• Praxis

Chronische Darmerkrankungen: Morbus Crohn und Colitis ulcerosa

Teil 2: Die beiden chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa haben in den vergangenen 20 Jahren deutlich zugenommen. Häufig sind ältere Menschen ab etwa 60 Jahren oder junge Erwachsene zwischen dem 16. und 35. Lebensjahr betroffen. Die chronische Krankheit ist für Betroffene sehr belastend. Wir zeigen Ihnen, wie Sie Ihren Patienten im Alltag unterstützen können.

Ursachen sind unbekannt
Noch immer sind die Ursachen von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa nicht genau bekannt. Wahrscheinlich spielen mehrere Faktoren eine Rolle. So ist vermutlich die Immunreaktion des Betroffenen gestört und das Immunsystem richtet sich gegen harmlose Bakterien auf der Darmschleimhaut. Schließlich greift es auch das eigene Gewebe an. Eine genetische Veranlagung spielt ebenfalls eine Rolle – das Leiden tritt familiär gehäuft auf. Auch die Psyche ist von Bedeutung: In Zeiten von Stress oder anderen seelischen Belastungen verschlimmert sich die Erkrankung oftmals (1,2).

 

Erste Symptome sind unspezifisch
Eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung beginnt meist schleichend und die ersten Symptome sind uncharakteristisch: geringe Temperaturerhöhung, Krankheitsgefühl, milder bis mäßiger Durchfall, meist ohne Blutbeimengung, gelegentliche Bauchschmerzen, Gewichtsabnahme, leichte Blutarmut. Wahrscheinlich denken Sie zunächst noch nicht daran, dass Ihr Patient chronisch erkrankt sein könnte.
Das Leiden verschlimmert sich jedoch zunehmend. Schubweise kommt es zu Durchfällen, krampf-artigen Bauchschmerzen und Fieber. Schließlich können die blutig-schleimigen Durchfälle bis zu 30-mal täglich auftreten. Bei einer schweren Entzündung kommen Fieber, Appetitlosigkeit, Übelkeit und Gewichtsabnahme hinzu.
Die schützende Barriere der Darmschleimhaut wird zerstört. Diese Schutzschicht verhindert normalerweise, dass die unzähligen Bakterien, die im Darm für die Verdauung von Ballaststoffen zuständig sind, in den Organismus gelangen.

 

Auch Haut, Gelenke und Augen können betroffen sein
Manchmal ist nicht nur der Darm betroffen. Möglich ist ein Erythema nodosum, eine fleckenförmige Hautrötung, die ohne Narbenbildung abheilt. Auch die Augen können sich entzünden. Zuweilen sind die Gelenke mitbetroffen. Sie können lediglich leicht schmerzen, aber auch stark entzündet sein.
Sie sollten Ihren Patienten unbedingt einem Arzt vorstellen. Die präziseste Untersuchung ist die Darmspiegelung (Rektoskopie, Koloskopie). Auch geringfügige Veränderungen der Schleimhaut können so beurteilt werden. Der Arzt entnimmt in einer Biopsie eine Gewebeprobe, die dann von einem Pathologen untersucht wird. Der Pathologe kann erkennen, ob Ihr Patient unter einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung leidet, und wenn ja, an welcher.

 

Während der Morbus Crohn am gesamten Verdauungstrakt auftreten kann – sogar im Mund, in der Speiseröhre oder am Anus – beschränkt sich die Colitis ulcerosa auf den Dickdarm. Bei der Colitis ulcerosa ist die Entzündung auf Schleimhaut und Submukosa begrenzt, wo es zu Geschwüren und Abszessen kommen kann. Beim Morbus Crohn hingegen entzünden sich nicht selten auch tiefere Gewebeschichten. Das kann gefährlich werden. So können sich Fisteln oder Narben ausbilden. Der Darm kann sich verengen. Dies manchmal so stark, dass es zu einem Darmverschluss kommt.
Eine lebensbedrohliche Komplikation ist das toxische Megakolon, eine massive Erweiterung des Dickdarms. Es kommt zu Erbrechen, hohem Fieber, einem schmerzhaft aufgetriebenen Bauch und Schockzeichen. Ihr Patient muss schnellstens mit einem Notarztwagen in ein Krankenhaus gebracht werden. Wenn die intensivmedizinische Versorgung mit Antibiotika und Glukokortikoiden erfolglos bleibt, muss operiert werden. Hierbei wird der Dickdarm entlastet. Gelingt dies nicht, muss unter Umständen der gesamte Dickdarm entfernt werden.

 

Als Spätfolge kann Krebs entstehen
Besonders bei der Colitis ulcerosa besteht die Gefahr, dass sich die chronisch entzündeten Zellen in Krebszellen umwandeln. Daher müssen Sie darauf achten, dass Ihr Patient sich regelmäßig den Darm spiegeln lässt. Bei Befall des gesamten Dickdarms wird nach achtjähriger und bei einer linksseitigen Kolitis nach 15-jähriger Erkrankung einmal jährlich eine Vorsorgeuntersuchung vorgenommen.
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen verlaufen häufig schubweise. Zeiten, in denen sich Ihr Patient wohl fühlt und nahezu gesund ist, wechseln ab mit Zeiten, in denen Ihr Patient leidet. Wie stark und wie häufig ein Schub auftritt, ist sehr unterschiedlich. Bei manchen Patienten bricht die Erkrankung nur einmal jährlich aus, bei anderen hingegen kommt es kaum zu einer Erholung zwischen den einzelnen Schüben.
Der einzige Faktor, den die Betroffenen selbst beeinflussen können, ist das Rauchen. Man weiß heute, dass Crohn-Patienten, die rauchen, häufigeroperiert werden müssen und auch stärkere Medikamente benötigen. Im Gegensatz hierzu verläuft eine Colitis ulcerosa bei Rauchern in der Regel milder. Es ist nicht bekannt, warum dies so ist.

