• Praxis
Projekt Familiale Pflege

Rundum gut begleitet

Wer einen Angehörigen pflegt, muss sich viel Wissen und zahlreiche neue Handgriffe aneignen. Auch muss innerhalb der Familie geklärt werden, wie die Pflege fair aufgeteilt werden kann. Das Projekt Familiale Pflege der Universität Bielefeld unterstützt dabei mit kostenlosen Gesprächen, Trainings und Pflegekursen – ein Angebot, das von vielen pflegenden Angehörigen dankend angenommen wird.

 

Irene Zander* (72) hat bereits viel Erfahrung mit der Pflege. Ihren Ehemann hat sie über drei Jahre bis zu seinem Tod gepflegt. Das war eine schwere Zeit, die nun schon eine Weile zurückliegt. Ihren jetzigen Lebensgefährten, Manfred Kröger*, lernte sie vor acht Jahren kennen. Vor einem halben Jahr wurde ein Leberkarzinom bei ihm festgestellt, das seitdem mit Chemotherapie behandelt wird. Zusätzlich hat er eine beginnende Demenz.

Von dem Projekt „Familiale Pflege" erfuhr Irene Zander von Elif Zorbaz, die das Projekt seit August 2012 im Klinikum Solingen betreut. Heute trifft sich die Krankenschwester und Familiengesundheitspflegerin zu einem Erstgespräch mit dem Paar, um erste Fragen zu klären und weitere Termine abzusprechen. „Wir sind kein Pflegedienst", sagt die junge Frau gleich zu Beginn des Gesprächs, „aber wir bieten Ihnen Gespräche und Trainings hier im Krankenhaus und zu Hause an, um Sie bei der Pflege Ihres Mannes zu unterstützen."

Pflegetrainings bis zu sechs Wochen nach Entlassung
Frau Zander möchte das Angebot gerne annehmen. „Ich brauche vor allem Hilfe bei der Mobilisation", hat sich die 72-Jährige schon Gedanken gemacht. „Er soll doch mobiler werden, und da kann ich gut einige Tipps gebrauchen." Im Moment bewegt sich Herr Kröger mit Handstock und Rollator. Einen Rollstuhl bräuchten sie derzeit noch nicht. Elif Zorbaz klärt weitere Fragen: Kommt bereits ein Pflegedienst? Gibt es schon eine Vorsorgevollmacht? Muss zu Hause noch etwas umgebaut werden?

Da Herr Kröger nun erst einmal entlassen wird, vereinbart Elif Zorbaz einen ersten Termin für das Mobilisationstraining bei dem Paar zu Hause. „Wie viele weitere Termine folgen, wird jeweils individuell entschieden", sagt sie. „Finanziert werden die Trainings bis zu sechs Wochen nach der Entlassung, sofern eine Pflegestufe vorhanden oder beantragt ist."
 

 

Das Projekt "Familiale Pflege"
InDas Modellprogramm der Universität Bielefeld dient der Unterstützung und Kompetenzförderung von pflegenden Familien im Übergang vom Krankenhaus in die familiale Versorgung. 310 Allgemeinkrankenhäuser, Psychiatrien und Reha-Kliniken in Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Schleswig-Holstein nutzen 2013 das Modellprogramm und begleiten pflegende Angehörige bis sechs Wochen nach dem Krankenhausaufenthalt. » Weitere Informationen

 

Der nächste Termin von Elif Zorbaz ist ein Pflegetraining im Krankenhaus. Sie trifft Herbert Berger* bereits zu dritten Mal. Seine Frau Elisa* ist an Parkinson erkrankt und seit vier Jahren pflegebedürftig. Seit einer Woche liegt sie nun mit einer Lungenentzündung im Klinikum Solingen. „Heute ist sie gar nicht gut drauf", sagt Herr Berger gleich bei Ankunft der Familiengesundheitspflegerin. „Ich weiß nicht, ob das heute mit dem Lagerungstraining etwas wird." „Das macht nichts", sagt Frau Zorbaz. „Dann zeige ich Ihnen heute nur, wie Sie die 30°-Schräglagerung durchführen. Die Oberkörperhochlagerung üben wir dann an einem anderen Tag."

