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Wundheilung mit Plasma

Hightech-Pflaster aus Greifswald revolutioniert Wundheilung

Etwa fünf Millionen Menschen leiden hierzulande an chronischen Wunden. Deren Versorgung stellt Betroffene, Ärzte und Pflegekräfte gleichermaßen vor große Herausforderungen. Sie erfordert vor allem Zeit und Geduld bei ungewissem Heilungserfolg. Hoffnung verspricht ein neues Hightech-Plasma-Pflaster, das Bakterien abtötet und die körpereigenen Heilungskräfte anregt. Station24 sprach mit einem seiner Entwickler, Carsten Mahrenholz, über Besonderheiten der neuen Wundauflage, Herausforderungen bei der Zulassung und Visionen für die Zukunft.

 

Herr Mahrenholz, können Sie einem Laien kurz erklären, was Plasma ist?

Plasma ist ein physikalischer Zustand, sozusagen der 4. Aggregatzustand neben fest, flüssig und gasförmig. Das wird am Beispiel von Wasser besonders deutlich: Wenn Sie einen Eisblock erhitzen, schmilzt er und wird flüssig. Fügen Sie jetzt noch mehr Energie zu, verdampft das Wasser und wird gasförmig. Kommt jetzt noch mehr Energie dazu, entsteht ein hochaktives Gas aus getrennten positiven und negativen Ladungen, das Plasma.

Es besteht aus einem Potpourri aktiver Komponenten wie Ionen, Spezies, UV-Licht und elektromagnetischen Feldern. Diese reagieren sehr gern mit ihrer Außenwelt und treten mit ihr in Wechselwirkung. Das machen wir uns zunutze, um verschiedene Effekte bei Zellen und Bakterien hervorzurufen – und dafür nutzen wir nichts weiter als Aussenluft und unsere Wundauflage.

Das klingt nach hochkomplexen Vorgängen. Wie genau heilt das Plasma-Pflaster chronische Wunden wie einen Dekubitus oder Infektionen mit multiresistenten Keimen?

Man muss hier zunächst zwischen der antibakteriellen Wirkung und der Wirkung auf Zellen unterscheiden. Bei Bakterien wirkt sich Plasma aus, indem es sie abtötet. Der große Vorteil des Plasmas ist, dass es unselektiv ist. Das heißt: Es greift alle Bakterien an und bekämpft sogar multiresistente Keime, die gegen Antibiotika widerstandsfähig sind.

Das ist ein ganz zentraler Punkt. Denn wir haben in der heutigen Medizin eine Grenze erreicht: Das biologische System hat sich sozusagen auf das eingestellt, was wir Menschen an chemischen und biologischen Stoffen zur Bekämpfung von Bakterien einsetzen. Deswegen fordern auch immer mehr Hygieniker physikalische Effekte. Und Plasma ist eben solch ein Effekt, gegen den es keine Resistenzen gibt.

Was passiert beim Einsatz des Plasma-Patch gegen einen Dekubitus?

Stichwort: kaltes Plasma. Die Zellen werden durch das unter 40 Grad kalte Plasma in einen Stress versetzt und fangen an, Zytokine und Wachstumshormone auszuschütten. Diese Botenstoffe geben dann Signale an das umliegende, erkrankte Gewebe ab, was dazu führt, dass sich Blutgefäße neu bilden und die Zellen dazu angeregt werden, sich zu teilen.

Das hat auch positive Effekte auf das Immunsystem und die körpereigene Wundheilung. Und so können sich tatsächlich Wunden verschließen, die vorher heilungsgestört waren! Das ist eine enorme Entlastung für die Patienten. Denn eine chronische Wunde war bislang auch immer eine schmerzhafte Lebensaufgabe.

Mit dem Plasma-Pflaster könnte sich das aber bald ändern. Aktuelle Studien legen sogar nahe, daß der Einsatz von kaltem Plasma den Wundschmerz um mehrere Punkte auf der Schmerzskala verringern kann.

Eine positive Nachricht vor allem für Betroffene. Inwiefern erleichtert das Hightech-Pflaster denjenigen, die es anwenden, die Versorgung offener Wunden?

