• Management

Pflegepersonal: „Schwesterchen" macht mich wahnsinnig!

Die Pflege verdient nach Meinung von Klinikmanagerin Dr. Elizabeth Harrison nicht nur mehr Anerkennung, sondern auch eine angemessene Vergütung. Nicht die Akademisierung, sondern der technologische Fortschritt wird ihrer Meinung nach das Berufsbild in wenigen Jahren revolutionieren.

Frau Harrison, in Deutschland dauert es durchschnittlich 108 Tage, um eine Pflegeposition in einem Krankenhaus neu zu besetzen. In den Magnet-Kliniken in den USA sind es sieben. Was haben uns die Amerikaner voraus?

Kern des Magnet-Konzepts sind die Anerkennung und der besondere Fokus auf die Pflege – nicht nur als Beruf, sondern auch als Faktor für das Erlebnis eines Patient im Krankenhaus. Ein weiteres Ziel der Magnet-Krankenhäuser ist Stressreduktion. Das Pflege-Patient-Verhältnis liegt auf ihren Intensivstationen bei 1:2, auf allgemeinen Stationen bei 1:4 bis 1:6 Patienten. Zum Vergleich: In Deutschland liegt das Verhältnis bei etwa 1:10. Allerdings muss man auch einschränken, dass Betreuungsrelationen wie in den USA hier nur sehr schwer zu realisieren sind, vor allem wegen der Personalkostenbewertung im deutschen DRG-System. Fakt ist jedoch: Magnet-Kliniken haben auch wegen dieser Anstrengungen eine viel geringere Fluktuation in der Pflege als andere Krankenhäuser.

Spiegelt sich die Anerkennung der Pflege in den USA auch in der Höhe des Gehalts wider?

Als ich nach Deutschland kam, war ich schockiert, wie wenig Pflegefachkräfte teilweise verdienen. In den USA ist das anders, dort ist allerdings die Pflege ein akademischer Beruf. Im Studium und der Ausbildung wird ein breites Wissensspektrum vermittelt. Zudem gibt es verschiedene Stufen und Hierarchien in der Ausübung des Berufes.

Die gibt es in Deutschland auch.

Ja, wir alle kennen die Debatte über neue Berufsgruppen: Nurse Practitioners, Physician Assistants und so weiter. Das ist zweifellos spannend und interessant, auch weil es eine neue Flexibilität mit sich bringt. Aber für mich lesen sich viele Berufsbeschreibungen ein wenig wie ein „Nato-Handbuch": Zu allem gibt es eine Erklärung und Definition, wer was tun darf und was nicht. In den USA gibt es zwei Kategorien von Nurses: Registered Nurse (RN) und Advanced Practice Registered Nurse (APRN), mit einem Abschluss nach zwei beziehungsweise vier Jahren.

Wünschen Sie sich mehr akademisch ausgebildete Pflegekräfte in Deutschland?

Dafür müsste es zunächst einmal mehr Ausbildungsstätten geben. In Deutschland gibt es ungefähr 60 Einrichtungen, in denen man ein duales Pflege-Studium absolvieren kann. Um zehn Prozent akademische Pflegekräfte in den Kliniken zu erreichen, bräuchten wir ungefähr 6.000 Studienplätze. Dazu kommt: In Deutschland ist die Pflege kein richtiger akademischer Beruf. Und viele Pflegekräfte mit akademischem Hintergrund mussten angesichts des Pflegeabbaus in den vergangenen Jahren hart dafür kämpfen, eine Stelle in einem Krankenhaus zu bekommen. Aus meiner Sicht ist die Frage, was wir mit Bachelors und Masters in der Pflege in Deutschland machen, noch nicht beantwortet.

Inwiefern?

Nehmen Sie allein die Bezeichnung: Pflegewissenschaft! Eine Titulierung, mit der man die akademische Pflege regelrecht von der Patientenwelt und von der Praxis wegstößt. In den USA ist es umgekehrt. Dort ist Pflege ein akademischer Beruf, dessen Wissen aber ans Bett gebracht werden soll. Man hat dort auch die Möglichkeit aufzusteigen, es ist aber nicht primäres Ziel, einmal ins Management zu kommen.

Ist das Interesse der amerikanische Pflegekräfte an einer Karriere im Krankenhaus geringer?

