• Praxis

Kondomurinale helfen Männern dauerhaft bei Harnverlust

Blasenschwäche ist kein reines Frauenproblem. 15 Prozent der Männer im Alter von über 65 Jahren, die im Übrigen gesund sind, verlieren unfreiwillig Harn. Harninkontinenz lässt sich jedoch in den Griff bekommen. Geeignete Hilfsmittel können zu einem nahezu  unbeschwerten Leben verhelfen. Kondomurinalen kommt hierbei eine hohe Bedeutung zu.

Kondomurinal bei Männern Mittel der Wahl
Bei einer Harninkontinenz kann der Patient das Wasserlassen nicht mehr richtig steuern. Die Ausscheidung geschieht zur falschen Zeit am falschen Ort. Männliche Patienten können ein wirksames Rüstzeug gegen die Harninkontinenz einsetzen: das Kondomurinal (1).
Es ist eine kleine Gummihülse, die über den Penis gestülpt wird. Am unteren Ende des Kondomurinals befindet sich ein Abflussstutzen, der mit einem Urinauffangsystem verbunden ist (4). Über einen Schlauch, den es in verschiedenen Längen gibt, gelangt der Urin in einen Beutel. Als besonders geeignet haben sich Kondomurinale mit Urinbeuteln erwiesen, die am Bein des Patienten befestigt und von der Hose verdeckt werden. Der moderne Beinbeutel hat ein Fassungsvermögen von 300 bis 1000 ml (2). In der Nacht wird der Harn in einem am Bett eingehängten Bettbeutel (Fassungsvermögen: 1500–2000 ml) ge-sammelt (3). Die eingesetzten Beutel sollten eine Rücklaufsperre besitzen, die das Zurückfließen des Harns abblockt.
Kondomurinale sind eine effektive Alternative sowohl zu aufsaugenden Systemen wie Inkontinenzslips und Einlagen als auch zum Dauerkatheterismus. Besonders bei einer nächtlichen Harninkontinenz bieten Kondomurinale viele Vorteile. Der Betroffene muss nicht eine ganze Nacht lang im Urin liegen. Die morgendliche Entsorgung ist einfach und geruchlos und umgeht den bei Windeln anfallenden Müll (1). Unabdingbar ist die individuelle Anpassung. Kondomurinale gibt es in unterschiedlichen Arten und Größen, und der Fachhandel bietet Messschablonen und Maßbänder an. Für einen retrahierten Penis gibt es spezielle Produkte. Zwischen Penisspitze und Abflussstutzen sollte ein ausreichender Abstand bestehen, sodass der Abflussstutzen nicht an der Eichel reibt. Die Haut des Penis muss gesund sein.
Die Urinale werden aus synthetischen Materialien oder Latex hergestellt. Viele Kondomurinale bieten ein Reservoir, um bei einem schwallartigen Harnverlust den Urin aufzufangen und anschließend abzuleiten. Während bei der Reflex- und der Dranginkontinenz der Urin schwallartig abgeht, verliert der Patient bei der Stressinkontinenz meist nur wenige Tropfen.

Inkontinenz hat verschiedene Ursachen
Die verschiedenen Formen der Inkontinenz haben unterschiedliche Ursachen. Bei der Stressinkontinenz kann die Schließ- und Beckenmuskulatur dem Druck im Bauchraum nicht standhalten und es kommt meist beim Niesen, Husten oder Pressen zu einem leichten Urinabgang. Im Gegensatz hierzu kommt es zu einer Reflexinkontinenz, wenn die Verbindung zwischen Steuerzentren im Gehirn und der Blase gestört ist, beispielsweise bei Rückenmarkverletzungen. Bei der Dranginkontinenz verspürt der Patient einen heftigen Harndrang – obwohl seine Blase kaum gefüllt ist. Der Harndrang kann so stark sein, dass der Urin nicht mehr bis zum Erreichen der Toilette gehalten werden kann. Ursachen der Drangin-kontinenz können Harnwegsinfektionen, Blasensteine oder Tumoren und ein höheres Alter sein.

Um ein Kondomurinal benutzen zu können, sollte Ihr Patient in der Lage sein, seine Blase ohne größere Restharnmengen entleeren zu können. Dies ist bei der Überlaufinkontinenz nicht der Fall. Hier ist die Blase dauerhaft mit einer Restmenge Urin gefüllt. Er geht in kleinen Mengen, manchmal auch tröpfchenweise ab. Ursachen für eine Überlaufinkontinenz sind ein Prostataleiden oder eine Verengung der Harnröhre (3).

