• Praxis

Wundreinigung - Der erste Schritt zur Heilung

Für zertifizierte Wundmanager ZWM® und alle in der Wundbehandlung engagierten Pflegekräfte ist eine chronische Wunde immer eine echte Herausforderung: Sie muss analysiert, eingeschätzt, beschrieben und dokumentiert werden. Außerdem müssen der geeignete Wundverband ausgewählt und die entsprechende Wundtherapie mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. In dieser Handlungskette kommt aber einem Stadium der Wundbehandlung eine ganz besondere Bedeutung zu: der Wundreinigung.

Ziel ist die Schaffung von Lebensqualität
Der Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden" sagt ganz deutlich: Die Betroffenen fühlen sich häufig nur als „die Wunde" und nicht als Mensch. Bei den Patienten stehen nicht immer die Wunde oder die Wundheilung im Vordergrund, sondern, abhängig von der individuellen Lebenssituation, eine größtmögliche Lebensqualität. Schmerzen, Wundexsudat, Wundgeruch und damit die Einschränkung der Mobilität führen zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität.
Wunden, die dick mit Nekrose, Detritus, Keimen und Biofilm belegt sind, riechen oft unangenehm und exsudieren stark (Abb. 1). Sie riechen – je nach Keim – extrem (Anaerobier), süßlich (Pseudomonas) oder stuhlähnlich (Escherichia coli). Mit Staphylokokken infizierte Wunden bleiben fastgeruchlos.

 

Wundreinigung steht an erster Stelle
Die erste Frage ist nicht: Welcher der zahlreichen Verbandstoffe kommt auf diese Wunde? Sondern: Wie bekomme ich diese Wunde sauber?
Durch eine adäquate Wundreinigung wird der Wundgeruch erheblich reduziert und der Exsudatfluss wird weniger. Dadurch verringern sich die Verbandwechsel, der Patient wird mobiler, die Lebensqualität steigt. Nur eine saubere Wunde kann heilen. Nur auf sauberem Wundgrund kann neues Gewebe entstehen.

 

Die schnellste Methode, eine Wunde sauber zu bekommen, ist nach wie vor das (chirurgische) Debridement, also das Abtragen  von Nekrosen, Zelltrümmer (Detritus) und Fibrinbelägen mit Skalpell oder Ähnlichem. Oft wird dieses, gerade im ambulanten Bereich, nur ungenügend oder gar nicht vorgenommen.
Auf einer infizierten Wunde wie in Abb. 1 finden sich nekrotisches Gewebe, Detritus, lytische Enzyme, Exsudat, aktivierte Granulozyten, Makrophagen, Fibrinbelag, Keime und Biofilm. Biofilme bestehen aus einer dünnen Schleimschicht, in der Mikroorganismen eingebettet sind. Viele Keime, auch der Staphylokokkus aureus oder der Pseudomonas, können diese Schleimschicht bilden. Sie scheiden extrazelluläre polymere Stoffe (EPS) aus und bilden in Verbindung mit Wasser Hydrogele, sodass eine schleimartige Matrix entsteht, in der Nährstoffe und andere Substanzen gelöst sind. Der Biofilm bietet den Mikroorganismen einen ausgezeichneten Schutz und sie können sich darin völlig ungestört vermehren. Der Biofilm schützt die Bakterien sogar vor Antibiotika und der Reaktion des Immunsystems. Diese komplexe Struktur ist sehr schwer ohne eine geeignete Wundspüllösung zu zerstören.

