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Kurzinterview

"Therapiefreiheit des Arztes in Gefahr"

Ärztepräsident Montgomery warnt vor einer Amerikanisierung der Beweislast im Gesundheitswesen und spricht über Spielräume bei der Übertragung von Verantwortung an Pflegekräfte.

Herr Prof. Montgomery, erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik hat die FDP den Gesundheitsminister gestellt, zunächst Herrn Rösler, dann Herrn Bahr. Ärzte gelten als klassische Klientel dieser Partei. Wie zufrieden sind Sie nach vier Jahren FDP-Gesundheitspolitik?

Völlig unabhängig von der klischierten Frage nach der FDP-Klientel: Wir können mit Herrn Rösler und Herrn Bahr ausgesprochen zufrieden sein. Herr Rösler hat es geschafft, Regelungen durchzusetzen, die der FDP niemand zugetraut hatte. Er hat damit die Basis für eine solide Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in dieser Legislaturperiode geschaffen.

Jenseits der Debatte um Grundsatzfragen wie die Bürgerversicherung, die wohl ohnehin nicht realisiert wird: Ist es eigentlich wichtig, wer regiert? Die Probleme des Gesundheitswesens liegen auf dem Tisch. Es scheint, als ob bei den meisten Fragen ziemliche Einigkeit der Parteien herrscht, auch wenn die Wahlkämpfer versuchen, die Unterschiede hervorzuheben.

Nein, das glaube ich nicht. Es gibt in den Programmen der Parteien eine Reihe von Plänen, die über die Finanzierungsfrage hinausgehen. So fordern Parteien des linken Spektrums tendenziell das Ende des Arztvorbehalts im Gesundheitswesen und mehr Mitspracherechte von Patientenvertretern in Haftungsfragen, Stichwort Amerikanisierung der Beweislast.

Das klingt alles nicht verkehrt.

Für die Therapiefreiheit des Arztes sind das sehr große Gefahren – und die treffen vor allem die Patienten. Letztlich geht es darum, die Entscheidungshoheit der Ärzte zu brechen, auch wenn das nicht ausdrücklich in den Wahlprogrammen steht. Aber es schwingt mit. Explizit will das natürlich niemand fordern. Schließlich ist die Bevölkerung mit den Leistungen der Ärzte sehr zufrieden, wie die jüngste Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) wieder bestätigt hat. Dagegen lässt sich kein Wahlkampf führen.

Auch Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr fordert die Ärzte auf, stärker über eine Delegation oder sogar eine Substitution ärztlicher Tätigkeiten in Richtung Pflege nachzudenken. Sehen Sie Spielräume, Verantwortung an die Pflege abzugeben?

Natürlich! Wir sind sehr dafür, den Pflegekräften mehr Verantwortung zu übertragen, insbesondere im Bereich der Delegation. Wir arbeiten da an verschiedenen Modellen mit den Fachverbänden der Pflege. Bei der Substitution gibt es eine Fülle von Tätigkeiten, die Ärzte heute vollziehen, obwohl sie nichts mit Medizin zu tun haben.

Bei der Delegation behält der Arzt die Letztverantwortung, bei der Substitution wird die Verantwortung voll auf die Pflegekräfte übertragen. Welche konkreten Beispiele für Substitutionsmöglichkeiten schlagen Sie vor?

Ich denke zum Beispiel an viele Tätigkeiten im Bereich der Dokumentation. Es kann aber nicht sein, dass die angenehmen Tätigkeiten substituiert werden und die Verwaltungstätigkeiten an den Ärzten hängen bleiben.

Wie umfangreich kann die Entlastung der Ärzte durch Delegation und Substitution sein?

Wir müssen die Kirche im Dorf lassen. In Krankenhaus und Praxis gilt der Facharztvorbehalt: Nur Fachärzte dürfen bestimmte medizinische Entscheidungen treffen. Das ergibt sich aus der fachlich hochwertigen Aus- und Weiterbildung von weit über zehn Jahren. Da passt es nicht, auf der anderen Seite den Arztvorbehalt an wesentlich geringer ausgebildete Berufsgruppen auszulagern.

Wie sehr fürchten Sie, dass bei einem Wahlsieg von SPD, Grünen und evtl. Linkspartei der Arztvorbehalt beschnitten wird?

Ich denke, es geht den Parteien, die dies in ihrem Programm anführen, vor allem darum, im Wahlkampf bei bestimmten Berufsgruppen – etwa den Pflegekräften – zu punkten. Nach der Wahl sieht das dann anders aus. Da wird sehr schnell die Praxis zeigen, dass der Handlungsspielraum begrenzt ist, zumal die wichtige Rolle der Ärzte gut begründet ist. Und natürlich hoffe ich auch auf die Einsicht und Vernunft der handelnden Akteure.

Welche Themen muss eine neue Bundesregierung dringend anpacken?

In jedem Fall brauchen wie ein langfristiges Konzept zur Finanzierung der Krankenhäuser. Die Kernfrage lautet dabei, ob das duale Krankenhausfinanzierungssystem heutiger Prägung noch das richtige ist, denn die Länder kommen ja ihren Investitionsverpflichtungen überhaupt nicht nach.

 

Das Gespräch führte unser Hauptstadtkorrespondent Stephan Balling.

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