• Praxis
Ambient Assisted Living

Technische Hilfen für den Alltag

Ambient Assisted Living (AAL) steht für eine Technologie, die den Lebensalltag von Menschen erleichtern soll. Ziel ist es, insbesondere älteren, betreuungsbedürftigen Menschen ein längeres, selbstständiges Leben in der eigenen Wohnung zu ermöglichen. Der Stand der Forschung ist weit fortgeschritten, aber nur ein Teil dessen, was technisch machbar ist, wird am Markt angeboten.

Der technische Fortschritt ist rasant. Das, was für uns heute selbstverständlich ist, war vor 20, 30 Jahren noch utopisch. Computergestützte Technologien gehören längst zur Basisausstattung in Gesundheitseinrichtungen, dies nicht nur in der Verwaltung, sondern auch auf den Stationen. Sie beschleunigen die Kommunikation intern und zwischen den Einrichtungen und unterstützen die Dokumentation und Archivierung. Sie finden Eingang in die Anamnese, Diagnostik, Therapie, Chirurgie und Pflege.  Besonders anschaulich wird dies auf einer Intensivstation oder in einer Notfallambulanz, wo eine schnelle Informationsübermittlung über Leben und Tod entscheiden kann.

Für die jüngere Generation ist der Umgang mit Computern ebenso selbstverständlich wie das Telefonieren. Aber auch Senioren zeigen sich zunehmend aufgeschlossen gegenüber den Alltag erleichternden Techniken. Einige lernen noch im fortgeschrittenen Alter moderne Kommunikationsmedien zu bedienen, andere nutzen elektronische Sicherheitssysteme wie Bewegungsmelder für die Beleuchtung oder Zeitschaltuhren für die Rollläden. Charakteristisch für den gegenwärtigen Stand der Technik ist, dass der Nutzer, ob privat oder beruflich, die Geräte kontrolliert. Er ruft Informationen ab oder versendet Nachrichten, und er bestimmt, wann er dies machen möchte. Manche Technikprodukte, die den Alltag erleichtern, können etwas mehr. Sie versenden die Information quasi automatisch, wenn es die Situation erfordert. Hierzu zählen viele Ambient Assisted Living -Produkte (engl. ambient = umgebend, außen; assisted = unterstützt; living = Lebensweise). Wörtlich übersetzt bedeutet der Begriff „von außen unterstützte Lebensweise“. Eine gängige Bezeichnung lautet „altersgerechte Assistenzsysteme“.

Die hochmodernen Alltagshilfen werden von Informatikern und Ingenieuren entwickelt, damit ältere Menschen möglichst lange ein selbstständiges Leben in ihrer eigenen Wohnung führen können. Das Spektrum der Produkte ist breit. Es reicht von einfachen elektronischen Steuerungssystemen bis zu Produkten, die auf einer hochkomplexen Sensorik basieren und durch Bewegung, Stimme, Körperdruck oder Vitalparameter aktiviert werden. Möglich sind „intelligente“ Informationstechnologien, die als „reaktive Systeme“ die Anforderungen aus der Umwelt unmittelbar erkennen und die notwendigen Signale an die richtigen Adressaten senden, so dass der ältere Mensch zeitnah das erhält, was er braucht.

Das Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung in Darmstadt hat eine altersgerechte Musterwohnung konzipiert, in der automatisierte Assistenzsysteme zum Einsatz kommen und auf Alltagstauglichkeit überprüft werden: Beleuchtungssysteme zur Sturzprävention, Warnmeldungen in Notfällen, ein computergestütztes Monitoring der täglichen Aktivitäten usw. Denkbar wäre auch eine „kluge“ Toilette, wie sie in der Universität Aachen entwickelt worden ist. Diese misst über eine Sensorik an der Brille Vitalparameter wie Gewicht, Körpertemperatur und Blutdruck und analysiert den Blutzuckerwert im Urin. Die Daten werden automatisch dokumentiert, so dass Langzeitverläufe nachvollzogen werden können.


