• Praxis

Interview zur Sturzprophylaxe: Mit Alarmtönen zu sicherer Balance

In einem internationalen Forschungsprojekt haben Wissenschaftler aus Deutschland, Israel, den Niederlanden und Italien einen neuen telemedizinisch-gestützten Ansatz zur Sturzprävention entwickelt. Mithilfe eines am Körper getragenen Bewegungssensors und dessen akustischen Signalen sollen sturzgefährdete Patienten sichere Bewegungen lernen. Wir sprachen mit Privatdozent Dr. Clemens Becker, Chefarzt der Klinik für Geriatrische Rehabilitation am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Unter seiner Leitung wurde der Prototyp des Bewegungssensors in einer Versuchsgruppe von zehn Personen getestet.

?Herr Dr. Becker, können Sie unseren Lesern die wichtigsten Fragestellungen innerhalb Ihres Projektes zur Sturzprophylaxe vorstellen?
Becker: Im Grunde gibt es drei Hauptaspekte. Zum Ersten stellten wir uns die Frage, ob man mit dem Einsatz von Technik die Balance verbessern kann. Zweitens wollten wir Erkenntnisse darüber erlangen, unter welchen Voraussetzungen Alarmsysteme hilfreich sind und drittens sollte eine Langzeitstudie Erkenntnisse bringen, wie sich Menschen ohne Aufsicht bewegen. Pflegende können ja immer nur situativ beurteilen, wie sicher ein Mensch geht.

 

?Steht das neu entwickelte System in Konkurrenz zu Hüft-protektoren und Hausnotrufsystemen?
Becker: Nein. Hüftprotektoren bieten sich vor allem im Heim-bereich und im Krankenhaus an. Ein Hausnotrufsystem alleine reicht nicht aus, um Sturzfolgen zu verhindern. Es kann nur Teil einer Gesamtlösung zur Sturzprävention sein.

 

?In Deutschland sind etwa 100 000 Hausnotrufsysteme aktiviert. Jedoch nutzen nicht einmal die Hälfte der angemeldeten Menschen dieses Instrument. Wie kommt das?
Becker: Mit einem Notrufsystem werden Betroffenen einerseits Ängste genommen. Nämlich jene, nach einem Sturz nicht gefunden zu werden. Andererseits ist die Benutzung eines Notrufsystems mit großen Ängsten behaftet, nämlich durch den gemeldeten Sturz gegen den eigenen Willen ins Krankenhaus oder ins Altenheim zu kommen. Das muss man meiner Meinung nach berücksichtigen, wenn man beispielsweise als Sozialstation mit solch einem System arbeitet und den Hausnotruf älteren Menschen empfiehlt.

 

?Was kann man als zuständige Pflegekraft tun?
Becker: Mit Einführung eines persönlichen Notrufsystems bei einem Betroffenen muss klar gemacht werden, dass – auch wenn er zigmal den Notruf auslösen müsste – er deswegen nicht in ein Heim kommt.

 

?Um auf Ihr entwickeltes telemedizinisches System zurückzukommen: Wie funktioniert es im Detail und für welche Personen ist es besonders interessant?
Becker: Bewegt sich der Patient in einer gefährlichen Körperhaltung und droht zu stürzen, ertönt ein Warnsignal. Patienten, die aufgrund ihrer Erkrankung die Gefährdung nicht mehr selbst wahrnehmen, prägen sich im Laufe des Trainings diesen Warnton ein und können rechtzeitig darauf reagieren, um den drohenden Sturz abzufangen.

 

?Was ist das Besondere an diesem System?
Becker: Bei der ersten Testreihe konnte festgestellt werden, dass das Gerät nach mehrwöchigem Training bei manchen Patienten entbehrlich wurde: Bewegten sie sich in einer Position, in der das Gerät während des Trainings das akustische Signal gesendet hatte, riefen sie sich automatisch den gewohnten Ton ins Gedächtnis und konnten in ihren Bewegungen selbstständig gegensteuern.

 

?Wie wurde das Training aufgebaut?
Becker: Die Teilnehmer trugen sechs Wochen lang dreimal in der Woche für je eine halbe Stunde den Sensor. Nach einer einmonatigen Pause überprüften wir, ob sich das Gleichgewichtsempfinden auch ohne das Tra-gen des Gerätes verbessert hat. Das hat es bei einigen Personen eindeutig.

 

?Gibt es einen weiteren Nutzen des Gerätes?
Becker: Ja, als ein erfolgreiches Einsatzgebiet ließ sich im Rah-men der Testphase die Überwindung von Bewegungsblockaden feststellen. Eine innere Blockade hindert Parkinson-Patienten häu-fig daran, bestimmte Bewegun-gen selbstständig auszuführen. Durch den Einsatz von akustischen Signalen und Vibrationen konnte bei den untersuchten Patienten auch hier eine Verbes-serung der Bewegungsfähigkeit erreicht werden.

 

?Welche Ergebnisse brachte die Langzeituntersuchung an den Tag?
Becker: Bei Angehörigen von Patienten mit kognitiven Ein-schränkungen besteht oft die Befürchtung, dass diese nachts aufstehen und möglicherweise weglaufen könnten. Bei der mehrtägigen Langzeituntersu-chung kam heraus, dass das viel seltener der Fall war, als von den Mitarbeitern ursprünglich angenommen wurde. Genauso könnte man sich doch zu Hilfe machen, dass man aufgrund des Messsystems mitbekommt, wenn sich jemand häufig im Schlaf umdreht. Dann muss derjenige doch nicht geweckt und zur Dekubi-tusprophylaxe nachts umgelagert werden.

 

?Wer profitiert außer den Patienten noch von diesem Projekt?
Becker: Sicherlich profitieren Pflegeberater und Pflegekräfte davon. Pflegeerleichterung durch Technikeinsatz wird zu wenig praktiziert. Als Ergänzung in der pflegerischen Versorgung wird es in den nächsten zwei Jahren vermutlich noch keine großen Veränderungen geben. Im Jahr 2020 sollte Technik zu einer selbstverständlichen Komponente in der Versorgung von Menschen werden.

Zur Person
Privatdozent Dr. Clemens Becker (54) studierte Medizin in Gießen und Frankfurt und hat sich seit 1993 auf den Bereich Geriatrie spezialisiert. Er arbeitete unter anderem an der Bethesda Geriatrischen Klinik Ulm und leitet seit 2003 die Klinik für Geriatrische Rehabilitation am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Becker hat mit seiner Lebensgefährtin drei Kinder.

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