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Alles besser bei den Nachbarn?

Höhere Gehälter, mehr Anerkennung und endlich genug Zeit für die Patienten: Wer bereit ist, im europäischen Ausland zu arbeiten, kann den Wunsch nach besseren Arbeitsbedingungen zum Teil realisieren, wie eine internationale Studie zeigt. Doch es lohnt sich, die Ergebnisse differenziert zu betrachten.

Für die Studie RN4CAST (Registered Nurse Forecasting) wurden in 13 europäischen Ländern mehr als 34.000 Pflegepersonen aus mehr als 500 Krankenhäusern befragt. Sie zeigt - aufbereitet auch für ein nicht-wissenschaftliches Publikum - positive und negative Seiten der Arbeitssituation von Pflegekräften im internationalen Vergleich.

In Norwegen beispielsweise ist eine Pflegekraft im Durchschnitt für vier Patienten zuständig, während sie in Deutschland zehn Patienten betreuen muss. Mit ihrem Gehalt sind in Norwegen allerdings nur 22 Prozent der Pflegekräfte zufrieden, während es in Deutschland 34 Prozent sind. Doch 71 Prozent der norwegischen Befragten empfindet den Arbeitsplatz dennoch als zufrieden stellend, allerdings fühlen sich auch 24 Prozent der Pflegenden von einem Burnout bedroht – ähnlich wie in Deutschland, wo es 20 Prozent sind. Spitzenreiter ist bei diesem Faktor England mit 42 Prozent, während die Niederlande mit 10 Prozent die niedrigste Rate aufweisen.

Die Ergebnisse der Studie sind jetzt gut verständlich auf einer eigenen Webseite veröffentlicht worden, so dass  sie eine breitere Öffentlichkeit erreichen. Deutscher Projektpartner der Studie ist die Technische Universität Berlin. Das zuständige Team unter der Leitung von Prof. Dr. med. Reinhard Busse aus dem Fachbereich "Management im Gesundheitswesen", hat die Seite so aufbereitet, dass verschiedene Aspekte des Pflegeberufes im europäischen Ausland übersichtlich und komprimiert dargestellt sind, selbst Facebook und Twitter sind mit einbezogen.

Interessierte können hier einen ersten Überblick gewinnen, wenn sie sich über die Arbeitsbedingungen im Ausland informieren möchten.  Faktoren, die dargestellt werden, sind zum Beispiel die Patientenanzahl, für die eine Kraft zuständig ist, die Zufriedenheit mit dem Gehalt und die Bedrohung durch einen Burnout. Außerdem wurden Aussagen zum Arbeitsumfeld, zu nicht-pflegebezogenen Aufgaben und zur Anerkennung  im Beruf ausgewertet. Für die Studie wurden in Deutschland rund 1500 Pflegefachkräfte in 49 Akutkrankenhäusern befragt. Auch Patienteninterviews und Entlassungsdaten aus den jeweiligen Häusern wurden mit einbezogen. Jeweils zwei Stationen pro Haus (allgemein-medizinisch oder/ und chirurgisch) haben teilgenommen.

Das Hauptziel der RN4CAST Studie war es, traditionelle Prognosemodelle für die Pflegepersonalbedarfsplanung mit zusätzlichen Faktoren wie Arbeitsumfeld, Personalrekrutierung und Patientenergebnissen zu verfeinern. Faktoren wie Stellenbesetzung und Ausbildungsniveau, Patientensicherheit und Pflegequalität, Arbeitszufriedenheit, emotionale Erschöpfung und Fluktuation beim Pflegefachpersonal sollten außerdem im europäischen Vergleich dargestellt werden.

Deutlich dokumentierter Handlungsbedarf
Die Ergebnisse der Studie werden derzeit im internationalen Rahmen verbreitet und diskutiert. Am 14. September fand in Basel eine internationale Fachkonferenz zum Thema Pflegepersonalbestand und Betreuungsqualität in Europäischen Krankenhäusern statt, deren Beiträge sich schwerpunktmäßig mit den Aussagen der Studie befassten. Denn nicht  nur in Deutschland besteht Handlungsbedarf, um dem stetig steigenden Mangel an Fachkräften entgegenzuwirken. Allerdings bewerten über die Hälfte der Befragten in Deutschland ihre Arbeitsumgebung als schlecht oder mäßig. 37 Prozent sind mit ihrer Arbeitssituation unzufrieden und 30 Prozent leiden unter emotionaler Erschöpfung. Die Daten zeigen eine deutliche Tendenz wachsender Unzufriedenheit im Beruf. Gegenüber einer ähnlich angelegten Befragung von 1999, ebenfalls unter der Leitung von Prof. Dr. Reinhard Busse haben sich die Zahlen damit verdoppelt: Damals waren nur 17 Prozent der deutschen Pflegekräfte mit ihrer Arbeit unzufrieden und nur 15 Prozent waren emotional stark belastet. Eine breite Abwanderung deutscher Pflegekräfte in die Nachbarländer soll aber möglichst vermieden werden.

Medienberichte zeigen aktuell, dass es durchaus auch Länder gibt, aus denen vermehrt Pflegekräfte bereit sind, nach Deutschland auszuwandern. Im Oktober gab der Arbeitgeberverband Pflege bekannt, dass in einem Modellversuch chinesische Fachkräfte nach Deutschland geholt werden sollen. Der Spiegel, die Stuttgarter Zeitung und andere berichteten im Frühjahr von portugiesischen Fachkräften, die sich von süddeutschen Krankenhäusern anwerben ließen. Doch dies dürfte dies nicht ausreichen, die Lücke zu schließen. Das Darmstädter Wirtschaftsforschungsunternehmen Wifor und die Beratungsgesellschaft PwC (Pricewaterhouse Coopers) haben den Bedarf an Pflegefachkräften in Deutschland für die kommenden Jahrzehnte ermittelt und prognostizieren bereits für 2020 einen Bedarf von 140.000 zusätzlichen Vollzeitstellen.

Investitionen in die Pflege und die Arbeitsumgebung sind also unabdingbar. Denn die Studie RN4CAST zeigt auch, dass die Faktoren ‚Pflegefachpersonalstellen pro Patient‘ und ‚Qualität der Arbeitsumgebung‘ deutliche Auswirkungen auf die Mortalitäts- und Komplikationsraten (z.B. Druckgeschwüre, Infektionen) bei Patienten haben. Ein weiterer Personalabbau bedeutet Risiken und Qualitätsverluste. Und ein Wechsel ins Ausland mag zwar für einige eine gute Lösung sein, aber die Erwartungen lassen sich bei näherer Betrachtung nicht immer erfüllen. Und ob deutsche Pflegekräfte schließlich die Bedingungen im Nachbarland ebenso positiv empfinden wie die befragten einheimischen Pflegenden, bleibt offen.


Links
Ergebnisse der Studie in Kurzform: www.pflege-wandert-aus.de
Offizielle Projektwebsite der Studie: www.rn4cast.eu

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