Gestensteuerung erleichtert den Alltag für Senioren

Die Assistenzsysteme können als Erinnerungshilfe dienen, indem der Nutzer unmittelbar eine Rückmeldung erhält, beispielsweise wenn die „technischen Helfer“ Auffälligkeiten bei den Vitalparametern erkennen: „Bitte nehmen Sie Ihre Medikamente ein.“ Zugleich können die Informationen direkt (z.B. verschlüsselt per Funk) an einen Pflege- oder medizinischen Dienst übermittelt werden, der dafür Sorge trägt, dass betreuungsbedürftige Menschen bei Bedarf zeitnah professionelle Hilfe erhalten.  Wenn ein Bewohner gestürzt ist und am Boden liegt, könnte diese Nachricht über eine Sensorik im Fußbodenbelag an einen externen Dienst geleitet werden.  Wichtig ist, dass der Nutzer selbst entscheiden kann, wann er die Technik nutzen will und wen er in das System einbinden möchte und wen nicht. Ältere Menschen haben oft ein hohes Vertrauen in Pflegedienste, möchten aber vielleicht nicht, dass nahe Angehörige etwas über ihren Gesundheitsstatus erfahren, aus Angst diese könnten sich Sorgen machen.

Die technischen Möglichkeiten sind weitreichend, doch längst nicht alles, was technisch machbar ist, wird in die Praxis umsetzen.  Und umgekehrt – nicht alles, was vielleicht wünschenswert wäre, ist technisch bereits möglich. Zum Beispiel können sich AAL-Produkte heute nur begrenzt an die persönlichen Bedürfnisse der Bewohner oder an die Krankheitsentwicklung individuell anpassen. Des Weiteren fehlt eine verbindende standardisierte „Plattform“ für die vielfältigen Einzelprodukte, die die Bedienerfreundlichkeit verbessert und dazu beitragen kann, dass AAL-Produkte kostengünstiger werden. Die im EU-Projekt universAAL entstehende Plattform ist ein Schritt in diese Richtung. Der Erfolg setzt voraus, dass die Hersteller einen einheitlichen Standard für ihre Produkte akzeptieren.

Zum gegenwärtigen Stand der Technik arbeiten die Assistenzsysteme isoliert voneinander. Auf dem Markt stehen verschiedene Produkte zur Verfügung, die teils auf einer relativ „einfachen“ auch für Laien verständlichen Funktionsweise basieren, wie eine zentrale elektrische Rollladensteuerung, Beleuchtungssteuerung, Fenstersteuerung oder Herdabschaltung bei Überhitzung. Komplexer sind  Staubsauger-Robotik, Fußbodenbeläge mit Sensorik für Beleuchtung oder Warnmeldungen, telemedizinische Monitoring- und Notrufsysteme. Noch visionär sind Service-Roboter, die einfache Dienstleistungen wie den Getränkeservice übernehmen.

Tatsächlich sind erst wenige Privat-Wohnungen mit moderner Assistenztechnik ausgestattet. Dies mag daran liegen, dass tragfähige Geschäftsmodelle für Wohnungsbaugesellschaften fehlen, um Wohnungen mit altersgerechter Assistenztechnik auszustatten. Solche Modelle müssten verschiedene Kostenträger einbeziehen, beispielsweise neben der Wohnungsbaugesellschaft die Pflegekassen und Bewohner selbst. Die Kosten insbesondere für komplexe AAL-Produkte sind hoch, folglich ist die Nachfrage (noch) gering. Die Produkte werden oft nur in geringer Stückzahl für den Markt produziert oder bleiben Prototypen im letzten Entwicklungsstadium. Gefordert wären risikobereite Unternehmer, die AAL-Produkte in Serie herstellen. Gesamtgesellschaftlich wird das Umsatzpotenzial hoch eingeschätzt, zumal einige Techniken nicht nur Älteren zugutekommen, sondern generell den Komfort in Wohnungen für Jung und Alt erhöhen.


