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Anziehende Kliniken

Im Wettbewerb um Fachkräfte suchen US-Kliniken den Erfolg durch die  Zertifizierung als „Magnetkrankenhaus".  Eine Lektion aus dem Pflegemangel.

 

Das Magnet-Anerkennungsprogramm (Magnet Recognition Program®) wurde vom American Nurses Credentialing Center (ANCC) – einer Tochtergesellschaft der American Nur‧ses Association (ANA) – entwickelt, um Krankenhäuser zu identifizieren, die Exzellenz in der Pflege aufweisen. Ziele des Programms sind die Qualitätsförderung in einer Einrichtung, die die professionelle Pflegepraxis unterstützt, die Identifizierung von Exzellenz in der pflegerischen Versorgungsleistung und die Verbreitung von Best-Practice-Beispielen in der Pflege.

Im Unterschied zu bei uns eingeführten Zertifizierungsverfahren setzt Magnet auf die Identifikation von Exzellenz, möchte also die Besten der Besten identifizieren. Magnetstatus wird in den USA auch als Kriterium bei der jährlichen Listung von „America's Best Hospitals" verwendet. 2013 hatten 15 der 18 Medizinischen Zentren auf der exklusiven US News Best Hospitals in America Honors Roll den Magnetstatus. Aktuell sind etwa 400 Krankenhäuser mit dem Magnetstatus ausgezeichnet. Das sind etwa 6,5 Prozent der US-amerikanischen Krankenhäuser. Sechs davon sind Krankenhäuser außerhalb der USA.

Die drei Kernelemente von Magnet sind: Führung (Leadership), Mitsprache der Pflegefachpersonen auf allen Ebenen (Shared Governance) und Orientierung an pflegesensitiven Ergebnissen (Outcomes). Mit der Darstellung von Outcomes wird auch eine Aussage über die Gesamtqualität des Krankenhauses möglich. Das Magnet-Anerkennungsprogramm basiert auf Qualitätsindikatoren und -standards pflegerischer Praxis. Der Anerkennungsprozess überprüft qualitative Aspekte der Pflege, die sogenannten Kräfte des Magnetismus (im Original: Forces of Magnetism), die 1983 durch eine Studie identifiziert worden sind. In ihrer Gesamtheit beschreiben diese Kräfte des Magnetismus (Tabelle 1) ein Umfeld pflegerischer Berufsausübung, das durch starke pflegerische Führungspersönlichkeiten getragen wird (Leadership), die für die Entwicklung und Exzellenz in der Pflegepraxis Sorge tragen.

Stolz und Begeisterung

Dem Magnetansatz ist implizit zu eigen, dass gute Pflege zu guten Patienten-Outcomes führt. Es wird auf der Grundlage pflegespezifischer Informationen und Indikatoren eine Aussage über die Gesamtqualität der Versorgung einer Einrichtung getroffen. Besonders auffällig sind die Effekte der Mitwirkung der Pflegenden auf allen Entscheidungsebenen, die sich in Stolz auf den Beruf, Begeisterung für das eigene Krankenhaus und hoher Identifikation mit diesem ausdrücken. Aber auch die Perspektive über die Mauern der Einrichtung hinaus ist beeindruckend. Das Konzept wird ständig weiterentwickelt und die Anforderungen zum Beispiel an die Qualifikation der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen angehoben. Seit 2013 gilt die Anforderung, dass eine Strategie vorliegen muss, bis 2020 bei 80 Prozent aller Pflegefachpersonen in der direkten Klientenversorgung („Bedside nurses") einen akademischen Grad in Pflege zu erreichen.

Pflegende mit Hochschulabschluss

2008 wurden die 14 Kräfte des Magnetismus fünf Schlüsselkomponenten (Transformative Führung; Strukturelles Empowerment; Exemplarische professionelle Praxis; Neues Wissen, Innovation und Verbesserung; Empirische Outcomes) zugeordnet. Im vergangenen Jahr wurde erneut das Handbuch überarbeitet und der Fokus noch stärker auf Ergebnisse gerichtet. Einige dieser Outcomes müssen besser als der nationale Benchmark sein, oder sie müssen die Erreichung selbst gesetzter Ziele belegen.

