• Management
Das Projekt LeA

Damit der Job wieder Spaß macht


Seit Januar 2013 nehmen Berliner Unternehmen aus der Pflege an einem Projekt teil, das sich insbesondere um Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Belastungen in der Arbeit und generell um die Work-Life-Balance dreht. Hintergründe, Ziele und Ergebnisse stellen wir hier vor.

 


Nur wer ausgeglichen ist, kann dauerhaft gute Arbeit leisten und sich gut fühlen. Klingt simpel und einleuchtend. Dazu gehören jedoch viele Aspekte, die es dann doch komplizierter gestalten: Einerseits die Bereicherungen und Belastungen, die aus der Arbeit resultieren, andererseits jene, die aus dem privaten Bereich kommen. Es gibt einen realen Druck – und einen gefühlten. Manches prallt ab, anderes verfolgt bis in den Schlaf. Alter spielt eine Rolle, die individuelle Belastungsgrenze, soziale Kompetenzen, die familiäre und finanzielle Konstellation und vieles mehr. Auch das Team ist essentiell. Hier spielen die Unternehmenskultur, die Zusammensetzung der Teams, das Verhältnis zu den Vorgesetzten, die Möglichkeiten offener Kommunikation, zudem Wertschätzung und Anerkennung eine Rolle. Dazu kommen generationsspezifische Merkmale: Jüngere Beschäftigte fordern heute andere Arbeits- und Lebensbedingungen für sich, Freizeit hat einen anderen Wert, sie möchten nicht „verschlissen" werden, suchen nach Möglichkeiten (und wählen auch Arbeitgeber immer stärker danach aus), Familie, Hobbies und Beruf zu vereinbaren. Ältere Beschäftigte haben wiederum andere Bedürfnisse und Prioritäten. Und sie, die „Best Ager" (also 50+), werden immer wichtiger, da sie – Tendenz steigend durch den demografischen Wandel – die größere Anzahl der Beschäftigten stellen, über viel Erfahrung und Wissen verfügen, wertvolle Arbeitskräfte sind, aber oftmals andere Arbeitsbedingungen benötigen als beispielsweise eine 20-Jährige, die am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn steht. Auch ältere Quereinsteiger stellen zunehmend eine wichtige Zielgruppe dar. Dies alles und auch das Verständnis füreinander in allen Lebensphasen sind von zentraler Bedeutung.

Überlastungen frühzeitig erkennen und vermeiden
In diesem Bereich liegen viele Herausforderungen, aber auch Chancen – für den Arbeitgeber wie für den Arbeitnehmer. Es geht nur gemeinsam und nur, wenn sich alle engagieren und auch Verständnis füreinander entwickeln. Es gibt stets eine betriebliche Ebene und eine persönliche Ebene. Beide sind wichtig. Neben der Verantwortung, die ein Betrieb für seine Beschäftigten hat, gibt es immer auch die eigene Verantwortung. In der Pflege gibt es natürlich noch einmal ganz andere Belastungen und Herausforderungen als zum Beispiel in einem Großraumbüro. Es herrscht Zeitdruck, man arbeitet in Schicht, 365 Tage im Jahr ist Dienst, es wird eng mit und für Menschen gearbeitet. Pflege ist eine Arbeit, die viel gibt – aber auch viel verlangt. Der Großteil der Beschäftigten in der Pflege sind Frauen, die „nebenbei" unter anderem noch Kinder bekommen, eventuell Angehörige versorgen (pflegen!). Da kommt es schnell zu Mehrfachbelastungen und dann auch zu Überlastungen. Diese gilt es frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden.

Hier setzt das Projekt LeA an – die „Lebensphasenorientierte Arbeitsgestaltung für weibliche Beschäftigte in der Pflege". Es richtet sich, wie der Titel schon sagt, speziell an weibliche Beschäftigte. Dies liegt am Hintergrund des Projektes: Das Projekt wird gefördert im Rahmen der Bundesinitiative „Gleichstellung von Frauen in der Wirtschaft". Ziel der Initiative ist, durch spezifische Maßnahmen die Beschäftigungssituation von Frauen in der Wirtschaft zu ver-bessern. Entwickelt wurde das Programm vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gemeinsam mit der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) (1).

Drei Phasen prägen das Projekt LeA:

1) Analyse (schriftliche Befragung)
2) Qualifizierungen, Workshops, Erfahrungsaustausch
3) Evaluation, Nachbereitungsphase.

Über zwei Jahre werden weibliche Beschäftigte sowie ihre (weiblichen und männlichen) Vorgesetzten begleitet, qualifiziert und sensibilisiert – unter anderem zu Themen wie gewaltfreie und wertschätzende Kommunikation, erfolgreiche Teambesprechungen, gesunde Ernährung, Umgang mit Konflikten, Selbst- und Zeitmanagement, bewusste Bewegungsabläufe, Arbeit im (heterogenen) Team, gesund bleiben. Ein besonderer Blick liegt auf älteren Beschäftigten, von denen viele die Angebote wahrnehmen, sowie auf Alleinerziehenden. Die Termine finden betriebsübergreifend und außerhalb der Arbeitsstätte statt. Positiv daran ist, dass ein intensiver Austausch zwischen allen Beteiligten stattfindet. Das ist spannend und vermittelt Impulse: Zu schauen, wie es bei anderen zugeht, was dort an Angeboten für Beschäftigte umgesetzt wird, was man voneinander lernen kann – und auch, um manchmal zu realisieren, dass im eigenen Betrieb nicht „alles" so schlecht läuft.

