• Praxis

Epilepsie: Leben mit dem „Gewitter im Gehirn"

Epilepsien sind im Alter nicht selten. Etwa fünf von 1000 Menschen sind betroffen. Durch eine geeignete medikamentöse Behandlung und eine angepasste Lebensführung bleiben die meisten Betroffenen dauerhaft anfallsfrei. Wichtig ist, gerade in Bezug auf die Therapietreue, eine Unterstützung durch (ambulant) Pflegende.

Vielfalt der Krankheitsbilder
Die Epilepsie ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein äußerlich sichtbares Zeichen einer krankhaften Veränderung. Eine Vielzahl von Krankheiten kann zugrunde liegen. Im Alter sind es häufig Durchblutungsstörungen, Tumore oder Verletzungen des Gehirns, die zu einer Epilepsie geführt haben. Bei vielen Betroffenen lässt sich die Ursache aber nicht klären. Auch die Auslöser eines epileptischen Anfalls sind vielgestaltig und individuell sehr unterschiedlich. Manche Erkrankte vertragen kein Flackerlicht, andere reagieren empfindlich auf Sonne, Unterzuckerung, Alkohol, Kaffee, Schlafmangel oder Stress. Finden Sie heraus, was Ihr Patient nicht verträgt, und schützen Sie ihn davor.
Epileptische Anfälle können sehr verschieden verlaufen. Am bekanntesten ist der große Anfall (Grand Mal), der mit schweren Krämpfen, Zittern und Bewusstlosigkeit einhergeht. Weitaus häufiger sind aber weniger dramatische Formen der Epilepsie, beispielsweise die fokalen, bei denen sich die Entladung auf bestimmte Hirnareale beschränkt. Im Gegensatz hierzu sind bei der generalisierten Form weite Gebiete beider Hemisphären betroffen. Innerhalb dieser beiden Gruppen sind aufgrund der speziellen Ausprägung der Symptome verschiedene Anfallsformen voneinander unterscheidbar (1).
Die einfachen fokalen Anfälle können mit abnormen Bewegungen, Missempfindungen oder vegetativen Störungen wie Herzklopfen oder Schweißausbrüchen verbunden sein. Am häufigsten sind die komplex fokalen Anfälle, die mit einer Bewusstseinsstörung einhergehen. Bei etwa zwei Drittel der Patienten beginnen sie mit einer Aura: Die Patienten riechen oder schmecken etwas, das nicht existiert. Anschließend können Beeinträchtigungen des Sprechens und motorische Störungen wie Leck-, Schluck-, Kau- und Schmatzbewegungen auftreten (3).
Zu den kleinen generalisierten Anfällen zählen die Absencen, kurz dauernde Bewusstseinsstörungen. Für die Dauer einiger Sekunden schaut der Betroffene ins Leere und reagiert nicht. Der große generalisierte Anfall kündigt sich manchmal durch Kopfschmerzen, Unwohlsein, Unruhe oder Verstimmungen an. Im Anfall verliert der Patient das Bewusstsein und stürzt, wobei er sich verletzen kann. Sekunden später folgt die klonische Krampfphase mit generalisierten Zuckungen. Es schließt sich ein tiefer Terminalschlaf an, aus dem der Patient nur schwer erwacht. Er wirkt benommen und klagt häufig über Kopfschmerzen. Treten die Anfälle in so schneller Folge auf, dass sich der Patient in der Zwischenzeit nicht erholen kann, wird es sehr gefährlich: Es besteht ein Status epilepticus. Die Anfälle folgen im Abstand von weniger als einer Stunde – meist alle fünf bis 15 Minuten (3). Etwa zehn bis 20 Prozent der älteren Patienten überleben einen Status epilepticus nicht.

 

Ohne Antiepileptika geht es kaum
Arzneimittel zur Unterdrückung von Krampfanfällen heißen Antiepileptika (Antikonvulsiva). Indiziert sind Antiepileptika als Prophylaxe bei mehr als zwei Krampfanfällen pro Jahr.

 

Da die Epilepsie auf einer nicht heilbaren Krankheit beruht, können Antiepileptika das Anfallsleiden lediglich symptomatisch behandeln: Sie erhöhen die Krampfschwelle. Idealerweise sollte ein Antikonvulsivum die Steuerung der Feinmotorik nur wenig beeinflussen, kaum müde machen und selbst bei Daueranwendung nur zu geringen Nebenwirkungen führen. Bis heute gibt es kein Medikament, das diese Anforderungen vollständig erfüllt (3).

 

Zwei Generationen von Antiepileptika
Nach Einführung der Valproinsäure als Antiepileptikum vor mehr als 30 Jahren, kam für über zwei Jahrzehnte keine neue antikonvulsiv wirksame Substanz mehr auf den Markt. Erst zu Beginn der 90er-Jahre gelangte mit Vigabatrin ein neues antikonvulsiv wirksames Medikament zur Behandlung epileptischer Anfälle auf den Markt. Danach wurden in den letzten Jahren weitere antiepileptisch wirksame Substanzen entdeckt beziehungsweise entwickelt. Die wichtigsten „alten" Antiepileptika sind aus heutiger Sicht Carbamazepin, Ethosuximid, Phenobarbital/Primidon, Phenytoin, Valproinsäure, Clonazepam, Sultiam und Mesuximid. Zu den neuen Antiepileptika, die in Deutschland auf dem Markt sind, gehören Lamotrigin, Oxcarbazepin, Levetiracetam, Felbamat, Gabapentin, Rufinamid, Stiripentol, Tiagabin, Topiramat, Vigabatrin und Zonisamid.
Von den Medikamenten der ersten Generation sind Valproinsäure und Carbamazepin als Antiepileptika der ersten Wahl für unterschiedliche Epilepsieformen zu nennen. Unter der Therapie mit diesen Antiepileptika treten jedoch zahlreiche unerwünschte Wirkungen auf (Tabelle 1).

