• Praxis

Modellversuch: Mit mehr Technik zum intelligenten Heim

Moderne Technik in Einrichtungen der Altenhilfe, speziell für Pflege- und Betreuungssituationen, gehört noch nicht zum Alltag. Obwohl oder gerade weil nur wenig Erfahrungen vorliegen, hat das Seniorenzentrum „Adrienne von Bülow" in Grafenau-Dätzingen im Rahmen eines Modellprojektes diesen Technikeinsatz verwirklicht.  EDV-gestützte Pflegedokumentation, Sturzmatten und Lichtrufanlagen mit integrierter Sprachkommunikation sind nur einige Beispiele für den Pflegealltag unterstützende Hilfsmittel.

Konzept ist überregional einsetzbar
Der Modellversuch zum Technikeinsatz in der Altenhilfe geht auf ein Programm des Bun desministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zurück, das Modelle  der Alten- und Behindertenhilfe, die in ihrer Architektur und ihrer Nutzungskonzeption überregional beispielgebend und übertragbar sind, fördert. Mit dem speziellen Förderprogramm „Das intelligente Heim" soll ein Blick in die Zukunft des Alten- und Pflegeheimbaus erfolgen.   Technik, Infrastruktur und bauliche Gestaltung sind Kernelemente einer qualitativ guten und zugleich effektiven und effizienten Hilfe und Betreuung älterer Menschen. Um auf diesem Feld neue Wege zu erschließen und zukunftsorientierte Alternativen zu erkunden, hat das Bundesministerium die Modellreihe „Das intelligente Heim – Ablaufoptimierung, kurze Wege, Entbürokratisierung" initiiert. Als Teilnehmer an diesem Projekt hat sich der Träger des Seniorenzentrums für eine umfassende und komplexe Ausstattung der Einrichtung mit technischen Systemen entschieden, um den Mehrwert sowohl für Bewohner als auch für Mitarbeiter zu analysieren und den Einsatz moderner Technik im Pflegebereich voranzutreiben. 