Bis dato ist die Behandlung von offenen Wunden eine sehr zeitraubende Tätigkeit: Verbände müssen häufig gewechselt werden, Patienten regelmäßig gelagert werden. Das heißt, die Betroffenen benötigen durchgängig Aufmerksamkeit, die die Ressourcenknappheit in vielen Heimen und Krankenhäusern aber kaum zulässt. Mit unserem Plasma-Patch wollen wir diese Situation nun ein Stück weit entschärfen und Raum für eine effektive Versorgung schaffen.

Dazu wird während eines herkömmlichen Verbandswechsels die etwa 10 mal 10 Zentimeter große Wundauflage auf das erkrankte Gewebe gelegt. Dann wird das Plasma gezündet und nach wenigen Minuten ist die Wunde dekontaminiert. Diesen Vorgang wiederholen Sie dreimal pro Woche für wenige Wochen.

Sie sagten, das Plasma wird „gezündet". Was genau bedeutet das?
 
Das Pflaster besteht aus mehreren selbstklebenden Silikonschichten. An deren Unterseite wird das Plasma erzeugt. Dieses Silikon-Patch ist mit dem sogenannten Plasma-Cube, der Steuerungseinheit verbunden. Sie erzeugt den Strom zum Zünden. Für Anwender und Patienten ist das Plasma an der Unterseite der Wundauflage dann als bläuliches Leuchten erkennbar.

Wundheilungsprozesse mit ionisierten Plasma-Gasen sind relativ gut erforscht. Was unterscheidet Ihre Technologie von bereits auf dem Markt etablierten Geräten?

Vor allem die simple Handhabung unterscheidet unsere Innovation von teuren Geräten wie beispielsweise Plasma-Handgeräten. Sie kosten bis zu 40.000 Euro und müssen von Ärzten angewendet werden. Hinzu kommt, dass die Behandlung sehr langwierig sein kann - teilweise 30 bis 60 Sekunden pro Quadratzentimeter Wundoberfläche. Das lässt sich kaum im Betrieb realisieren.

 



Plasma ist ein ionisiertes Gas, welches neben Ionen und Elektronen auch Radikale, angeregte Spezies, UV-Strahlung und elektromagnetische Felder besitzt. Durch diese synergetische Kombination ist eine antibakterielle und wundheilungsfördernde Wirkung möglich, die schließlich zur Heilung führt. Klinische Studien mit verschiedenen Kaltplasmageräten belegen, dass sich selbst hartnäckige, offene Wunden nach wenigen Plasmaanwendungen wieder schließen, indem Wundkeime einschließlich multiresistenter Bakterien  abgetötet und gesunde Zellen aktiviert werden. Diese Aktivierung trägt u.a. zur Ausschüttung von Wachstumshormonen bei, regt die Zellteilung an und liefert somit die Grundlagen für den Wundheilungsprozess. Der Körper heilt sich somit selbst.

Unkomplizierte Handhabung, das heißt, Pflegekräfte und Ärzte können die Plasma-generierende Apparatur bedienen?

Ganz genau. Im Grunde muss nur ein Knopf am Basisgerät gedrückt werden, um den Plasma-erzeugenden Prozess in Gang zu setzen. Das bedeutet auch, dass unser Gerät flexibel einsetzbar ist, ob im Krankenhaus, im Heim oder bei ambulanten Pflegediensten.

Dann können Wundpatienten sich bald selbst behandeln?

Nein, so einfach ist es dann doch nicht. Aber das liegt weniger an der zu bedienenden Technik. Hier spielt eher die körperliche Konstitution der Betroffen wie Übergewicht oder hohes Alter eine Rolle. Die Patienten können sich in vielen Fällen nur eingeschränkt bewegen.

Zu dieser Erkenntnis sind wir Wissenschaftler allerdings erst nach Gesprächen mit Patienten, Medizinern und Pflegenden gekommen. Vor allem vom Know-how speziell ausgebildeter Wundschwestern haben wir profitiert - quasi aus erster Hand.

Leider kommen diese Erfahrungen häufig zu kurz. Für uns waren die Hinweise der späteren Anwender wertvolle und essenzielle Hinweise, die wir bei der Entwicklung umgesetzt haben.

Anwendertests, leichte Bedienung, gute Heilungschancen. Da steht der Zertifizierung als Medizinprodukt sicher nichts mehr im Weg?

Bislang warten wir noch auf die Zulassung.

Warum? Hierzulande leiden doch etwa 5 Millionen Patienten an chronischen Wunden. Die Nachfrage ist also groß.

