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Tagespflege

Vom "Kindergarten für Alte" zum Erfolgsmodell

So positiv wie die Tagespflege hat sich kein anderes Angebot der Altenhilfe in den vergangenen 25 Jahren entwickelt. Was noch während der Modellphase in den 1980er- und 1990er-Jahren  als exotisch galt und als „Kindergarten für Alte" verspottet wurde, ist heute ein Erfolgsmodell. Kontinuierlich stieg die Zahl der Tagespflegeeinrichtungen von 1517 im Jahr 2003, auf etwa 2100 im Jahr 2009 (Stand Mai) (1). Es ist davon auszugehen, dass bis Ende dieses Jahres die Zahl der Einrichtungen um weitere 400 steigt.

Nahtstelle zwischen ambulanter und stationärer Pflege

Das Angebot der Tagespflege hat sich trotz jahrelanger wirtschaftlicher Probleme auf dem Altenhilfemarkt etabliert. Die wirtschaftliche Situation der Tagespflege war bis vor etwa vier Jahren in vielen Regionen unbefriedigend. Viele sogenannte Solitäreinrichtungen mussten ihre Angebote schließen. Im Verbund angesiedelte Tagespflegeeinrichtungen wurden von ambulanten oder stationären Pflegeeinrichtungen jahrelang subventioniert. Es ist noch nicht allzu lange her, dass es etwa zwei Jahre dauerte, bis eine wirtschaftliche Auslastung von 90 Prozent neuer Tagespflegeeinrichtungen erreicht wurde. Mittlerweile wird nur noch mit einer Anlaufphase von etwa einem halben Jahr geplant.

Tagespflege, wie sie alsModellprojekt entstanden ist, gibt es in dieser Form nicht mehr. Die Inhalte der Tagespflege haben sich den veränderten gesellschaftlichen Strukturen und Bedürfnissen der Pflegebedürftigen angepasst. Heute sind viele Tagespflegeeinrichtungen im Verbund mit ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen wichtiger Bestandteil eines vernetzten wohnortnahen Pflegeangebotes. Auch das Leistungsangebot der Tagespflege hat sich erweitert. Neben der Pflege und Betreuung von Tagespflegegästen bieten viele Einrichtungen im Verbund mit Seniorenwohnungen, ambulanten Pflegediensten und stationären Einrichtungen zusätzlich Verhinderungspflege sowie niedrigschwellige Betreuungsangebote (§ 45 b SGB XI) in den Räumlichkeiten der Einrichtung an. Am Wochenende dienen manche Tagespflegeeinrichtungen auch als Begegnungsstätte mit integriertem Stadtteilcafé.

Die flexible Anpassung an den Markt und intensive Öffentlichkeitsarbeit führten dazu, dass die Tagespflege heute sehr akzeptiert ist. Aufgrund der steigenden Nachfrage erhöhen viele Einrichtungen ihre Platzzahl von derzeit durchschnittlich zwölf Plätzen auf 18 bis 24 Plätze. Vereinzelt werden sogar Tagespflegeeinrichtungen mit bis zu 36 Plätzen geplant.

 

Mehr Leistungen für Tagespflegegäste 

Bis Juli vergangenen Jahres wurden die ambulanten Sachleistungen zwischen ambulanten Pflegediensten und Tagespflege geteilt. Dieser Wettbewerbsnachteil für die Tagespflege wurde durch das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz beseitigt, indem Nutzer von Tagespflegeeinrichtungen zusätzlich Anspruch auf 50 Prozent der ambulanten Sachleistungen oder des Pflegegeldes haben. Zusätzlich wurden die Leistungen der Verhinderungspflege (§ 38 SGB XI) und zusätzliche Betreuungsleistungen (§ 45b SGB XI) von jährlich 460 Euro auf bis zu 1200 Euro beziehungsweise 2400 Euro jährlich erhöht. Die Leistungen der Verhinderungspflege und der Betreuungsleistungen können zusätzlich für die Tagespflege genutzt werden. Diese zusätzlichen finanziellen Entlastungen für Pflegebedürftige führen langfristig zu einer höheren Akzeptanz bei pflegenden Angehörigen und zu einer verstärkten Nachfrage. Dies ist vom Gesetzgeber gewollt. Mit dem PflegeWeiterentwicklungsgesetz soll das Angebot ambulanter Pflege und Betreuung von Pflegebedürftigen weiter ausgebaut werden. Bisher ist vielen pflegenden Angehörigen noch nicht bewusst, welche zusätzlichen Leistungen ihnen zustehen. Durch vermehrte Information von Pflegeberatern (§ 7a SGB XI) beziehungsweise Mitarbeitern in Pflegestützpunkten und intensive Öffentlichkeitsarbeit der Tagespflegeeinrichtungen wird der vermehrte Leistungsanspruch  bei Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen allmählich bekannter.

Das stundenweise Angebot einer Tagespflegeeinrichtung in Kombination mit niedrigschwelligen Betreuungsleistungen und Verhinderungspflege stützt die ambulante Versorgung, sodass ein möglichst langes eigenständiges Wohnen gesichert ist. Aus wirtschaftlicher Sicht wird es künftig für ambulante Pflegedienste, aber auch vollstationäre Pflegeeinrichtungen lebensnotwendig, eine Tagespflege zu gründen. Gäste einer Tagespflege werden irgendwann geneigt sein, sich von einem Komplettanbieter versorgen zu lassen. Ambulante Pflegedienste im Verbund mit einer Tagespflegeeinrichtung profitieren von den Synergieeffekten (eventuell Abschluss eines Gesamtversorgungsvertrages). Träger ambulanter Pflegeeinrichtungen und Tagespflegeeinrichtungen partizipieren von den gesamten ambulanten Sachleistungen.