Wenn man in Deutschland Karriere machen will, und man definiert Karriere mit Geld, dann geht man nicht in die Pflege. In den USA ist das etwas anders. Eine akademische Pflegeausbildung ist dort sehr teuer und kostet mindestens 20.000 Dollar pro Jahr. Die Erwartung ist entsprechend, dass man danach ein gutes Einkommen hat. Es geht aber nicht nur um das Geld, es geht auch um Anerkennung und Augenhöhe. Das ist ein Schlüsselfaktor der Magnet-Krankenhäuser. Durch Bezahlung, Akademisierung und einen gelebten Teamgedanken gibt es eine echte Augenhöhe mit den Ärzten. In Deutschland ist das oft noch nicht so.

Wie erleben Sie das in Ihrem Berufsalltag?

In der Klinik, in der ich jetzt tätig bin, kommt es immer noch vor, dass jemand „Schwesterchen" über den Gang ruft. Das macht mich wahnsinnig! Wie will man jemanden wertschätzen, den man Schwesterchen nennt? Leider denken viele Ärzte, aber auch Patienten noch immer rückwärtsgewandt.

Wie werden wir in Deutschland das Problem lösen?

Ich bin davon überzeugt, dass die technologische Entwicklung die Pflege und die Prozesse in den Krankenhäusern revolutionieren wird: Internet of things, Sensor Technologies, Wearables, Maschine-to-Maschine-Kommunikation, dazu die Digital Natives der Generation Y – wenn all das Realität wird, und ich glaube, dass es in fünf bis zehn Jahren Realität wird, dann werden sich die Aufgaben von Pflege und Ärzten radikal verändern. Wir werden alle Vitalparameter automatisch messen können. Nur:  Brauchen wir dann noch die herkömmliche, historische, theoretische Ausbildung? Brauchen wir dann wirklich noch das Ideal der Mutter-Teresa-Schwester, das immer noch in den Köpfen der Patienten und leider auch vieler Pfleger und Schwestern steckt? Oder brauchen wir nicht mehr Digital Natives in der Pflege? Um die Idee der Magnet-Kliniken in Deutschland zu realisieren, müssen wir die Ausbildung verändern, um die Betreuung von Patienten nicht durch Technologie zu verhindern, sondern kräftig zu unterstützen, um mehr Platz im Alltag für die partnerschaftliche Mensch-zu-Mensch-Kommunikation zu schaffen. Messungen jeder Art müssen im Hintergrund laufen, im Vordergrund steht die professionelle, empathische und informierte Beratung.

Bedeutet das zwingend mehr Akademisierung?

Die Zukunft entscheidet sich nicht durch Zertifikate oder akademische Grade. Insofern sollten wir den Fokus nicht auf Akademisierung richten, sondern auf die veränderten Anforderungen. Die Aufgabe der Pflege wird es nicht mehr sein, händisch zu dokumentieren. Das erfolgt automatisch, Sensor-zu-Maschine. Die Arbeit der Pflege inklusive deren Denkaufgaben wird viel anspruchsvoller und tiefer, auch in der menschlichen Zuwendung.

Nach all dem Lob für die Magnet-Kliniken: Gibt es auch Dinge, die US-Kliniken von den deutschen lernen können?

Aber ja! Ich bin ein großer Verfechter des deutschen Gesundheitswesens und glaube, dass es vieles gibt, was die Amerikaner von den Deutschen lernen können. Die Amerikaner geben doppelt so viel Geld für Behandlungen aus und sind vielleicht nur halb so effizient. Das liegt auch daran, dass es dort keinen solchen Kostendruck gibt, wie wir ihn haben – noch, denn er wird kommen. Und um ein ganz konkretes Beispiel aus den Kliniken zu nennen: In den USA gibt es sehr viele Hierarchiestufen und  dementsprechend viel Bürokratie in Gesundheitseinrichtungen. Es ist leider ein Trend, dass viele Stationsleitungen regelrecht separiert arbeiten vom pflegerischen Alltag und somit isoliert von den Nöten und Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter sind. Das Ergebnis ist, dass die Mitarbeiter nicht mehr das Gefühl haben, geführt, sondern dirigiert zu werden. In Deutschland ist das anders: Hier ist die Stationsleitung kein Bürokrat, sondern fachlich fit und mit Haut und Haar drin im pflegerischen Alltag.

Das Interview führte Florian Albert.
 

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