Das System kann  nachgerüstet werden
Bei einer komplexen Lösung im Bereich Technik bedarf es einer sorgfältigen Auswahl und Planung des gesamten Aufbaus, um das technische System auch in späteren Jahren nachrüsten und erweitern zu können. Grundvoraussetzung hierfür ist das so genannte BUS-System. Über zentrale Leitungen in allen Räumen des Hauses können beliebig viele technische Ausstattungen gesteuert und überwacht werden. Dadurch kann das System auch zukünftig mit neuen Technologien wachsen und nachgerüstet werden. Gleichzeitig sind Schnittstellen zu fast allen anderen Medien möglich (Telefonie, Computer-Netzwerke, Notrufsysteme, Sprachsteuerungssysteme, Internet, Pflegedokumentation). Ebenso entsteht eine zusätzliche Sicherheit durch zentrale Steuerungs und Überwachungsmöglichkeiten (z.B. Herd, allgemeine Gebäudeüberwachung, spezielle Zutrittskontrollen, Umsetzung von Beleuchtungskonzepten, Home-Care Systeme, Kommunikationssysteme usw.). Wichtige Funktionen werden so von den Dienstzimmern und dem Foyer aus über zentrale Tableaus gesteuert.  Neben dieser grundlegenden Ausstattung kommen in der täglichen Arbeit weitere technische Elemente zum Einsatz. Dabei steht immer die „Unauffälligkeit der Technik" im Vordergrund, das heißt, dass gerade Bewohner von den vielfältigen Gerätschaften weitestgehend unberührt bleiben. Die Mitarbeiter hingegen haben in ihrer täglichen Arbeit ständig mit der technischen Ausstattung zu tun. Dies ist im erstenMoment etwas befremdlich, ermöglicht aber bei einer kontinuierlichen Entwicklung und Schulung des Personals eine deutliche Erleichterung der Arbeitsabläufe.  Hauptbestandteile der Technik sind neben der EDV-gestützten Pflegedokumentation die elektronisch gesteuerten Zutrittskontrollen an Zimmertüren sowie Senioren-PCs und so genannte Sturzmatten. Auch die Lichtrufanlage wurde in das Projekt aufgenommen und verfügt über einige zusätzliche Funktionen gegenüber den üblichen Anlagen, die in Pflegeeinrichtungen zum Einsatz kommen. Über die Lichtrufanlage besteht die Möglichkeit der Sprachkommunikation zwischen den Mitarbeitern und den Bewohnern. Dem Bewohner ist es so möglich, eine direkte Sprachverbindung zu den Mitarbeitern im Dienstzimmer oder in anderen Bewohnerzimmern aufzubauen. Gleichzeitig können die Mitarbeiter eingehende Lichtrufe von Schnurlostelefonen oder direkt im Dienstzimmer annehmen. Dadurch können erste Informationen abgefragt werden. Dies ermöglicht weniger Wege, da die Mitarbeiter die Dringlichkeit eines Lichtrufs abschätzen und so die Abläufe besser planen können. Notrufe hingegen müssen direkt im Zimmer quittiert werden. Dieses System ist – neben den Senioren-PCs – mit das einzige, das direkt mit den Bewohnern in Verbindung steht und von Bewohnern bedient wird.   Schriftliche Dokumentation gehört der Vergangenheit an Ein weiteres wichtiges Element des Projektes ist die EDV-gestützte Pflegedokumentation. Im gesamten Haus kommt keine schriftliche Dokumentation mehr zum Einsatz. Pflegeanamnese, Pflegeplanung und auch die Leistungsabzeichnung werden über diese Software geführt. Besonderheit dabei ist, dass die Bedienung der Software durch die Mitarbeiter über TouchScreenMonitore an zentralen Punkten in den Wohngruppen und im Dienstzimmer geschieht. Der sichere Zugang erfolgt über einen codierten Schlüssel, der gleichzeitig als Handzeichen für die Mitarbeiter dient. Der Einsatz dieses Systems ergab sich aus den Herausforderungen der im Pflegebereich üblichen Pflegedokumentation: Ein hoher Schreib- und Zeitaufwand für das Führen der schriftlichen Dokumentation, verbunden mit der Problematik der Lesbarkeit und der Vollständigkeit. Das EDV-gestützte Dokumentationssystem wird eingesetzt, um den Pflegeprozess zu unterstützen und die Qualität der Dokumentation zu erhöhen; gleichzeitig soll der Aufwand der täglichen Dokumentation reduziert werden. Durch die Dokumentation an zentralen Punkten auf den Wohnbereichen besteht die Möglichkeit, dass die Mitarbeiter zeitnah nach den pflegerischen Tätigkeiten ihre Leistungen dokumentieren. Hinzu kommt, dass sie jederzeit aktuelle Informationen über Bewohner abrufen oder verfassen können. Der übliche Dokumentationsblock am Ende der Schicht entfällt und die so gesparte Zeit kann für die  Bewohner genutzt werden.  Neben dieser eher pflegebezogenen Technik wurde auch der Bereich der Betreuung in der Gesamtkonzeption des Projektes berücksichtigt. In beiden Wohn-bereichen des Seniorenzentrums werden spezielle PCs für Senioren – so genannte Pinguine – eingesetzt, die es auf einfache Weise ermöglichen, Medien wie Internet, elektronische Post, hinterlegte persönliche Bildergalerien usw. zu nutzen.  