• Praxis

Altenbetreuung in Ägypten: Am Nil wird selten ambulant gepflegt

Altenpflege ist ein recht neues Thema in Ägypten. Im Verlauf der vergangenen drei Jahre baute ein Konvent der koptisch-orthodoxen Kirche in Kairo ein Trainingszentrum für Altenpflege in Verbindung mit häuslicher Krankenpflege auf. Dieser Bericht schildert den Hintergrund und die Probleme dieses Projekts in der alltäglichen Praxis.

Pflege und Betreuung älterer Menschen war in Ägypten traditionellerweise eine Aufgabe der Familie. Bereits vor 25 Jahren wies die ägyptische Pflegewissenschaftlerin Fadel-Girgis jedoch auf gesellschaftliche Veränderungen hin, die dieses traditionelle System vor allem in den Großstädten Kairo und Alexandria infrage stellen. Zum einen besteht dort ein unumkehrbarer Trend zur Kleinfamilie. Da die Kinder nach der Heirat den elterlichen Haushalt verlassen, ist im Bedarfsfall niemand mehr im Hause, der eine pflegerische Betreuung übernehmen kann. Die beengten Wohnraumverhältnisse in Kairo verhindern zugleich die Aufnahme pflegebedürftiger Eltern bei den Kindern. Hinzu kommt eine zunehmende berufliche Tätigkeit von Frauen – eine Konsequenz ihres gestiegenen Bildungsniveaus. Zudem reicht das Gehalt des Mannes oftmals nicht aus, um den Unterhalt der Familie sicherzustellen. Die Konsequenz dieser Entwicklung besteht in einer steigenden Nachfrage nach pflegerischen Angeboten.

 

Dementsprechend ist ein Zuwachs von Pflegeheimen zu verzeichnen. Waren 1999 laut der offiziellen Statistik 65 Heime in Ägypten registriert, belief sich deren Zahl nach Angaben des Ministeriums für Soziale Angelegenheiten im Jahre 2005 auf 113. Von diesen befanden sich allein 62 im Großraum Kairo. Die offiziellen Angaben erfassen dabei kaum das tatsächlich existierende Angebot. Während unseres Projekts identifizierten wir über persönliche Kontakte 32 weitere Heime im gleichen Gebiet. Diese wurden von Kirchengemeinden oder moslemischen Wohlfahrtseinrichtungen betrieben, die zu einer Registrierung ihrer karitativen Tätigkeiten nicht verpflichtet sind. Die Preise für Unterkunft und Pflege unterscheiden sich dabei beträchtlich. Während der teuerste Anbieter 2500 ägyptische Pfund (= 57 Euro) pro Monat verlangt, ist dies bei karitativen Organisationen im Bedarfsfall kostenlos. Entsprechend groß sind jedoch auch die Unterschiede in Bezug auf materielle und personelle Ausstattung. In allen Heimen wird in der Regel ungeschultes Personal als Pflegekraft eingestellt. Dabei hängt es vom Träger ab, ob sich die weitere Qualifikation auf eine bloß praktische Einarbeitung beschränkt, oder ob es im Rahmen der Tätigkeit verpflichtende Schulungen gibt.
Auch wenn der Zuwachs an Altenheimen auf einen entsprechenden Bedarf verweist, wird dieses Angebot kaum den traditionellen Erwartungen gerecht. Seine Angehörigen in ein Heim zu geben, gilt den meisten Ägyptern als Schande. Ein alternatives Angebot besteht in ungeschulten Haushaltshilfen, die über private Kontakte, Vermittlungsbüros oder Zeitungsinserate gefunden werden können. Je nach Vereinbarung kommt die entsprechende Pflegekraft jeden Tag für einige Stunden in die Wohnung des Pflegebedürftigen, oder sie bezieht dort ganz Quartier. Die Kosten für diese Dienstleistung liegen zwischen 300 und 600 ägyptischen Pfund (= 43 bis 86 Euro) pro Monat. Doch auch dieses Angebot wird als unzureichend empfunden, zum einen, weil unbekannte Personen vielen Ägyptern nicht vertrauenswürdig sind, zum anderen, weil diese Helfer keine Qualifikation besitzen.

 

