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"Niemand will den Beruf des Altenpflegers abschaffen!"

Wenige Wochen vor der Bundestagswahl haben wir uns mit dem Präsidenten des Deutschen Pflegerats (DPR), Andreas Westerfellhaus, zusammengesetzt und über Enttäuschungen und Erwartungen gesprochen. Im zweiten Teil unseres großen „Spätsommerinterviews" verteidigt er den Umstieg in die generalistische Pflegeausbildung und begründet, warum er für höhere Zugangsvoraussetzungen aber gegen eine Vollakademisierung ist.

Was fordern Sie bei der Reform der Ausbildung in der Pflege, welche Rolle spielt dabei der Bund und was ist Ländersache?

CDU, CSU und FDP wollten bereits in den vergangenen vier Jahren ein neues Berufsgesetz für die Pflege auf den Weg bringen. Das ist eindeutig Bundessache, doch auch hier ist nichts passiert, bis auf ein Eckpunktepapier mit den Bundesländern. Die Bundesregierung versteckt sich hinter dem Argument, dass die Finanzierung unklar sei, und dass man deshalb ein Gutachten abwarten wolle. Das Gutachten sollte im Mai veröffentlicht werden, jetzt haben wir August und immer noch kein Konzept.


Was sollte solch ein neues Gesetz beinhalten?

Wir fordern den Übergang zu einer generalistischen Ausbildung für die bisherigen drei Berufsbilder des Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflegers, mit der Möglichkeit der akademischen Weiterqualifizierung.  Das ist wichtig, um die Flexibilität zu steigern. Außerdem müssen wir über den akademischen Weg junge Menschen mit hoher Kompetenz für die Pflege gewinnen.


Muss die Pflegeausbildung ein „normaler" Beruf werden, der an „normalen" Berufsschulen gelehrt wird?

Die Pflegeausbildung ist derzeit nicht Bestandteil des allgemeinen Systems der dualen beruflichen Ausbildung. Sie ist in einem eigenen Berufsgesetz geregelt. Derzeit schultern die Träger der Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen die Ausbildungskosten in der Krankenpflege, sie werden also letztlich auch über die GKV finanziert. Wir brauchen auch weiterhin die Kompetenzen der Ausbildungsstätten im theoretischen Unterricht. In einigen Bundesländern haben wir für die Pflege Berufsfachschulen besonderer Art. Wir können dort hochqualifiziert ausbilden. Wir müssen allerdings verhindern, dass wir die Kosten der Ausbildung nach Kassenlage des Gesundheitssystems organisieren, dass wir also bei leeren GKV-Kassen wieder Abschläge in der Finanzierung hinnehmen müssen.


Spricht nicht genau dieses Problem dafür, die Pflege wie es die SPD fordert in die allgemeine duale Berufsausbildung zu übernehmen?

Das spricht natürlich für ein steuerfinanziertes System im Rahmen des allgemeinen Berufsbildungsgesetzes, das klar regelt, wie die Rahmenbedingungen für die Ausbildung in der Pflege sind, wie lang diese dauert, wie das Verhältnis von Lehrern zu Schülern ist, welche Ausstattung nötig ist und welche Ziele erreicht werden sollen. Daran ließe sich erkennen, wie viel die Ausbildung kostet, welche Mittel also erforderlich sind. Dann muss diese qualifizierte Ausbildung anhand der festgelegten Kriterien finanziert werden. Es kann nicht sein, dass bei leeren Kassen an der Ausbildung gespart wird.


Haben Sie Verständnis für Kritik an Ihrer Forderung nach einer generalsistischen Ausbildung, etwa aus den Reihen der Altenpfleger oder von den privaten Pflegeheimbetreibern?

Nein, die Kritik hat keine inhaltliche Substanz. Den Kritikern werfe ich vor, dass Sie schon laut aufschreien, noch bevor die Vorschläge auf dem Tisch liegen. Bisher gibt es lediglich ein Eckpunktepapier für die Reform der Ausbildung. Hier wird im Niemandsland kritisiert.


Haben Sie dafür eine Erklärung?

Wenn Sie die Leute fragen, ob der Altenpflegeberuf abgeschafft werden soll, werden die meisten Menschen das selbstverständlich mit Nein beantworten. Aber da ist die Fragestellung schon falsch. Niemand will den Beruf des Altenpflegers abschaffen.

 

Was dann?

Wir wollen eine andere Form der Qualifikation für das Berufsbild des Altenpflegers schaffen, mit der Möglichkeit zu Weiterbildung, auch auf akademischen Niveau. Darum geht es.  


Was halten Sie von dem Vorschlag, den Zugang zum Pflegeberuf künftig nur noch über ein Studium zu ermöglichen?

Ich bin nicht für eine Vollakademisierung der Pflege, schon allein deshalb, weil dies gar nicht leistbar ist. Allerdings brauchen wir ein flächendeckendes akademisches Weiterbildungsangebot. Der Zugang zur Pflege sollte aber weiter über eine dreijährige Ausbildung möglich sein.