Sie zieht sich einen Pflegekittel über und stellt sich gemeinsam mit Herrn Berger an das Patientenbett. „Wir drehen Sie jetzt mal auf die andere Seite, Frau Berger", beugt sie sich über die Patientin, und an Herrn Berger gewandt: „Erklären Sie Ihrer Frau immer genau, was Sie machen." Gemeinsam fahren sie das Patientenbett auf Hüfthöhe, um beim Lagern den eigenen Rücken zu schonen. Dann zeigt die zierliche Krankenschwester Schritt für Schritt, wie die schwere Frau von der linken auf die rechte Seite positioniert werden kann. „Achten Sie immer darauf, dass die Fersen frei liegen", sagt sie, „damit es nicht zu Druckstellen kommt."


Familiengesundheitspflegerin Elif Zorbaz berät im Rahmen des Modellprojekts "Familiale Pflege"
pflegende Angehörige.



Die Familiengesundheitspflegerin regt an, Frau Berger regelmäßig alle zwei bis drei Stunden zu lagern, auch nachts. „Schaffen Sie das auch?" Der rüstige 80-Jährige lächelt: „Ich pflege meine Frau schon seit vier Jahren", sagte er stolz. „Das habe ich versprochen, in guten wie in schlechten Zeiten. Und dazu stehe ich auch." Elif Zorbaz und Herbert Berger vereinbaren bereits für den nächsten Tag einen weiteren Termin.

Trainings und Gespräche im häuslichen Umfeld
Werden die Patienten entlassen, kommt Elif Zorbaz für die Trainings auch direkt nach Hause. Das Klinikum Solingen hat dafür einen Kleinwagen zur Verfügung gestellt, den die beiden Mitarbeiterinnen des Projekts „Familiale Pflege" nutzen können. Für den Nachmittag steht ein erster Hausbesuch bei der 85-jährigen Hedwig Fischer* an, die vor drei Tagen aus dem Klinikum Solingen entlassen wurde. „Beim ersten Termin machen wir meist einen sogenannten Qualitätscheck", erläutert Elif Zorbaz, „das heißt, wir schauen uns genau um, um zu sehen, ob die Wohnung für den Pflegebedürftigen wirklich sicher und mit den richtigen Hilfsmitteln ausgestattet ist." Zum Termin kommt ebenfalls der Sohn von Frau Fischer, der ganz in der Nähe lebt und seine Mutter, so gut er kann, unterstützt.

Neben diesen Qualitätschecks finden aber auch weitere Trainings und Beratungen im häuslichen Umfeld statt. „Die Inhalte stimmen wir dabei jeweils auf den Wunsch und Bedarf der pflegenden Angehörigen ab", sagt die Familiengesundheitspflegerin. Manchmal stehen die Lagerung oder Mobilisation auf dem Plan, manchmal Prophylaxen wie Dekubitus- oder Sturzprophylaxe, manchmal auch einfach das Haarewaschen im Bett. „Es kommt aber auch vor, dass wir uns mit allen Familienmitgliedern zusammensetzen und gemeinsam überlegen, wie die Pflege am besten aufgeteilt werden kann", berichtet Elif Zorbaz, „damit sie nicht nur auf den Schultern einer einzelnen Person lastet, die dann irgendwann gar nicht mehr kann."


Familiengesundheitspflegerin Elif Zorbaz schult und berät pflegende Angehörige beim Hausbesuch.


In Nordrhein-Westfalen läuft das Modellprojekt der Universität Bielefeld bereits seit 2004. Inzwischen beteiligen sich 310 Krankenhäuser – Tendenz steigend. „Im Jahr 2012 haben wir insgesamt 27.000 pflegende Angehörige begleitet", berichtet Prof. Dr. Katharina Gröning, Leiterin des Projekts „Familiale Pflege" von der Universität Bielefeld. Finanziert wird das Projekt – unabhängig von der Kassenzugehörigkeit der Versicherten – von der Pflegekasse der AOK Rheinland/Hamburg und der AOK Nordwest.