Zur Anerkennung als Magnetkrankenhaus führt auch in den USA ein langer Weg. Die Kollegen und Kolleginnen in den USA sprechen von der „Magnet-Reise", auf die sich ein Krankenhaus begibt. Ein Krankenhaus, das sich für Magnet interessiert, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen, etwa bezüglich der Qualifikationen der Pflegedirektoren und der Pflegedienstleitungen, die vom ANCC definiert werden. Alle Pflegefachpersonen mit einer Führungsrolle müssen einen pflegebezogenen Hochschulabschluss nachweisen. Der Aufwand an Ressourcen für die Magnet-Reise ist nicht gering. Allerdings hat ANCC überzeugend vorgerechnet, dass die Investition in die Magnetreise sich über bessere Qualität rasch amortisiert. Und das gilt nicht nur im US-amerikanischen System, das Qualität über die Vergütung der Leistung honoriert.

Sind diese Anforderungen erfüllt, hat das Krankenhaus nach der offiziellen Zulassung zum Verfahren einen vorgegebenen Zeitrahmen, in dem es eine umfassende schriftliche Darstellung liefern muss. Für die Bewertung werden umfängliche Daten zur Struktur, wie die Qualifikation der Pflegenden auf den unterschiedlichen Hierarchieebenen, Fluktuation und die Quote unbesetzter Stellen, erhoben (Tabelle 2).

Ergebnisqualitätsindikatoren wie Dekubitus- und Sturzrate, Rate der im Krankenhaus erworbenen Harnwegsinfektionen, Infektionen der Blutgefäße, durch Beatmung erworbene Pneumonien im Vergleich zum nationalen Benchmark werden ebenfalls genutzt. Die Ausführungen sind mit Bestätigungen von Externen (Benchmark) und Beispielen aus der pflegerischen Praxis der Klinik zu belegen. Als nächster Schritt findet ein mehrtägiger Besuch vor Ort durch drei speziell geschulte „Appraiser" statt. Im Review wird vor allem darauf geachtet, ob die Magnetanforderungen in der Kultur der Institution verankert sind. Auf der Grundlage des Berichtes der Appraiser trifft die Magnet Commission ihre Entscheidung.

Seit einigen Jahren steigt das Interesse am „Magnet RecognitionProgram®" auch außerhalb der USA. Da Gesundheitssysteme weltweit sehr unterschiedlich sind, ist es nicht immer leicht, den auf amerikanische Krankenhäuser zugeschnittenen Anforderungen zu entsprechen. Von den Besten lernen ist, bei allen Einschränkungen und aller Vorsicht, die bei internationalen Vergleichen erforderlich ist, ein Impuls, der aufgegriffen werden sollte.

Auch in Deutschland gibt es wachsendes Interesse. Wobei auf der Grundlage unserer Strukturen und der im vergangenen Jahrzehnt geschwächten Rolle der Pflege in den Krankenhäusern die „MagnetReise" besonders lang sein dürfte. Interessant und lohnenswert bleibt es trotzdem. Denn die drei Grundpfeiler Leadership, Shared Governance und Outcomes würden auch unabhängig von einer Anerkennung als Magnetkrankenhaus dazu beitragen, der professionellen Pflege in deutschen Krankenhäusern wieder etwas von ihrem fachlichen Standing zurückzugeben und für die Träger die bestehenden Defizite sichtbar werden zu lassen, um diese zu beheben. Es wäre vermutlich auch eine höhere Motivation und Personalbindung zu erreichen, die gerade angesichts des aktuellen Fachpersonenmangels relevant ist. Um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, bedürfte es allerdings eines Paradigmenwandels in den Köpfen der Entscheidungsträger.

Umfangreiche Informationen unter: www.nursecredentialing.org/Magnet

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