• Praxis
Neueröffnung eines Seniorenwohnheims

Ein Haus voll Pioniere

Wie ist es, ganz neu mit einer Altenhilfe-Einrichtung zu beginnen? Wie stellt man ein ganz neues Mitarbeiter-Team zusammen? Wie schafft man Strukturen? Welche Probleme stellen sich beim Einzug den Pflegekräften und wie fühlen sich die ersten fünf Bewohner in den nach frisch gestrichener Farbe riechenden Zimmern? Wir besuchten das neu eröffnete Awo-Seniorenzentrum Niestetal im Landkreis Kassel.

Tanja Stuhl rückt ihre Brille zurecht und versucht, sich mit den Handrücken die vor Anstrengung rot glühenden Wangen zu kühlen. „Alles wird gut“ ist einer der am häufigsten gebrauchten Sätze der 33-jährigen Leiterin des gerade frisch eröffneten Seniorenzentrums Niestetal (Landkreis Kassel). Dieser Optimismus ist auch im Chaos der jüngsten Tage nicht verloren gegangen. Es ist bereits die dritte Einrichtung, die die Diplom-Pflegewirtin im Auftrag der Awo Nordhessen auf den Weg bringt. Die ersten fünf Bewohner, die an diesem sonnigen Novembertag einziehen, ahnen von den Schwierigkeiten, mit denen Tanja Stuhl und ihr Team um Pflegedienstleiterin (PDL) Melanie Harms gerade zurecht kommen müssen, nichts.

„Die Telefonanlage läuft noch nicht einwandfrei und die Brandmeldeanlage gab einen Dauer-Piepton von sich“, fasst die Einrichtungsleiterin zusammen. Schreibblöcke und Becher mit Trinkhilfen fehlen. Am Schlimmsten aber sei, so Tanja Stuhl, dass „die EDV nicht läuft“. Das bedeutet, die Mitarbeiter kommen schlecht an Vordrucke und Formulare und auch das Telefonieren mit Kollegen fällt schwer, da die Telefonlisten digital abgespeichert und nicht zugänglich sind. „Dafür funktionieren die kabellosen Internetverbindungen in unseren Bewohner-Zimmern einwandfrei“, sagt Melanie Harms und lacht.

Hinter den beiden Frauen liegt ein dreiviertel Jahr intensiver Zusammenarbeit. Neben unzähligen Baustellen-Besuchen waren es vor allem die Auswahl und Einarbeitung der neuen Kollegen, die es zu bewältigen galt. Bis das Seniorenzentrum in allen Bereichen, einschließlich der Seniorenbegegnungsstätte, in Betrieb genommen ist, wird es noch bis Anfang nächsten Jahres dauern. Dann werden es etwa 80 Mitarbeiter sein, die sich um Bewohner und Tagesgäste kümmern.  Neben dem Angebot der vollstationären Pflege in allen Stufen stehen auch Plätze für die Kurzzeit- sowie Verhinderungspflege zur Verfügung. Gut die Hälfte der 83 Wohnheim-Plätze sind vergeben. Jeden Tag ziehen vier neue Bewohner ein, „sodass genügend Zeit ist, um die Ankommenden am Anfang zu begleiten“, stellt Melanie Harms fest. Die 36-jährige PDL hat sich ihren Humor bewahrt: „Ein Bewohner, den ich für heute eingeplant hatte, kam nicht. Dafür stand heute morgen eine Bewohnerin mit ihrem Koffer im Flur, die erst im Lauf der Woche einziehen sollte. Wir müssen da flexibel bleiben.“



