• Management
Häusliche Pflege nach den Wünschen der Betreuten

Experten in Sachen der eigenen Versorgung

In den eigenen vier Wänden leben und die Abläufe des Alltags selbst gestalten – das ist für Menschen, die aufgrund körperlicher Einschränkung Hilfe benötigen, keine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil, zumeist müssen sie sich nach den Zeiten der Pflegedienste richten und sich damit abfinden, dass mehrmals täglich wechselnde Personen in ihrem Haushalt tätig sind. Anders ist es bei den Menschen, die durch die Hamburger Assistenz Genossenschaft (HAG) betreut werden.

Die Genossenschaft wurde 1993 von Menschen mit Unterstützungsbedarf – angeregt durch die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung – gegründet. Seit 1994 bietet sie im gesamten Hamburger Stadtgebiet Betreuung als persönliche Assistenz an, bei Bedarf auch 24 Stunden. Das Ziel der HAG ist es, die Versorgung so zu gestalten, dass eine größtmögliche Selbstbestimmung bei ihren Kunden, den sogenannten Assistenznehmern, bleiben kann. In Hamburg sind es rund 25 Kunden, die in der persönlichen Assistenz ähnliche Funktionen wie Arbeitgeber übernehmen. Sie führen die Bewerbungsgespräche mit möglichen Betreuern durch und entscheiden selbst, welche Unterstützung wie erfolgen soll. Im Leitbild der HAG wird deutlich formuliert, wie ihr Konzept der persönlichen Assistenz aussieht:
 

 

„Mit persönlicher Assistenz haben wir uns die Möglichkeit geschaffen, unser Leben selbstbestimmt zu führen und eigenständig zu gestalten. Das bedeutet bezogen auf die Handlungen, die wir nicht selbsttätig ausführen können, dass wir selbst darüber entscheiden, wer wann wo und wie welche Hilfeleistung durchführt. (….)Gute persönliche Assistenz führt zu größtmöglicher Übereinstimmung zwischen dem, wie eine Fremdperson etwas erbringt, und dem, wie wir es selbst getan hätten bzw. wie unsere Vorstellungen sind."

 

Bereits im Dezember 1999 bekam die HAG von der Stadt Hamburg den Senator-Neumann-Preis in Höhe von 40.000 DM verliehen. Mit dem Preis werden Einrichtungen der Stadt Hamburg oder auch einzelne Bürger ausgezeichnet, die maßgeblich an Projekten zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen mitwirken. Die Qualität der Pflege, ermöglicht durch die Betreuungsform der persönlichen Assistenz, überzeugt Assistenznehmerin Dörte Twisselmann heute noch genauso wie vor zehn Jahren, als sie zur HAG gekommen ist. Eine Blutung im Spinalkanal auf Höhe des dritten Halswirbels machte die damals 47-Jährige von heute auf morgen rund um die Uhr abhängig von der Betreuung und Unterstützung anderer. Hauptkriterium, das für die HAG sprach, war die persönliche Assistenz. „Ich wollte meinen Lebensstil weiterleben können und das ist auch eingetreten", erzählt die Hamburgerin. „Schwierig ist manchmal die Gradwanderung durch die Beziehung zu den Assistenzgebern, die häufig nahe an einer Freundschaftsbeziehung ist, das aber nicht sein soll." Und dennoch kommt für sie keine andere Betreuungsform in Frage. Der Abrechnungsweg nach Zeiten, der ihr eine kontinuierliche Gruppe pflegender Menschen ermöglicht, ist für Dörte Twisselmann sehr wichtig. Für sie ist es selbstverständlich, die Anweisungen zu geben, nach denen sie betreut wird. Denn: „Es ist doch mein Leben, das ich dadurch selbstbestimmt gestalten kann."

Wer bei der HAG als sogenannter Assistenzgeber angestellt ist, arbeitet ausschließlich für eine Person und leistet Unterstützung in Form aller im Alltag anfallenden Arbeiten. Eingeschlossen sind nicht nur Hilfe bei der Körperpflege und der Hauswirtschaft, sondern auch Kommunikations- und Mobilitätshilfe sowie Assistenz am Arbeits-, Ausbildungs- oder Studienplatz. Für beide Seiten ist dieses sehr enge Arbeitsverhältnis nicht immer einfach. „Wer sich so genau an die Bedürfnisse einer anderen Person anpassen muss, braucht als Ausgleich andere Entfaltungsmöglichkeiten im Leben", hat Maren Frank festgestellt, die seit knapp elf Jahren als Assistenzgeberin bei der HAG beschäftigt ist. „Die immerwährende 1:1 Beziehung im Beruf kann nur mit einer guten Balance zwischen Nähe und Distanz über lange Zeit Bestand haben. Das persönliche Verhältnis sollte nicht zwischen Arbeitsverhältnis und Freundschaft irgendwo ins Schwimmen kommen." Wichtig findet sie die Möglichkeit, sich innerhalb der Wohnung zurückziehen zu können, wenn die Assistenznehmerin sie nicht braucht.

Um möglichen Schwierigkeiten entgegenzuwirken, beschäftigt die HAG zwei Sozialpädagogen als Praxisbegleitung, die „als Vertrauenspersonen fungieren", wie Ulrike Dörrzapf, Geschäfts- und Pflegedienstleitung der HAG, erklärt. „Es geht dabei immer wieder um das Rollenverständnis auf beiden Seiten. Mit fachlicher Unterstützung können wir Konflikte im Vorfeld meistern oder aber sie kompetent bearbeiten." Schon bei Bewerbungsgesprächen wird darauf geachtet, dass mögliche Bewerber eine gewisse Abgrenzungsfähigkeit mitbringen.

Ulrike Dörrzapf empfiehlt die persönliche Assistenz als deutlich erfüllender auch für die Seite der Pflegenden. Durch die Möglichkeit, in Zeiteinheiten abzurechnen, habe der Kontakt zu den Assistenznehmern eine ganz andere Qualität und für die Arbeit bleibe mehr Ruhe. Die Verhandlungen mit den Kostenträgern um die Abrechnungsmodalitäten sind seit Gründung der Genossenschaft ein Dauerthema geblieben. Die Ansicht, dass Leistungsempfänger auch Experten in Sachen der eigenen Versorgung sind, auch wenn sie diese nicht selbst durchführen können, ist für Kassen und Behörden schwer nachzuvollziehen. Die  HAG stützt sich auf die UN-Konvention, nach der ein Recht auf persönliche Assistenz denjenigen zugesprochen wird, die Pflegestufe 3 oder in Ausnahmefällen Pflegestufe 2 haben. Dörrzapf wünscht sich für die HAG mehr Sicherheit und Planbarkeit. Es gäbe viele Interessenten, die sich durch die HAG betreuen lassen möchten. Ob die jedoch einen Bewilligungsbescheid für die persönliche Assistenz bekommen, das wisse man häufig erst mehrere Monate nach Antragstellung. Erst dann kann die HAG beginnen, ein Team für die Betreuung zusammen zu stellen. Durch das Genossenschaftsmodell haben Assistenznehmer die Möglichkeit, die Entwicklung der HAG mitzugestalten, Personalentscheidungen mit zu tragen und das Konzept der persönlichen Assistenz weiter zu entwickeln.


Link zum Organisationsmodell der HAG:
http://www.hageg.de/images/organigramm_preview.gif

 

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