„Care with Love" – erste ambulante Pflegeeinrichtung
Als Antwort auf dieses Problem wurde bereits 1995 von einer Ärztin die Organisation „Care with Love" als erste ambulante Pflegestation in Kairo gegründet. Der Grundgedanke dieses Projekts bestand darin, arbeitssuchenden jungen Menschen eine dreimonatige Ausbildung in der Altenpflege anzubieten und sie anschließend als häusliche Pflegekraft einzustellen. Das Ausbildungsniveau liegt dabei deutlich unter dem einer staatlich anerkannten Pflegeausbildung, deren Dauer sich im Falle von Berufsschulen auf drei Jahre, im Falle von Bachelorstudiengängen auf vier Jahre beläuft. Häusliche Altenpflege besitzt als Tätigkeitsfeld für ägyptische Pflegekräfte allerdings nur eine geringe Attraktivität. Ein Versuch des ägyptischen Pflegeverbands, examiniertes Pflegepersonal durch eine geriatrische Weiterbildung für diese Arbeit zu gewinnen, scheiterte bereits im letzten Jahrzehnt. Von daher blieb „Care with Love" nur die Möglichkeit, geringer qualifizierte Kursteilnehmer zu finden.
Anders als bei der ambulanten Pflege in Deutschland sind bei „Care with Love" die Pflegekräfte nach der Ausbildung einem einzelnen Patienten für die gesamte Dienstzeit zugewiesen. Dies liegt zum einen daran, dass bei den unzureichenden öffentlichen Verkehrsverbindungen in Kairo kaum mehrere Patienten innerhalb einer Schicht besucht werden können. Auch Dienstwagen sind keine realistische Option, da ihre Anschaffung das Budget eines solchen Projekts überstiege, und die meisten Angestellten ohnehin keinen Führerschein besitzen. Zum anderen bezahlen die Patienten pro Monat die für ägyptische Verhältnisse beträchtliche Summe von 600 Pfund (= 86 Euro). Zum Vergleich: Ein durchschnittliches ägyptisches Einkommen beläuft sich auf 500 Pfund pro Monat (Ibrahim & Ibrahim, 2003). Alle oben genannten Pflegeangebote mit Ausnahme der karitativen Pflegeheime sind daher nur einer wohlhabenden Schicht zugänglich, die eine entsprechend individuelle Betreuung erwartet.

 

Allen Einschränkungen und Einwänden zum Trotz – „Care with Love" erwies sich als Erfolg. In dem Projekt sind mittlerweile um die 200 Pflegekräfte tätig, wobei die Organisation kaum die Nachfrage befriedigen kann.

 

Konzept fand Nachahmer
Das Modell bot sich daher zur Nachahmung an. Im Februar 2005 begann so das Salam Center unter der Trägerschaft der Daughters of St. Mary, einem koptisch-orthodoxen Frauenkonvent, ein ähnliches Projekt. Dieses wurde dabei in der Anfangsphase von MISEREOR finanziert, und die Rolle des Autors bestand als Entwicklungshelfer darin, das pädagogische Konzept zu entwickeln, das Personal entsprechend einzuarbeiten und sowohl Trainingszentrum als auch das Büro der ambulanten Pflege in organisatorischen Dingen zu beraten.

 

Der anfängliche Gedanke war, für die Leitung des Trainingzentrums und des Büros der ambulanten Pflege jeweils eine examinierte Krankenschwester zu finden. Vier Monate der vergeblichen Suche zwangen uns schließlich umzudenken. Am Ende hatten wir ein Kernteam aus drei Frauen und einem Mann, dem es nun oblag, das Trainingszentrum einzurichten, Kursteilnehmer zu werben und den Unterricht zu übernehmen. Ähnlich gingen wir dann auch bei der Besetzung des Büros der ambulanten Pflege vor, das drei Monate später nach der Beendigung des ersten Kurses eröffnet wurde. Die Nachfrage kam recht rasch. Einige Aushänge in verschiedenen Kirchengemeinden reichten aus, um genug Kunden zu finden.
Schwieriger hingegen war die Anwerbung von Kursteilnehmern. Anfragen gab es zwar genug, doch nur ein geringer Teil ließ sich zu einer dreimonatigen Ausbildung motivieren. In der häuslichen Pflege zu arbeiten war für die meisten Interessenten eine unbekannte Tätigkeit, der man nur mit Vorbehalt begegnete. Vor allem bei den Bewerberinnen gab es Befürchtungen, in einem fremden Haushalt tätig zu werden. Wer würde ihnen garantieren, dort nicht von einem männlichen Angehörigen belästigt zu werden? In der ägyptischen Tradition ist der Umgang zwischen beiden Geschlechtern eingeschränkt. Oberstes Gebot für jede Frau ist es nach wie vor, ihre Ehre zu wahren. Das bedeutet, keine engeren Kontakte zum anderen Geschlecht zu haben, außer zu den nächsten Verwandten und dem Ehemann.

 