Da bei einer Versorgung in der Tagespflege der Umzug ins Pflegeheim hinausgezögert wird, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Verweildauer von Pflegebedürftigen in einer stationären Pflegeeinrichtung sinkt beziehungsweise weniger Kunden aufgenommen werden. Es wird zu einem Verdrängungswettbewerb kommen. Daher ist es unerlässlich, dass auch vermehrt Träger von Pflegeheimen wohnortnahe Tagespflegeeinrichtungen gründen.

 

Weitere gesetzliche Änderungen

SGB XI
Leider ist es so, dass mit der Erhöhung der Leistungen nach SGB XI im Pflege-Weiterent-wicklungsgesetz auch die qualitativen Anforderungen erhöht wurden. Seit dem 1. Juli 2009 müssen leitende Pflegefachkräfte eine mindestens 460 Stunden umfassende Weiterbildung für Personen in leitenden Funktionen nachweisen  (§ 71 SGB XI). Des Weiteren gelten die Maßstäbe und Grundsätze zur Sicherung und Weiterentwicklung der Pflegequalität nach § 113 SGB XI. Das heißt, es werden wie für den ambulanten und stationären Pflegebereich die Transparenzvereinbarungen gelten. Die Ergebnisse der MDK-Prüfung werden im Internet veröffentlicht. Das hat zur Folge: Tagespflegeeinrichtungen müssen über ein Qualitätsmanagementsystem verfügen.  

Heimgesetz
Seit 2002 untersteht die Tagespflege dem Heimgesetz. Mit Inkrafttreten der Föderalismusreform 2006 wurde die Gesetzgebungszuständigkeit des Bundes im Heimrecht auf die Bundesländer übertragen. Nach und nach wird das Bundesheimgesetz in den Bundesländern durch ein Länderheimgesetz ersetzt werden. In Bayern, Baden-Württemberg, NRW und Schleswig-Holstein wurde die Tagespflege aus dem Landesgesetz genommen und untersteht nicht mehr der Heimaufsicht. Weitere Bundesländer werden folgen.

Anmerkung: Solange noch kein neues Länder-Heimrecht verabschiedet wurde, gilt weiterhindas Bundes-Heimrecht (2).

Dadurch, dass die Tagespflege voraussichtlich in mehreren Bundesländern nicht mehr dem Heimgesetz unterstellt wird, werden bürokratische Hemmnisse abgebaut. Auskünfte über das Raumangebot erteilt die jeweilige Landespflegekasse. Die zusätzlichen personellen und qualitativen Anforderungen verursachen auch zusätzliche Kosten. Daher ist es an der Zeit, dass bestehende Tagespflegeeinrichtungen höhere Vergütungen vereinbaren.

Unwirtschaftliche Tages pflegeeinrichtung aufgrund zu niedriger Tagessätze
Leider ist es noch immer so, dass in einigen Regionen Tagespflegeeinrichtungen trotz guter Auslastung nicht wirtschaftlich tragfähig sind. Einer der Hauptgründe dafür ist die teilweise unzureichende Höhe der Pflegesätze. Die Pflegesätze sind je nach Region extrem unterschiedlich.

Die unterschiedliche Höhe der Pflegesätze ist nicht immer mit unterschiedlichen Kosten in der jeweiligen Region zu begründen. Zwar unterscheiden sich die Personalkosten, allerdings nicht in dem Maße, dass die Sätze,
je nach Pflegestufe, um bis zu 130 Prozent variieren. Viele Einrichtungen wurden beziehungsweise werden von den Kostenträgern noch immer  bei der ersten Verhandlung (Eröffnung) unter Druck gesetzt. Aufgrund mangelnder Erfahrung werden die Angebote angenommen, um möglichst schnell die Einrichtung eröffnen zu können. Danach wird – häufig aus Unkenntnis oder Angst heraus Kunden zu verlieren – jahrelang keine neue Vergütungsverhandlung geführt. Jedoch zeigt es sich immer wieder, dass trotz höherer Pflegesätze die Auslastung, über das Jahr gerechnet, nicht sinkt. Letztendlich entscheidet die Qualität der Pflege über die Auslastung. Und Qualität hat bekanntlich ihren Preis.

Anders als vor ein paar Jahren ist die Tagespflege kein wirtschaftliches Risiko für Betreiber von Pflegeeinrichtungen mehr. Vielmehr avancierte sie zu einer interessanten, bedürfnisorientierten Alternative. Träger ambulanter und stationärer Pflegeeinrichtungen sollten Tagespflege unbedingt in ihr Repertoire aufnehmen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sie langfristig Probleme mit den Mitbewerbern bekommen und vom Markt verdrängt werden. Die Tagespflege ist eine Bereicherung und wird immer mehr von Pflegebedürftigen nachgefragt.


Literatur:
(1) AOK – Pflegenavigator, Landesaltenpläne
(2) Udo Winter (2008): Tagespflege – Baustein eines wohnortnahen Betreuungs- und Pflegeangebotes, E-Book, www.vincentz.net

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