Ja, da haben Sie durchaus recht. Allerdings ist es auch etwas sehr Gutes, dass ein Produkt nicht einfach so zugelassen werden kann, sprich nicht irgendetwas ungeprüft an den Patienten gelangen kann. Unser Plasma-Patch muss wie alle anderen potentiellen Medizinprodukte bis zur Zulassung zwei große Hürden nehmen. Zum einen die CE-Zulassung, sozusagen die Betriebssicherheit.

Zum anderen die Benannte Stelle. Sie prüft unter anderem, wie die Herstellung aussieht und ob es ein System gibt, das eine positive Wirkung für den Patienten hat. Dieser Vorgang kann sich durchaus über ein Jahr hinziehen.

Kommen da nicht gelegentlich auch kritische Gedanken auf, wenn man so lange auf die Zulassung warten muss, obwohl man weiß, man hat ein Produkt entwickelt, das so vielen Menschen das Leiden nehmen könnte?

Zumindest fängt man damit an, sich kritisch mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Sie müssen es so sehen: In Deutschland gibt es einen riesigen Markt für chronische Wunden, der interessanterweise relativ innovationsarm ist. Das bedeutet, bislang steht die Versorgung im Vordergrund und macht so den Patienten zu einem „guten Kunden". Wir arbeiten daran – wie auch andere – das zu ändern.

Was meinen Sie konkret damit?
 
Solche Wunden generieren einen ständigen Abfluss an Verbrauchsmitteln. Das bedeutet, die Patienten sind aufgrund ihres Krankheitsbildes sehr gut berechenbar für die Krankenkassen.

Hinzu kommt die Erstattungssituation. Das heißt, wir brauchen Kostenträger, die Geld geben. Eine solche generelle Kostenerstattung für ein Medizinprodukt zu erhalten, ist äußerst schwierig. Und leider ist es nicht immer so, dass das, was am schnellsten heilt, auch eine Erstattung bekommt. Da braucht man einen langen Atem. Solange ist man auf Selbstzahler angewiesen.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Es profitieren zunächst einmal diejenigen, die sich ein neues Produkt leisten können?

Das wollen wir mit unserem Plasma-Pflaster auf jeden Fall vermeiden. Wir brauchen eine Technologie, die für jeden erschwinglich ist und schnell von den Kassen übernommen wird. Deswegen geht es uns vornehmlich darum, dass unser Produkt möglichst breit in die Anwendung kommt. Denn es ist letztlich auch eine gesellschaftliche Verpflichtung, den Patienten den Leidensdruck zu nehmen!

Wie teuer ist ihr Hightech-Pflaster?

Einen definitiven Marktpreis kann ich Ihnen leider noch nicht nennen. Denn Sie müssen wissen, dass wir für die Erstattung zunächst gemeinsam mit den Kassen einen Preis aushandeln müssen. Wir gehen für die Einmal-Wundauflagen derzeit von einem niedrigen zweistelligen Betrag aus. Bei der Mutterstation rechnen wir mit einem Bruchteil dessen, was große Geräte etwa in Krankenhäusern oder Arztpraxen in der Anschaffung kosten. Außerdem wird unsere Apparatur auch miet- oder leasbar sein.

Gibt es bereits Kliniken und Pflegeheime, die sich für die neue Plasmatechnologie interessieren?

Ja, die gibt es. Allerdings kommen die meisten Anfragen aus den Häusern nicht – wie von uns zunächst erwartet - von Dermatologen oder Wundmanagern, sondern hauptsächlich Kardiologen und Diabetologen, also Vertretern aus den angrenzenden Wissenschaften.

Woran liegt das?

Das kann man gut an der Situation eines Herzchirurgen erklären. Er hat beispielsweise einen Patienten, der aufgrund einer Herzinsuffizienz eine chronische Wunde entwickelt hat, die dann wiederum auf seiner Station in zeitraubenden Prozeduren versorgt werden muss. Und das will er natürlich verhindern.

Ihr Produkt ist schon jetzt heiß begehrt. Da schauen Sie sicher auch über den eigenen Tellerrand und international nach Absatzmärkten?
 
Wir wollen uns zunächst auf den deutschen und dänischen Markt fokussieren. Die beiden Länder werden auch unsere Pilotmärkte sein. Danach kann man natürlich europäisch und schließlich auch international denken.

Herr Mahrenholz, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Johanna Kristen.

Umfassendere Informationen zum Entwicklerteam und zur neuen Plasmatechnologie

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