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demenz-balance-Modell©

Fühlen wie es ist, wenn das eigene Ich verloren geht

Der richtige Umgang mit Demenzpatienten ist eine Herausforderung für Pflegende. Er erfordert vor allem Empathie und Sensibilität. Um Pflegekräften ein Gefühl zu vermitteln, wie es ist, wenn die eigene Identität immer mehr auseinanderbricht, hat Barbara Klee-Reiter ein spezielles Demenz-Modell erarbeitet. 

Frau Klee-Reiter, Sie haben das demenz-balance-Modell© entwickelt. Warum?

Am Anfang stand die Idee, eine Methode zu haben, die es ermöglicht, die Situation von Menschen mit Demenz ansatzweise nachzuempfinden. Da es so eine Methode nicht gab, musste ich sie selbst entwickeln.

Wie genau funktioniert Ihr Modell?

Die Methode des demenz balance-Modells© beginnt damit, dass den Teilnehmenden 16 Fragen bezüglich ihrer eigenen Biografie gestellt werden. Die Fragen beziehen sich sowohl auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Da heißt es beispielsweise: „Welche Person hat Sie in Ihrer Kindheit positiv beeindruckt? Was bringt Sie so richtig auf die Palme? Welchen Traum möchten Sie sich in Zukunft gerne erfüllen?" Die Teilnehmenden werden dann gebeten, ihre Antworten in Stichworten in ein beliebiges Kästchen der Arbeitsmaterialien, die symbolisch eine Person darstellen, einzutragen.

Wie geht es danach weiter?

In drei Schritten erleben die Teilnehmenden anschließend, wie ihnen immer mehr Lebensabschnitte und Kompetenzen aus ihrer „Person" abhandenkommen und ihr Identitätsgefüge aus der Balance gerät. Schon beim ersten Schritt, wenn drei von 16 Abschnitten fehlen, fühlen sich die meisten „wie aus dem Gleichgewicht geraten". Bei vielen gibt es noch die Hoffnung, sich mit eigener Kraft wieder in eine Balance bringen zu können.

Falls dies nicht gelingt, was wünschen sich die Teilnehmenden am meisten?

Ganz klar Verständnis, eine Person, die hilft, sich zu erinnern oder Unterstützung.
Fehlen allerdings zehn symbolisierte Lebensabschnitte, gibt es die Hoffnung, sich aus eigener Kraft wieder in ein Gleichgewicht bringen zu können, bei den meisten nicht mehr.

Einige Teilnehmende äußern starke Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit, Leere oder Unsicherheit. Andere verweisen auf die Wichtigkeit der ihnen verbliebenen Abschnitte und haben das Gefühl, damit noch ganz gut zurechtzukommen.  Als Bedürfnisse in dieser Phase werden unter anderem „vertraute Personen", „so sein zu dürfen wie ich bin", „Respekt", oder „Wertschätzung" genannt.  

Im letzten Schritt verlieren die Teilnehmenden alle Abschnitte aus ihrer „Person". Bei einigen löst diese Situation große Erleichterung aus, weil der „Kampf" jetzt vorbei ist, bei anderen ist die Phase mit starken Gefühlen wie Schmerz und Entsetzen verbunden.

Unabhängig davon, wie die Teilnehmenden die einzelnen Phasen der Verluste erlebt haben, wird allen deutlich, dass der Grad der Bedürftigkeit und der Abhängigkeit von anderen existenzielle Ausmaße annimmt.

Was ist der Kern Ihres Ansatzes?

Der zentrale Begriff dieser Methode ist  „Balance". Auf der einen Seite möchte ich mit dem demenz balance-Modell© spürbar machen, welche Empfindungen es auslöst, wenn die Balance einer Person durch vielfältige Verluste aus dem Gleichgewicht gerät.  

Auf der anderen Seite möchte ich eine Idee davon vermitteln, was notwendig ist, um die aus dem Gleichgewicht geratene Balance wieder herstellen zu können. Mit anderen Worten: Wenn eine Person durch die Veränderungen der Demenz in seelische Not geraten ist, braucht sie einen Menschen, der sich für diese Not ernsthaft interessiert.