Die Therapie der Überlaufinkontinenz besteht – wenn möglich – in einer Operation. Lässt sich diese nicht realisieren, muss katheterisiert, das heißt ein Kunststoffschlauch in die Harnröhre eingeführt werden. Eine Urinableitung per Dauerkatheter wird entweder transurethral durch die Harnröhre oder suprapubisch durch eine Punktionsstelle in der Bauchdecke geführt. Ein Dauerkatheter eignet sich jedoch nicht zur Versorgung über einen längeren Zeitraum. Inzwischen sind die meisten Urologen der Auffassung, dass ein transurethraler Dauerkatheter maximal 24 Stunden liegen sollte, da sich ansonsten Druckstellen und Strikturen bilden können. Der suprapubische Dauerkatheter sollte höchstens wenige Wochen liegen, da bei höheren Liegezeiten das Risiko eines Blasenkrebses erhöht ist. Nur in Ausnahmefällen ist der suprapubische Katheter als Dauerversorgung indiziert, beispielsweise bei Patienten, bei denen alle vier Extremitäten gelähmt sind und die sich daher nicht selber katheterisieren können.

Mehrere Produzenten von Kondomurinalen bieten für Menschen, die sich regelmäßig katheterisieren, Lösungen an. Anstelle des Kondom-Schlauchansatzes wird eine abnehmbare Kupplung als Verbindung zum Urinbeutel eingesetzt. Diese Kupplung kann abgenommen und das Kondom mit einem Spreizring geweitet und über den Penisschaft zurückgeführt werden, sodass die Penisspitze zum Desinfizieren und Katheterisieren frei liegt. Anschließend wird das Kondom wieder in die ursprüngliche Position geführt und an das bestehende Ablei-tungssystem gekoppelt. Das Ganze lässt sich beliebig oft wiederholen (1).
Im Gegensatz zum Dauerkatheter müssen keine sterilen Urinbeutel verwendet werden. Die Gefahr von Infektionen ist geringer, da Bakterien nicht – wie bei einem Dauerkatheter – auf direktem Weg in die Blase gelangen können. Die durch transurethrale Blasenverweilkatheter – als mögliche Folge von Verletzungen der Harnröhre und aufsteigenden Infektionen – ausgelösten Harnröhrenfisteln und andere Erkrankungen werden bei der Verwendung von Kon-domurinalen vermieden (1).

Hilfsmittel für die Versorgung bei Harninkontinenz sind verordnungsfähig. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten, wenn die Produkte im Zusammenhang mit einer Krankheit verordnet werden (3). Es fällt aber eine gesetzliche Zuzahlung in Höhe von 10 Prozent, aber maximal 10 Euro pro Monat an. Das bedeutet, dass für die gesamte Inkontinenzversorgung maximal 120 Euro pro Jahr zugezahlt werden müssen, sofern der Versicherte nicht befreit ist.
 
Wie legt man ein Kondomurinal richtig an?
Auf dem Markt werden unterschiedliche Varianten der Befestigung angeboten: Erstens das Kondomurinal, das mittels eines aufzubringenden Hautklebers oder eines Haftstreifens am Glied befestigt wird und zweitens das gebrauchsfertige Kondomurinal, das mit einem Hautkleber versehen ist (1). Für den Klebstoffauftrag beziehungsweise für die Klebezone bei den selbstklebenden Kondomen müssen Sie mindestens ein bis zwei Zentimeter nutzbare Länge zur Verfügung haben.

Bei Kondomurinalen mit Hautkleber oder Haftstreifen ist die Befestigung am Penis mit besonderer Sorgfalt auszuführen, um eine Undurchlässigkeit sicher zu garantieren. Der Hautkleber wird auf den Penis in einer Längevon etwa 40 mm aufgetragen und gleichmäßig verteilt. Nach kurzem Ablüften wird das Kondomurinal auf den Penis gerollt und rundum gut angedrückt. Beim Abrollen strafft die freie Hand den Penis. Die Vorhaut darf beim Abrollen nicht zurückgeschoben werden. Das Kondomurinal muss ganz abgerollt werden: Eine „Restrolle" schnürt den Penis ein und kann auch wieder zurückrollen. Sie können sie jedoch einfach ablösen, in-dem Sie sie mit einer abgerundeten Schere durchknipsen und dann entfernen. Wird das Kon-domurinal entfernt, so sollten Sie dies durch langsames und behutsames Zurückrollen tun. Ziehen Sie das Kondomurinal keinesfalls nach vorne ab (1).

Ein Haftstreifen wird etwa 20mm unterhalb der Eichel um den Penis gerollt. Hierbei kleben Sie den Klebestreifen spiralförmig leicht überlappend auf und nutzen so seine gesamte Länge. Dann wird das Kondomurinal ebenfalls auf den Penis gerollt und gut angedrückt.