Gerechte und faire Pflegearrangements finden
Hintergrund des Projekts war eine wissenschaftliche Befragung von pflegenden Angehörigen, die 2001 erfolgte. „Die Studie zeigt sehr deutlich, wie schwerwiegend die Konflikte innerhalb der Familie sind, wenn eine Pflegesituation auftritt", erläutert Prof. Gröning. „Oftmals lastet die Pflege allein auf den Frauen in der Familie, gerade Brüder ziehen sich häufig aus der Verantwortung." Ein Ziel des Projekts sei deshalb auch, dass die Familien sich die Verantwortung für die Pflege gerechter aufteilen, sowohl unter den Familienmitgliedern, als auch unter den Geschlechtern.

Aus diesem Grunde führen die von den Universität speziell für dieses Programm ausgebildeten Pflegetrainer auch gezielt Gespräche mit der gesamten Familie. „Wir wollen dabei unterstützen, dass gemeinsam Lösungen gefunden werden, wie die Pflege fair aufgeteilt werden kann", sagt Prof. Gröning. „Auch ist es wichtig, dass die Hauptpflegeperson nicht nur praktisch unterstützt wird, sondern dass die Pflege von den anderen Familienmitgliedern anerkannt und wertgeschätzt wird. Die Pflegepersonen müssen von der Pflege und den damit zusammenhängenden Belastungen in der Familie erzählen können. Sonst ziehen sich die Pflegepersonen schnell zurück und fühlen sich isoliert."   




Pflegekurse ergänzen Pflegetrainings
In den begleitenden Pflegekursen geht es ebenfalls darum, Wissen und Kompetenzen zu vermitteln, aber auch die Pflegesituation zu reflektieren. „Die Pflegekurse umfassen zwölf Unterrichtsstunden und finden an drei Schulungstagen von jeweils 15 bis 18.30 Uhr statt", berichtet Zorbaz von den Kursen am Klinikum Solingen. „Das Angebot kommt toll an. Neben den Wissensinhalten werden hier natürlich auch Tipps ausgetauscht, Probleme besprochen, Pflegekniffs weitergegeben und neue Kontakte geknüpft."

Geplant ist darüber hinaus ein Gesprächskreis, bei dem sich pflegende Angehörige austauschen und gemeinsam reflektieren können. Der Gesprächskreis wird einmal monatlich für zwei Stunden stattfinden und läuft in Kürze an.
Insgesamt wird das Projekt „Familiale Pflege" von den pflegenden Angehörigen sehr gut angenommen. „Zu Beginn sind Angehörige manchmal skeptisch, wenn wir sie im Krankenhaus ansprechen und fragen, ob sie am Programm teilnehmen möchten", berichtet Elif Zorbaz. „Das ändert sich aber meist sehr schnell. Viele sagen uns nachher: Ich bin so froh, dass ich das in Anspruch genommen habe. Ihre Unterstützung hat mir sehr geholfen."

Die wissenschaftliche Evaluation des Projekts bestätigt diese Beobachtung: „Die Zufriedenheit mit dem Programm liegt bei über 90 Prozent", sagt Prof. Gröning von der Universität Bielefeld. „Die pflegenden Angehörigen sind mit der Anleitung und Beratung sehr zufrieden. Für diese Zielgruppe gibt es nur wenige Angebote, in denen sie über ihre Situation sprechen können. Dabei ist es für diese Zielgruppe extrem wichtig, Entscheidungen bezüglich der Pflegesituation mit Unterstützung eines geschulten Berater zu treffen und gleichzeitig Wissen und praktische Fähigkeiten vermittelt zu bekommen."

Durch diese Begleitung kann die Pflege leichter und manchmal auch länger zu Hause erfolgen. Denn pflegende Angehörige sind in Deutschland immer noch der größte Pflegedienst. Das wissen auch die Pflegebedürftigen selbst. Als Herr Kröger im Erstgespräch gefragt wird, ob schon ein ambulanter Pflegedienst kommt, schmunzelt der 75-Jährige. „Nee", sagt er, und lächelt seine Lebensgefährtin an. „Wieso auch? Ich hab doch dich!"


*Alle Namen von Patienten und Angehörigen wurden in der Redaktion geändert.

 

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