16 engagierte Unternehmen nehmen am Projekt teil. Dass ihnen das Wohl ihrer Beschäftigten und natürlich auch der Bewohner der Einrichtungen wichtig ist, ist oft zu spüren und drückt sich auch in vielen kleinen Projekten und Maßnahmen aus, die in den einzelnen Häusern bereits gestartet wurden oder in Planung sind.

Gemeinsam neue Wege gehen
Im Projekt werden keine großen Berge versetzt, das ist auch nicht das Ziel, aber eben doch hier und da kleine Steinchen, die etwas in Bewegung bringen und neu formen. Ziel ist, dass Beschäftigte sich mit sich selbst und ihrer Situation (privat und beruflich) beschäftigen, für sich etwas tun, und Arbeitgeber ihre Angebote für die Beschäftigten im Sinn der Gleichstellung und lebensphasenorientierten Work-Life-Balance prüfen und gegebenenfalls optimieren. Vor allem sollen aber gemeinsam neue Wege gegangen werden. Da kann es um die Arbeitszeit, die Neugestaltung von Bonuszahlungen, um Sportangebote, gemeinsame Festivitäten, Teamentwicklung, erweiterte Kinderbetreuung, Entlastung im Privathaushalt und vieles andere gehen. Jedes Unternehmen ist anders, so wie auch Menschen unterschiedlich sind.

Allen Unternehmen wurden umfangreiche Materialien ausgehändigt, die sie unterstützen. So zum Beispiel ein „Vereinbarkeitsordner", mit vielen nützlichen Tipps und Adressen rund um die Pflege Angehöriger, Kinderbetreuung (Notfallbetreuung), aber auch Ämter, Sucht- und Schuldenberatungsstellen, Anlaufstellen bei Krisen. Gesplittet nach den Berliner Bezirken steht dieser Ordner nun jeweils an zentraler Stelle und kann jederzeit von den Beschäftigten genutzt werden.

Das Projekt nähert sich aktuell der Zielgeraden. Was ist das Fazit, wo lagen Stolpersteine? Als Erfolg sind alle genannten kleinen und großen Maßnahmen sowie Veränderungsprozesse in den beteiligten Häusern (und Köpfen) zu sehen, die hoffentlich auch nachhaltig umgesetzt werden. Die Inhalte der Qualifizierungen, die Durchführung der Termine, wurden stets sehr positiv bewertet, der Bedarf – speziell an Kommunikationsthemen – ist definitiv vorhanden. Viele der beteiligten Unternehmen würden gerne weiter an derartigen Projekten teilnehmen, auch der betriebsübergreifende und offene Austausch wurde als sehr wertvoll empfunden.

Dialog zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer fördern
Kritisch zu sehen und bei Projekten in der Pflege zu berücksichtigen: Verbindlichkeit. Da die Präsenz vor Ort oberste Priorität hat, die Fehlzeiten generell hoch sind und allgemein viele Fortbildungen stattfinden (als jährliche Pflichttermine), schwanken die Teilnehmerzahlen oft immens. Dies erschwert die Projektdurchführung und Kalkulation. Die Vertretungsproblematik in der Pflege ist nicht zu unterschätzen. Zudem führt die dünne Personaldecke zu Motivationsverlusten und gegebenenfalls zu weiteren Ausfällen. Da ist ein solches Projekt zweitrangig, wenn vor Ort an etlichen Stellen Ausnahmezustand herrscht. Vielfach wurde von Führungskräften bestätigt, dass sie gerne mehr Beschäftigte freistellen würden, aber es ginge einfach nicht. Es war immer wieder zu beobachten, wie die Führungskräfte kämpften, um ausgeglichenere, zufriedenere Beschäftigte zu haben, aber schlichtweg an den Rahmenbedingungen, allem voran dem Personalschlüssel, scheiterten. Das sorgt dann letztlich bei allen Beteiligten für große Frustration. Die Befragung zu Beginn des Projekts sowie Fragestellungen im Verlauf zeigten eines deutlich: Wer in der Pflege arbeitet, mag den Beruf, ist leidenschaftlich dabei, leidet aber unter den Bedingungen – und vielfach würden Pflegende den Beruf auch nicht wieder ergreifen. Speziell Eltern gaben dies an.
 

Projekte wie LeA haben ihre Berechtigung und können etwas bewegen. Insofern sollte es weiter derartige Angebote geben, da sie den Arbeitsalltag (und das Privatleben) bereichern sowie innerbetriebliche Prozesse initialisieren können. Wichtig ist stets, die Teilhabe möglichst Vieler zu erreichen und den Dialog zwischen Beschäftigten und Führungskräften zu fördern. In der Pflege muss sich aber sicherlich sehr viel mehr ändern, damit die Beschäftigten ausgeglichen und zufrieden sind sowie dauerhaft und gesund ihre Arbeit ausüben können.

Weitere Informationen zum Projekt LeA und den Ansprechpartnern unter www.lea-pflege.de. In Kürze wird eine Ergebnisbroschüre zum Download bereit stehen.

Projektleitung ist die Unique Gesellschaft für Arbeitsgestaltung, Personal- und Organisationsentwicklung mbH, Kooperationspartner sind die Plan B GmbH (verantwortlich für die Qualifizierungen) und die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (strategischer Kooperationspartner). Mehr zur Bundesinitiative Gleichstellen unter www.bundesinitiative-gleichstellen.de.


(1) Das Programm wird finanziert aus Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) sowie des Europäischen Sozialfonds (ESF). Zwischen 2009 und 2013 wurden im Rahmen der Bundesinitiative Gleichstellen mehr als 100 Projekte positiv votiert, die zum Ziel haben, mehr als 10.000 Frauen deutschlandweit zu fördern. Dabei sollen über 5.000 Unter-nehmen involviert werden. Weitere Informationen unter www.bundesinitiative-gleichstellen.de.

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