 

 

 

Im Zentrum aller Bemühungen bei der Behandlung einer Epilepsie sollte jedoch die Verbesserung der Lebensqualität des Patienten stehen. Anfallsfreiheit ist ein wichtiges Ziel der Therapie. Bei einigen Menschen kann dieses Ziel jedoch nur um den Preis einer deutlichen Beeinträchtigung des Denkvermögens erreicht werden, da die Serumspiegel des Medikamentes sehr hoch sein müssen.

 

Leben mit der Krankheit
Die Diagnose des Arztes bedeutet für viele Menschen einen Schock. Sie haben Angst, die Krankheit nicht bewältigen zu können. Immer noch haftet der Epilepsie das Stigma der Geisteskrankheit an. „Nicht normal zu sein im Kopf" kann bedeuten, die Achtung vor sich selbst zu verlieren – und dies, obwohl die Intelligenz bei den meisten Epileptikern normal ist.
Vielen Menschen ist nicht bekannt, dass die meisten Epilepsien gut zu behandeln sind und die überwiegende Mehrheit der Epileptiker mit gewissen Einschränkungen ihr Leben selbstständig gestalten kann. Informieren Sie Ihren Patienten darüber und helfen Sie ihm so, eventuell vorhandene Vorurteile gegenüber der Erkrankung zu überwinden. Auf der Basis eines ausreichenden Krankheitswissens sollte es möglich sein, die chronische Erkrankung zu akzeptieren. So gestärkt können die Betroffenen Selbstvertrauen entwickeln.

 

An Epilepsie Erkrankte müssen ein gewisses Maß an Einschränkungen des alltäglichen Lebens hinnehmen (4). So dürfen sie nicht alle Sportarten betreiben. Generell gilt: nicht zu hoch, nicht zu schnell, nicht ins Wasser. Auch andere Einschränkungen müssen akzeptiert werden: Wichtig ist ein ausgeglichener Lebensrhythmus mit ausreichend langen Erholungspausen.

 

Eine regelmäßige begleitende Beratung hinsichtlich Lebensführung kann zusätzlich durch ein Behandlungszentrum erfolgen (2). Wünschenswert ist die Einbindung der Pflegenden in das Netzwerk der Versorgung mit dem Patienten, mit den behandelnden Ärzten und den Selbsthilfeorganisationen.

 

Literatur:
(1) Böhme, I.; Lüddens, H.: Zielstrukturen für Antiepileptika: Molekulare Neurobiologie der Epilepsie. Pharmazie in unserer Zeit 4 (2007) 262–268.
(2) Ganso, M.; Krämer, I.: Pharmazeutische Betreuung von Epilepsie-Patienten: Betreuung im ambulanten und stationären Sektor. Pharmazie in unserer Zeit 4 (2007) 288–297.
(3) Mutschler, E.; et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen kompakt. Basiswissen Pharmakologie und Toxikologie. Wiss. Verlagsges. Stuttgart 2005.
(4) Petermann, F.; Rau, J.: Epilepsien im Jugendalter. Psychosoziale Anpassung und Krankheitsbewältigung. Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie, 55 (3) (2007) 177–184.
(5) Weber, R.; Fröscher, W.: Stellenwert alter und neuer Antiepileptika. Der Neurologe & Psychiater 7-8 (2002) 18–22.

 

Anmerkungen:
Erstmaliger epileptischer Anfall – was tun? Die Deutsche Liga für Neurologie entwickelte Richtlinien. www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ ll/030-041.htm
Wie lässt sich ein epileptischer Anfall verhindern? Eines der Ziele der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie ist es, die Betreuung von Patienten zu verbessern. Auf der Website finden sich wichtige Informationen zu Prävention, Diagnostik und Therapie.http://www.ligaepilepsie.de/ueber/ueber_dgfe.php?c=1
Selbsthilfeorganisationen und Interessenverbände (4)
Zahlreiche Selbsthilfeorganisationen unterstützen Patienten und deren Angehörige.

 

Nützliche Informationen finden Sie auf den folgenden Internetseiten:
Informationszentrum Epilepsie (ize) der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie für Patienten (http://www.izepilepsie.de/home/)
Epilepsie-Netzwerk (http://www.epilepsie-online.de)
Epilepsie-Netz (http://www.epilepsie-netz.de)
Deutsche Epilepsievereinigung, Bundesverband der Epilepsieselbsthilfe (http://www.epilepsie.sh/Home.1.0.html?&no_cache=1)
Epilepsie Bundes-Elternverband e.V. (http:// www.epilepsie-elternverband.de)

 

Die Abbildungen entnehmen Sie bitte dem Printmedium Die Schwester Der Pfleger plus 11/08.





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