Stürze sind eine große Gefahr im Alter

Offenheit für telemedizinische Betreuung ist auf dem Land größer
Ein Projektvorhaben, das ursprünglich in Wiesbaden stattfinden sollte, lässt vermuten, dass Senioren in Städten mit guter medizinischer und pflegerischer Versorgung ein relativ geringes Interesse an entsprechenden Wohnungsprojekten haben. Größer ist hingegen die Bereitschaft in ländlichen Regionen, wenn erste Engpässe in der Gesundheitsversorgung spürbar werden. Technische Assistenz mit telemedizinischer Betreuung wird dort als sinnvolle Ergänzung begrüßt. Ältere Menschen lehnen moderne Technologien also nicht grundsätzlich ab. Senioren ebenso wie jüngere Menschen müssen den Nutzen der Technik erkennen können. Die einzelnen Geräte (oder kombinierten Systeme) müssen einfach zu bedienen und ausschaltbar sein, verlässlich funktionieren und somit als Hilfe im Alltag wahrgenommen werden.

Einsatz in der Pflege
Der Einsatz altersgerechter Assistenzsysteme kann die pflegerische Tätigkeit erleichtern (Sichtwort „Monitoring“) und entlasten (Stichwort „Robotik“), jedoch nicht ersetzen. Auch wenn sich der Stand der Technik weiterentwickelt und in 20 Jahren das möglich sein wird, was heute fast utopisch erscheint, bleiben es doch die Menschen, die Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen. Der schnellere Informationsfluss führt dazu, dass sich die organisatorischen Prozesse in den ambulanten Pflegediensten schrittweise verändern werden, um den akuten Bedürfnislagen der älteren Menschen besser gerecht werden zu können. Neue Aufgabenfelder werden im Bereich der Beratung entstehen, wenn es gilt, die passenden Assistenzsysteme zu finden und diese mit der Pflegeorganisation zu  verbinden.

Allein aus demografischen Gründen wird es künftig kaum möglich sein, dass genügend qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung stehen, die die älterwerdende Bevölkerung pflegen. Es ist daher eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung den Senioren und Seniorinnen ein würdevolles Leben im Alter zu ermöglichen und zugleich die pflegerische Arbeit so zu gestalten, dass sie den Ambitionen der Frauen und Männer im Dienste am Menschen entspricht – trotz des sich abzeichnenden Personalmangels, der zur Arbeitsverdichtung in der Pflege führt. Schon heute bedauern viele Pflegekräfte, dass sie unzureichend Zeit für die älteren Menschen haben. Vielleicht ist dies mit einem unguten Gefühl verbunden, die Pflegebedürftigen nach getaner Arbeit in ihrer Wohnung allein zu lassen. Die Assistenzsysteme schaffen in diesem Fall eine gewisse Sicherheit, im Bedarfsfall schnell wieder vor Ort sein zu können.


Fraunhofer IGD stellte AAL auf der CeBIT vor

Bereits bewährt hat sich die technische Unterstützung, wenn es gilt, bettlägerige Patienten zu wenden, zu heben oder ihnen aus dem Bett zu helfen. Von unmittelbarem Nutzen für die Pflege sind ebenfalls technische Assistenzsysteme, die die Dokumentation erleichtern. Die automatische Aufzeichnung der Vitalparameter trägt hierzu bei. In einer Notfallsituation können hier die am Bett erhobenen Daten über eine verschlüsselte drahtlose Verbindung unmittelbar in eine elektronische Patientenakte überführt werden, so dass Ärzte schnell eine  Benachrichtigung erhalten und weitere Hilfen zeitnah eingeleitet werden können.

Eine abschließende Antwort auf die Frage, wie viel Technik braucht der Mensch, wird es nicht geben können. Zu sehr ist dieses von den Möglichkeiten des technischen Fortschritts und der sich wandelnden Lebensweise in einer Gesellschaft abhängig.

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