 

Wie Sie Ihrem Patienten helfen können
Es ist sehr wichtig, dass Sie Ihren Patienten seelisch unterstützen. Für die meisten ist es schwierig zu akzeptieren, unter einer chronischen Erkrankung mit ungewissem Verlauf zu leiden. Probleme am Arbeitsplatz und in der Partnerschaft können hinzukommen. Oft ist aktives Zuhören hilfreich. Bei Arbeitsplatzproblemen kann der Sozialdienst eingeschaltet werden. Auch Selbsthilfegruppen können eine große Hilfe für den Betroffenen sein.
Der Erkrankte muss mit zahlreichen Schwierigkeiten fertig werden. Seelisch und körperlich belastend sind beispielsweise die häufigen Durchfälle. Ist Ihr Patient noch mobil, muss er bei Stuhldrang immer rechtzeitig eine Toilette erreichen können. Dies ist bei einem Gang durch die Stadt oftmals schwierig, und der Betroffene entwickelt Angstgefühle. Sie sollten versuchen, ihm diese Furcht zu nehmen. Ihr Patient muss genau wissen, wo sich Toiletten in der Stadt befinden. Immer sollte er Materialien für eine sanfte Intimpflege bei sich tragen (beispielsweise weiches Toilettenpapier, Vorlagen und Salbe zur Pflege der oftmals entzündlich gereizten Analregion).

 

Ernährung ist ein entscheidender Faktor
Von Bedeutung ist auch die Ernährung. So ist bei einem schweren akuten Schub oftmals eine parenterale Ernährung notwendig. Bessert sich das Befinden, kann die Kost langsam aufgebaut werden. Zu Anfang erhält der Patient Tee, Brühe (kein Kaffee, keine Fruchtsäfte), Reis- und Haferschleim und Zwieback. Verträgt der Erkrankte diese Kost, kann er Weißbrot, Kompotte, Teigwaren, Kartoffeln, Fleisch und leicht verdauliche Gemüse (alle passiert und fettarm zubereitet) zu sich nehmen. Weitere Gemüse- und magere Fleischsorten sowie Fette können dann hinzukommen (nicht mehr passiert, jedoch zunächst noch sehr weich gekocht). Zunächst darf der Patient noch keine rohen Gemüse, Salate oder unverdünnten Säfte zu sich nehmen. Im weiteren Verlauf wählt der Patient selbst aus. Er findet heraus, was er am besten verträgt. Eine spezielle Colitis-Diät gibt es nicht.

 

Leidet Ihr Patient unter Schmerzen, wirkt oft eine Knierolle, die die Bauchdecke entlastet, schmerzlindernd. Auch feuchtwarme Wickel und rhythmische Einreibungen mit Ölen (beispielsweise Kümmel-Anis-Öl) können die Schmerzen abschwächen (2).
Ohne Medikamente geht es nicht. Zunächst behandelt man die Erkrankung medikamentös. Leichte Entzündungen bekommt man mit Aminosalizylaten in den Griff. Während eines schweren akuten Schubs ist aber oft die Gabe von Glukokortikoiden unumgänglich. Wegen der Nebenwirkungen bei Langzeitgabe (beispielsweise Osteoporose) sollten Glukokortikoide nach Möglichkeit nur kurzfristig gegeben werden.
Weil das Immunsystem der zentrale Ausgangspunkt für die Entzündungen ist, kann man in der langfristigen Therapie Immunsuppressiva geben, die die immunologischen Reaktionen unterdrücken. Hierzu gehören Medikamente wie Azathioprin. Problematisch ist, dass Immunsuppressiva auch die Abwehrreaktionen gegen Infektionserreger unterdrücken und daher Ihr Patient Gefahr läuft, sich anzustecken (3).
Bei Resorptionsstörungen kann eine parenterale Substitution von Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und Elektrolyten hilfreich sein. Nicht erwiesen ist ein Nutzen von zusätzlich eingenommenen Probiotika (speziell gezüchtete lebende Bakterienstämme). Ihnen wird nachgesagt, sich günstig auf die Darmflora auszuwirken.

 

Manchmal ist eine Operation unvermeidbar
Ist es nicht möglich, die Erkrankung durch Medikamente in den Griff zu bekommen, muss operiert werden. Eine Colitis ulcerosa kann durch eine Entfernung des Dickdarms geheilt werden. Dies ist bei Morbus Crohn nicht möglich. Komplikationen wie Verengungen, Perforation, Ileus, Blutungen, Abszesse oder ausgedehnte Fisteln müssen jedoch operativ behandelt werden. Immer ist der Chirurg darauf bedacht, so sparsam wie möglich zu resezieren. Eine Heilung kann jedoch selbst durch eine Operation nicht erreicht werden (2).

 

Literatur:
(1) Consilium practicum: Handbuch für Diagnose und Therapie, CEDIP Verlag Österreich, 1. Auflage, 2007
(2) Menche, N.: Pflege Heute, Elsevier Urban & Fischer, München/Jena, 2007
(3) Mutschler, E. et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen kompakt. Basiswissen Pharmakologie und Toxikologie, Wiss. Verlagsgesellschaft, Stuttgart, 2005
(4) Seel, M.: Die Pflege des Menschen, Brigitte Kunz Verlag, 3. Auflage, Hagen, 2003

 





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