Zum derzeitigen Mitarbeiter-Stamm gehören zehn examinierte Pflegekräfte, vier Pflegehilfskräfte, elf Alltagsbegleiter, eine Altenpflegeschülerin, zwei Praktikanten, eine Verwaltungsangestellte und ein Hausmeister. Alle im Niestetaler Team sind ohne Awo-Erfahrung so Tanja Stuhl. Um ihr Team zusammenzustellen, ließ sie Bewerber im Ful-dabrücker Awo-Altenzentrum hospitieren. „Das hat sich bewährt, denn dann können wir und auch der Bewerber selbst besser einschätzen, ob wir zusammen passen.“ Sie wisse um den Aufwand, den es auch für die Mitarbeiter in Fuldabrück bedeute, jeden potenziellen neuen Mitarbeiter an die Hand zu nehmen. Aus ihren Erfahrungen, die sie in den anderen Einrichtungen gesammelt hat, schließt Tanja Stuhl, dass es etwa ein Jahr dauert, bis sich eine konstante Mitarbeiterschaft herauskristallisiert hat. Weitere eineinhalb Jahre seien nötig, bis alle Strukturen gefestigt sind. „Ich glaube wir haben eine tolle Truppe“, ergänzt Melanie Harms. Ihre Kollegen scheinen der PDL hoch motiviert, denn „es sind zu den Tagen der offenen Tür alle gekommen, auch diejenigen, die noch keinen Vertrag haben“. Am Wochenende bevor die ersten Bewohner einzogen hatte das Seniorenzentrum zwei Tage die Pforten für Interessierte geöffnet – etwa 1500 Besucher kamen nach Schätzungen der beiden Frauen an jedem Tag.

„Die Arbeit ist wie meine Familie“, sagt Tanja Stuhl, die, wie es scheint, ein „Pionier-Gen“ besitzt. Für die Leitung der neuen Einrichtung hat sie ihren Wohnsitz in den Niestetaler Ortsteil Heiligenrode, wo das neue Zentrum an der Karl-Marx-Straße entstanden ist, verlagert. „Eine Neueröffnung macht mir so viel Freude, weil ich innerhalb des Budgets wirklich alles selbst aussuchen kann.“ Begeistert erzählt sie, dass sie von den Fußleisten über die Fassadenfarbe bis zum Geschirr der insgesamt sechs Hausgemeinschafts-Küchen, einer Tagespflege-Küche und der Küche in der Seniorenbegegnungsstätte alles selbst aussuchen konnte. Und auch mit der offiziellen Eröffnung hört das Entscheiden nicht auf: Immer wieder klopft es an diesem Montag an der Tür des Dienstzimmers der Einrichtungsleiterin. Ein Mitarbeiter der Gartenbaufirma, die mit ihren Maschinen das Außengelände bearbeitet, will wissen, wo genau die bestellten Bäume und Sträucher gepflanzt werden sollen. Wenig später steckt Melanie Harms den Kopf durch die Tür: „Es werden gerade die Armbänder für die Bewegungsschleifen gebracht. Wie viele wollen wir behalten?“ Tanja Stuhl zögert einen kurzen Moment. Das Sicherungssystem soll verhindern, dass beispielsweise demenzkranke Bewohner unbemerkt die Einrichtung verlassen. Da Betroffene nur nach Genehmigung durch ein Gericht ein Armband tragen dürfen, findet Tanja Stuhl, dass „fünf Stück vorerst reichen“.

Kurz vor Feierabend dieses ersten Tages geht die Einrichtungsleiterin noch einmal in den dritten Stock. Hier hat der Maler begonnen, die noch farblosen Flure nach dem vorgegeben Farbkonzept, das die Gänge nicht nur wohnlicher machen, sondern den Bewohnern auch Orientierung bieten soll, zu streichen. „Na, er ist ja heute ganz schön weit gekommen“, zieht sie zufrieden Bilanz. Ihr Weg führt vorbei an dem Wellness-Bad im zweiten Stock. Mittelpunkt ist eine einladende Badewanne mit Massagedüsen und wechselnder Beleuchtung.  „Eine kleine Oase“, sagt Tanja Stuhl. Wen stört es dann noch, dass Dachterrasse und Balkone nicht gleich benutzt werden dürfen. Bei der Bauabnahme wurde festgestellt, dass die Brüstungen alle einen Zentimeter zu niedrig sind. Dies wird kurzfristig behoben.


 

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