Einfacher zu handhaben sind gebrauchsfertige, mit einem Hautkleber versehene Kondomurinale. Diese werden wie ein Kondom auf den Penis gerollt und angedrückt (1).

Manche Anwender halten das selbstklebende Kondomurinal für unsicherer als die Befestigung mit Hautkleber oder Haftstreifen, bei denen eine individuellere Versorgung möglich ist, da man anatomische Gegeben-heiten, Hautverhältnisse usw. besser berücksichtigen kann. Allerdings sind selbstklebende Kondomurinale für Anwender mit gestörter Motorik viel einfacher anzulegen (1).


Unbedingt erforderlich: sorgfältige Hautpflege
Vor dem Anbringen muss die Schambehaarung gekürzt werden. So vermeiden Sie ein Verkleben der Haare mit dem Kondomurinal und dadurch verursachte Reizungen beim Abnehmen des Kondomurinals. Es besteht auch die Möglichkeit, mit einem speziellen Abdecktuch die Schambehaarung abzudecken. Weil eine Rasur die Haut stark reizt, ist sie nicht empfehlenswert.

Da die Haut durch den ständigen Kontakt mit dem Urin sehr strapaziert wird, ist eine gute Hautpflege von besonderer Bedeutung: Bei jedem Wechsel des Kondomurinals müssen Sie die Haut gründlich reinigen. Entfernen Sie die Klebereste, die haften bleiben, aber nicht komplett – dies reizt die Haut zu stark. Die Klebereste lösen sich beim nächsten Wechsel von alleine.

Verwenden Sie zum Waschen des Genitalbereiches eine milde pH-neutrale Seife oder Lösungen, die keine Duftstoffe und desinfizierende Zusätze enthalten. So wird die Haut am besten geschont. Damit der Kleber richtig wirken kann, dürfen Sie im Penisbereich keine rückfettenden Seifen, Gels, Öle oder Körperlotionen verwenden. Legen Sie das Kondomurinal nicht unmittelbar nach der Körperpflege an – die Haut ist dann noch sehr stark mit Feuchtigkeit gesättigt (3).

Treten trotz sachgemäßer Ver-sorgung Hautirritationen auf, sprechen Sie sofort mit Ihrem Arzt. Vermeiden Sie auf jeden Fall Cremes oder Lotionen zur Selbstbehandlung, da diese die Haftung des Kondoms stören (3).

Wissen hilft gegen Ängste
Vielen Männern ist ihre Harnin-kontinenz peinlich. Sie leiden mehr darunter, als sie zugeben wollen. Nicht nur, weil ihr das Stigma der Frauenkrankheit anhaftet. Es ist auch ein Leiden, das angeblich nur alte Männer bekommen.

Spüren Sie, dass Ihr Patient bedrückt ist, sollten Sie versuchen, mit ihm zu reden. Aufklärung kann Ängste abbauen. Sagen Sie ihm, dass Harninkontinenz we-der eine reine Frauenkrankheit noch eine Alterskrankheit ist. Auch junge Männer im Alter von 30 Jahren können unter einer schwachen Blase leiden. Im Alter von über 65 Jahren verlieren von den Männern, die ansonsten gesund sind und keine chronischen Krankheiten aufweisen, immerhin zehn bis 15 Prozent unfreiwillig Harn. Bei den Frauen liegt die Häufigkeit bei 20 bis 30 Prozent. Harninkontinenz ist auch kein Zeichen fürImpotenz, wie viele Männer glauben – es gibt keinen medizinischen Zusammenhang zwischen beiden Leiden.

Hilfe für die Betroffenen gibt es an vielen Stellen. Angefangen beim Hausarzt, über den Urologen bis hin zu Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen, die deutschlandweit arbeiten. Die Deutsche Kontinenz-Gesellschaft bietet beispielsweise auf ihrer Internetseite (http://www.kontinenz-gesellschaft.de) eine Sammlung von Adressen und Ansprechpartnern für Betroffene an.


Literatur:
(1) Inkontinenz Selbsthilfe e. V.: Kondom-Urinal – Inkontinenzhilfsmittel,
http://www. inkontinenz-selbsthilfe.com/html/urinal_ kondomurinal.html, 2008
(2) Jung, U.: Hilfsmittelversorgung bei In-kontinenz – eine aktuelle Übersicht, Ortho-pädie-Technik 2/00,
www.ot-forum.de/OT/ split2000/ot2000.077-080.pdf, 2008
(3) Medicenter GmbH: Häufig gestellte Fragen. Inkontinenz,
http://hightechhomecare. com/mcb_home.html?=pinkontinenz.html, 2008
(4) Menche, N.: Pflege heute. Lehrbuch für Pflegeberufe. Elsevier, Urban & Fischer, München, Jena, 4. Auflage, 2007







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