Ein Projekt zwischen zwei Kulturen
Die Ausbildung selbst war durch eine hohe Aussteigerquote belastet. Um einen Anreiz zu schaffen, erhielt jeder Teilnehmer ein monatliches Taschengeld von 100 Pfund (= 14 Euro). Dies lockte jedoch auch immer wieder Trittbrettfahrer an, die zwar an der Ausbildung teilnahmen, ohne jedoch an der späteren Tätigkeit interessiert zu sein und dementsprechend am Ende des Kurses verschwanden. Aus diesem Grunde war eine vertragliche Bindung der Kursteilnehmer notwendig – schließlich kostete das Trainingsprogramm im Durchschnitt 1000 Pfund (= 140 Euro) pro Person. Diese Ausgabe konnte nur dann gedeckt werden, wenn der Kursteilnehmer für einen Zeitraum von zwei Jahren für das Konvent als Pflegekraft tätig blieb, und das Konvent einen Teil der monatlichen Pflegegebühr in diesem Zeitraum einbehielt.
Seitens der Kursteilnehmer wurden vertragliche Verpflichtungen jedoch mit Skepsis betrachtet. Diese ist durch den informellen Sektor geprägt, der in Gegenden wie Ezbet en-Nakhl allgegenwärtig ist. Die dortigen Bewohner sind es gewohnt,  Gelegenheitsjobs auszuüben, die zwar kurzfristig ein Einkommen verschaffen, langfristig aber keine Perspektive bieten. Derartige Beschäftigungsverhältnisse sind auch nicht vertraglich gesichert. Dementsprechend gibt es weder eine Anbindung an einen Beruf noch eine größere Verbindlichkeit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Von den Betroffenen selbst wird dies jedoch nicht unbedingt als Mangel empfunden. Die Möglichkeit, den Arbeitsplatz zu wechseln, sobald sich etwas Besseres findet, entspricht einem Wunsch nach Ungebundenheit, der an die Arbeitsverhältnisse im informellen Sektor angepasst ist.
Die entsprechende Mentalität wirkte sich auch aus auf die Disziplin der Kursteilnehmer. Pünktlichkeit und regelmäßige Teilnahme am Unterricht waren nur mühsam zu vermitteln. Klare Regeln und Grenzen waren allerdings notwendig. Ohne Zuverlässigkeit bei der späteren Arbeit waren die Beschwerden der Pflegeempfänger vorprogrammiert. Längst nicht jeder Kursteilnehmer wollte diese Spielregeln akzeptieren, und so war es am Ende ein Erfolg, wenn von anfänglich 15 Personen die Hälfte bis zur Abschlussprüfung im Kurs blieb, um anschließend als Pflegekraft tätig zu werden.

 

Auf der anderen Seite war das Projekt mit den keineswegs widerspruchsfreien Erwartungen der Kunden konfrontiert. Zwar wurde eine Pflegekraft gewünscht, die fachliche Fähigkeiten besitzt, zugleich sollte die betreffende Person auch haushälterische Tätigkeiten verrichten.
Diese gegensätzlichen Ansprüche waren den Angestellten kaum zu vermitteln, zumal Tätigkeiten wie putzen oder kochen als niedere Dienstleistung galten, die nur von unqualifiziertem Personal verrichtet wurde. Ein Anreiz, sich auf eine dreimonatige Ausbildung einzulassen, bestand jedoch gerade darin, sich als Gesundheitspflegekraft vom Status eines Hausbediensteten abgrenzen zu können. Dem Büro der Pflegestation kam in diesen Auseinandersetzungen die Vermittlerrolle zu.
Auslöser für Konflikte waren zudem die kulturellen Unterschiede zwischen Pflegekräften und Pflegeempfängern. Letztere erwarteten als Angehörige der Oberschicht entsprechende Manieren und Umgangsformen, die den Angestellten nicht immer geläufig waren. Zum Beispiel ging im Pflegebüro die Beschwerde ein, dass eine Pflegekraft den im Kühlschrank befindlichen Essensvorrat verzehrt hatte. Die betreffende Angestellte zeigte dann im Mitarbeitergespräch keinerlei Unrechtsbewusstsein – schließlich war sie ja zu Gast im Hause der Patientin gewesen. Das Projekt hatte die Aufgabe, zwischen den gegensätzlichen Erwartungen zweier Kulturen zu vermitteln, deren Mitglieder im normalen Alltag kaum Umgang miteinander haben. Schnelle Erfolge waren in diesem Kontext nicht zu erwarten. Vielmehr ist das Projekt als Teil eines gesellschaftlichen Wandels zu sehen, in dem erst allmählich ein neues Berufsbild und ein damit einhergehendes Selbstverständnis aller Beteiligten entsteht.

 

Literatur:
Boggatz, T., Dassen, T. (2005): Ageing, care dependency, and care for older people in
Egypt: a review of the literature, Journal of Clinical Nursing, 14 (8B): 56–63
Boggatz, T., Farid, T., Mohammedin, A., Dassen, T. (2008): Attitudes of older Egyptians towards nursing care at home, A qualitative study. Journal of Cross-Cultural Gerontology (Epub ahead of print)
ESCWA (Economic and Social Commission for Western Asia) (2008): Situation Analysis of Population Ageing in the Arab Countries: The Way Forward Towards Implementation of MIPAA, E/ESCWA/SDD/2008/Technical Paper.2, Retrieved July 1, 2008, from www.escwa.un.org/information/publications/edit/upload/sdd-08-tp2-e.pdf
Fadel-Girgis, M. (1983): Family supportfor the elderly in Egypt, The Gerontologist, 23: 589–592.
Ibrahim, F., Ibrahim, B. (2003):
Egypt – An economic geography. London: I.B. Tauris
Nandakumar, A. K., El-Adawy, M., Cohen, M. A. (1998): Perception of health status and limitations in activities of daily living among the Egyptian elderly.
Boston: Harvard School of Public Health
Rugh, A. B. (1985): Family in Contemporary Egypt, Cairo: The American University of Cairo Press

 







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