Die Lüge wirkt sich aufgrund dieses Status der Abhängigkeit gravierender, vielleicht verletzender, oder auch zerstörerischer auf die Orientierung und auf die soziale Sicherheit aus. Hier kann eine Lüge mehr Verletzung verursachen als bei Menschen ohne eine demenzielle Einschränkung. Fragt man Menschen mit Demenz selbst, so antworten sie eindringlich, dass sie nicht belogen werden wollen - aus eben diesen genannten Gründen (siehe www.demenz-support.de). Ein therapeutischer Nutzen durch das Belügen von Menschen mit Demenz besteht nicht (siehe Diskussion von C. Müller-Hergl in der Fachpresse). Lügen ist also bei Menschen mit und ohne Demenz nicht erlaubt und es hat keinen therapeutischen Nutzen.

Es ist erhebliches Wissen gesammelt worden, und es gibt ausreichend praktische Erfahrungen zum Umgang mit Menschen mit Demenz - wenn sie ihren verstorbenen Ehemann suchen oder wenn sie einen Einbrecher sehen. Vielleicht ist dieser wertschätzende, auf therapeutische Begleitung ausgerichtete Umgang nicht immer leicht, vielleicht ist er in manchen Situationen überfordernd. Vielleicht lüge ich dann, weil ich hoffe, schneller wieder aus der Situation fliehen zu können. Eine Lüge aus Überforderung ist verständlich, sie ist aber sozial nicht erlaubt. Und sie ist therapeutisch weder für mich noch für die Person mit Demenz nützlich. Lügen haben kurze Beine und sie machen schlechte Laune.

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