Die EU-Kommission will, dass künftig nur noch einen Pflegeberuf erlernen kann, wer mindestens zwölf Schuljahre nachweisen kann. Herr Bahr lehnt das ab. Auf welcher Seite stehen Sie?

Ich stehe natürlich auf Seite der EU-Kommission. Mir kann doch niemand erklären, warum der Zugang zum Pflegeberuf in Deutschland ein niedrigerer sein soll als in allen anderen EU-Staaten.


Aber müsste man in Deutschland nicht die Zeit an der Berufsschule bzw. in der Pflege an der jeweiligen Fachschule anerkennen?

Soweit ging die Debatte doch überhaupt nicht. Wir haben nicht diskutiert, welche Schuljahre anerkennenswert sind. Stattdessen hat sich sofort ein breites Bündnis gebildet unter dem Motto: Kein Abitur für die Pflege. Das ist natürlich Unsinn. Zwölf Jahre Schule ist nicht gleichbedeutend mit dem Abitur. Herr Bahr scheint das überhaupt nicht verstanden zu haben.


Wie viel Qualifikation braucht Pflege denn?

Wenn die Pflege gut sein soll, müssen die Pflegekräfte hohe Anforderungen erfüllen. Wenn Politiker meinen, pflegen kann jeder, dazu reicht ein gutes Herz, wie mancher naiv argumentiert, dann irren sie. Das ist Dummheit.


Die Politik wünscht aber doch, dass Menschen zunehmend von ihren Angehörigen zu Hause gepflegt werden. Ist die Pflege zu Hause wegen mangelnder Qualifikation schlecht?

Ich halte diese Diskussion für irreführend. Die ambulanten Pflegedienste sind schon heute hoffnungslos überlastet. Eine größere Zahl zusätzlicher Patienten kann dort aufgrund des Personalmangels nicht versorgt werden. Nun will die Regierung, dass die Angehörigen in die Bresche springen. Aber die Angehörigen sind doch auch oft am Limit, haben häufig kleinere Kinder zu versorgen und oft müssen beide Partner aus finanziellen Gründen einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Wie soll denn da noch Zeit für Pflege bleiben? Wir müssen unterscheiden zwischen professionellen Pflegeleistungen und Betreuungsleistungen.
 

Was heißt das konkret?

Bei der Pflege geht es sich nicht darum, einem alten Menschen etwas vorzulesen oder mit ihm spazieren zu gehen. Es handelt sich um die Behandlung schwerkranker pflegebedürftiger Menschen. Das kann zu Hause geleistet werden, aber nur dann, wenn den Angehörigen kompetente Fachkräfte an die Seite gestellt werden.


Was erwarten Sie von der Einführung von Pflegekammern?

Da ist einer der Schlüssel, um die Ressourcen, die innerhalb der Berufsgruppen vorhanden sind, zu heben. In der Pflege haben wir eine enorme Kompetenz, deshalb gilt es, die Selbstverwaltung in Form von Kammern zu stärken.


Was konkret kann eine Pflegekammer besser als der Deutsche Pflegerat?

Das kann man nicht vergleichen. Die Selbstverwaltung hat einen staatlichen Auftrag. Der Deutsche Pflegerat ist dagegen ein Verein, den die Pflegenden auf freiwilliger Basis tragen. Wir haben mittlerweile zwar ein spürbares politisches Gewicht, aber dieses Gewicht unterliegt auch der Willkür der Regierenden. Es gibt keine verbindlichen Strukturen zwischen dem Gesetzgeber und den Pflegenden.


Das klingt alles noch ziemlich abstrakt.

Die Selbstverwaltung vertritt die Pflegenden, nicht die Arbeitgeber. Zum Beispiel könnte eine Pflegekammer eigenständig über die Berufsordnung entscheiden. Sie hätte ein gewichtiges Wort bei Prüfungen und in der Weiterbildung. Sie könnte die Zahl der Pflegenden und ihre jeweilige Qualifikation erfassen und daraus Schlüsse ziehen, wo Bedarf an welchen Fachkräften besteht. Grob gerechnet haben wir heute 1,2 Millionen Pflegekräfte in Deutschland. Wenn wir eigene Kammern hätten, wäre das die größte Selbstverwaltung in Deutschland, mit entsprechendem Gewicht.


Blicken wir nochmal auf die nächsten vier Jahre. Was hoffen, was erwarten Sie in der Pflegepolitik?

Aufgrund der schlechten Erfahrungen in den vergangenen Jahren sind wir natürlich sehr vorsichtig mit Erwartungen. Aber unabhängig von der Frage, wer diese Regierung stellen wird, gilt: Wir werden keine Ruhe geben, wir werden laut und deutlich klarmachen, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann.


Das Gespräch führte Stephan Balling.

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