Wenn jemand wichtige Ereignisse aus seinem Leben vergessen hat, dann braucht er Menschen, die etwas über das Vergessene erzählen können. Wenn ein Mensch selber nicht mehr viel Vertrauen in seine Fähigkeiten hat, dann braucht er Personen, die ihm etwas zutrauen und ihm die Gelegenheit geben, das erfahren zu dürfen.

Fachlich bin ich durch den Person-zentrierten Ansatz von Tom Kitwood geprägt. Seine zentrale Aussage, dass es in der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz um den Erhalt des Personseins und um eine angemessene Kompensation der Verluste geht, wollte ich mit dem demenz balance-Modell© vermitteln.

Wie können Pflegende von dem Demenz-Modell© profitieren?

„Durch die Selbsterfahrung habe ich eindrücklich erlebt, wie mit den zunehmenden Verlusten mein inneres Gleichgewicht verloren ging. Ich habe eine Ahnung davon bekommen, mit welchen Gefühlen ich zu kämpfen hätte, aber auch welche Bedürfnisse dann bei mir im Vordergrund stünden". Mit diesem Zitat wird deutlich, dass sich die Erfahrung durch das demenz balance-Modell© unmittelbar auf die Empathiefähigkeit derjenigen, die Menschen mit Demenz pflegen und begleiten, auswirken kann.

Und die Betroffenen selbst?

Inwieweit Menschen mit einer Demenz davon profitieren, dass sich Pflegende mit Hilfe des demenz balance-Modells© mit deren Lebenswelt auseinander setzen, lässt sich schlecht messen oder darstellen. Stattdessen möchte ich noch mal mit einem Zitat einer Teilnehmerin antworten. „All diese Einsichten haben mich tief berührt und mir gezeigt, dass Pflege nur über eine angemessene Beziehung möglich ist. Davon profitieren nicht nur die Demenzkranken, sondern auch ich".

In einer wissenschaftlichen Untersuchung unter Pflegeheim-Mitarbeitern hat Ihr Ansatz positiv abgeschnitten. Was hebt Ihr Modell von anderen ab?

Ja, bei einer wissenschaftlichen Erhebung unter insgesamt 61 Mitarbeitenden verschiedener Pflegeeinrichtungen hat das demenz balance-Modell© besonders positiv abgeschnitten. In Fragebögen und Gruppengesprächen gaben diese an, sich dadurch kompetenter und gelassener im Umgang mit demenziell erkrankten Menschen zu fühlen.

Das demenz balance-Modell© wurde als ein Teil des Modellprojekts DemOS (Demenz – Organisation – Selbstpflege) evaluiert. Auftraggeber war das Bundesministerium für Arbeit und Soziales.  

Welche Indikatoren wurden bei dieser Erhebung herangezogen und bewertet?

Auf einer ansteigenden Skala von 1 bis 5 erhielt das demenz balance-Modell © beste Bewertungen bei der Sensibilisierung und Reflexion der Haltung sowie bei der Erweiterung des Wissens um Demenz (jeweils 4,4 Punkte). Ebenfalls sehr gute Bewertungen erhielt es bei der Unterstützung hinsichtlich der Bewältigung der täglichen Arbeitsaufgaben (4,2 Punkte), in der Umsetzbarkeit (4,1 Punkte) sowie beim Nutzen für die Selbstpflege (4,0).    

Inwiefern hat sich das demenz-balance-Modell© in der Praxis bewährt? Gibt es erste Erfahrungswerte?

Ich bin der festen Überzeugung, dass es in der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz nicht um „die richtigen Konzepte", Methoden und Gesprächstechniken geht, sondern um die Kompetenz der Pflegenden, sich in die betroffene Person einzufühlen zu können.

Durch die Arbeit mit dem demenz balance-Modell© wird den Teilnehmenden deutlich, was sie – im Falle einer Demenzerkrankung - selbst für ein gutes Leben brauchen würden. Diese Erfahrung verändert den Umgang mit Demenzpatienten nachhaltig.

Frau Klee-Reiter, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Johanna Kristen.

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