 

Anforderungen an eine Wundspüllösung
Das Robert Koch-Institut (RKI) fordert in der Infektionsprävention für Heime im Kapitel 6.4.1 (Wundverbände), sterile Spüllösungen, kein Leitungswasser zu verwenden und die Herstellerangaben zu beachten. Wundexperten in der Praxis stellen noch weitere Anforderungen: Produkte, die mit der Wunde in Berührung kommen, müssen steril, physiologisch, nicht resorbierbar, farblos, reizlos und atraumatisch sein. Darunter fallen Ringerlösung und NaCl 0,9%. Diese Spüllösungen sind aber nicht in der Lage, Biofilm zu lösen. Nur Spüllösungen, die ein Tensid, also eine waschaktive Substanz enthalten, sind dazu fähig. Dazu kommt, dass Restlösungen, z.B. Ringerlösung oder NaCl 0,9%, nach 24 Stunden entsorgt werden müssen.

Es gibt Spüllösungen, die länger als einen Tag verwendet werden können: Prontosan® von B. Braun beispielsweise bis zu acht Wochen nach Anbruch, Lavasorb® von Fresenius Kabi bis zu sechs Wochen und Lavanid® von Serag Wiessner bis zu vier Wochen. Diese Produkte enthalten Polyhexanid, das die Lösung über einen bestimmten Zeitraum konserviert. Prontosan® (B. Braun) enthält zusätzlich das Tensid Betain als eine waschaktive Substanz. Prontosan® ist in der Lage, Biofilm zu lösen und die Wunde effektiv zu reinigen. Auch bei Polyhexanid und Betainhaltigen Wundspüllösungen ist ein reines Spülen ohne Einweichen beziehungsweise Auswischen der Wunde wenig effektiv. Nur wenn die Wunde sauber ist, reicht ein Ausspülen der Wunde. Die optimale Einweichzeit von Prontosan® liegt bei zehn bis 20 Minuten (Abb. 2).

 

Keimen den Kampf ansagen: Dekontamination und Wundantiseptik
Keime sitzen nicht auf, sondern im und unter dem Wundbelag. Sie sind durch den Biofilm geschützt, kolonisieren sich, vermehren sich völlig ungestört. Damit steigt das Risiko einer Infektion, auch mit MRSA. Wir sprechen im Rahmen des Wundmanagements von Dekontamination als Überbegriff für die Wundreinigung. Somit muss die Wunde bei jedem Verbandwechsel mit einer geeigneten Wundspüllösung nicht nur gespült, sondern auch mechanisch gereinigt werden. Mit einem sauberen Wundgrund wird eine optimale Vorausetzung zum Aufbau von neuem Gewebe geschaffen.
Im Gegensatz dazu hat der Begriff Wundantiseptik eine ganz eindeutige Definition. Wundantiseptik bedeutet die Anwendung von Wirkstoffen mit definierter antimikrobieller Wirksamkeit zur Abtötung der Mikroorganismen. Die Konsensusempfehlung zur Auswahl von Wirkstoffen für die Wundantiseptik stellt Polyhexanid für chronische, schlecht heilende Wunden aufgrund der guten Gewebeverträglichkeit und der klinisch offensichtlichen Wundheilungsförderung als Mittel der Wahl heraus. Ist die Wunde infiziert, gelten dieselben Grundsätze für eine Wundreinigung. Eventuell wird ärztlich zum lokal eingesetzten Antiseptikum ein Antibiotikum verordnet.
Mit dem entsprechenden Schuhwerk und regelmäßiger Kontrolle kann auch ein Patient mit chronischer Wunde am Fuß (wie in unseren Bildern) wieder mobil werden und ohne Einschränkung am Gemeinschaftsleben teilnehmen. Auffallend ist der gute Hautzustand am Fuß des Patienten (Abb. 6) im Vergleich zum Beginn der Behandlung. Die Haut wurde hier konsequent mit NCR® – NutrientCream der dline® AG gepflegt.
Zusätzlich zur guten Wundreinigung müssen immer der Wundrand geschützt und die Wundumgebung mit geeigneten Produkten gepflegt werden. Das gute Heilungsergebnis und die hohe Patientenzufriedenheit rechtfertigen den finanziellen Mehraufwand einer solchen Therapie.

 

Die Abbildungen entnehmen Sie bitte dem Printmedium Die Schwester Der Pfleger plus 10-08.





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