Die Bedienung des Systems wurde speziell für Senioren und Behinderte gestaltet. Sie erfolgt über Antippen eines Touchpaneels. Mit Gedächtnis- oder Gesellschaftsspielen, Erinnerungsgalerien für die Bewohner und Musik- und Nachrichtenprogrammen können diese PCs gezielt in der Einzel- und Gruppenbetreuung eingesetzt werden. Mitarbeiter können sich Anregungen für Aktivierungs- runden holen. Interessante Nachrichten aus vergangener Zeit und Beschäftigungsanregungen werden täglich aktualisiert und ermöglichen so eine ideale Ergänzung zu bekannten Aktivierungshilfsmitteln.Gleichzeitig können die Bewohner mit ihrer Familie, die vielleicht nicht im näheren Umkreis wohnt, in Kontakt bleiben, Bilder austauschen oder sogar per Webcam miteinander kommunizieren. Dies klingt zunächst – bezogen auf die Generation, die momentan in der Pflegeeinrichtung lebt – eher befremdlich. Aus ersten Erfahrungen ergibt sich jedoch, dass die Bewohner sehr interessiert an den Möglichkeiten des Pinguins sind und die verschiedenen Programme gerne in der Gruppe, aber auch einzeln anwenden.  Weiterer Bestandteil des Projektes ist der Einsatz von Aktivitätssensoren und so genannten Sensormatten zur Vermeidung von Stürzen bei Bewohnern.  Die Aktivitätssensoren ermitteln ein Bewegungsprofil des Bewohners und geben so Auskunft über seinen Bewegungsrhythmus, beispielsweise wann er aufsteht, wann und wie lange er geht, wann er sich hinsetzt oder auch wann Unruhephasen in der Nacht auftreten. Durch die Profile können so die Rundgänge der Schwestern in der Nacht optimiert werden, indem gezielt betrachtet wird, wann Bewohner Unruhephasen haben und ob eine Regelmäßigkeit erkennbar ist. Haben bestimmte Bewohner beispielsweise immer zur gleichen Zeit die Phasen nächtlicher Unruhe, können die Rundgänge gezielt auf diese Phasen abgestimmt werden.  Die Sensormatten zur Sturzprophylaxe gehen in eine ähnliche Richtung. Sie können im Bett oder vor dem Bett zum Einsatz kommen. Gerade in den Nachtstunden ist es so möglich, Aktivitäten bei sturzgefährdeten Bewohnern zu lokalisieren. Beide Sensormatten funktionieren auf ähnliche Weise: Durch Druckverlagerung über einen bestimmten Zeitraum – entweder durch die Gewichtsverlagerung im Bett oder das Aufstellen der Füße vor dem Bett – erkennt die Matte, dass ein Bewohner im Begriff ist aufzustehen. Gerade bei sturzgefährdeten Bewohnern ist dies ohne Begleitung von Mitarbeitern ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Durch die Druckverlagerung wird ein Signal an das BUS-System übermittelt. Durch dieses Signal wird die Zimmerbeleuchtung aktiviert. So kann sich der Bewohner gerade in der Nacht im Zimmer orientieren und muss nicht selbst den Lichtschalter betätigen. Gleichzeitig wird ein Alarm ausgelöst, so dass die Mitarbeiter sofort reagieren und den Bewohner beim Aufstehen und Gehen unterstützen können.   Zutrittskontrollen an Zimmern Auch die Zutrittskontrollen an den Zimmern sollen den Arbeitsalltag der Mitarbeiter erleichtern und – gerade bei demenziell veränderten Bewohnern – vor oftmals unangenehmen Überraschungen schützen. Durch ein speziell entwickeltes System können alle Zimmertüren elektronisch geöffnet und geschlossen werden. Mittels eines programmierten Chips, den die Bewohner bei sich tragen, ist es möglich, den Zugang zu bestimmten Zimmern zu ermöglichen oder zu sperren. Pflegearbeitsräume, Dienstzimmer oder die Personaltoilette sind so für Bewohner nicht zugänglich. Gleichzeitig können Bewohner nur ihre eigenen Zimmertüren öffnen. Dadurch wird vermieden, dass Schränke des Nachbarn verräumt werden oder gar eine „fremde" Person im Bett angetroffen wird. Die Türen sind normal bedienbar und wirken abgeschlossen, durch die Chipberechtigung wird das Schloss deaktiviert und die Tür kann geöffnet werden.  Natürlich genügt es nicht, diese Technik einzusetzen und die Mitarbeiter mit den einzelnen Systemen auf sich allein gestellt zu lassen. Aus diesem Grund wurde ein Evaluationsprojekt initiiert, das von der Robert Bosch-Stiftung gefördert und gemeinsam mit der Paul Wilhelm von Keppler-Stiftung, dem RobertBosch Krankenhaus Stuttgart und der Universität Heidelberg durchgeführt wird. Durch Beobachtung, Befragungen von Mitarbeitern, Bewohnern und Angehörigen sowie der aktiven Analyse der Ergebnisse soll der gesamte Technikeinsatz ausgewertet werden. Der Einsatz der einzelnen Systeme wird stufenweise evaluiert, Schulungskonzepte und Verbesserungsvorschläge werden erarbeitet und fließen in die bestehende und zukünftige Ausstattung ein. Ziel ist die Nutzenermittlung des Technikeinsatzes in der stationären Pflege, um die Entwicklungen neuer Technologien in diesem Bereich voranzutreiben und gleichzeitig auch die Übertragbarkeit auf den häuslichen Bereich zu überprüfen. Dadurch soll ermöglicht werden, dass in allen Bereichen der Pflege die neuen Technologien den Arbeitsalltag für die Mitarbeiter erleichtern und gleichzeitig die Lebensqualität von Bewohnern und Kunden sowohl im ambulanten als auch stationären Bereich gefördert wird.  





 

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